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In die Sehnsucht der Schestern Gusmão sitzen Eurídice und Guida dicht nebeinander und lachen

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Die Buchadaption Die Sehnsucht der Scherstern Gusmão konnte 2019 in Cannes den Hauptpreis in der Sektion “Un Certain Regard” gewinnen. Nun ist das brasilianische Melodram auch für das Heimkino erhältlich. Wie es der Film schafft, in 134 Minuten eine berührende Geschichte zu erzählen, erfahrt ihr in unserer Kritik.

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TitelDie Sehnsucht der Schwestern Gusmão (OT: A Vida Invisível De Eurídice Gusmão)
Jahr2019
LandBrasilien, Deutschland
RegieKarim Aïnouz
DrehbuchMurilo Hauser, Inés Bortagaray, Karim Aïnouz
GenreDrama
DarstellerJulia Stockler, Carol Duarte, Flávia Gusmão, António Fonseca
Länge139 Minuten
FSKAb 12 Jahren freigegeben
VerleihPfiffl Medien/EuroVideo
Die beiden Schwestern Gusmão sitzen frühlich nebeneinander
Ofizielle DVD zu “Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão © Eurovideo

Darum geht es in Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Wir tauchen in das Rio de Janeiro der 50er Jahre ein. Das Band zwischen den beiden Schwestern Eurídice und Guida Gusmão scheint unzertrennlich. Doch ihre Bindung löst sich eines Tages auf. Eurídice arbeitet auf ihren Traum hin, Konzertpianistin zu werden, während ihre Schwester heimlich mit dem Seemann Iorgos durchbrennt. Nachdem Guida jedoch alleine und schwanger zurückkehrt, setzt ihr Vater sie vor die Tür. Sie sei schließlich eine Schande für die Familie, und daher entzieht er ihr selbst den Kontakt zu ihrer Schwester. Dafür lässt er sie in den Glauben, dass Eurídice nach Wien gezogen sei, um ihren Traum zu leben. Unwissend leben beide Schwestern in Rio und schreiben sich gegenseitig Briefe, die jedoch nie ankommen. Sie müssen sich weitestgehend alleine durchs Leben schlagen und versuchen aus ihren gesellschaftlichen Rollen auszubrechen.

Die Themen in Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão behandelt verschiedene Themen. Es ist sowohl eine Studie des Brasiliens in den 50er Jahren, sowie ein Drama mit aktuellem Bezug. Einiges handelt von Traditionen. Sex vor der Ehe ist tabu und so kommt es, dass die Ehefrau erst bei ihrer Ehe zum ersten Mal einen nackten Mann sieht. Dementsprechend ist der Akt wesentlich uneleganter, als es in den meisten Dramen dargestellt wird. Es ist näher an der Realität dran und Regisseur Karim Aïnouz möchte die Hilflosigkeit, welche die Frauen zu dieser Zeit empfunden haben, einfangen. In Verbindung mit dem Geschlechtsverkehr nimmt auch die Schwangerschaft eine wichtige Rolle in der Handlung ein. An Verhütungsmittel ist im katholischen Brasilien dieser Zeit nicht zu denken, und das Risiko, geschwängert zu werden, ist hoch.

Damit einhergehend auch das Risiko, verstoßen zu werden, wie es Guida passiert. Dies ist die Folge der Traditionen, auf denen der gesamte Film aufgebaut ist. Dies führt dazu, dass die Geschichte eine Flucht aus den Traditionen thematisiert. Schließlich wollen die Schwestern Gusmão beide aus dem gesellschaftlichen Gefängnis ausbrechen und ein emanzipiertes Leben führen. Frei von ihrer vorgeschriebenen Rolle als Frau. Aïnouz vereint diese Elemente zu einem Melodram, das fast epische Ausmaße annimmt und emotional mitreißend ist. Zum einen, da einige Situationen für den Zuschauer schwer vorstellbar sind und somit eine eigene Faszination ausüben. Zum anderen, weil das gesellschaftliche Korsett auch heute noch zu eng ist, damit jeder frei nach seinen Vorstellungen leben kann. Dadurch entsteht eine unterschwellige Aktualität der Handlung.

In die Sehnsucht der Schestern Gusmão sitzen Eurídice und Guida dicht nebeinander und lachen
Das Band zwischen Eurídice und Guida scheint anfangs unzertrennlich © Bruno Machado

Eine filmische Oper

Karim Aïnouzs Ziel war es, ein Melodram zu schaffen, das sich so groß wie eine Oper anfühlt. Sein Plan ging auf. Natürlich muss man keine gewaltige Oper erwarten, doch der Bezug ist erkennbar. Die Handlung Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão streckt sich über eine gewaltige Zeitspanne, wodurch eine epische Erzählung entsteht. Um den großen Zeitabschnitt abbilden zu können, gibt es immer wieder Zeitsprünge, die sich über ein Jahr oder mehr erstrecken können. Markiert werden diese durch die Briefe der Schwestern, die wir als Voice Over vorgelesen bekommen. Was genau zwischen den Zeitsprüngen passiert ist, erschließt sich allerdings erst im Laufe der Handlung. Der Film kaut dem Zuschauer nicht alles vor, sondern überlässt es ihm mitzudenken, um eventuell zu erkennen, dass in dieser Zeit beispielsweise eine Person erkrankt oder gestorben ist.

