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Eine ganz normale Familie.

Eine ganz normale Familie

Der Inbegriff des „Zerbrochene-Familie-Dramas“. Bedächtig, aber bestimmt, entfaltet sich Redfords Inszenierung einer Familie am Scheideweg. Das Nachbeben aus Trauer und Wut verbildlicht die psychische Bewältigung von Verlust nach einer Tragödie. Hier erfahrt ihr mehr über Eine ganz normale Familie.

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TitelEine ganz normale Familie (OT: Ordinary People)
Jahr1980
LandUSA
RegieRobert Redford
DrehbuchAlvin Sargent
GenreDrama
DarstellerTimothy Hutton, Mary Tyler Moore, Donald Sutherland, Judd Hirsch
Länge124 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihParamount Pictures Germany
Unter dem Titel „Eine ganz normale Familie” schwimmt ein Foto der Familie Jarret unter der Wasseroberfläche. Links auf dem Bild ist Mutter Beth, neben ihr Mann Calvin. Zwischen diesen beiden und Sohn Conrad ganz rechts, ist die Fotografie zerissen.
Das Blu-ray Cover von „Eine ganz normale Familie”. © 2022 Paramount Pictures Germany

Die Handlung von Eine ganz normale Familie

Die gut situierten Jarrets wohnen in einer Villa, pflegen es Golf zu spielen und gelegentlichen Urlaub. Sohn Conrad ist Mitglied im Schulchor und Schwimm-Team. Die Welt scheint noch in Ordnung. Dabei wird rasch klar, dass hier eine Fassade aufrecht erhalten wird, welche immer mehr ins Wanken gerät. Der frühe Tod des ältesten Sohnes lastet schwer auf der Familie und zu aller Entsetzen versuchte Conrad, sich anschließend das Leben zu nehmen. Zurück zu Hause geht jedes Familienmitglied anders mit der Situation um. Äußerlich gefasst, überspielt seine Mutter Distanziertheit und Emotionslosigkeit, sein Vater ignoriert die wachsenden Spannungen und Conrad wird von Alpträumen geplagt, sodass er schließlich einen Psychiater aufsucht. Wird diese tief zerrüttete Familie Frieden finden oder schlussendlich auseinander brechen?

Im Kern eine Coming-of-Age-Geschichte

Eine ganz normale Familie ist ein zeitloser Klassiker. Das liegt im Wesentlichen an der besonderen emotionalen Intelligenz des schonungslos ehrlichen Scripts. Echte Menschen, reale Konflikte, nachvollziehbare Dialoge. Ernste Themen werden mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt. Depressionen und psychische Probleme sind nahbar, weder stereotypisch noch manipulativ geschrieben. Das Wort Liebe hat eine deutlich tiefgreifendere und weniger verschwenderische Bedeutung als sonst so häufig.

Der Film stellt die Frage, ob Erwachsenwerden bedeutet, dass wir lernen, mit Problemen besser umzugehen oder nur anders. Eine ganz normale Familie widmet sich indessen dem inneren Tumult derer, welche “die Energie aufwenden, es zurückzuhalten.” Schmerz, Schuldgefühle und die Unfähigkeit, aus sich heraus etwas zu ändern. Der Film widmet sich nicht nur den Problemen, sondern bietet auch Lösungsvorschläge und das Gefühl, dass jene Hilflosigkeit, welche die Familie befallen hat, absolut normal ist.

Calvin (links) und Beth (rechts) sitzen zusammen und reden. Er hat es sich gemütlich gemacht und stützt den Kopf mit den Händen, sie hält ihre Hände verkrampft und schaut ihn an. Hinter ihnen stehen, auf einer Ablage, verschiedene Spirituosen.
Calvin und (besonders) Beth planen wieder normalere Weihnachten. © 2022 Paramount Pictures Germany

Wie gewöhnlich ist die „normale“ Familie?

Anfangs irritiert der Obere-Mittelschicht-Lifestyle der Jarrets, mindert sogar die Identifizierbarkeit. Teure Restaurants, feinste Kleider, eine pompöse Geburtstagsfeier, die deutlich macht, wie unfassbar oberflächlich und verschlossen sie sind. Auf das Ansehen wird besonderen Wert gelegt, dabei wird dem Publikum klar gemacht, dass die Jarretts möglicherweise finanziell nicht als „normal“ gelten, jedoch dieselben Probleme haben wie alle anderen. In vielerlei Hinsicht handelt der Film von Geheimnissen, voreinander und vor sich selbst. Geheimnisse preiszugeben, als abnormal zu gelten, ängstigt. So öffnen sich zunächst auch die Jarretts nicht.

