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Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

Ein alltägliches Dorfleben, das von unerklärlichen Gewalttaten heimgesucht wird. Das weiße Band wurde in Cannes mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

TitelDas weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte
Jahr2003
ProduktionslandDeutschland, Österreich, Frankreich, Italien
RegieMichael Haneke
DrehbuchMichael Haneke
GenreDrama, Historienfilm
DarstellerChristian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner, Maria DragusLeonard Proxauf
Länge144 Minuten
FSKAb 12 Jahren freigegeben
VerleihX Verleih AG

 

Plot:

In einem fiktiven, norddeutschen Dorf um 1913 hat der Gemeinschaftsarzt einen Reitunfall durch ein aufgespanntes Drahtseil. Eine Bäuerin verunglückt tödlich bei Aushilfsarbeiten im Sägewerk und der Sohn vom Baron wird misshandelt. Unter den Dorfbewohnern gibt es Anschuldigungen ohne konkreten Hinweis auf den eigentlichen Täter. Der Lehrer bemerkt jedoch, dass sich die Kinder merkwürdig verhalten.

Martin muss ein Geständnis ablegen ©X Verleih AG
Martin muss ein Geständnis ablegen ©X Verleih AG

Inhalt:

Michael Haneke, der Regisseur bekannt für seine gewaltvollen Skandalfilme wie Funny Games oder das nahezu 1:1 Remake Funny Games U.S., zeigt mit Das weiße Band erneut tiefe menschliche Abgründe. Statt eines üblichen Kammerspiels wird uns in diesem Film jedoch eine Kette von Gewalttaten präsentiert. Dabei bekommt der Zuschauer niemals eines der Gräueltaten direkt vor Augen serviert. Uns werden nur Folge und die resultierende Auswirkung anhand der Figuren geschildert.

Denn die schlimmste Gewalt, so zeigt der Film, ist die vorschriftsmäßige Erziehung, die mit der psychischen Unterdrückung des Menschen einhergeht. Sämtliche Gewaltakte sind somit als grausame, seelische Befreiungen zu verstehen.

Abseits der Gewalt steht allerdings eine friedliche Dorfgemeinschaft im Fokus. Es gibt spielende Kinder, gemeinsame Kirchenversammlungen und ein fröhliches Erntefest. Bei gewöhnlichen Regisseuren würde aus solchen Drehbuchpassagen ein schnulziger, deutscher Heimatfilm entstehen. Doch ein Meister wie Haneke schafft es, einen historisch akkuraten Blick darzustellen und seinen Charakteren eine eigenständige, glaubhafte Persönlichkeit einzuhauchen. Die vielfältigen Figuren sind der Hauptgrund, warum Thema und Geschichte in Das weiße Band so gut funktionieren.

Figuren:

Der Lehrer als Protagonist wird von Christian Friedel verkörpert. Aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt, jedoch ohne den größten Teil der Handlung einzunehmen. Er ist der Beobachter sämtlicher Geschehnisse. Im Gegensatz zu den anderen Dorfbewohnern, die die Augen vor den Verbrechen verschließen, dient er als Aufklärer. Seine Intention ist aber nicht die Schuldigen aufzudecken, sondern eher einen neuen Weg abseits der Zucht und Ordnung zu lehren.

Dies wird besonders durch die Beziehung zu seiner begehrten Eva, gespielt von Leonie Benesch, deutlich. Sie steht für das Resultat einer erfolgreichen Gehorsamserziehung. Ihr Wille und Verlangen ist untergeordnet. Dabei ist sie immer bemüht, es dem anderen Recht zu machen und es fällt ihr schwer, eigene Interessen zu entwickeln. Nur der Lehrer, der Eva umwirbt, schenkt ihr genügend Freiheit, damit sie ihre eigenen Vorlieben zeigen kann.

Der Pastor, sensationell gespielt von Burghart Klaußner, ist die Manifestierung dieser Gehorsamkeitslehre. Seine Liebe zu seinen Kindern versteht er nur mit Ansprachen und Bestrafungen wiederzugeben. Das seelische Wohl der Familie rückt in den Hintergrund, solang sein Glaube der Sittenordnung erfüllt wird. Martin (Leonard Proxauf) und Klara (Maria-Victoria Dragus), die Kinder des Pastors, leiden dabei besonders unter dieser Erziehung. Auch hier ist es interessant zu sehen wie unterschiedlich Bruder und Schwester auf die übertriebene Fürsorge des Vaters reagieren.

Das größte Highlight gönnt sich der Film jedoch mit dem kleinsten Sohn des Pastors, der dem Vater ein Geschenk überreicht. Diese Szene ist nicht nur warmherzig und liebevoll inszeniert. Sie zeigt auch die verletzliche Seite eines von außen hin kalt wirkenden Menschen, der im Inneren seine Gefühle entdeckt. Und es ist erstaunlich, wie es Haneke in solchen Momenten schafft, selbst den allerjüngsten Schauspieler Authentizität und Leben einzuhauchen.

Ein Geschenk für Herrn Vater ©X Verleih AG
Ein Geschenk für Herrn Vater ©X Verleih AG

Ausstattung/Form:

Neben der herausragenden Regie darf aber auch das gesamte Produktionsdesign dieser europäischen Produktion gelobt werden. Das Dorf wird in einem bezaubernden Szenenbild eingefangen. Mit der dazugehörigen Schwarzweiß-Ästhetik wirkt Das weiße Band wie eine historische Märchenerzählung. Der Lehrer als Ich-Erzähler unterstützt diese Erzählweise. Die grandiose Bildsprache könnte aber auch an manchen Stellen ohne ihn auskommen. Denn Kameramann Christian Berger schafft es, wohlgeformte, ruhige Bilder entstehen zu lassen, um damit einen Blick auf die damalige Zeit wie aus einem Fotoalbum zu visualisieren. Für den allgemeinen Popcornkinogänger werden die Einstellungen eventuell zu lang stehen bleiben und der Schnitt zu langsam daherkommen. Kinofilmliebhaber werden dafür mit feinen, durchdachten Bildausschnitten belohnt, in denen sehr viel Handlung durch die super inszenierten Charaktere verdeutlicht wird.

 

Fazit:

Das weiße Band ist einer dieser seltenen historischen Filme, die es schaffen, durch clevere Regie, gut ausgearbeitete Charaktere und kunstvolle Bilder eine perfekte Authentizität zu vermitteln. Von der Handlung her muss es auch nicht immer eines dieser typischen 2. Weltkriegs-Nazigeschichten sein, um einen interessanten Film über deutsche Vergangenheit zu vermitteln. Denn Michael Haneke schafft es mit seiner fiktiven Geschichte den wahren deutschen Charakter, und wie er sich bis ins 20. Jahrhundert ausgeprägt hat, zu thematisieren.

Unsere Wertung:

 

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©X Verleih AG

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