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Der Diener

Mit Joseph Loseys kammerspielartigem Psychodrama Der Diener liegt ein klassisches Arthouse-Meisterwerk endlich als Special Edition mit restauriertem Bild fürs Heimkino vor. Der Film glänzt in eindringlicher Schwarz-Weiß-Fotografie insbesondere mit hochkarätigen Darstellerleistungen – vor allem durch Schauspieler-Legende Dirk Bogarde. Hier erfahrt Ihr mehr.

DER DIENER (1963) HD Trailer (Deutsch / German)

TitelDer Diener (OT: The Servant)
Jahr1963
LandGroßbritannien
RegieJoseph Losey
DrehbuchHarold Pinter
GenreDrama
DarstellerDirk Bogarde, James Fox, Sarah Miles, Wendy Craig, Patrick Magee, Harold Pinter
Länge114 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihStudiocanal
Das gezeichnete Cover von Der Diener zeigt vor schwarzem Hintergrund das Spiegelbild von Tony, gespielt von James Fox, und Susan, gespielt von Wendy Craig, in Kusspose. Der ovale Spiegel wird von Hugo, gespielt von Dirk Bogarde, gehalten, der die Szene wie durch ein Loch in der Wand zu beobachten scheint.
Das Cover von Der Diener. © Studiocanal

Die Handlung von Der Diener

Hugo Barrett (Dirk Bogarde) nimmt in Der Diener eine Anstellung bei dem Aristokraten Tony (James Fox) an, der gerade erst auf Afrika zurückgekehrt ist. Tonys Verlobte Susan (Wendy Craig) entwickelt schnell Misstrauen, aber auch Eifersucht gegenüber dem servilen Hausgenossen ihres Geliebten. Doch Tony gerät zunehmend unter den Einfluss Hugos.

Schließlich stimmt er zu, Hugos vermeintliche Schwester Vera (Sarah Miles) als Hausmädchen ebenfalls aufzunehmen. Doch dies ist nur ein weiterer Aspekt in dem perfiden Plan des meisterhaften Manipulators Hugo. Es entwickelt sich ein dramatisches Psychospiel um Betrug, Verrat und Abhängigkeit. Die Beziehung zwischen Hugo und Tony nimmt zunehmend sadomasochistische Züge mit deutlich homosexuellen Konnotationen an. Ein gewagtes Konzept im Entstehungsjahr des Films.

Der Schein bestimmt das Bewusstsein

Der Diener beginnt mit Bildern eines nasskalten. trüben Tages in London. Man sieht Hugo, dessen Bekleidung mit Mantel und seltsam unpassendem Hut auf fehlendes Stilbewusstsein verweist, zielstrebig über eine schmale Grünzug zwischen Häuserzeilen auf eine Adresse zusteuern. Dabei geht er zwar Pfützen aus dem Weg, scheut sich aber nicht, seine Schuhe im Schlamm zu verdrecken. Wie ein Mann, der eine Rolle vorzuspielen versucht, die er nicht wirklich ausfüllen kann.

Während Hugo, gespielt von Dirk Bogarde, am Tisch Wein einschenkt, wird er von Tony, gespielt von James Fox, freundlich, von Susan, gespielt von Wendy Craig, aber misstrauisch beobachtet.
Misstrauisch: Am Tisch herrscht gepannte Atmosphäre zwischen Hugo (Dirk Bogarde) und Susan (Wendy Craig). Tony(James Fox nimmt davon keine Notiz. © Studiocanal

Die Tür an seinem Ziel ist offen. Hugo betritt ein fast völlig leeres Gebäude und findet den schlafenden Tony in einem Liegestuhl. Schon diese Anfangssequenz zeigt deutlich, worum es in Der Diener geht. Der Aristokrat Tony verkörpert eine Oberschicht, deren Geist so leer ist, wie das Haus. „Ein bisschen Schimmel überall, aber nicht viel“, sagt er in snobistischer Blasiertheit. Als Vertreter einer gesellschaftlichen Elite, die sich nur durch Formen und Förmlichkeiten definiert. Weshalb Tony natürlich schnellstmöglich das gerade gekaufte Haus mit allen möglichen Attributen seiner Klasse – Gemälden, Skulpturen, Landhausmöbeln – vollstopft. Artefakte einer erträumten Bedeutsamkeit.

Träumen Statuen von Südamerika?

Auch seine Zukunft ist nur ein Traum: Er will drei Städte in Südamerika bauen, dafür mal mehr, mal weniger Urwald roden, und sie mit Menschen bevölkern, die man nach dem Städtebau aber erstmal finden müsse. Die Skurrilität dieser Idee verrät neben snobistischer Ignoranz den illusorischen Charakter.

