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Chihiros Reise ins Zauberland

Denkt man an japanische Anime-Filme, so kommt einem sofort ein Name in den Sinn: der Ghibli-Mitgründer Hayao Miyazaki. Seinen einzigen Oscar konnte der Ausnahmeregisseur im Jahre 2003 mit Chihiros Reise ins Zauberland gewinnen. Seine Werke gelten bereits seit den 80er Jahren als absoluter Maßstab im Zeichentrickgenre und bildeten mitunter Inspirationsquellen für amerikanische Studios wie Disney. Mit diesem wohl bekanntesten seiner Filme scheint er auf dem Höhepunkt seines kreativen Schaffens angelangt zu sein. Was den Film so besonders macht, erfahrt ihr im Folgenden.

TitelChihiros Reise ins Zauberland
Jahr2001
LandJapan
RegieHayao Miyazaki
DrehbuchHayao Miyazaki
GenreAnimationsfilm, Abenteuer
DarstellerRumi Hiiragi, Miyu Irino, Mari Natsuki, Yumi Tamai, Bunta Sugawara, Yasuko Sawaguchi, Takashi Naitō, Tatsuya Gashūin, Akio Nakamura, Ryûnosuke Kamiki
Länge125 Minuten
FSKab 0 Jahren freigegeben
VerleihUniversum Film

Worum geht es in Chihiros Reise ins Zauberland?

Chihiro ist ein junges Mädchen kurz vor der Pubertät. Dass ihre Eltern in eine neue japanische Stadt ziehen, passt ihr gar nicht. Als ihre Eltern sich auf dem Weg in das neue Zuhause verfahren, entdeckt die Familie eine mysteriöse Ferienanlage. Zu Chihiros Erschrecken verwandeln sich ihre Eltern in Schweine, als sie sich dort ohne zu fragen an einem Buffet vergreifen. Auf einmal ist sie auf sich alleingestellt und kann ihren Augen nicht trauen, als sie bemerkt, dass der Rückweg versperrt ist. Zu allem Überfluss sieht sie um sich herum mehrere merkwürdige, unbekannte Wesen. Zum Glück lernt sie den eigenartig vertrauten Jungen Haku kennen, der Chihiro in die Welt eines magischen Badehauses einführt. Dort muss sie sich behaupten und ihren Platz in einer völlig fremden Welt finden, bis sie schließlich versucht, ihre Eltern zu retten.

Die Schönheit der Bilder

Chihiros Reise ins Zauberland ist ein Film von bemerkenswerter Schönheit. Die Bilder sind atemberaubend konzipiert und strotzen nur so vor kreativen Einfällen. Das geht von der Gestaltung der Gebäude und Räumlichkeiten, über die kreativen Wesen, welche die Zauberwelt bevölkern, bis hin zu den verblüffenden Ideen, mit denen die Zeichner versuchten, den Figuren menschliche Regungen zuzuschreiben. Hayao Miyazaki (Prinzessin Mononoke) scheint dabei eine besonders gute Beobachtungsgabe in Bezug auf die Darstellung von Emotionen zu besitzen. Doch auch bei der äußerlichen Gestaltung der Figuren zeigt sich sein Ideenreichtum: Die Hexe Yubaba besitzt einen übergroßen Kopf, da sie das Haupt des Unternehmens darstellt. Ihre dumm grunzenden Berater sind sogar im wahrsten Sinne des Wortes wandernde Köpfe. Das tyrannische Baby wird ebenfalls als extrem groß dargestellt, um zu verdeutlichen, welch gewaltigen Einfluss es auf seine alleinerziehende Mutter ausübt. Es ist in der Tat ein Riesenbaby – äußerlich, wie innerlich.

Shintoismus als Leitbild

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle interessanten Aspekte der visuellen Gestaltung der Figuren zu betonen. Allerdings bleibt festzuhalten, wie eindrucksvoll es Miyazaki gelingt, seine Fantasiewelt mit Leben zu bevölkern, indem er seinen Figuren äußerlich wie innerlich ein Profil gibt. Bei diesem ist besonders auffällig, dass er (wie in all seinen Filmen) dem shintoistischen Weltbild folgt. Nach dieser Sichtweise ist jedes Wesen, egal ob Mensch oder Gottheit, von komplexer und zwiespältiger Natur. Eine Kategorisierung in Gut und Böse oder Richtig und Falsch verbietet sich. 

Das wird besonders offensichtlich an den teils ambivalenten Figuren. Das Ohngesicht stellt zwar eine beträchtliche Gefahr für das Badehaus und dessen Bewohner und Bewohnerinnen dar und doch wird es erst durch die Gier der Mitarbeiter zu eben jener Schreckensgestalt. Nur durch den Hunger nach mehr verwandelt sich die doch sonst so hilfsbereite, friedliche und ruhige Gestalt in ein Ungeheuer, ohne dass sie etwas dagegen tun könnte. Die Hexe Yubaba (in der deutschen Fassung herrlich von Nina Hagen gesprochen) herrscht zwar mit eiserner Hand über das von ihr geleitete Etablissement, hat allerdings geschworen, jedem Arbeit zu gewähren, der sie darum bittet. Dennoch muss sie rational und hart herrschen, um ihr Unternehmen erfolgreich zu führen. Auf der anderen Seite wiederum wird sie selbst durch ihr Riesenbaby tyrannisiert, was sie in einem sympathischen Licht erscheinen lässt. 

