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Antichrist

Melancholisch poetischer Bilderrausch, der kontroversesten Art. Antichrist ist ein außergewöhnliches Kunstwerk, was sich wohl am besten mit dem Wort „Mindfuck“ beschreiben lässt.

TitelAntichrist
Jahr2009
ProduktionslandDänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden
RegieLars von Trier
DrehbuchLars von Trier
GenreHorror-Drama
DarstellerWillem DafoeCharlotte Gainsbourg
Länge104 Minuten
FSKAb 18 Jahren freigegeben
VerleihAsctot-Elite

Story:

Ein namenloses Paar (Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg), gibt sich untermalt von klassischer Symphonie ihrer Leidenschaft hin. Während des Geschlechtsakts, stürzt ihr gemeinsamer Sohn Nic, der das Paar kurz zuvor dabei beobachtete, aus dem Fenster und stirbt. Der Verlust des Sohnes, reißt die Mutter in zunehmende Selbstvorwürfe und Depressionen, die schließlich in einem Nervenzusammenbruch enden.

Ihr Mann, selbst ein Psychologe, versucht seine Gattin im Rahmen einer Konfrontationstherapie zu behandeln. Zu diesem Zweck, zieht sich das Paar in die Einsamkeit der Waldhütte „Eden“ zurück. Es ist jener Ort, wo Sie zuvor den Sommer mit ihrem Sohn verbrachte, um sich ihrer Dissertation über Hexenverfolgung zu widmen. Dem Ehegatten ist zwar bewusst, das seine Rolle als behandelnder Psychologe zu persönlich ist, dennoch beginnt er mit der Therapie. Eine Entscheidung, die für das Paar verheerende Konsequenzen hat. Die idyllische Zweisamkeit, mündet unkontrollierbar in unvorstellbare menschliche Abgründe, die sich in der Stille der Natur wohl nur als „Satans Kirche“ bezeichnen lassen.

Hinetergrund:

Antichrist ist das umstrittene Werk des dänischen Filmemachers Lars von Trier (Melancholia). Er ist unter anderem für seinen ebenso kunstvollen, wie kontroversen Filmstil bekannt. Aufgrund der expliziten Darstellung von Sexualität und Gewalt, geriet das Werk schnell in die Schlagzeilen und bescherte Antichrist den Ruf als besonders frauenfeindlichen Skandalfilm. Da von Trier nach eigenen Aussagen seit frühester Kindheit an Depressionen und Phobien leidet, erlaubte es ihm seine seelische Verfassung nicht, die Aufnahmen ohne Zittern zu bewerkstelligen. Deshalb übernahm der britische Kameramann Anthony Dod Mantle (Der letzte König von Schottland) die Kameraführung. Dabei wurden die Aufnahmen für Antichrist größtenteils bei Eitorf im Siegtal gedreht.

Kritik:

Machen wir uns bereits im Vorfeld am besten nichts vor, Antichrist ein klares Abbild zu verschaffen, käme ungefähr dem unwiderlegbaren Beweis einer Hölle gleich. Dieser Film schafft das unmögliche, nämlich einem roten Faden zu folgen, ohne diesen jedoch für den Zuschauer klar sichtbar zu machen. Eventuell versteht und verarbeitet man das Gesehene, kann es aber schwer in eigene Worte fassen. Man bekommt das Gefühl, vor einem bizarren Kunstwerk zu stehen, was in Bildern spricht, aber keine wörtliche Deutung zulässt. Und letztlich muss man gestehen, dass es eben jener nicht eindeutige mystische Reiz ist, der einem Film wie Antichrist auszeichnet.

Die vier Wegweiser:

Lars von Tier lässt seine Zuschauer jedoch nicht gänzlich im Regen stehen. Die Dramaturgie des Geschehens wird in vier unterschiedliche Kapitel unterteilt. Dabei handelt es sich um die Abschnitte Trauer, Schmerz, Verzweiflung und Die Drei Bettler. Jedes Kapitel erfüllt dabei einen bestimmten Zweck. Während sich der Film nach dem Prolog sehr stark mit der Figur der Frau und dessen schmerzhaften Verlust auseinandersetzt, drängt sich im Folgekapitel die Natur mit ihrer feindseligen und unwirklichen Seite in den Blickpunkt. Dabei gilt es besonders auf gewisse Parallelen zu unserem Paar zu achten, die langsam aber sicher das unsagbare Grauen einläuten. So zum Beispiel die Totgeburt eines Rehs, oder ein aus dem Nest fallendes Vogelkücken, dessen toter Körper letztlich vom elterlichen Vogel verspeist wird. Das mögen zwar nur dramaturgische Puzzlestücke sein, sie sind jedoch enorm wichtig, um den künstlerischen Aspekt des Films besser zu verstehen.

Von dunkler Pose und eindrucksvollen Bildern.