Und die gepflegte Dummheit seiner Klasse wird in einer späteren Szene von Der Diener noch einmal überdeutlich karikiert, diesmal in einem echten Landhaus: Tony und Susan sind bei Standesgenossen zu Besuch. Die Kamera fährt in den hell ausgeleuchteten Salon, in dem die Charaktere wie leblos erstarrte Statuen erscheinen – und ihre Unwissenheit und Ignoranz etwa durch die Verwechslung eines Ponchos mit einem Gaucho dokumentieren. Bemerkenswert ist auch eine Restaurantszene, in der völlig zusammenhanglos Dialogschnipsel von den anderen Tischen in die Unterhaltung zwischen Tony und Susan eingestreut werden. In winzigen Nebenrollen sind hier auch kurz der Autor Harold Pinter und der große Charaktermime Patrick Magee (Uhrwerk Orange) zu sehen.

Doch zurück zum Anfang: Auch Hugos Charakter wird schon in dieser ersten Szene deutlich. Sein abwertend selbstgefälliger Blick, mit dem er den schlafenden Tony beobachtet, spricht Bände. Man weiß von Anfang an, dass seine Servilität nur vorgespielt ist. Hinter der Fassade lauert ein Teufel.

Der Diener ist ein fieser Parasit

Regisseur Joseph Losey war ein bekennender Linker, der sich vor der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära in den USA nach Europa absetzte. Mit Schärfe entlarvt er auch in Der Diener die Dekadenz der Oberschicht. Doch ist sein Psychodrama kein Lehrstück über den Klassenkampf. Hugo ist kein Prolet, der sich gegen seinen Herren auflehnt. Er ist ein Parasit, der die Macht übernehmen will. Nicht, um eine neue Gesellschaft zu etablieren, sondern um an den Vorzügen herrschaftlichen Lebens partizipieren zu können.

Susan, gespielt von Wendy Craig, lässt sich in der Diener von Hugo, gespielt von Dirk Bogarde, Feuer für ihre Zigarette geben.
Demütigung: Susan versucht Hugo in seine Grenzen zu verweisen. © Studiocanal

Das erinnert ein wenig an den koreanischen Parasite, dessen Regisseur Bong Joon Ho auch Der Diener als eine Inspirationsquelle nannte. In Loseys Kammerspiel aber hat das in manchen Momenten durchaus Brechtsche Qualitäten. Nur kurz verweist der Hollywood-Emigrant in wenigen Einstellungen auf die eigentlichen Klassenwidersprüche: Während der Sanierungsphase im Stadthaus sieht man Tony und Hugo im Hintergrund, während die Bauarbeiter den ganzen Vordergrund groß ausfüllen. Wie heißt es doch bei Bertolt Brecht: „Wer baute das siebentorige Theben?“ Genau!

Spiegelbilder und Schatten

Doch das ist nur ein winziger Moment, ohne Bedeutung für den eigentlichen Film. Losey zeigt uns die seelische Zerrüttung einer Gesellschaft exemplarisch an seinen Figuren. Visuell beeindruckend in Schwarz-Weiß durch Kameramann Douglas Slocombe (Der große Gatsby von 1974, Unheimliche Begegnung der dritten Art, Jäger des verlorenen Schatzes) umgesetzt, der für seine Arbeit an Der Diener 1964 mit dem britischen Filmpreis BAFTA ausgezeichnet wurde. Mit Tiefenschärfe stellt er immer wieder räumliche Bezüge zu Vorder- und Hintergründen her. Spiegelbilder und große Schatten sind wichtige Inszenierungselemente und unterstreichen die Doppelbödigkeit der Charaktere. Besonders beeindruckend gegen Ende ist der bedrohliche Schatten Hugos an einer Tür, ohne dass er selbst sichtbar wird. Das hat schon Anklänge an einen Horrorfilm.

Während Hugo, gespielt von Dirk Bogarde, einen Wandspiegel putzt, spiegelt er sich mit Tony, gespielt von James Fox, darin.
Verzerrte Gesichter: Spiegel zeigen die Doppelbödigkeit der Charaktere. © Studiocanal

Slocombe spielt oft auch mit Licht und Schatten, was stark an den expressionistischen Film erinnert. Und das Finale steigert sich zu einem surrealistisch wirkenden, rauschhaften Fest, in dem die Träume Gestalt annehmen – und zu Alpträumen werden. Wenn Hugo zu der konsternierten Susan sagt: „Morgen fahren wir nach Brasilien“ liegt der Boden der Wirklichkeit schon weit hinter uns. Dann haben sich auch die Rollen verkehrt, und Hugo sitzt erhöht auf einem Schemel während Tony, auf dem Boden hockend, zu ihm aufblicken muss.