„Was ist eigentlich normal?” Die „Norm“ wird oft abwertend missbraucht, normal ist aber doch eigentlich, wer individuell ist, mit Makeln, Ängsten und Sorgen. So trägt der Titel schon viel Bedeutung mit sich. Ein sehr philosophischer Blick auf unseren Alltag.

Zu Recht vierfacher Oscar-Gewinner

Einfach aber effektiv gefilmt, setzt Robert Redford hier ein intimes, zurückgenommenes Drama um, welches weder verkompliziert noch verherrlicht. In allen Aspekten beweisen Redford und Drehbuchautor Sargent exzellentes Fingerspitzengefühl. Sie wissen ganz genau, wo die Reise beginnen und was gezeigt werden soll. Ähnlich wie bei Yasujirō Ozu (Die Reise nach Tokio) werden die folgenschweren Taten meist nicht gezeigt, bleiben aber elementares Thema. Conrads Selbstmordversuch, der Krankenhausaufenthalt, etc. lassen einen nicht los, bleiben aber vage und überlassen der Vorstellungskraft einen so großen Teil, dass es dem Publikum leichter fällt, in die Schuhe der Charaktere zu schlüpfen – die Emotionen zu spüren.

Viele Szenen lassen bei genauerer Betrachtung eine tiefsinnige Metaphorik erkennen. Nach einem lauten Schlagabtausch wechselt die Szene zur nicht mehr so souveränen Beth: ein zerbrochener Teller liegt in ihren Händen und sie meint, dass diese zwei Hälften noch gerettet werden können… Doch am Ende eben jener Szene ist sie schon wieder die Alte und nutzt den selben Satz in völlig anderem Ton, als belanglose Unterbrechung, welche jegliche Doppeldeutigkeit und damit Tiefe vermissen lässt. Ein Satz, zwei ganz verschiedene Gefühle. Schon der erste gesprochene Dialog, ausgerechnet von einem Schauspieler im Theater, welcher davon handelt, wie sehr er seine Partnerin kennt, zeigt einem am Ende, wie rund der Film ist.

Beth und Conrad sitzen im Garten. Im Hintergrund ist das Haus, Gartenstühle und rechts und links Blumen zu sehen. Beth schaut ihren Sohn erstaunt an, er schaut in die Ferne und hält seine Jacke.
Eine seltene Annäherungen von Mutter und Sohn. © 2022 Paramount Pictures Germany

Stille Wasser sind tief

Die Bildsprache ist clever komponiert, was schon mit dem Opening Shot sichtbar wird, alles soll uns Normalität vermitteln: Ein Schwenk über den ruhigen See, weiter über die verschlafenen Kulissen zu einem Chor, bald ruhend auf einem Jungen unter vielen. „Boom“, plötzlich schreckt Conrad aus einem Alptraum hervor. Es ist doch nicht alles so gewöhnlich, wie es aussieht. Warum mit einem Blick über den See beginnen? Dieses Beispiel zeigt die Genialität trotz Schlichtheit auf. Redford achtet darauf, meistens zwei Figuren im Blickfeld zu haben, sich auf ihr Miteinander zu konzentrieren. Familiäres Chaos wird so strukturiert und klar in die einzelnen Probleme aufgedröselt.

Brilliant ist der Film in seinem Tempo, in der Art wie das Publikum Stück für Stück Informationen zugesteckt bekommt um daraus im Verlauf, wie bei einem Mosaik, das große Ganze zusammensetzt. Wie bei einem Geheimnis, das ans Tageslicht kommt, wird die Hintergrundgeschichte in den Vordergrund gerückt. Denn diese Figuren halten ihre Gedanken nicht nur voreinander bei sich, auch wir müssen erst tiefer forschen. Laut Conrad ist bei seinem ersten Gespräch bei Dr. Berger „Alles in Ordnung”, der daraufhin offen ausspricht: „Warum bist du dann hier?”

Farbgestaltung, die sehr nuancierte und ganz gefühlvolle Musik, Schauplätze, alles fügt sich perfekt zusammen um den Interaktionen der Figuren genug Aufmerksamkeit zu schenken, weder abzulenken noch Gefühle aufzuforcieren. Der Film ist so beschaffen, dass sich komplett auf das Kernstück fokussiert wird: die überzeugenden Darbietungen der Konflikte einzelner Personen.

