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Yanka steht mit erhobenem Messer blutverschmiert vor einem regungslosen Körper

Baby Blood

Alain Robaks grotesker Horrorfilm Baby Blood erscheint nach 25 Jahre langem Dasein auf der Index-Liste zu seinem 30-jährigen Jubiläum endlich frei erhältlich und ungeschnitten im deutschen Handel. Was man von diesem Splatterfilm erwarten darf und ob sich eine Anschaffung der restaurierten Edition lohnt, erfahrt ihr hier.

TitelBaby Blood
Jahr1989
LandFrankreich
RegieAlain Robak
DrehbuchAlain Robak, Serge Cukier
GenreHorror
DarstellerEmmanuelle Escourrou, Jean-François Gallotte, Christian Sinniger, Francois Frapier
Länge88 Minuten
FSKab 18 Jahren freigegeben
VerleihBildstörung
Das Cover der deutschen DVD zu Baby Blood
Das DVD.Cover zu Baby Blood © Studiocanal

Eine schwere Geburt

Die junge Frau Yanka lebt und arbeitet in einem kleinen Zirkus Frankreichs. Der Dompteurin wird der Kontakt mit einem neu eingetroffenen Leoparden zum Verhängnis. Der Leopard platzt kurzerhand und ein Parasit überträgt sich auf Yanka, die bald feststellt, dass sie schwanger ist. Der Parasit offenbart sich darauf als ein urzeitliches Wesen, das sich die arme Frau als Wirt gesucht hat und auf seine Geburt wartet. Um zu wachsen, bedarf es im Mutterleib aber einer makaberen Versorgung: menschliches Blut. Schon bald mordet sich also Yanka mit immer größer werdendem “Baby”-Bauch durch die dreckigen Straßen Paris’ – immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer.

Baby Blood – Ein dreckiger Genrefilm

Baby Blood ist zweifellos ein seltsamer Film. Ungewöhnlich ist bereits der Umstand, dass es sich um einen französischen Film handelt. Während heute der französische Horrorfilm dank der New French Extremity-Welle (High Tension, Frontier(s), Inside, Martyrs) nahezu berüchtigt ist, war er zwei Jahrzehnte zuvor nicht nur ein unbeschriebenes Blatt, sondern regelrecht verpönt und die Idee, ausgerechnet einen Splatterfilm zu drehen, absurd. Entsprechend problematisch war also nicht nur die Reaktion der französischen Filmlandschaft, auch die Beteiligten, von Regisseur bis hin zu den Schauspielern, hatten anschließend mit ihrem Image zu kämpfen und erhielten wenig neue Angebote. Den Mut der Beteiligten kann man wohl kaum hoch genug bewerten. Es ist ein Film, den man aus unterschiedlichsten Gründen heute wohl kaum noch in der Form realisieren könnte. Auch in den Interviews bestätigt Regisseur Alain Robak, dessen Filmografie mit lediglich vier Langfilmen sehr kurz ausfällt, dass er beim Dreh alle Freiheiten seitens der Produzenten genoss.

Yanka (Emmanuelle Escourrou) trinkt einen Beutel mit Blut in Baby Blood
Der Parasit braucht immer frisches Blut © 1990 EXO 7 PRODUCTIONS / STUDIOCANAL – Alle Rechte vorbehalten

Einschneidend war lediglich das Budget, das gerade einmal 600.000 Francs betrug – umgerechnet also etwa 90.000 €. Dass man diesen Umstand in der Form bei der Sichtung nicht unbedingt vermuten würde, ist ein großer Verdienst von Robaks Kreativität und klarem Konzept sowie der verspielten und einfallsreichen Kamerarbeit. Originelle Einstellungen aus jeder denkbaren Perspektive und ungewöhnliche Kamerafahrten (das Highlight ist hier wohl der Blick ins Innere von Yankas Körper) verleihen dem Film eine packende Dynamik und eine skurille, belustigende Note. Die kurzweilige Leichtigkeit, die damit einhergeht, täuscht über die Arbeit dahinter hinweg – die Inszenierung ist gut geplant und nahezu durchkomponiert, und das ohne jegliches Storyboard.

Ein unverkennbar eigener Mix

Die Referenzen, die bei der Sichtung dieses Genrefilms in den Kopf schießen, sollten nicht nur die Herzen von Fans des Horror-Genres höher schlagen lassen. In den Motiven des Body-Horrors und der rohen Unmittelbarkeit der Kamera erinnert Baby Blood an die frühen Werke eines Cronenbergs (Shivers, Rabid), in der skurrilen humoristischen Umsetzung auch an Frank Henenlotters Basket Case (1982). Gemixt wird dabei der amerikanische Splatterfilm der 80er-Jahre mit einer unverkennbaren europäischen Note, die man natürlich vor allem durch den italienischen Genrefilm kennen dürfte. Wenn Yanka aber durch die schmutzigen Straßen Paris’ streift, hebt sich der Film erkennbar ab und erfasst einen französischen Flair, dessen sich damals viele heimische Kinobesucher wohl eher geschämt haben werden.