Lars von Trier macht bereits in der Eröffnungssequenz deutlich, das Antichrist nicht vom Minimalismus lebt. Geradezu sinnlich poetische, in Low Motion gedrehte schwarz-weiß Aufnahmen, werden mit der Arie „Lascia ch’io pianga“, aus Rinaldo, eindrucksvoll unterlegt. Im weiteren Verlauf wird dann zwar weitgehend auf musikalische Untermalung verzichtet, die fantastische Zeitlupen-Kameraführung, bleibt aber auch im weiteren Verlauf großteils bestehen.

Man bekommt hier Aufnahmen aus allerhand ungewöhnlicher Blickwinkel zu sehen. So etwa aus einem Fuchsbau heraus, aus der Vogelperspektive, oder generell stark stilisierte Aufnahmen, bei der Darstellung des Waldes. Das ganze wirkt dabei sowohl von düster und unheimlicher Natur, als auch von bedrohlicher und surrealer. Dafür sorgt eine stark verfälschte und überwiegend auf trübe Graublau und Grüntöne reduzierte Naturumgebung, mit passender Geräuschkulisse.

Von Sex und Gewalt:

Natürlich darf man bei all den künstlerischen Symbiosen, nicht das beklemmende Psychodrama im Mittelpunkt vergessen. Hier muss man das auf lediglich zwei Charaktere reduzierte Kammerspiel geradezu in den Himmel hinauf loben. Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg geben ohne viel Worte eine erstaunliche Performance und wissen mit einer ebenso freizügigen, wie gewaltbereiten Körpersprache zu überzeugen. Auch wenn der Film weitläufig von seiner düsteren Atmosphäre lebt, so muss man klar sagen, dass das ganze in einem Finale kulminiert, für das sich kaum Worte finden lassen. Kompromissloser und gleichzeitig sexistischer, wird man so etwas wohl kaum noch einmal auf der großen Leinwand zur Gesicht bekommen. Auch wenn hier Lars von Trier für die extremsten Szenen auf professionelle Pornodarsteller zurück griff, überzeugen die beiden Hauptakteure auf ganzer Linie. Respekt!

Fazit:

Überaus kunstvoll bebilderter Alptraum in menschliche Abgründe. Antichrist erweist sich als etwas, was man so nicht erwarten würde. Von einem klar strukturierten, okkultem Horrorfilm a la „Omen“ und co, sollte man jedenfalls schon mal gleich Abschied nehmen. Von Trier’s Antichrist tickt völlig anders und der Däne verpasst dem titelgebenden Bösen ein ebenso künstlerisches, wie freizügiges, gewalttätiges und letztlich undurchsichtiges Gesicht. Das Ergebnis sitzt jedenfalls wie ein Faustschlag und dürfte noch lange zum nachdenken anregen.

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Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion: [yasr_multiset setid=0] Hier könnt Ihr den Film selbst bewerten: [yasr_visitor_multiset setid=0]

© 2018 ASCOT ELITE Filmverleih GmbH

6 Kommentare

  • Ich habe den Film nicht gesehen, muss aber gestehen, dass ich immer das Gefühl habe, Lars von Trier geht bewusst auf Provokation – nicht aus künstlerischen Gründen, sondern als Mittel zum Zweck. PR eben. Sein Hitler-Skandal in Cannes war doch reines Kalkül – und sowohl Festivalleitung als auch Presse sind ihm gehörig auf den Leim gegangen. Der hat sich doch nach seinem Rauswurf locker ins Fäustchen gelacht. Ich weiß nicht, irgendwie stört mich das. Das muss natürlich nicht zwangsläufig bedeuten, dass seine Filme deswegen schlechter wären – habe wie gesagt, Antichrist nicht gesehen – aber irgendwie hab ich ein Problem mit ihm als Person.

    • LvT übertreibt oft. Dennoch solltest du dich auf seine Werke einlassen, denn sie lohnen sich sehr. Gerade seine beiden Werke Melancholia und Antichrist, die unterschiedliche Verhaltensweisen in einer Depression thematisieren, gelingen LvT sagenhaft schöne Bilder und Momente. Generell ist er sehr unerschrocken, was auch groteske Bilder und krasse Botschaften angeht.

    • Ich denke schon, das es in von Triers Art liegt, zu provozieren. Zumal er sich ja auch zu jahrelangen Depressionen geoutet hat. Denke seine Filme spiegeln eine Art wieder, persönliche negative Erfahrungen aufzuarbeiten. Ist sicher kein einfacher Mensch.

  • Dieses Meisterwerk hat mich sprachlos, atemlos und zutiefst beeindruckt zurück gelassen. Ein sperriges Kunstwerk von verstörender Schönheit, über diesen Film kann man einfach nicht in ganz normalen und schlichten Worten schreiben oder sprechen. Tolle Rezension!