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Die Wütenden – Les Misérables  

Im diesjährigen Oscar-Rennen hat der Beitrag aus Frankreich zwar am Ende den Kürzeren gezogen. Trotzdem ist Die Wütenden – Les Misérables durch die Nominierung zu einiger Aufmerksamkeit gekommen. Warum das Sozialdrama mit dem irreführenden Titel wohl lediglich Leute enttäuschen wird, die hier eine weitere Musicaladaption erwarten, erfahrt ihr in dieser Filmkritik.

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TitelDie Wütenden – Les Misérables
Jahr2019
LandFrankreich
RegieLadj Ly
DrehbuchLadj Ly
GenreDrama, Thriller
DarstellerDamien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, Steve Tiencheu
Länge105 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihWild Bunch
Das Kinoplakat von Les Misérables
Das Plakat des Films © Wild Bunch Germany

Les Misérables  – bekannter Titel, völlig andere Geschichte

Im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis herrscht eine aufgeladene Atmosphäre. Ein Funken reicht, um die Situation zwischen rivalisierenden Clans, der Polizei und aufmüpfigen Jugendlichen eskalieren zu lassen. Bereits an seinem ersten Tag an der neuen Arbeitsstelle muss dies auch Stéphane (Damien Bonnard), das neue Mitglied der Verbrechensbekämpfung, feststellen. Der alleinerziehende Vater hat sich in den Problembezirk aus familiären Gründen versetzen lassen und wird als Frischling direkt von seinen neuen Kollegen in die rauen Gepflogenheiten vor Ort eingeführt. Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) kennen ihren Bezirk gut und haben die multikulturellen Konfliktherde durch ihre eigenen harten Methoden eigentlich im Griff. Als einem Zirkuschef jedoch sein liebstes Löwenjunges entwendet wird, droht die Lage völlig außer Kontrolle zu geraten.

Die drei neuen Kollegen verlassen ein Gebäude im Banlieue in Les Misérables
Stéphane, Chris und Gwada im Ziviloutfit und doch mit Schutzweste © Wild Bunch Germany

Seit an Seit mit dem Neuling im Krieg der Kulturen

Wer Filme wie Training Day oder End of Watch kennt, dem wird die Erzählperspektive von Die Wütenden – Les Misérables vertraut vorkommen. Ähnlich wie in den amerikanischen Polizei-Thrillern nimmt man als Zuschauer auch hier die Position direkt an der Seite der Polizisten ein. Durch diese Unmittelbarkeit fühlt sich der Film wahnsinnig authentisch an. Einige Szenen laufen gar in Echtzeit ab, man ist quasi der unsichtbare Vierte im Ermittlerteam.

Trotzdem unterscheidet sich dieser französische Film ziemlich deutlich von den genannten Vergleichsfilmen. In diesem Film stehen die kulturellen Konflikte und die sozialen Unruhen in einem Brennpunkt im Mittelpunkt. Es gibt keine Verbrecherorganisation, die es zu infiltrieren gilt, hier müssen die Polizisten beweisen, dass sie sich auf die Augenhöhe der Stadtteilbewohner begeben können. Empathie einerseits und Weitblick andererseits stehen ganz oben im Jobprofil, um von den gesellschaftlich Geächteten vor Ort als neutrale, wichtige Instanz akzeptiert zu werden.

Interessant ist in Die Wütenden – Les Misérables an erster Stelle, wie unterschiedlich die drei Polizisten in der unberechenbaren Lage versuchen, die Oberhand zu wahren und so den Respekt aller Zivilisten zu sichern. Stéphane hat anfangs noch nicht einmal die Akzeptanz seiner neuen Kollegen und ist dementsprechend auch sehr unsicher, was ihn durchaus zu einer leichten Zielscheibe macht. Die beiden erfahrenen Polizisten sind zwar schon größtenteils beim Du mit Bandenbossen und Kiezkönigen angekommen und trotzdem reagieren sie völlig unvorbereitet, als die Situation vor der Eskalation steht. Der Film zeigt auf erschreckende Weise, dass eine Lage wie in den Banlieues Paris’ jeden an seine Grenzen bringt, egal wie viel Berufserfahrung man mitbringt.