Selbst Chihiro wirkt in ihren ersten Szenen in ihrer Uneigenständigkeit und Ängstlichkeit ziemlich anstrengend, entwickelt sich aber zu einer selbstständigen und selbstbewussten Person, gerade durch die Herausforderungen, die an sie gestellt werden. Die Figuren in Chihiros Reise ins Zauberland sind also überaus spannende und komplexe Charaktere. Ohne belehrend zu wirken, wie es die Disney-Stoffe nur allzu häufig tun, wird hier insbesondere einem jüngeren Publikum ein realistisches Weltbild in einer fantasievollen Welt präsentiert.

Im Kern eine Parabel

Dieser Philosophie entsprechend existieren auch keine echten Antagonisten. Die Spannung wird eher durch das Interesse daran erzeugt, wie Chihiro es schafft, in dieser merkwürdigen Welt zurechtzukommen. Dabei kann die gesamte Geschichte natürlich ähnlich einem Märchen als große Parabel betrachtet werden – eine Parabel über das Erwachsenwerden. Chihiro ist gerade in dem Alter, in welchem man beginnt, das Kindsein hinter sich zu lassen. Sie sieht die Welt im wahrsten Sinne des Wortes mit neuen Augen und alles kommt ihr fremd vor. So muss sie zu ihrem Entsetzen vermutlich erstmalig feststellen, dass auch ihre Eltern nicht immer das Richtige tun oder sie muss ihr erstes, einschüchterndes Bewerbungsgespräch führen, denn in dieser neuen (Erwachsenen-)Welt kann man nicht überleben, ohne zu arbeiten. 

Sämtliche Charaktere können aus einem symbolischen Blickwinkel betrachtet werden: die Businessunternehmerin Yubaba, die Freundin Lin, der Waise Kamaji, bei dem alle Fäden zusammenlaufen oder das Ohngesicht, welches für die Gier steht, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sie lernt außerdem, dass man sich in bestimmten Situationen anders verhalten muss, als in anderen oder wie man sich gegen andere durchzusetzen weiß. Man kann die gesamte Handlung also auf einer tief symbolischen Ebene betrachten. Ein heranwachsendes Kind muss sich in der Arbeitswelt der Erwachsenen zurechtfinden. 

Miyazaki präsentiert uns im Kern eine Coming-Of-Age-Story im Fantasy-Gewand. Natürlich kann man der Handlung auch folgen, ohne diese Hintergründe einordnen zu können. Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen. Er ist inhaltlich anspruchsvoll und doch kann er auf unterhaltsame Weise genossen werden. Diesen Spagat meistert der Streifen dabei um einiges geschickter als zum Beispiel viele der modernen Pixar-Filme, in denen einige Witze oder Dialoge für Kinder jüngeren Alters völlig unverständlich sind.

Globalisierung in einem Zeichentrickfilm?

Eine weitere Faszination übt der Film durch die Vermischung verschiedener Kulturen aus. Miyazaki selbst sagt, dass er in seinen Filmen gerne die japanische und die westliche Kultur miteinander vermische. Das gelingt ihm auch hier auf herausragende Art und Weise. Zwar erinnert das Grunddesign der Fantasiewelt eher an japanische Einflüsse und dennoch findet man zum Beispiel im Schlafzimmer des Babys die Wände bemalt mit prachtvollen Gemälden westlicher Schlösser und Gärten. Auch wenn ein tief verwurzelter Symbolismus durch die Visualisierung von Gottheiten eine tragende Rolle spielt, welche eher im japanischen Raum präsent ist, so spielt die Handlung doch in einer eher westlich organisierten, kapitalistischen Luxusanlage. Auch durch Vermengung dieser Einflüsse erschafft Miyazaki eine eigene Filmrealität. 

Ob Miyazaki hiermit aussagen möchte, dass sich unsere globalisierte Welt in einem Wandel befindet, welcher durch die Vermischung verschiedener Kulturen geprägt ist, bleibt sein Geheimnis. Allerdings lassen sich auch weitere globale Probleme, wie etwa die Umweltverschmutzung, in Chihiros Reise in Zauberland wiederfinden.

Unser Fazit zu Chihiros Reise ins Zauberland

Chihiros Reise ins Zauberland ist ein absolutes Muss für jeden, der etwas mit Zeichentrick oder Anime anfangen kann. Selten sieht man so schöne Charaktere und Bilder, welche in Verbindung mit der wunderschönen Musik eine völlig eigene Atmosphäre kreieren. Miyazakis Standardkomponist Joe Hisaishi hat hier wieder einmal einen Score geschrieben, der zum Dahinschmelzen ist. Auch hier verbinden sich japanische Melodien mit westlichen Klängen und bilden eine perfekte Harmonie. Die Geschichte ist so anspruchsvoll und tiefgründig, dass man nicht einmal ansatzweise auf alle Punkte eingehen kann, und doch fühlt sich der Film an wie eine einzigartige, unterhaltsame Abenteuergeschichte. Nicht umsonst wird der Film vom British Film Institute in der Top 10 der meistempfohlenen Filme für unter 14-jährige gelistet, auch wenn sich der Streifen selbstverständlich keineswegs auf diese Altersgruppe beschränkt.

Zusammenfassend zementiert Hayao Miyazaki mit diesem Film seinen Kultstatus als unangefochtener Meister des Animes. Seine kreativen Einfällen sprudeln geradezu aus jeder Einstellung heraus. Dieses Zauberland ist wahrhaft magisch geraten und eine Reise ist unbedingt zu empfehlen.

Unsere Wertung:

 

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