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Jérémie Renier steht in Uniform am Strand und schaut besorgt nach oben - Albatros

Albatros

Der Franzose Xavier Beauvois startet mit Albatros das erste Mal im Wettbewerb der Berlinale. Ob wir dem Drama dabei Chancen einräumen, erfahrt ihr im Folgenden!

TitelAlbatros
Jahr2021
LandFrankreich
RegieXavier Beauvois
DrehbuchXavier Beauvois, Marie-Julie Maille, Frédérique Moreau
GenreDrama
DarstellerJérémie Renier, Marie-Julie Maille, Victor Belmondo, Iris Bry, Geoffrey Sery, Olivier Pequery
Länge115 Minuten
FSK
Verleih
Jérémie Renier steht in Uniform am Strand und schaut besorgt nach oben - Albatros
Ein Polizist in der Krise © Guy Ferrandis

Albatros – Handlung

In Étretat, einem kleinen Ort an der Küste der Normandie, leitet Laurent eine Einheit der Gendarmerie. Er wird akzeptiert und sieht seine Aufgabe, die ihm, selbst hier, weit abseits des hektischen Alltags der modernen Zeit, einiges abverlangt, mehr als Berufung. Er hat sich nun auch endlich dazu durchgerungen, seiner Lebensgefährtin Marie einen Heiratsantrag zu machen. Sie leben schon seit Jahren zusammen und haben eine gemeinsame Tochter. Doch dann passiert ein Unglück. Der Bauer Julien sieht sich und seinen Hof durch die EU-Verordnungen an den Abgrund gedrängt und taucht unter, nachdem er einen Agrar-Inspektor angefahren hat. Einige Tage später kann Laurent ihn mit einem Kollegen auf seinem Hof stellen. Es kommt zu einer Tragödie…

Dokumentarisch eingefangene Abgründe in der Abgeschiedenheit der Provinz

Xavier Beauvois und sein Kameramann Julien Hirsch fangen in Albatros den Alltag von Laurent sehr authentisch ein. Sie bleiben mit der Handkamera immer nah am Protagonisten dran, zeichnen so ein präzises Bild von ihm und den Personen, die ihn umgeben. Gerade im ersten Drittel erschaffen sie ein interessantes Porträt, einer fast in sich geschlossenen kleinen Welt. Hier muss sich der Polizist um die kleinen und großen Probleme seiner Mitmenschen kümmern. Das meiste ist alltägliche Routine. Bei einer schlichten Kontrolle von Verkehrsteilnehmern schnauzt er auch schon mal einen Jugendlichen an, der ohne Helm unterwegs ist. Man überwacht die kontrollierte Sprengung von Minen aus dem zweiten Weltkrieg am Strand. Es offenbaren sich aber auch Abgründe wie ein Fall von Kindesmisshandlung, der den beteiligten Beamten sichtlich an die Nieren geht.

Mit dem Bauern Julien erfahren wir von einer diffusen Bedrohung von außen, durch die Verordnungen der EU. Diese kosteten scheinbar schon viele Landwirte aus der Gegend die Existenz. Die Verzweiflung von Julien und sein Umgang mit den Ordnungshütern sorgt zuerst noch dafür, dass erstmals richtiggehend Spannung aufgebaut wird. Beauvois bereitete hierfür auch recht geschickt mit den immer wieder aufblitzenden Störfeuern in der Alltagsroutine des Polizisten den Boden. Denn die Auseinandersetzung mit Julien, dessen Wut und Frust sich Bahn bricht, treibt auch ihn an den Rand seiner Belastungsgrenze. Es fällt ihm sichtlich immer schwerer, als neutrale Autorität der Staatsgewalt aufzutreten. Als sich die Lage dann zuspitzt und der Landwirt mit Suizid droht, entgleitet es ihm. Beim Versuch, ihm mit einem gezielten Schuss an der Selbsttötung zu hindern, trifft er eine Arterie im Bein und Julien verblutet.

Nach der Tragödie taucht der Film ab

Nach diesem drastischen Höhepunkt fällt das dramatische Konstrukt in sich zusammen. Die Reaktionen von Laurent, der aufgrund des Vorfalls nervlich am Ende ist, sind zwar gut nachvollziehbar. Dennoch weiß Beauvois dies nicht in seiner Dramaturgie zu kanalisieren. Der Landwirtschaftsverband macht ihn als angeblichen verlängerten Arm der EU für den Tod von Julien verantwortlich. Das Autorengespann wirft dies einfach nur ein, als weitere Bürde auf Laurents geschundenen Rücken. Von hier an spart es sich das Drehbuch auch beinahe vollkommen aus, irgendetwas auszuformulieren. Wurde vorher der Alltag und daran das Innenleben des Protagonisten präzise geschildert, besteht das letzte Drittel des Films nur noch aus bedeutungsschwangeren Andeutungen. Selbst Frau und Tochter scheinen seltsam unaufgeregt und unberührt, letztlich gerät die letzte halbe Stunde des Films dann zu einem unkommentierten Selbstfindungstrip.

Unerklärlicherweise macht sich Beauvois überhaupt nicht die Mühe, die Tragödie in irgendeiner Weise nachvollziehbar aufzuarbeiten. Natürlich stellt Laurent sein Leben und Wirken danach in Frage, doch der Regisseur lässt uns nicht daran teilhaben. Man verliert die Verbindung zu den Figuren, denn um Laurent herum scheinen allesamt teilnahmslos zu erstarren. Vielleicht ist hierbei das Sinnbild des Albatros durchaus passend, der tagelang aufs Meer hinaus fliegt. Es ist in der Weise nur mehr ein Muster ohne Wert. Es gibt nur mehr kleine Auszüge zu sehen, die Beauvoir zu Szenen der zurückgebliebenen Familie montiert. Das ist schade, denn der dokumentarische Charakter vermittelt Nähe, die kleinen Alltagsepisoden halten die Aufmerksamkeit hoch. Auch Hauptdarsteller Jérémie Renier liefert eine gute Performance ab, die den Film in der ersten Hälfte mit trägt. Doch schon da fällt auf, dass die Figuren neben ihm, seine Frau und Tochter, nur eine untergeordnete Rolle spielen und nur schemenhaft gezeichnet sind.

Unser Fazit zu Albatros

Die langsame Erzählung baut in der ersten Hälfte des Films durchaus Interesse an der Hauptfigur und seiner Tätigkeit auf. Nachdem sich Albatros aber zu seinem dramatischen Höhepunkt zuspitzt, fällt er, gleich seinem Protagonisten, in ein tiefes Loch. Er verliert sich in Andeutungen und baut so eine Mauer zwischen dem Zuschauer und dem Geschehen. Das erweist sich dann als sehr frustrierend. Ich möchte nicht ausschließen, dass dieses Gefühl von Regisseur Xavier Beauvois sogar bewusst impliziert wird. Wenn am Ende dann aber keinerlei dramaturgische oder emotional nachvollziehbare Auflösung steht, der Erkenntnisgewinn gegen Null tendiert, kann man jedwede Intention aber leider nur als gescheitert bezeichnen.

Albatros startet im Wettbewerb der Berlinale 2021 um den Goldenen Bären!

Unsere Wertung:

 

 

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