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Eine harmlose Party mutiert zum Höllentrip © Alamodefilm

Climax

Mit Climax präsentiert das Enfant terrible Gaspar Noé einen weiteren kontroversen Film, der den Zuschauer provoziert und herausfordert. Es geht um Drogen und den ungezügelten Rausch einer Partynacht.

TitelClimax
Jahr2018
LandFrankreich
RegieGaspar Noé
DrehbuchGaspar Noé
GenreDrama, Horror
DarstellerSofia Boutella, Kiddy Smile, Roman Guillermic, Souheila Yacoub, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schott
Länge93 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihAlamodefilm

Worum gehts in Climax?

Eine neu gegründete Gruppe von französischen Tänzern, die bald auf eine USA-Tournee gehen werden, versammelt sich in der Turnhalle einer Schule, um an ihren Choreografien zu arbeiten. Anschließend lassen sie es sich bei einer kleinen Feier gut gehen. Nach einer Weile bemerken die ersten allerdings, dass sie sich seltsam fühlen. Schnell dringt die Vermutung durch, dass einer der Anwesenden etwas in die Bowle geschüttet hat. Es entwickelt sich ein Drogenrausch, bei dem keiner mehr Herr über sich selbst ist und innere Triebe sich den Weg an die Oberfläche bahnen.

Climax – ein Film als langes Musikvideo

Den argentinisch-französischen Filmemacher Gaspar Noé umweht schon lange den Ruf eines Skandalregisseurs. Berühmt berüchtigt ist beispielsweise die Vergewaltigungsszene in seinem zweiten Langfilm Irreversible, in der Monica Bellucci minutenlang von einem Mann misshandelt wird. Noés Filme gehen dahin, wo es weh tut, denn sie zeigen vorzugsweise menschliche Abgründe und das damit verbundene Leid. Die Kamera ist dabei oft nicht nur stummer Zeuge, sondern selbst auch Kunstwerk und Versuchsobjekt für eine neue Art der Darstellung.

In Climax ist von dieser hässlichen Kehrseite des Menschseins längere Zeit nichts zu merken. Nach einigen kurzen Castingvideos, in denen wir die neu zusammengestellte Tanz-Crew kennenlernen, erleben wir eine fulminante Probeaufführung in einer Turnhalle. Die angesehene Choreographin Nina McNeely übte mit den echten Tänzern, die hier auch als Schauspieler agieren, in nur zwei Tagen eine eigene Sequenz ein. Nicht nur mussten die einzelnen Darsteller sich in kürzester Zeit kennenlernen, sondern sie brachten zudem völlig unterschiedliche Stilrichtungen in die Gruppe mit ein. Das Endergebnis ist schlichtweg überwältigend und wie der Rest des Films mit treibenden Electro-Stücken der 90er und anderer Jahrzehnte wuchtig unterlegt. Auch dank der satten Farben wirkt das Ganze so wie ein stylisches Musikvideo, ehe dann der Wahnsinn losbricht.

Eine harmlose Party mutiert zum Höllentrip © Alamodefilm
In Climax kommt eine Gruppe von Tänzern zum Üben und Feiern zusammen © Alamodefilm

Ein typischer Noé mit Höhen und Tiefen

Gaspar Noé hätte nicht diesen Ruf, wenn er es bei einer eindrucksvoll durchgeplanten Tanzsequenz belassen würde. Phänomenal ist unabhängig davon wieder die Kameraarbeit, allein schon weil Climax so wenig Schnitte wie möglich setzt. Stattdessen schwebt das Objektiv gefühlt frei durch die Menge immer auf der Suche nach neuen Motiven und interessanten Dialogen. Der Effekt ist groß: Der Film saugt den Zuschauer mit jeder weiteren Minute tiefer in die Szenerie, bis wir uns wirklich wie ein Partygast fühlen, der sich mal hier mal da umschaut. Werden wir anfangs noch mit überwiegend belanglosem Gequatsche konfrontiert, sind wir später Augenzeuge von gewalttätigen Angriffen oder sexuellen Leidenschaften, die wir aus nächster Nähe mitbeobachten. Die eigentlich große Halle entpuppt sich dabei als bedrückendes Setting für ein psychotisches Kammerspiel.

In nur 15 Tagen gedreht, verzichtet Noé auf einen wirklichen Plot und interessante Hauptfiguren, was für einige Durchhänger im Mittelteil sorgt. Besonders auffällig ist, wie kaum ein Charakter wirklich sympathisch erscheint. In etlichen Vier-Augen-Gesprächen führt uns der Film vor, wer beispielsweise mit wem gerne als nächstes Sex hätte. Lediglich eine in die Jahre gekommene Profitänzerin sorgt mit ihrem kleinen Sohn für etwas Anteilnahme.

Ein verhängnisvoller Drogenrausch dank einer Bowle in Climax © Alamodefilm
In Climax erhält eine Bowle eine fatale Zutat – der Horror beginnt © Alamodefilm

Erst als nach und nach fast jeder Darsteller aufdrehen darf und mit Geschrei und Verrenkungen den Wahnsinn seines Drogenrausches verkörpert, kommt Climax endlich auf den Punkt. Dabei bleibt der Zuschauer aber größtenteils außen vor, denn was die Figuren vor ihren Augen halluzinieren, ist nicht greifbar. Es entsteht ein Wechselbad aus kruder Faszination und Ekel, aber auch reichlich Langeweile durch nichtssagenden Stumpfsinn. Gerade gegen Ende, wenn der titelgebende Höhepunkt erreicht wird, ist wortwörtlich kaum noch etwas zu erkennen. Alles soll im Rausch verschlungen werden. Hier kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Ist das (wirklich) Kunst oder kann das weg?

Climax – viel Noé um nichts

Climax von Gaspar Noé ist wieder mal eine Grenzerfahrung, die kunstvolle Kameraarbeit und einen tollen Score mit menschlichen Abgründen verbindet. Neben einigem Leerlauf in der ersten Hälfte brennen sich die eindrucksvollen Bilder sowohl der Tanzchoreographien als auch Drogentrips ins Hirn des Zuschauers. Leider verpasst es der skandalträchtige Filmemacher letztlich, seinem Film noch eine interessante, tiefere Aussage zu verpassen. So erscheint gerade im Finale einiges als Provokation um der Provokation Willen, ohne dass der Regisseur seinem jetzt schon beeindruckenden Gesamtwerk wirklich etwas Neues hinzufügt. Fans bekommen also genau das, was sie erwarten – nicht mehr und nicht weniger.

Ab 12. April ist der Film als DVD, Blu-ray, digital sowie als limitiertes Mediabook zu haben.

Unsere Wertung:

 

 

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© Alamodefilm

Simon Eultgen

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