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Betrogen

Der damalige Hollywood-Beau Clint Eastwood wickelt in Betrogen ein ganzes Mädchenpensionat um den Finger. Ob dies nur ein oberflächlicher Langweiler ist oder mehr dahinter steckt, erfahrt ihr im Folgenden!

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TitelBetrogen (OT: The Beguiled)
Jahr1971
LandUSA
RegieDon Siegel
DrehbuchAlbert Maltz, Irene Kamp, Claude Traverse
GenreDrama, Thriller
DarstellerClint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman, Jo Ann Harris, Pamelyn Ferdin, Mae Mercer, Melody Thomas Scott, Peggy Drier
Länge105 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihKoch Films
Auf dem Cover des Mediabooks zu Betrogen sieht man den mürrisch dreinblickenden Hauptdarsteller Clint Eastwood mit gezückter Waffe. Das komplette Cover ist in gelber Farbe gehalten.
Das Mediabook zu Betrogen © Koch Films

Darum geht’s in Betrogen

Inmitten des Amerikanischen Bürgerkriegs wird der Nordstaatensoldat John McBurney (Clint Eastwood) in einem Wald im Feindesgebiet schwer verletzt von der 12-jährigen Amy (Pamelyn Ferdin) aufgefunden. Sie stützt ihn und hilft ihm bis an die Pforten des nahegelegenen Mädchenpensionats, in dem sie zusammen mit fünf weiteren Schülerinnen, der Lehrerin Edwina (Elizabeth Hartman), der Hausherrin Martha Farnsworth (Geraldine Page) und der Sklavin Hallie (Mae Mercer) lebt. Miss Martha entscheidet, dass sie den Soldaten aufnehmen und gesund pflegen, bevor sie ihn an die Südstaatler übergeben. Doch immer mehr der Mädchen und jungen Frauen erliegen dem scheinbaren Charme von McBurney…

Moralisch verquer

Schon zu Beginn wird klar, dass die gezeigten Figuren einen defekten moralischen Kompass haben. Nachdem Amy direkt am Anfang auf McBurneys Frage ihr Alter angibt, antwortet dieser: „Alt genug für einen Kuss“ und setzt diese Ankündigung auch direkt in die Tat um. Mag sein, dass er sie aufgrund der vorbeireitenden feindlichen Truppen einfach nur für den Moment zum Schweigen bringen möchte. Es kann auch seinem kaputten, fast schon halluzinatorischen Zustand geschuldet sein – unangenehm anzuschauen ist das dennoch. Erzählerisch ergibt das zwar tatsächlich Sinn, denn so verliebt sich das kleine Mädchen augenblicklich in den geschundenen Soldaten und steht ihm dementsprechend auch mit am längsten zur Seite. Das hätte aber auch ohne die etwas unnötig wirkende Aussage funktioniert. Wer den Film aber aufgrund dessen im Vorfeld verurteilt und vorschnell zur Fernbedienung greift, verpasst ein cleveres, wunderbar bösartiges und toll inszeniertes Thriller-Drama.

Betrogen und verführt: Psychosexuelles Drama

Nachdem die Mädchen und jungen Frauen des Pensionats größtenteils abgeschottet von der Welt leben, sind sie fasziniert von McBurney als männliches Wesen, das vermeintlich wehrlos bei ihnen unterkommt. So schafft er es, die Damen um sich herum mit Komplimenten zu manipulieren, sie zu becircen. Und obwohl sie ihm nicht ganz trauen mögen, können sie ihre bisher unterdrückte Sexualität nicht verstecken. Es hagelt offen lüsterne Kommentare. So bewundert die 17-jährige Carol (Jo Ann Harris) seine Muskeln und sagt zu ihm (im englischen Original): „I bet there’s no soft spot on you“, was im Gesprächszusammenhang in etwa so viel heißt wie „Ich wette, es gibt keine einzige schlaffe Stelle an dir“. In der deutschen Fassung geht die Gewitztheit in derlei Sätzen leider etwas verloren.

Carol (Jo Ann Harris) kommt John McBurney in Betrogen im Garten immer näher und sieht ihn lustvoll an. Der hält sie aber (noch) mit einer Krücke auf Abstand, leicht lächelnd.
Die 17-jährige Carol weiß genau, was sie will © Koch Films

Neben den minderjährigen Schülerinnen Carol und Amy können sich aber auch Miss Martha und die keusche Lehrerin Edwina den Verführungsversuchen McBurneys nicht komplett erwehren. So entsteht ein neidvoller Konkurrenzkampf um die Gunst des Mannes. Unter all den faszinierenden Charakteren ist Sklavin Hallie das Highlight des Films. Zwar findet auch sie McBurney schnell sympathisch, kann sich seiner sexuellen Anziehungskraft allerdings entziehen. Sie bringt sowohl Cleverness als auch Humor mit in das heikle (Liebes-)Spiel und hütet dabei wie Miss Martha ein eigenes dunkles Geheimnis. Außerdem fasst sie die gesamte Situation im Mädchenpensionat am besten zusammen. Als sie eine Kuh melkt und diese nicht so viel Milch wie erwünscht produziert, sagt sie ironisch: „Ist das alles, was du hergibst? Ich glaube, du trocknest genauso aus wie alle anderen Frauen hier“.