Einwohner der Vorstadt auf der Straße vor einem Plattenbaugebäude
Die Kinder und eine der wenigen Respektspersonen auf der Straße © Wild Bunch Germany

Starke Milieustudie, packendes Polizeidrama

Dass der Film sich den Schauplatz mit dem berühmten Drama von Victor Hugo teilt, ist eindeutig als Statement des Regisseurs und Autors zu verstehen. In den 150 Jahren seither hat sich an den Missständen in den berüchtigten sozialen Brennpunkten Frankreichs nicht viel getan. Frankreich ist geprägt von einem extrem ausgeprägten Gefälle in der Gesellschaft, unter den Jugendlichen, speziell mit Migrationshintergrund, herrscht Desillusion und Perspektivlosigkeit. Die Wütenden – Les Misérables legt den Finger gezielt in die Wunde und prangert an. Wenn die Kinder im Drama jeglichen Respekt vor dem Staat verlieren und die Polizei vor Ort das stellvertretend abbekommt, dann ereilt den Zuschauer ein eisigen Schauer. Natürlich ist es hier eine fiktive Geschichte, aber gut und gerne könnte es jeden Tag zu genau so einer Explosion der Gewalt kommen.

Man nimmt speziell auch den Kinderdarstellern ihre Rollen voll ab. Die Szenerie ist so realistisch, dass man teils fast eine dokumentarische Atmosphäre spürt. Der ganze Plot wirkt so organisch, als ob man lediglich den Stein anstoßen musste und sich dann der Rest von selbst ergeben hat. Diese Aspekte machen diese Milieustudie stellenweise hart anzusehen, obwohl der Film per se nicht brutal ist. Die Härte spielt sich auch im Kopf der Zuschauer ab.

Ein kleiner Kritikpunkt ergibt sich in den Szenen, in denen die schauspielerisch nicht besonders beschlagenen Darsteller statt mit Gesten und Taten tatsächlich mit Worten zu überzeugen versuchen. Speziell Chris Redeanteile sind derart voll mit Schimpfworten, dass er einem fast auf die Nerven geht. Durch die äußerst vulgäre Charakterzeichnung verkommt seine Figur nicht nur zum Anti-Sympathieträger, sondern wirkt fast karikaturesk.

Die Jugendlichen aus dem Banlieue sitzen zusammen vor einer Steinmauer in Les Misérables
Im sozialen Brennpunktviertel haben schon die Jugendlichen kaum Hoffnung © Wild Bunch Germany

Die Wütenden – Les Misérables geizt mit Hoffnungsmomenten

Womit man womöglich ein Problem haben könnte, ist die Drastik mit der Ladj Ly hier vorgeht. Es soll nun mal ein realistisches Bild zeichnen und das echte Leben und die Nachrichten, die immer wieder für Fassungslosigkeit sorgen, sind nun mal hart.

Immer wieder gibt es Momente, in denen man kurz die Hoffnung verspürt, dass sich die Akteure gegen ihre Impulse und für die menschlichere Option entscheiden. Speziell der Neue im Team hat auch noch die nötige Energie und den Glauben, etwas bewegen zu können. Doch in der Hilflosigkeit seiner Kollegen reift sehr schnell dann auch die Erkenntnis, dass er mit seinem Restidealismus auf verlorenem Posten ist. Bezeichnend ist dafür, dass er sich in der Vermittlerrolle nach der Eskalation zwischen Polizei und Jugendgang schon auf der sicheren Seite wähnt. Doch spätestens mit der überragenden Schlussviertelstunde und dem Schlusspunkt fallen auch dem letzten Optimisten die Schuppen von den Augen. Im Stich gelassen von der ebenfalls hilflosen Politik Frankreichs ist der tagtägliche Kampf gegen die Missstände für die Polizei in einem solchen Problemviertel ein wahrhaftiges Himmelfahrtskommando.

Unser Fazit zu Die Wütenden – Les Misérables 

Das Sozialdrama ist insgesamt eher schwerverdauliche Kost und trotzdem ein enorm aussagekräftiger, wichtiger Film. Im Fokus steht für den Regisseur ganz klar die Zielsetzung, nachdrücklich auf die Hoffnungslosigkeit in den Banlieues Frankreichs aufmerksam zu machen. Die interessanten Figuren, sowohl auf Seiten der Polizei als auch unter den unterschiedlichen Gruppierungen, die um die Vorherrschaft im Viertel buhlen, tragen dazu bei, dass man trotzdem eine hochspannende Thriller-Atmosphäre bekommt.

Einige bemerkenswerte Szenen wird man nicht so schnell vergessen. Der Paukenschlag am Ende sitzt tief. Gute Laune wird man nach der Sichtung von Die Wütenden – Les Misérables wahrscheinlich nicht haben. Mit Sicherheit aber wird man viele Bilder im Kopf haben, die einen zum Nachdenken bringen. Damit erfüllt der Film fast ohne Aber seine Zielsetzung.

Die Wütenden – Les Misérables ist bei den VOD-Diensten im Verleih erhältlich und auch auf Blu-Ray und DVD zu erwerben.

Unsere Wertung:

 

 

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