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Beitragsbild © AlamodeFilm

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Mit ihrem eindringlichen Sozialdrama Capernaum – Stadt der Hoffnung sorgte Regisseurin Nadine Labaki in Cannes für Standing Ovations und konnte zahlreiche Auszeichnungen gewinnen. Warum das Sozialdrama so begeistert und ans Herz geht, erfahrt ihr hier.

TitelCapernaum – Stadt der Hoffnung
Jahr2018
LandLibanon, USA
RegieNadine Labaki
DrehbuchNadine Labaki, Jihad Hojeily, Michelle Keserwany, Georges Khabbaz, Khaled Mouzanar
GenreDrama
DarstellerZain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawthar Al Haddad, Fadi Yousef, Haita ‘Cedra’ Izzam, Alaa Chouchnieh
Länge121 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihAlamode Film
Kinoplakat © AlamodeFilm
Kinoplakat zu Capernaum © AlamodeFilm

Trostlose Kindheit in den Armenvierteln von Beirut 

Der vermutlich zwölfjährige Zain wächst unter elendigen Bedingungen in einem Armenviertel in Beirut auf. Die Eltern der elfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie können kaum für ihre Kinder sorgen, weshalb Zain als einzigem und ältesten Jungen große Verantwortung Zuteil kommt. Mit unterschiedlichen Minijobs und Gefälligkeiten trägt er mit seinen Schwestern zum Unterhalt bei. Darunter auch für den Vermieter ihrer Wohnung, der ein Auge auf seine elfjährige Lieblingsschwester geworfen hat. Als diese mit ihm zwangsverheiratet wird, läuft Zain von zuhause weg und versucht sich alleine durch die Armenviertel zu schlagen. Sein Kehraus führt ihn über Umwege ins Gefängnis, in welchem er den Entschluss fasst, seine Eltern anzuklagen. Der Grund: „Sie haben mich auf die Welt gebracht.“

Fiktive Geschichte, reale Schicksale 

Über sechs Jahre wurde an Capernaum – Stadt der Hoffnung gearbeitet, wovon alleine vier Jahre in die Recherche und den Austausch mit Kindern aus den Armenvierteln investiert wurden. So begegnete Nadine Labaki extremen Fällen von Kindesmissbrauch und Vernachlässigungen, welche ihre Geschichte eindrücklich inspiriert haben. Die sechs Monate umfassenden Dreharbeiten wurden mit Laienschauspielern an originalen Schauplätzen in den Armenvierteln von Beirut durchgeführt. Der Hauptdarsteller Zain Al Rafeea, dessen echter Name für die Rolle verwendet wurde, hat eine ähnlich bewegende Geschichte hinter sich wie seine Filmfigur und zerrt daher aus eigenen Erfahrungen. Teilweise mussten Darsteller während der Dreharbeiten wegen Problemen mit der Aufenthaltsgenehmigung ins Gefängnis. Keine leichten Drehbedingungen für ein nicht leichtes Thema.

Zain und seine Schwestern © AlamodeFilm
Zain mit seinen Schwestern bei der Arbeit © AlamodeFilm

Die Regisseurin Nadine Labaki hat viel Aufwand betrieben, um den Menschen eine Welt voller Ausbeutung, Korruption und Unterordnung zu zeigen, in welcher die Weichen für die Zukunft kein Entkommen zulassen. Mit „Capernaum“ wird ein Ort voller Chaos und Unordnung bezeichnet, ein Ort, der den Kindern jegliche Hoffnung auf ein besseres Leben nimmt. Die Geschichte im Film mag zwar fiktiv sein, doch die Schicksale sind real.

Capernaum, eine Welt voller Chaos 

Mittendrin, aber mit der nötigen Distanz. Die Kameraarbeit von Christopher Aoun spiegelt die überzeugende Verschmelzung aus Fiktion und Dokumentation perfekt wider. Mit Nahaufnahmen folgt man den Darstellern auf ihrer Reise und lässt sie im Laufe des Films auch perspektivisch wachsen. Dazu werden immer wieder totale Aufnahmen der Stadt gezeigt, um vom Kleinen aufs Ganze zu blicken. Ein Raum, der viele solcher Geschichten wie der von Zain beherbergt. Man lernt die Stadt aus verschiedensten Winkeln kennen und bekommt einen intensiven Einblick in die Lebensumstände der Vernachlässigten und Vergessenen.

