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Darlin’

Pollyanna McIntosh führt acht Jahre nach The Woman die Handlung um die verwilderte Frau und ihr Mündel in Darlin’ fort.

Titel Darlin’
Jahr 2019
Land USA
Regie Pollyanna McIntosh
Drehbuch Jack Ketchum, Lucky McKee, Pollyanna McIntosh
Genre Drama, Horror
Darsteller Lauryn Canny, Bryan Batt, Lauren Ashley Carter, Cooper Andrews, Pollyanna McIntosh, Mackenzie Bateman
Länge 100 Minuten (uncut)
FSK ab 16 Jahren freigegeben (uncut)
Verleih Capelight Pictures

Die Vorlagen und Vorgänger rund um das filmische Universums Darlin’s gestalten sich überraschend komplex. Grundbaustein stellt Jack Ketchums Roman Off Season (Beutezeit) dar. Dieser handelt von einem Kannibalenstamm, dessen blutiges Treiben in Offspring (Beutegier) erst literarisch fort- und etliche Jahre später unter gleichem Titel filmisch umgesetzt wird. Mit The Woman (Beuterausch) folgte dann die zweite Fortsetzung der Buchreihe und mit dem gleichnamigen Film die erste Fortsetzung auf filmischer Ebene.

The Woman beschäftigt sich mit der einzigen überlebenden Kannibalin aus Beutegier, die im Wald von Chris Cleek gefunden und im Keller der Familie eingesperrt wird. Dabei entpuppen sich insbesondere Chris und sein Sohn Brian als sadistische Tyrannen – gegenüber Ehefrau & Mutter, Töchtern & Schwestern und der geheimnisvollen Frau. Letztere kann sich und die Töchter von den Torturen des Vaters und des Sohnes erlösen und flieht mit ihnen in die Wälder.

Polyanna McIntosh und Lauryn Canny vor dem Schriftzug Darlin
Die vielfältigen Formate auf einem Blick. | DARLIN’ © capelight pictures

The Woman und ihr Darlin’

Dort schlägt sich die Frau (Pollyanna McIntosh: u. a. The Walking Dead, Drecksau, Beutegier) mit der schwangeren Teenagerin Peggy (Lauren Ashley Carter: Premium Rush, Darling, The Woman) und deren kleiner Schwester Darlin’ (Mackenzie Bateman) durch. 10 Jahre später landet Darlin’ (Lauryn Canny: Amber – Ein Mädchen verschwindet, A 1000 Times Good Night) durch dummen Zufall in einem christlichen Krankenhaus. Pfleger Tony (Cooper Andrews: ebenfalls The Walking Dead, Criminal Squad, Shazam!) baut eine Bindung zu dem wortlosen und völlig verwilderten Mädchen auf. Seine Fürsorge ist jedoch nicht großer Dauer, da der örtliche Bischof (Bryan Batt: 12 Years A Slave, Mad Men) in Darlin’ ein Prestigeobjekt sieht. Aus ihrer Wildheit soll in einer streng katholischen Erziehungsanstalt ein gottesfürchtiger Mensch geformt werden, der die Leute wieder an die Macht der Kirche glauben lässt…




Lauryn Canny als Darlin' empfängt das Messopfer
Darlin’ (Lauryn Canny) empfängt die Eucharastie. | DARLIN’ © Capelight Pictures

Kritik mit dem Holzhammer

Wie auch schon bei The Woman schwingt auch bei Darlin’ unter dem Mantel des (Horror)Dramas eine deutliche Portion gesellschaftlicher Kritik mit. Beide Filme sind geprägt von Patriarchat, Misogynie und Sexismus. Darlin’ ergänzt dieses toxische Gefüge um Kirchenkritik getreu dem Motto

“Wasser predigen und Wein trinken”.

Obwohl The Woman im Vergleich hinsichtlich der Brutalitäten der deutlich grafischere Film ist, schafft er es, von Beginn an die schwerer fassbare und subtilere bedrohliche Atmosphäre zu vermitteln. Die piekfeine Vorstadtfamilie, unter derer Fassade es gehörig bröckelt, strotzt sicherlich auch nicht vor höchster Originalität. Aber wie sich dort der Sadismus der männlichen Vertreter der Familie Cleek nach und nach entblättert und immer abstoßendere Auswüchse annimmt, ist in seiner Schockwirkung äußerst effektiv.

Das mag daher rühren, dass die Vorlage eben doch von beruflichen Vollblutautoren und Drehbuchschreibern stammt. Pollyanna McIntosh, hat hier nicht nur erstmals auf dem Regiestuhl Platz genommen, sondern auch Prämiere als Drehbuchautorin gefeiert. Ihr gelingt es allerdings (noch) nicht, die Figuren so ambivalent anzulegen, wie dies Lucky McKee und Jack Ketchum gelungen ist.