Richard (Jean-François Gallotte) setzt sich mit einem Tablett an einen Tisch in einem Café | Baby blood
Der unglückselige Richard (Jean-François Gallotte), ein seltsamer Mann, wirbt um die junge Frau © 1990 EXO 7 PRODUCTIONS / STUDIOCANAL – Alle Rechte vorbehalten

Die Freude, mit der hier literweise knallig rotes Kunstblut entladen wird, führt in der Kombination mit dem schrägen Humor gar die Spur zum selbsterklärten Horrornerd Peter Jackson, dessen Braindead (1992) wenige Jahre später den gleichen Aufhänger um ein eingeschifftes exotisches Tier als Initiator für eine absurde Horrorgeschichte aufbietet. Die Skurrilität der Figuren und manchen Handlungen steht sich dabei wenig nach. Unbedingt zu erwähnen sei da natürlich auch die beeindruckende Leistung der Hauptdarstellin Emmanuelle Escourrou, deren Schauspiel in der eindringlichen Körperlichkeit und dem psychosexuellen Wahnsinn sehr an Isabelle Adjani in Andrzej Zulawskis Possession (1981) erinnert. Wer diesen Film gesehen hat, der weiß, dass dies ein großes Lob ist.

Platter Splatter?

Baby Blood ist sicher zuvörderst ein unterhaltsamer Splatterfilm und vor allem ein herrliches Vergnügen. Doch wer sich bei all dem feucht-fröhlichen Spaß nur auf das blutige Gemetzel konzentriert, der wird einiges verpassen. Der Film widmet sich nicht nur auf eindringlicher Weise den Themen Mutterschaft, Schwangerschaftängsten und Vergewaltigung. Er zeigt auch einen unbarmherzigen Geschlechterkrieg, der mit allen Mitteln ausgetragen und von der Kamera zelebriert wird. Sämtliche männliche Figuren in der Geschichte sind triebhaft, roh und unkultiviert, Yanka ist stets ein bloßes Sexualobjekt – auf die Spitze getrieben in einer angedeuteten Massenvergewaltigung, die in der Inszenierung an Szenen aus Romeros Zombieklassikern erinnert. Die “Jäger-Beute-Beziehung” dreht sich allerdings eindrücklich um, die junge Frau wird zur schwarzen Witwe, zur Gottesanbeterin, die hilflose Männer lockt, tötet und anschließend verzehrt. Freunde der Psychoanalyse bekommen hier genug unterhaltsam verpacktes Futter.

Die Mutter steht blutverschmiert vor einer Wand und hält sich ihren runten Babybauch
Die “Mutter” und der Parasit bilden eine blutige Einheit © 1990 EXO 7 PRODUCTIONS / STUDIOCANAL – Alle Rechte vorbehalten

Besonders skurril sind die Szenen, in denen die “Mutter” mit dem urzeitlichen Parasiten in ihrem Bauch kommuniziert. Mal schaltet sich der Parasit in das Geschehen wie ein Meta-Kommentar aus dem Off ein, mal führen die beiden auch in aller Ruhe Gespräche über Mutterliebe, Yankas Männerbeziehungen oder die Stücke Shakespeares, sodass man selbst den entkörperten Fötus irgendwann ins Herz schließt. Das ist nicht nur herrlich grotesk, sondern hebt den Film auf eine reflexive Ebene, die über reine Splatterei hinausgeht. Die Protagonistin weiß zu jeder Zeit genau, was sie tut; sie darf zweifeln, rebellieren und schließt Kompromisse mit dem Ding in ihrem Mutterleib. Das Töten der Männer ist dabei einerseits zweckmäßige Nahrungsjagd, andererseits auch der Ausbruch aus einer verkommenen Männerwelt, die für Yanka wirklich nichts bereitzuhalten scheint.

Ein kurzes Wort zur Neuveröffentlichung

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel sich mit einer guten Restauration herausholen lässt. Das Bild ist wirklich gestochen scharf, auch der Ton einwandfrei. Dadurch wirkt es zum Teil umso befremdlicher, das brutale Treiben von Yanka zu verfolgen. Der Kontrast zwischen der triebhaften, dreckigen Rohheit des Films und den klaren Bildern sowie zwischen dem abgeranzten Szenenbild der heruntergekommenen Großstadt und hoch aufgelösten Naturbildern setzt der bewundernswerten Seltsamkeit des Films noch einmal die Krone auf. Wenn das unverwechselbare Feeling der 80er Jahre nicht wäre, könnte man meinen, es handle sich hier um einen deutlich jüngeren Film.

Yanka wäscht sich nackt vor einem großen Eimer | Baby Blood
Emmanuelle Escourrou mit einem schonungslos körperlichen Schauspiel © 1990 EXO 7 PRODUCTIONS / STUDIOCANAL – Alle Rechte vorbehalten

Unser Fazit zu Baby Blood

Alain Robaks Horror-Klassiker bietet sowohl eine groteske wie blutige Geschichte als auch die konsequent wahnsinnige Umsetzung. Von der Entstehung über das furiose Schauspiel bis hin zu den mehr als gefälligen Effekten werden keine halben Sachen gemacht. Eingefangen wird das amüsante und berauschende Fest an Seltsamkeit, Blutvergießen und einem erbarmungslosen Geschlechterkampf durch eine verspielte, originelle Kamera, die den Film zu keiner Sekunde langweilig erscheinen lässt. Baby Blood ist ein bizarrer und unwahrscheinlich kreativer Trip, der jedem Horror-Fan ans Herz gelegt sei.

Baby Blood erscheint am 29.11 bei Bildstörung in einer 30th Anniversary Edition neu restauriert in 4K und erstmals ungekürzt in Deutschland. Die Edition enthält neben dem Hauptfilm auch zwei Kurzfilme von Alain Robak, diverse Interviews und Audiokommentare sowie ein lesenswertes Booklet. 

Unsere Wertung:

 

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