Die latente Homosexualität in der Beziehung zwischen Tony und Hugo wird nur dezent angedeutet. 1963 ist Homosexualität in Großbritannien noch verboten – und im Film erst recht. Die Romanvorlage ist da eindeutiger. Doch gibt es außer den Zwischentönen in Dialogen und Körpersprache viele kleine Hinweise in den Bildern. So rückt etwa die Figur eines nackten Athleten auf einer Vitrine deutlich ins Zentrum der Aufnahme. Und wenn sich die Kameraperspektive vom schlafenden Hugo zu den an der Wand hängenden Postern posender Bodybilder hebt, sagt das eine Menge aus.

Eine Hommage an Dirk Bogarde

Studiocanal bringt Der Diener anlässlich des 100. Geburtstags von Dirk Bogarde heraus und würdigt damit einen der bedeutendsten europäischen Darsteller der 195oer bis 70er Jahre, der heute ein wenig in Vergessenheit geraten scheint. Freunden anspruchsvoller Filme ist er vermutlich am stärksten noch durch seine brillante Darstellung des Gustav von Aschenbach in Luchino Viscontis Tod in Venedig in Erinnerung. Sehr erfolgreich aber war er insbesondere in den 1950er Jahren mit eher seichten Komödien wie der beliebten Doktor-Reihe, dessen letzter Teil, Doktor in Nöten, im selben Jahr wie Der Diener herauskam.

Hugo, gespielt von Dirk Bogarde, wie der Herr des Hauses mit einem Morgenmantel bekleidet und rauchend, hat in Der Diener den halb auf dem Bett liegenden Tony, gespielt von James Fox, an der Krawatte gepackt und demütigt ihn vor den Augen Susans, gespielt von Wendy Craig, und einer Unbekannten, die als Gast an der Party teilnimmt.
Verkehrte Rollen: Hugo demütigt den heruntergekommen Tony, Susan und eine Unbekannte, die im Haus zu Gast ist, schauen zu. © Studiocanal

Der hochintelligente Bogarde, der zunächst wegen seines guten Aussehens als Frauenschwarm galt und entsprechend besetzt wurde, wollte aber schon immer mehr. Und seine erste Zusammenarbeit mit Joseph Losey bereits 1954 mit Der schlafende Tiger ebnete dazu den Weg. Mit großer Überzeugungskraft verkörperte er auch die schwierigsten Rollen und komplexesten Charaktere – und Der Diener gibt dazu beeindruckende Beispiele. Mit Blicken oder auch nur dem Bewegen einer Augenbraue lässt er einen in seelische Abgründe blicken.

Er war einer der großen stillen Stars, der sein Privatleben und seine Homosexualität nie an die große Glocke hing. Immer wieder nahm er aber entsprechende Rollen an. Wobei insbesondere Der Teufelskreis von 1961 langfristig zu einem Umdenken und zur Entkriminalisierung der Homosexualität beigetragen haben soll. Im Laufe der 70er Jahre zog er sich allmählich vom Filmgeschäft zurück und betätigte sich verstärkt als Schriftsteller. Ebenfalls recht erfolgreich. Er starb 1999.

Geschliffene Dialoge von Harold Pinter

Doch auch die übrige Besetzung des kammerspielartigen Psychodrama ist herausragend, insbesondere James Fox in seiner ersten großen Rolle. Seine Darstellung des Tony zwischen Blasiertheit, naiver Unschuld und Verletzlichkeit ist herausragend. Und Sarah Miles verkörpert die intellektuell eher schlichte Vera mit betörender Sinnlichkeit. Die Dialoge – das erste Filmdrehbuch des berühmten Dramatikers Harold Pinter – sind geschliffen und vielschichtig. Und bei aller Dramatik gibt es auch viele humoristische Momente.

Die Veröffentlichung von Der Diener bei Studiocanal lässt ebenfalls kaum Wünsche offen. Und dank 4K-Restaurierung liegt der Film in einer sehr guten Bildqualität und sogar in zwei Formatfassungen vor. Beim Bonusmaterial, das der Blu-ray auf einer zweiten Disc beiliegt, hat sich der Verleiher nicht lumpen lassen. Zahlreiche Features und Interviews geben interessante Hintergrundinformationen nicht nur zum Film, sondern insbesondere auch über Dirk Bogarde. Ein sehr ausführliches Booklet rundet das Gesamtpaket ab.

Mein Fazit zu Der Diener

Der Film von Joseph Losey ist ein kleines Meisterwerk, dem man sich nur schwer entziehen kann. Wenn man sich darauf einlässt. Denn Der Diener ist kein Fast-Food-Menü, sondern schwere Kost, die das Publikum auf eine intellektuell interessante Reise schickt. Grandiose Filmkunst mit herausragenden Darstellern. Die Veröffentlichung durch Studiocanal ist eine gelungene Hommage an den großen Dirk Bogarde. Ein Muss für alle Arthouse-Fans.

Die Special Edition von Der Diener ist seit dem 23. September 2021 auf DVD, als Doppel-Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial sowie digital erhältlich.

Unsere Wertung:

 

 

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