Antikriegsfilm ohne Krieg?

Mit all seinen psychologischen Beobachtungen lässt sich der Film auch durchaus als Antikriegsfilm lesen. Clint Eastwood sagte in einem Interview zu Betrogen: „Der Ansatz von mir und Don Siegel war, die Dinge nicht mit Schwarz-Weiß-Malerei zu betrachten, sondern durch Grautöne zu beleuchten. Der Film sollte zeigen, was der Krieg für einen Effekt hat, und zwar auf die Menschen, die abseits der Schlachtfelder leben“. Der mentale Effekt sowohl auf die abgeschotteten Frauen als auch auf den verletzten Soldaten lässt sich nicht von der Hand weisen. Zudem sagte Meister-Regisseur Francis Ford Coppola einst, angesprochen darauf, ob er Apocalypse Now als Antikriegsfilm sehe: „Ich finde, […] um einen wirklichen Antikriegsfilm zu machen, dürfte er niemals in der Nähe von Schlachtfeldern und Kriegsschauplätzen spielen, sondern eher in menschlichen Umständen, die weit davon entfernt liegen.“ Und hier setzt Betrogen tatsächlich an. Zwar spielt er faktisch in der Nähe von Kriegsschauplätzen, zeigt vom eigentlich Kriegsgeschehen aber nur extrem wenig.

Diese Beobachtung wird auch von einer erzählerischen Klammer in Form eines Liedes (es wird direkt am Anfang und als Schlusspunkt angespielt) unterstützt. Da wird gesungen, übrigens von Clint Eastwood selbst:

Take warning by me,
don’t go for a soldier,
don’t join no army,
for the dove she will leave you,
the raven will come,
and death will come marching,
at the beat of the drum,
come all you pretty fair maids,
come walk in the sun,
and don’t let your young man,
ever carry a gun.

Da lässt sich ein gewisser, für Eastwood eher ungewöhnlicher, Pazifismus ganz klar herauslesen. Und wie die Lyrics ist auch der Film gespickt mit Metaphern.

Metaphorische Bilder und kreative Inszenierung

So hält die Kamera auf einen Raben, als McBurney in die vermeintlich sichere Stube getragen wird. Verbunden mit den Zeilen aus dem Songtext kündigt dieses Bild bereits Unheil an. Allgemein gibt es im Verlauf des Filmes einige interessante Kameraeinstellungen in ungewöhnlichen Winkeln. Zusammen mit der größtenteils natürlichen Beleuchtung wirkt Betrogen dadurch auch heute noch visuell modern. In früheren Filmen wurde auch in Szenen, in denen die Darsteller Kerzenständer trugen, normale Beleuchtungen am Set eingesetzt, damit die Kamera genügend Licht einfängt. Das hatte allerdings oft zur Folge, dass der aufmerksame Zuschauer einen unrealistischen Schatten der Kerze wahrnehmen konnte.

McBurney liegt in Betrogen verwundet und mit geschlossenen Augen im Bett, während Edwina ihn mit einem Lappen wäscht. Es ist Nacht, der Raum wird lediglich von einer Kerze beleuchtet.
Edwina kümmert sich zunächst aufopferungsvoll um McBurney © Koch Films

Kameramann Bruce Surtees und Regisseur Don Siegel ließen sich für Betrogen aber etwas Kreatives einfallen: Sie bauten für einige Aufnahmen in das Innere der Kerze zusätzliche künstliche Lichter ein. Die Darsteller mussten die Kerzen in den entsprechenden Szenen dann so halten, dass das Licht innerhalb der Kerzen auf sie geworfen wurde und der Zuschauer aus der gezeigten Kameraperspektive nichts davon erahnen konnte. Das sorgt stellenweise für eine gelungene, schaurig-düstere Atmosphäre. Darüber hinaus gibt es eine aufwendige 360-Grad-Kamerafahrt à la Michael Ballhaus, einen tollen Match Cut von einer Traumsequenz zu einem Gemälde und allgemein sehr clever eingesetztes Editing, beispielsweise wenn die Erzählungen McBurneys mit den tatsächlichen Geschehnissen entgegen geschnitten werden. Einzig und allein das Kunstblut wirkt aus heutiger Sicht ein bisschen lächerlich und erinnert eher an Ketchup. Die Amputationsszene geht ob der Inszenierung (es wird viel mit Schatten und Spiegeln gespielt) trotzdem an die Nieren.