Bei Darlin’ sind die Fronten deshalb leider von Beginn an geklärt: Bis auf Tony sind sämtliche Männer offensichtlich und von Beginn an negativ belastet. Ob Arzt im Krankenhaus oder noch offenkundiger der Bischoff – jeder Mann bestimmt willkürlich über Darlin’s Schicksal. Dabei wird vor allem die Kritik an kirchlichen Institutionen mit dem Holzhammer präsentiert. Nach außen hin inszeniert sich diese als Ort der Nächstenliebe und des Friedens. Doch im Inneren der Erziehungsanstalt entpuppt sich diese als Hort des Schreckens und der Unterdrückung. Batts Bischof gestaltet sich manipulativ, gewalttätig und erpresserisch. Entsprechend deprimierend ist die Anstalt in Szene gesetzt. Abgewetzt Böden, verblasste Farben und altertümliche Einrichtung dominieren das Bild. Einladend oder gar umsorgend erscheint hier nichts.

Nora-Jane Noone als Schwester Jennifer beim Beten
Schwester Jennifer (Nora-Jane Noone) hadert mit ihrem Schicksal. | DARLIN’ © Capelight Pictures

Cast

Lichtblick für Darlin’ und die übrigen Mädchen ist einzig Schwester Jennifer (Nora-Jane Noon: The Descent, Doomsday, Savage). Sie sorgt sich um die ihr anvertrauten Mädchen, wobei es ihr besonders das Schicksal der verwilderten Darlin’ angetan hat. Sie ist es auch, die um die wahre Natur des Bischofs weiß und ihre Schützlinge vor seinem Einfluss bewahren möchte.

Die Mädchengruppe untereinander entwickelt eine fruchtbare Dynamik. Geteiltes Leid ist halbes Leid und so steht die Gruppe zum großen Teil geschlossen gegenüber der männlichen Machtdemonstration. Während sich der Konflikt um Darlin’ zusehends zuspitzt, befindet sich The Woman draußen in der alltäglichen Welt auf der Suche nach ihrem Zögling. Dabei sorgt sie für die ein oder andere Gewaltspitze, aber diese wirken – genau wie der Handlungsstrang rund um die Gruppe weiblicher Outlaws – seltsam deplatziert. Die Message hinter der Frauentruppe hinsichtlich Emanzipierung ist überdeutlich. So wichtig und gesellschaftlich aktuell dieser Handlungsstrang auch sein mag, er zerfasert Darlin’ leider.

Der Fokus auf den Leidensweg des Heranwachsenden wäre hier die spannendere Lösung gewesen, zumal Lauryn Canny ihre Darlin’ sehr überzeugend verkörpert.  Zwischen ungezügelter, roher Wildheit und verzweifelter Identitätssuche wechselt sie problemlos hin und her und kann ihre innere Zerrissenheit überzeugend rüberbringen. McIntoshs Frau hält sich, gemessen an der Screentime, ziemlich zurück und überlässt damit Darlin’ die Bühne. Erst am Ende finden beide Handlungsstränge wieder zueinander.

Inhaltlich fährt Darlin’ mit Missbrauch, Unterdrückung und Gewalt schwere Geschütze auf. Deren Thematisierung ist selbstverständlich von großer Bedeutung. Die Umsetzung findet aber leider zu holzschnittartig und platt statt. Dadurch entsteht eine vorgefertigte Sichtweise, ohne dem Zuschauer die Möglichkeit nach eigener Relation zu geben.

Lauryn Canny als Darlin' beim Putzen des Bodens
Darlin’ (Lauryn Canny) kommen abstruse Gedanken…| DARLIN’ © Capelight Pictures

Veröffentlichung

Darlin’ darf ab dem 29.11.2019 durch die katholische Erziehungsanstalt wandeln. Hierbei bleibt dem Konsumenten die Wahl zwischen einer digitalen VOD-Variante oder einer Amaray-Auflage für DVD und Blu-ray. Die ansehnlichste Veröffentlichung stellt aber sicher das geprägte und mit Innenmotiv ausgekleidete Steelbook (siehe unsere Bilder auf Facebook und Instagram) dar. Dieses hat den Film auf Blu-ray und UHD-Scheibe im Angebot.

Mit Darlin’ liegt der Abschluss der Dead River-Trilogie ab 16 Jahren und in ungekürzter Form vor. Betrachtet man die Freigaben der Vorgänger erscheint dies im ersten Moment verwunderlich. Beutegier war nicht einmal mit Freigabe durch die SPIO ungeschnitten, The Woman erhielt dann mit rotem Siegel die ungeschnittene Freigabe. Noch mehr als der direkte Vorgänger setzt Darlin’ jedoch auf den dramatischen Aspekt, was die niedrige Freigabe erklärt.

Unsere Wertung:

 

 

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© Capelight Pictures

DriesVanHegen

Name: Tobi | Alter: 29 | Bei Filmtoast seit: Januar 2018 | Aufgabengebiete: Reviews verfassen | Am aktuellen Mainstream völlig desinteressiert, suche ich mein Glück zum großen Teil in den Nischen des vielfältigen Horrorgenres, gerne abgründig und gewalttätig. Allerdings bin ich kein tumber Schlächter, sondern lasse mich ebenso von aufwühlenden Dramen mitreißen oder werde bei dänischem Humor schwach.

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