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Inés synchronisiert Horrorfilme in El prófugo

El prófugo

Der Wettbewerb der diesjährigen Berlinale wurde von einem argentinischen Streifen eröffnet, der in seiner Beschreibung als Psycho-Sex-Thriller betitelt wird. Durch diese eher ungewöhnlich Genre machte El prófugo  auf sich aufmerksam. Ob der Streifen auch qualitativ überzeugen kann, erfahrt ihr im Folgenden.

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TitelEl prófugo
Jahr2020
LandArgentinien, Mexiko
RegieNatalia Meta
DrehbuchNatalia Meta, Leonel D’Agostino
GenreThriller, Horror
DarstellerÉrica Rivas, Nahuel Pérez Biscayart, Daniel Hendler, Cecilia Roth, Guillermo Arengo, Agustín Rittano, Mirta Busnelli
Länge90 Minuten
FSKnoch nicht bekannt
Verleihnoch nicht bekannt
Regisseurin Natalia Meta von El prófugo
Die Regisseurin Natalia Meta © Valeria Fiorini

Worum geht es in El prófugo?

Inés muss ein traumatisches Erlebnis verarbeiten. Auf ihrer gemeinsamen Urlaubsreise kommt ihr damaliger Freund auf mysteriöse Art und Weise im Anschluss an einen Streit ums Leben. Von da an will es auch in ihrem Beruf als Synchronsprecherin und Sängerin nicht mehr so richtig funktionieren. Besonders ihre Stimme lässt sich nicht mehr so kontrollieren wie früher. Als sich dann auf den Tonaufnahmen auch noch merkwürdige Frequenzen in den Obertönen ihrer Stimme feststellen lassen und sie beginnt zu halluzinieren, lässt sich Traum und Realität schnell nicht mehr voneinander trennen. Es scheint so als würde sie von einem geheimnisvollen Eindringling (die deutsche Übersetzung des Titels) heimgesucht werden. Doch wie kann man diesen wieder loswerden? Inés muss sich ihren Dämonen tief in ihrem Innersten stellen, um wieder zu alter Stärke gelangen zu können. Das ist jedoch leichter gesagt als getan.

Inés synchronisiert Horrorfilme in El prófugo
Inés (Érica Rivas) muss einen Horrorfilm synchronisieren in El prófugo © Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

Ein ungewöhnliches Genre für die Berlinale

Der Genrefilm ist wie bei vielen Filmfestivals auch auf der Berlinale wenn überhaupt, dann eher in den kleineren Sektionen anzutreffen. Umso überraschender ist es, dass es sich bei dem argentinischen Wettbewerbsbeitrag El prófugo laut dessen Beschreibung um einen intensiven Psycho-Sex-Thriller handelt. Der künstlerische Leiter des Festivals Carlo Chatrian setzt somit ein klares Zeichen für mehr stilistische und genretechnische Vielfalt, indem er den Streifen sogar als Auftaktfilm ausgewählt hat. Doch kann der Film diesen Erwartungen gerecht werden und frischen Wind in den sonst vorwiegend von Dramen bevölkerten Wettbewerb bringen? Leider nicht so richtig. Dafür gerät der Film von Natalia Meta doch zu seicht. Die Grusel- und Spannungsmomente dringen eher in den Hintergrund und können nicht immer überzeugen, sodass echte Schockmomente praktisch nicht vertreten sind. In diesem Punkt muss man seine Erwartungen also entsprechend absenken.

Die Vermischung von Körperlichkeit und psychologischen Aspekten des Menschen sind besonders im Horrorgenre ein gern gesehenes Motiv. Besonders David Cronenberg hat sich mit dem sogenannten Body-Horror einen Namen machen können. Die Fliege ist vermutlich das eindrucksvollste Beispiel dieser Gattung, indem dass Innerste wortwörtlich nach außen gekehrt wird. Selbst- und Fremdwahrnehmung werden dadurch überspitzt verdeutlicht und bilden den Rahmen für künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Auch El prófugo sieht sich in dieser Tradition, versetzt die Handlung jedoch in ein noch nicht so ausgelutschtes Setting. In der Arbeit als Synchronsprecherin und Sängerin ist Inés auf ihre Stimme und damit auch ihren gesamten Körper angewiesen. Die Ausgangsidee des Streifen, das innerstes Böse könnte sich in der Stimme manifestieren und damit für alle sichtbar beziehungsweise hörbar werden, stellt also einen überaus interessanten Ansatz dar.

