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Das grande finale präsentiert sich waffenstarrend. | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment

Assassination Nation (2018)

Sam Levinson rechnet in seiner Thrillergroteske mit der Web 2.0-Gesellschaft ab: eine Kleinstadt verfällt nach einem enormen Leak in totale Anarchie.

TitelAssassination Nation
Jahr2018
LandUSA
RegieSam Levinson
DrehbuchSam Levinson
GenreThriller, Drama
DarstellerOdessa Young, Abra, Suki Waterhouse, Hari Nef, Colman Domingo, Danny Ramirez, Joel McHale, Maude Apatow, Cody Christian, Bill Skarsgård
Länge108 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihUniversum
Das Cover der deutschen Blu-ray | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment
Das Cover der deutschen Blu-ray | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment

Sie scheinen heute allgegenwärtig zu sein: Influencer. Jeder kennt, belächelt, beneidet oder hasst sie sogar. Mit dem schonungslosen Bewerben von Produkten wird neben € (oder wahlweise $) die modernste Form an Währung eingefahren – Likes, Re-Tweets, Follower. Heute wird der Bekanntheitsgrad – neudeutsch: Fame – fast ausschließlich in Klicks bemessen. Die Privatsphäre bleibt dabei auf der Strecke oder wird gleich eimerweise aus dem Fenster geschüttet. Das ist der bereitwillig gezahlte Preis für den Ruhm: “Du weißt schon. Man muss wissen, woher der Wind weht und dafür sorgen, dass einen das Elend nicht fertig macht. Mehr ist es nicht.“, wie Dries Vanhegen gallig bei Ex Drummer feststellt.

Bonbonbunte Inszenierung

Dabei scheinen sich die gängigen sozialen Netzwerke auf einen streng festgelegten Kodex zu berufen: Sei laut. Sei schrill. Sei explosiv. Ein einfacher Satz kann da schon einmal schnell von dutzenden Schnitten durchzogen sein. Levinson nimmt sich dieser Ästhetik an und inszeniert Assassination Nation über weite Teile als unverkennbares Kind seiner popkulturellen Generation. Da wummert basslastiger Trap aus den Boxen, Splitscreen-Montagen und eingeblendete Textnachrichten schwirren über den Bildschirm. Das kann anstrengend sein, vor allem kann es aber auch aufgesetzt wirken. Und tatsächlich fühlt sich für mich als Endzwanziger dieser Fokus auf Likes, Clicks und Fame merkwürdig surreal an. Der Film schafft es durch seine Inszenierung aber, diese Schnelllebigkeit plausibel zu demonstrieren. Folgerichtig wird von einer der jungen Erwachsenen festgestellt: heute gäbe es zwei Typen von Leuten. Zum Einen die, die sich der Auflösung der Privatsphäre bewusst wären, und zum Anderen die Ewiggestrigen, die sich an die Illusion von Intimsphäre klammern würden.

Assassination Nation nutzt dieses moderne Dilemma für seine Handlung: Lilly (Odessa Young) und ihre Freundinnen (Hari Nef, Suki Waterhouse, Abra) sind wie alle anderen Einwohner des kleinen Städtchens Salem auch Instagrammer, Twitterer, Facebooker. Erst werden sämtliche private Chatverläufe, Fotos oder Browserhistorien einzelner Persönlichkeiten durch Leaks der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als dann jedoch mit einem Schlag sämtliche Bürger vor den Trümmern ihrer Existenzen auf sozialen Netzwerken stehen, dreht gesamt Salem völlig durch…

Dabei ist es einerseits interessant, in die Gedankenwelt der frühen Twens abzutauchen, andererseits kann es für den älteren – sprich der filmischen Generation entwachsenen – Zuschauer durchaus ermüdend sein, wenn im Slang über den neuesten Klatsch getratscht wird. Dennoch gelingt es Levinson, ein nachvollziehbares Bild der heutigen Jugend zu präsentieren.

Lilly macht auf Lolita... | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment
Lilly macht auf Lolita… | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment

Assassination Nation – Die entartete Fratze von Instagram & Co

Levinson lässt sich viel Zeit, die Handlung zuzuspitzen. Doch als die Blase schlussendlich platzt, tut sie dies mit einem gewaltigen Paukenschlag und Spannungsmoment. Er inszeniert diesen Moment als grandiose Plansequenz von knapp 6 Minuten Spieldauer, die mit ihrer gleitenden Kamera und dem enorm intensiven Score für atemloses Mitfiebern sorgt. Die bisher eher leidliche Spannungskurve verdichtet sich hier nach Lehrbuch-Maßstab und weckt damit Erinnerungen an die audiovisuelle Wucht bestimmter Szenen in Sicario (Stichwort Grenzüberführung). Ist diese Sequenz überstanden, wechselt Assassination Nation unvermittelt die Tonart.