Die zwischenmenschlichen Töne

Timothy Huttons Conrad ist einer der nachvollziehbarsten Leinwand-Teenager, zwischen Hilfeschrei, Aufruhr, Angst und Mut. Ein ambivalenter Charakter, überfordert von der Situation, ohne Plan und doch gewillt, wenn schon niemand anders es tut, sich zu helfen. Durcheinander und doch so klar.

In den Momenten mit seinem Love Interest Jeannine noch unsicher, spricht er mit Berger energisch, lässt sich von seinen Gefühlen überwältigen, aber nicht unterkriegen. Conrad ist wahrscheinlich das reifste Familienmitglied und doch oder gerade deswegen weiß er, wie viel Schmerz auf ihn wartet. Er weiß nicht nur, dass er „nicht perfekt“ ist wie seine Mutter, fürchtet sich auch vor Veränderung, aber begibt sich wissentlich auf eine schwierige Reise, wo andere noch Jahre später nicht den ersten Schritt getan haben. Wie in Ingmar Bergmans Fanny und Alexander: „Jeder schreit seine Verzweiflung heraus oder hält sie in seinen Gedanken.”

Rechts vorne sitzt Conrad und schaut bedrückt nach unten. Links hinten, etwas versetzt zu ihm, sitzt sein Psychiater Dr. Berger und schaut Conrad an in Eine ganz normale Familie.
Conrad kann sich bei Dr. Berger endlich mal öffnen. © 2022 Paramount Pictures Germany

„Vergiss doch mal, wie es aussieht. Was ist es für ein Gefühl?”

Bei seinen stark gespielten Ausbrüchen – sein tiefstes Inneres offenbarend, sich verletzlich zu machen und nicht zurückzuschrecken – unterstützt ihn Judd Hirsch als Dr. Berger mit psychologischer Hilfestellung. Die beiden teilen eine unfassbare Chemie. Einer der realistischeren Therapeuten, der kein Wunderheilmittel hat/verspricht, aber sein Möglichstes tut. Hirschs Präsenz versprüht ein Gefühl von aufrichtiger Ehrlichkeit, Geborgenheit, ein Mann, dem man gerne alles anvertraut, auch wenn er manchmal regelrecht Emotionen herauskitzeln muss. Die reflektierten Gespräche zwischen Hutton und Hirsch sind DIE absoluten Highlights des Films.

Beide Eltern halten die Krankheit, welche die Familie befallen hat, am Laufen. Das wird klar, als sie sich vor Conrads Augen ganz gewöhnlich über den Tod der Schwester eines Bekannten unterhalten. Beide sind unsensibel, er ignoriert, sie verdrängt. Donald Sutherland ist als liebevoller, bemühter Vater in konstanter Sorge wunderbar. Mary Tyler Moore liefert eine Tour-de-Force-Performance ab. Man lernt, sie zu hassen, obwohl sie einem nur leid tun kann. Die perfekte Hausfrau und Gesellschaftsdame, aber unter der Oberfläche psychisch verkrüppelt. Durch massive Verleugnung stopft sie ihre Gefühle ganz tief in sich hinein. Sie hat die Fähigkeit verloren, ihren Sohn zu lieben, kann es sich aber nicht eingestehen. Sie hat die Abfahrt verpasst, die Conrad versucht einzuschlagen. Dieses „Ach so normale“ erinnert an Ingrid Bergmans Mutterrolle in Herbstsonate.

Das Schauspiel und die Charaktere bleiben selbst in den kürzeren Nebenrollen im Gedächtnis: Jeannine sorgt für etwas leichtere positive Momente im trüben Grau. Karen hingegen bringt uns wieder auf den Boden der Tatsachen – nicht alles ist so, wie es scheint.

Unser Fazit zu Eine ganz normale Familie

Eine ganz normale Familie ist ein kraftvoller und zugleich sensibler Film, der seinem empfindlichen Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit und ganz zarter Hand begegnet. Mit einer einfachen, umso wirkungsvolleren Regie, gepaart mit spektakulären Performances der starken Besetzung gelingt es eine, dem Anschein nach, simple Geschichte zu einer intensiven und tiefsinnigen Erfahrung umzusetzen. Der Prototyp des Familiendrama-Genres, der es gleichzeitig perfektioniert hat. Ein Regiedebüt, das durch und durch gelungen ist.

Eine ganz normale Familie ist seit dem 14.04.22 erstmals auf Blu-ray erhältlich!

Unsere Wertung:

 

 

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