Leopoldo verstirbt in El prófugo
Leopoldo (Daniel Hendler) verstirbt unter mysteriösen Umständen in El prófugo © Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

Leider zu belanglos

Leider gelingt es insbesondere Hauptdarstellerin Érica Rivas nicht, diesen Schrecken auf der Leinwand einzufangen. Dafür ist sie stimmlich nicht vielfältig genug und auch die Inszenierung der Regisseurin bleibt zu zahm und zurückhaltend, als dass sich der gewünschte Effekt einstellen könnte. Etwas mehr Mut zum Extremen hätte dem Streifen daher nicht geschadet, denn in dieser Form bleibt sowohl die emotional erfahrbare Ebene als auch die inhaltliche relativ blass. Ebenso uncharismatisch kommt auch Daniel Hendler als der verstorbene Ex-Freund von Inés daher. Außerdem wird nicht ganz klar, in welches Licht deren Beziehung gerückt werden soll. Einerseits wirkt sie von Anfang an zum Scheitern verurteilt, während sie andererseits nicht über den grauenvollen Verlust hinwegzukommen scheint. Ginge es der Regisseurin und Drehbuchautorin nur darum, das traumatische Erlebnis darzustellen, so hätte eine Rückblende durchaus genügt. Die restlichen Szenen wirken eher ausschmückend.

Auch ganz allgemein bleibt der Streifen in seiner inhaltlichen Aussage sehr allgemein. Das Böse wird hier als abstrakte Form unkommentiert stehen gelassen, sodass man relativ schnell das Interesse an der Erzählung verliert. Einzig Nahuel Pérez Biscayart in der Rolle des Alberto kann gelegentlich für Faszination sorgen. Seine verspielte Art und seine strahlend blauen Augen erreichen einen gewissen Effekt, der zwar abstrakt, aber dennoch einprägsam im Gedächtnis bleibt. Vermischt werden diese Elemente dann jedoch mit okkulten Ritualen, die nicht näher auserzählt werden und einer Art Mythologie, die doch arg konstruiert wirkt. El prófugo kann daher in seiner recht kurzen Laufzeit zwar relativ gut unterhalten, wird vom Publikum allerdings auch schnell wieder vergessen werden. Auch aus inszenatorischer Perspektive finden sich einige gute Ideen, jedoch selten so ausformuliert, dass sie wirklich in Erinnerung bleiben. Kamera und Szenenbild sind stimmig, aber nicht so ausfallend, wie sie hätten sein können.

Alberto stimmt die Orgel in El prófugo
Alberto (Nahuel Pérez Biscayart) ist eine mysteriöse Person in El prófugo © Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

Eine uninspirierte Inszenierung

In der Theorie würde man außerdem erwarten, dass El prófugo insbesondere mit seiner Musik bleibenden Eindruck hinterlassen könnte. Mit stimmlichen, aber instrumentalen Klängen bietet sich sich der Thematik entsprechend ein großes Spektrum an Möglichkeiten. Die Musik von Luciano Azzigotti bleibt jedoch ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. Es gelingt ihm nicht, die passende Balance aus dissonanten, verstörenden Klängen und der Harmonien im Umfeld von Inés einzufangen. Der Score wirkt häufig zu dick aufgetragen und kann sogar für den ein oder anderen unfreiwillig komischen Moment sorgen. 

Besonders die inhaltliche Leere hinterlässt nach Sichtung des Films einen bitteren Beigeschmack. Eine richtige Vision des Schrecklichen ist nicht zu erkennen. Dadurch verbleibt er in relativer Uneindeutigkeit und mach es den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht leicht, den Nebel der Eindrücke und einzelnen Handlungsstränge zu durchdringen. 

Inés in einem Konzert in El prófugo
Inés hat Schwierigkeiten ihre Stimme zu kontrollieren in El prófugo © Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

Unser Fazit zu El prófugo

Alles in allem bleibt der argentinische Thriller deutlich hinter seinen Erwartungen zurück und schafft es nicht, seine gelungene und vielversprechende Ausgangssituation zufriedenstellend und tiefergehend auszuerwählen. Regisseurin Natalia Meta bleibt zu zahm, zu seicht und leider auch zu unkonkret, um wirklich schockieren zu können. Damit konnte El prófugo leider auch nicht den gewünschten neuen Wind in den genretechnischen Einheitsbrei des Wettbewerbs der Berlinale bringen. Dennoch vermag der Streifen zuweilen über seine recht kurze Laufzeit gut zu unterhalten, auch wenn die darstellenden Akteure nicht wirklich auf höchstem Niveau performen können. Man spürt die Einflüsse großer, klassischer Horrorfilme wie Die Fliege oder Argentos Suspiria (der insbesondere in der Farbgebung eine Inspiration dargestellt haben könnte) und doch kann sich die Regisseurin und Drehbuchautorin nicht dazu durchringen, ihre Geschichte ähnlich konsequent zu erzählen. Es bleiben viele ungenutzte Möglichkeiten und dadurch ein Film, der schnell vergessen wird. 

Unsere Wertung:

 

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© Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

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