Clint Eastwood / Don Siegel

Neben dem italienischen Maestro des Spaghetti-Westerns, Sergio Leone, war Don Siegel derjenige Regisseur, der den meisten Einfluss auf Clint Eastwood hatte und insbesondere ein wichtiger Mentor für dessen spätere Regietätigkeit war. Betrogen war der dritte Film, den Eastwood zusammen mit Siegel machte, fünf sollten es insgesamt werden. Im selben Jahr wie Siegels Drama, also 1971, erschien dann auch noch Eastwoods Langfilmdebüt als Regisseur: Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten, in dem wiederum Siegel seine einzige etwas größere Schauspielrolle hatte. Eastwood wollte ihn am Set haben, um bei eventuellen Fragen auf ihn zurückkommen zu können. Mit dem Cop-Thriller Dirty Harry erschien – ebenfalls 1971 – dann auch noch der populärste Film des Duos.

Das alte Leid: Studioentscheidungen und der deutsche Titel

Auf die Idee zu Betrogen kamen die beiden während den Dreharbeiten zu Coogans großer Bluff (1968), als Eastwood begeistert Thomas Cullinans Roman A Painted Devil an Siegel weiterreichte. Prompt wollten sie ihn verfilmen. Doch die ursprüngliche Drehbuchfassung von Albert Maltz war sowohl Eastwood als auch Siegel zu zahm. Auch nachdem Irene Kamp das Skript überarbeitete war es den beiden Hauptverantwortlichen noch zu harmlos; doch immerhin verschaffte sie den Frauenfiguren noch mehr Tiefe. Erst als Claude Traverse (wird in den Credits nicht genannt) eine neue Fassung ohne Happy End aufsetzte, waren alle glücklich – bis auf das zuständige Studio Universal. Das wusste mit dem Film nicht wirklich etwas anzufangen, vermarktete ihn mehr schlecht als recht, ließ ihn nicht auf Festivals spielen und sorgte so tatkräftig dafür, dass das clevere Thriller-Drama keine nennenswerten Erfolge an der Kinokasse feierte. Trotz Superstar Clint Eastwood.

Vier der Schülerinnen des Mädchenpensionats in Betrogen stehen auf dem Acker und bearbeiten es mit einer Harke. Sie sind sich offensichtlich uneinig, denn zwei lachen, eine schaut äußerst ernst. Diejenige im Vordergrund ist uns mit dem Rücken zugewandt.
Die Schülerinnen des Mädchenpensionats kümmern sich um sich selbst © Koch Films

Eher unglücklich fällt auch der deutsche Titel aus. The Beguiled, so der Originaltitel, kann sowohl „Die Verführten“ als auch „Die Betrogenen“ heißen – und hat somit eine perfekt passende Doppeldeutigkeit.

„to beguile = jemanden betören / täuschen“

Das ist freilich mit keinem deutschen Wort so punktgenau umsetzbar, warum sich die Entscheider hier allerdings nicht einfach für eine der beiden Varianten entschieden haben, bleibt aber ein Rätsel. Der schlichte Titel Betrogen wirkt jedenfalls etwas zu vage und blass, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Neuverfilmung von Sofia Coppola mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Kirsten Dunst und Elle Fanning aus dem Jahr 2017 hieß dementsprechend dann auch Die Verführten.

Betrogen: Das Mediabook

Zu Ehren Clint Eastwoods und dessen anstehenden 90. Geburtstag am 31. Mai veröffentlicht Koch Films nun ein Mediabook zu einem seiner eigenen Lieblingsfilme. Die Blu-ray hat dabei ein sehr scharfes, wunderbar körniges Bild. Auch das Bonusmaterial ist durchaus sehenswert: Neben den standardmäßigen Trailern, der Bildergalerie und dem Booklet finden sich auch mehrere interessante Dokumentationen auf dem Release. Darunter „Clintus Siegelini“, in der der deutsche Filmemacher Mike Siegel knapp 40 Minuten über die Entstehung des Films sowie über Eastwood und Don Siegel spricht.

Unser Fazit zu Betrogen

Betrogen ist ein träumerischer wie fieberhafter und tiefgründiger Horrortrip bis zum tragischen Ende. Durchgehend sexuell aufgeladen, sorgt das Thriller-Drama gerade im letzten Drittel für ordentlich Spannung. Aufmerksame Zuschauer dürfen sich außerdem über metaphorische Bilder und eine künstlerische Inszenierung freuen. Wer bei Filmen allerdings einen Charakter braucht, mit dem er mitfiebern kann, sollte wohl eher einen Bogen um das dritte gemeinsame Werk von Regisseur Don Siegel mit Clint Eastwood machen.

Betrogen erscheint am 28. Mai 2020 als Mediabook bei Koch Films.

Unsere Wertung:

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 22. Juni 2022 um 22:19 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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© Koch Films

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