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Polizeihelikopter landet in der Innenstadt in Anrufer unbekannt

Anrufer unbekannt (2015)

Wenn du morgens nichtsahnend in dein Auto steigst und plötzlich auf einer Bombe sitzt…In Anrufer unbekannt schickt Regie-Newcomer Dani de la Torre den Familienvater Carlos durch die Hölle!

Titel Anrufer unbekannt
Jahr 2015
Produktionsland Spanien
Regie Dani de la Torre
Drehbuch Alberto Marini
Genre Thriller, Drama
Darsteller Luis Tosar, Javier Gutiérrez, Goya Toledo
Länge 100 Minuten
FSK Ab 16 Jahren freigegeben
Verleih (Video On Demand via Amazon & Netflix)

Plot

Familienvater Carlos ahnt nichts Böses, als er eines morgens mit Tochter und Sohn in sein Auto steigt. Eigentlich möchte er seine beiden Kinder nur zur Schule fahren. Doch dann klingelt ein fremdes Handy in seinem Wagen. Der unbekannte Anrufer teilt Carlos mit, dass er eine Bombe im Auto deponiert hat. Der einzige Weg zur Rettung ist eine hohe Summe, die Carlos bezahlen soll. Denn als Leiter einer Bank hat er durchaus Zugriff auf eine große Menge Geld.

Kritik

Anrufer unbekannt hat alle Zutaten, die ein spannungsgeladener Thriller benötigt. Eine übermächtige Bedrohung, die Bombe im Wagen, und einen unnachgiebigen Erpresser, der den Protagonisten am Telefon manipuliert. Schnell fühlt man sich an die rastlose Busfahrt in Speed erinnert, aber auch Nicht auflegen mit Colin Ferrell als Gefangener einer Telefonzelle kommt einem in dem Sinn. Darüber hinaus sorgt vor allem das Telefongespräch als zentrales Plotelement für weitere Assoziationen mit Entführungs-Thrillern wie Final Call oder The Call (2013), in denen allerdings die „heiße Strippe“ nicht zwischen Erpresser und Hauptfigur, sondern zwischen Hauptfigur und Kidnapping-Opfer bestand.

Dementsprechend rasant gestaltet sich auch dieser spanische Ableger zu Beginn. In hektischen Schnitten lässt uns Regisseur Dani de la Torre zwischen Vordersitz und Rückbank wechseln und dabei in die Gesichter der verwirrten Kinder und des geschockten Carlos blicken. Als die Kamera zunehmend in Halbkreisen um die Front des Wagens rotiert, wird auch dem Zuschauer eindrücklich klar: Das Auto ist für seine Insassen ein unentrinnbares Gefängnis. Das durch die Inszenierung vermittelte Tempo kollidiert jedoch nach knackigem Einstieg mit der etwas schwerfälligen Entwicklung der Geschichte. Lange Zeit ist das Telefonat zwischen Carlos und seinem Erpresser geprägt von „<Tu das!> <Aber das kann ich nicht!>“-Dialogen, die die gewünschte Spannung des Films wieder verdunsten lassen.

Wer sich im Thriller-Genre gut auskennt, weiß recht bald, wohin der Hase läuft. Zudem transportiert Anrufer unbekannt eine leicht durchschaubare Kapitalismuskritik, wie sie seit dem Bankencrash 2007 aktueller nicht sein könnte. Die Kreditinstitute verlieren sich in ihrer Gier und wickeln immer undurchsichtigere Spekulationsgeschäfte ab. Am Ende schaden sie damit dem kleinen Mann – und genau dieser erhält im vorliegenden Film eine Stimme und ein Gesicht.

Auf jeden Fall spielt Luis Tosar die Tour de Force seines Protagonisten mit großer Hingabe und vollem Körpereinsatz. Wenn sich Tränen und Speichel zu einer klebrigen Masse der Verzweiflung mischen, dann wächst dem Zuschauer auch dieser Carlos ans Herz. Und das wohlgemerkt obwohl dieser sich anfangs als fragwürdiger Ehemann und später sogar als richtiger Antiheld entpuppt. Zugleich sind seine Kinder in dieser Szenerie nur jammerndes und winselndes Beiwerk. Statt sich voll und ganz auf die diffuse Bedrohung durch das mysteriöse Telefongespräch zu verlassen, möchte Anrufer unbekannt auch ein tiefer gehendes emotionales Familiendrama sein. Carlos Taten haben nicht nur Folgen für ihn, sondern auch für seine Familie. Das Geschehen im Auto ist daher eigentlich eine zermürbende Dreiecks- und spätere Vierecksbeziehung, in der Carlos mit dem Erpresser, seinen Kindern und noch mit der Polizei verhandeln muss.

Wer sich bis hierhin bereits bestens eingerichtet hatte, wird im weiteren Verlauf mit einer schlagartigen Entschleunigung des Geschehens überrascht. Auch hier findet Regisseur de la Torre noch einmal eine passende Darstellungsweise für das Geschehen. Mit einer fantastisch organisierten Plansequenz leitet er den Umbruch des Plots und die damit neu auftretenden Figuren ein. Zwar bleibt die Bedrohung bis zum Schluss präsent, aber jetzt überwiegt das Charakterdrama, wenn auch der unbekannte Anrufer endlich ein Gesicht erhält. Der reine Thrill weicht zugunsten der eigentlichen Substanz der Geschichte, die nun endlich vielmehr Feingefühl für die einzelnen Figuren beweist.

Unser Fazit zu Anrufer unbekannt

Anrufer unbekannt wurde nicht umsonst für 8 Goyas nominiert. Besonders die Kategorien „Beste Nachwuchsregie“ und „Beste Hauptrolle“ leuchten unmittelbar ein. Mit seinem ersten Film ist Dani de la Torre alles in allem ein überdurchschnittlicher Thriller gelungen, der versucht, mehr zu sein als nur kurzweilige genretypische Unterhaltung. Vorzuwerfen ist dem Film eigentlich nur, dass er erst recht spät seinen eigenen Erzählweg beschreitet und sich zu lange mit bekannten Versatzstücken aufhält.

Bei uns ist der Film bisher nur als Video on Demand (VOD) über die einschlägigen Streamingportale verfügbar.

Unsere Wertung:

Simon Eultgen

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