Zain mit Schwester © AlamodeFilm
Zain blickt mit seiner Schwester Sahar auf die Stadt © AlamodeFilm

Es ist die ungefilterte Wahrheit, in der die fiktive Geschichte ihren Weg geht und die man als Zuschauer zu sehen bekommt. Enge Gassen, begrenzter Wohnraum und hygienische sowie lebensbedrohliche Gefahren, die Slums von Beirut sind der heimliche und erschreckende Co-Star des Films. Dieser Co-Star verhält sich wie eine Stadt innerhalb einer Stadt, mit eigenen Strukturen und Regeln. Selbst für den libanesische Kameramann Christopher Aoun hatte es den Eindruck, eine neue Welt zu betreten. Eine, die auch für das Filmteam nicht frei von Gefahren war.

Eindringlicher Einblick in eine andere Welt 

Der Fixpunkt des Films ist Zain, seine Geschichte und Reise geht ans Herz und sorgt in der trostlosen Umgebung für etwas Hoffnung und Menschlichkeit. Mit seinen eigenen Erfahrungen schafft er es, so viel Gefühl und Glaubwürdigkeit in die Rolle zu legen und den Zuschauer mitzureißen. Er ist aufmüpfig, frech und vorlaut, hat das Herz aber dennoch am rechten Fleck. Das zeigt sich vor allem im Umgang mit dem einjährigen Yonas, für den er kurzzeitig alleinverantwortlich ist. Die Momente zwischen den beiden gehören zu den wohligen Highlights des Films und lassen Hoffnung aufkeimen. Es ist einfach hinreißend, ihn dabei zu beobachten, wie er den kleinen Yonas in einem Topf auf einem Skateboard durch die Stadt zieht. Auch der restliche Cast besteht aus Laienschauspielern und besticht durch authentische Darstellungen.

Blick in die Zukunft © AlamodeFilm
Zain blickt betrübt in die Zukunft © AlamodeFilm

Die Darstellung der Figuren und Umstände bewegt sich dankenswerterweise immer auf der Beobachtungsebene und vermeidet eine klare Schwarz-Weiß-Zeichnung. Es wäre ein leichtes, das Verhalten der Eltern oder anderer Figuren anzuprangern. Doch Capernaum – Stadt der Hoffnung vermeidet genau diese Verurteilung, denn auch diese sind Opfer ihrer Umstände und man maßt sich nicht an, ein Urteil zu fällen. Außenstehende können die Geschehnisse innerhalb dieses Mikrokosmos nur schwer verstehen und nachvollziehen, doch der Film ermöglicht einen eindringlichen Einblick in diese Welt und schafft so Gehör für die Vergessenen.

Mein Fazit zu Capernaum – Stadt der Hoffnung 

Mit viel Gefühl und feinem Gespür lässt uns Nadine Labaki in eine fremde Welt voller Ausbeutung, Korruption und Unterordnung blicken. Eingefangen werden die Momente in einer stimmigen Verschmelzung aus Fiktion und Dokumentation, wodurch ein eindrucksvoller Grad an Authentizität erreicht wird. Das ist vor allem der hervorragenden Kameraarbeit von Christopher Aoun zu verdanken, der mit der nötigen Distanz ein fesselndes Mittendrin-Gefühl generiert. Mitreißend und beeindruckend ist auch die darstellerische Leistung von Zain Al Rafeea, der sein emotionales Erfahrungsspektrum voll ausspielt und der nach ihm benannten Figur ein tragisches und unheimlich menschliches Gesicht gibt.

Das alles macht aus Capernaum – Stadt der Hoffnung eine unheimlich intensive und fordernde Seherfahrung, die den Zuschauer mitfühlen und –leiden lässt. Diese schonungslose Konfrontation mit einer uns sonst verschlossenen, trostlosen Welt ist alles andere als Wohlfühlkino. Dennoch schafft man es, vereinzelte Momente der Hoffnung und Menschlichkeit zu zeichnen und den Figuren eine Zukunft zu geben. Vielleicht auch eine Zukunft, in der die Vergessenen nicht vergessen werden.

Der Film erscheint am 24. Mai 2019 auf DVD, Blu-ray und digital bei Alamode Film. 

Unsere Wertung:

 

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Onno

Als Kind in einen Topf aus VHS-Kassetten gefallen und kann seitdem nicht mehr wegschauen.

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