Vorbei ist es mit all der überkandidelten Coolness, wenn es plötzlich gilt, die eigene körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Der waffenstarrende Showdown findet zwar im Off beziehungsweise mittels Zeitsprung statt, die vorhergehenden Auseinandersetzungen sitzen allerdings. Durch ihre Gegensätzlichkeit zur vorhergehenden Partystimmung punkten sie mit ruppigem Anarchismus und der ein oder anderen unbequemen Gewaltspitze. Dabei erinnert das Geschehen dank maskierter Gewalttäter merklich an die The Purge-Reihe. Dank geschicktem Schnitt und der kräftigen Unterstützung des Filmscores von Ian Hultquist entstehen aber mit Leichtigkeit eigenständige und erinnerungswürdige Bilder.

Kleine Spoilerwarnung zur Intensität:

Bekanntermaßen überraschen Filme am besten, wenn man im Vorfeld möglichst wenig über diese weiß. Assassination Nation ist da keine Ausnahme. So setzt beispielsweise der deutsche Trailer seinen Fokus sehr stark auf die It-Girl-Handlung klammert die später vorherrschende Brutalität ziemlich aus – was den Effekt hat, dass die finalen gewalttätigen Eruptionen einen durchaus überraschenden Faktor aufweisen. Der amerikanische Red-Band-Trailer hingegen deutet diese Marschrichtung deutlich stärker an und nimmt dem Finale so viel seines Überraschungsmomentes.

Spoilerende.

Das grande finale präsentiert sich waffenstarrend. | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment
Das grande finale präsentiert sich waffenstarrend. | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment

Hexenjagd im 21. Jahrhundert

Ironischerweise lässt Levinson die Handlung im amerikanischen Städtchen Salem stattfinden – dem Ort, in welchem Ende des 17. Jahrhunderts während der Hexenprozesse von Salem mehrere Dutzend Leute hingerichtet oder gefoltert wurden.

Sowohl mittelalterliche Hexenprozesse als auch gegenwärtige Verunglimpfung fußen auf einem gemeinsamen Nenner: der Hass schürt sich allein aus Behauptungen oder Ahnungen, selten jedoch auf Fakten. Assassination Nation präsentiert diesen Umstand und vor allem die daraus resultierenden Folgen drastisch überspitzt, doch in jedem Märchen schlummert bekanntermaßen ein Funken Wahrheit. So zeichnet Levinsons Thriller ein ziemlich negatives Bild der heutigen Klagegesellschaft. Simple Mutmaßungen werden zu Vorverurteilungen. Ohne Hinterfragen werden diese wiederum aus der gesellschaftlichen Masse heraus zu harten Fakten glorifiziert und bringen ehemals geachtete Bürger binnen kürzester Zeit in Verruf. Das Ergebnis der Hetzkampagne ist identisch zum Jahre 1692: Viele Tote und eine Vielzahl mehr an Verletzten und Geschädigten.

Interessanterweise setzt der Film gleich zu Beginn zahlreiche Triggerwarnungen (die vermutlich auch jemanden triggern werden): Homophobie, Gewalt, anzügliche Blicke und dergleichen mehr. Sicherlich könnte der Film eine Kontroverse lostreten, warum denn Gewalt gegen Schwule oder Transgender verbildlicht werden muss, um diese anzuklagen. Dramaturgisch gesehen gibt es natürlich eine einfache Begründung: es gibt Gründe für das folgende, wehrhafte Auftreten der Protagonisten.  Dabei kann der Film als Statement zur heutigen vernetzten Gesellschaft verstanden werden – ein Audiokommentare wäre diesbezüglich eine nette Dreingabe gewesen.

Universum Film brachte Assassination Nation am 5.4.2019 auf den Heimkinomarkt. Mit an Bord sind eine Handvoll Trailer zu anderen Filmen des Labels. Das Bonusmaterial fällt insgesamt etwas mager aus, die Deleted Scenes fördern in bestimmten Szenen aber tatsächlich einige neue Facetten zu Tage.

 

“Keine Ahnung, wegen den Likes!?”

 

Chillen, posen und posten bestimmte das Leben von Lilly & Co. | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment
Chillen, posen und posten bestimmte das Leben von Lilly & Co. | ASSASSINATION NATION © Universum Film Home Entertainment

Unsere Wertung:

 

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DriesVanHegen

Name: Tobi | Alter: 28 | Bei Filmtoast seit: Januar 2018 | Aufgabengebiete: Reviews verfassen | Am aktuellen Mainstream völlig desinteressiert, suche ich mein Glück zum großen Teil in den Nischen des vielfältigen Horrorgenres, gerne abgründig und gewalttätig. Allerdings bin ich kein tumber Schlächter, sondern lasse mich ebenso von aufwühlenden Dramen mitreißen oder werde bei dänischem Humor schwach.

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