Guida (Julia Stockler) steht rauchend vor einem Auto. Gegenüber von ihr sieht man leicht verschwommen ihre Schwester
Der Weg in die Unabhängigkeit gestaltet sich schwieriger als erwartet. © Bruno Machado

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão und der Aufbruch des Melodrams

Obwohl sich Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao der Struktur und den Elementen des Melodrams annimmt, bricht er mit einigen Konventionen. Er hinterfragt die Eleganz und die Prüderie, die sich häufig in amerikanischen Melodramen breitmacht. Aïnouz möchte näher an der Realität sein. Dies bedeutet, dass der Film um einiges freizügiger und unverblümt inszeniert und geschrieben ist. Am deutlichsten spürt man es eben in den Sexszenen, die immer eine gewisse Härte und einen regelrechten Sexualtrieb mit sich ziehen. Als Inspiration für eine schonungslose Darstellung des Dramas dienten unter anderem Rainer Werner Fassbinder. Wie bei Fassbinder, gelingt es Aïnouz, nicht zu sentimental zu werden und den Zuschauer trotzdem emotional zu berühren.

Ein großer Teil der emotionalen Schlagkraft ist den Schauspielern zu verdanken. Obwohl es der erste Langfilm für die beiden Hauptdarstellerinnen Julia Stockler und Carol Duarte ist, spielen sie hervorragend. Da auf übertriebene Sentimentalität verzichtet wird, ist das Schauspiel eher subtil, aber nicht weniger aussagekräftig. Sie tauchen beide in ihre Rollen und das 50er Jahre-Rio de Janeiro ein. Es bleibt spannend, was man noch in Zukunft von ihnen sieht, denn sie haben mit Sicherheit eine große Karriere vor sich. Doch neben ihnen sind auch die Nebendarsteller passend besetzt und alle harmonieren so miteinander, dass sich eine authentische Stimmung entwickelt. Jeder ergänzt das Schauspiel des anderen, anstatt es übertrumpfen zu wollen.

In Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão spielen Eurídice und Guida lachend miteinander
Im Wald können die Schwestern Gusmão frei sein © Bruno Machado

Bilder für die Ewigkeit

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão wurde mit einer Digitalkamera gedreht, doch entkommt dem klassischen Digitalkamera-Look. Es sieht hin und wieder sogar aus, als würde auf echtem Film gedreht werden. Zudem spielt die Kamera viel mit den Farben und dem Licht. Kamerafrau Hélène Louvart erschafft durch leuchtende warme Farben, die komplementär zum Einsatz von blauen Farben stehen, Bilder, die wie gemalt aussehen. Doch es ist nicht zu künstlich, um der Authentizität im Weg zustehen. In Kombination mit den Schatten und dem Blocking, erinnert es ein wenig an In the Mood for Love. Die Bilder geben der Geschichte eine passende Stimmung, die durch einen sehr bedachten Musikeinsatz verstärkt wird. Musik wird nur dann verwendet, wenn es für die Gefühle der Szene wirklich notwendig ist. Dadurch wird den Emotionen der Charaktere ohne Score genügend Beachtung geschenkt. Weswegen der Effekt der Musik umso größer ist, wenn sie dann doch zu hören ist.

Eurídice und Guida Gusmão reden in ihrem Zimmer miteinander, sehen sich dabei in die Augen.
Eurídice und Guida Gusmão können über alles reden. © Bruno Machado

Unser Fazit zu Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Karim Aïnouz hat ein einzigartiges Melodram erschaffen, das einen authentischen Ansatz verfolgt und in seiner gesamten Lauflänge eine bedrückende Stimmung entwickelt, die spätestens im Finale für die ein oder andere Träne sorgen dürfte. Denn es ist eine schöne Geschichte über den Bund zweier Schwestern, die versuchen aus Ihrer gesellschaftlichen Rolle auszubrechen. Mit einem nahegehenden Schauspiel und wunderschönen Bildern entsteht so eine filmische Oper, die sowohl das Rio de Janeiro der 50er einfängt, als auch zeitgenössisch ist. Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão ist alles andere als glattgebügelt und effekthaschend. Er ist ruhig, bedacht und in seiner realistischen Schonungslosigkeit auch konsequent. Wenn die bekannten amerikanischen Melodramen wie ein Traum sind, dann ist dies wie die Realität, die einem nach dem Aufwachen wieder überrollt.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão ist seit dem 5. Mai 2020 als DVD oder VoD erhältlich.

Unsere Wertung:

 

 

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© Bruno Machado, © Eurovideo

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