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Ema, im Zentrum des Bildes, tanzt mit ihrem Ensemble Reggaeton.

Ema

In Ema spielt die gleichnamige Protagonisten mit dem Feuer, um ihren Adoptivsohn zurückzubekommen. Der achte Spielfilm des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín feierte bereits 2019 bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere und erscheint nun für das Heimkino.

EMA (2020) HD Trailer (Deutsch / German)

TitelEma
Jahr2019
LandChile
RegiePablo Larraín
DrehbuchGuillermo Calderón, Alejandro Moreno, Pablo Larraín
GenreDrama, Musikfilm
DarstellerMariana Di Girolamo, Gael García Bernal, Santiago Cabrera, Paola Giannini, Mariana Loyola, Catalina Saavedra, Giannina Fruttero, Paula Luchsinger, Cristián Suárez
Länge107 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihKoch Films
Das Blu-ray-Cover von Ema zeigt die Protagonistin, gespielt von Mariana Di Girolamo gemeinsam mit Gastón (Gael Garcia Bernal) getaucht in lila-pinke Farbe. Der Titel ist in grüner Schrift gehalten.
Das Cover der Blu-ray zu Ema © Koch Films

Ema – Handlung

Ema (Mariana Di Girolamo) ist eine impulsive Tänzerin aus der Kompanie ihres Ehemannes Gastón (Gael Garcia Bernal). Die Ehe scheint in die Brüche zu gehen, nachdem das toxische Paar ihren Adoptivsohn Polo (Cristián Suárez) wieder zurückgegeben hat. Von der Gesellschaft wie von ihrem Mann verachtet, macht sich Ema auf die Mission, ihren Sohn zurückzubekommen. Dabei schert sie sich nicht, wen sie dafür bekämpfen, betören oder zerstören muss. Ihre Waffen sind der Tanz, Sex und das Feuer.

„Mit dem wahren Leben hat das nichts zu tun“

Lange Zeit lässt sich nicht wirklich erahnen, wo die Geschichte hinführt. Das ist sowohl positiv als auch negativ zu lesen. Denn einen Teil der Zuschauerschaft – diejenigen, die besonderen Wert auf eine kohärente Narrative oder sympathische Charaktere legen – wird der Film spätestens im Mittelteil wohl verlieren. Elliptische Dialoge und fragmentarische Szenen machen aus Ema ein filmisches Labyrinth, das die ganze Perfidie der Geschichte erst gegen Ende preisgibt. Freunde des performativen Kinos verfolgen die hypnotischen Bilder voller verführerischer Tänze, kalkuliertem Sex und erschütterndem Psycho-Terror dagegen sicherlich gebannt. „Mit dem wahren Leben hat das nichts zu tun“, wird Gastón über eine seiner Inszenierungen sagen – gleiches ließe sich sicherlich auch über den Film selbst sagen.

Ema (Mariana Di Girolamo) sitzt mit gesenktem Kopf auf dem Bett, während Gastón (Gael Garcia Bernal) daneben kniet und mit seinem Kopf auf ihren Beinen ruht.
Die Beziehung von Ema und Gastón scheint am Boden zu sein © Koch Films

Tatsächlich fühlt es sich während der gesamten Laufzeit an, als wäre die gezeigte Welt gleichzeitig ungeheuer real und trotzdem komplett von der Realität isoliert. Alle Figuren außer Emas direkte Familie und Tanzgruppe (die wiederum auch quasi eine Familie ist) sind nur Statisten, die wunderschöne Hafenstadt Valparaíso in Chile dient höchstens als Kulisse. Nichts zählt, außer Emas Ziele; das gibt dem Drama wiederum ein Gefühl vom Leben im Hier und Jetzt. Und genau so wurde es auch von Regisseur Pablo Larraín beabsichtigt: In einem Interview mit der Streaming-Plattform Mubi erzählt er, dass den Schauspielern nie ein komplettes Skript ausgehändigt wurde. Seine Darsteller mussten also von Tag zu Tag und stets gegenwärtig spielen. Das Gefühl überträgt sich dabei umso mehr auf den Zuschauer, jeder Streit, jede Auseinandersetzung, jede Handlung mutet absolut an.

Alles tanzt um die Sonne

Im selben Interview bezeichnet Larraín seine Hauptfigur Ema – in der Logik des Films – als eine Art Sonne: „Man könnte womöglich das Gefühl haben, dass alles um sie herum aufgebaut ist und wenn man ihr zu nahe kommt, sich verbrennen könnte“. Dieses Bild wird auch direkt zu Beginn hervorgerufen, denn zur Vorstellung der Charaktere wird eine Choreographie Gastóns, in der Ema tanzt, gegengeschnitten. In dieser Inszenierung umkreisen die Tänzer eine Videoprojektion eines Feuerballs, doch bald rotieren sie mit angestrengten Bewegungen um die Hauptfigur. Ema tritt auf visueller und inhaltlicher Ebene an die Stelle der Sonne.

Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael Garcia Bernal) stehen mit gesenktem Kopf vor einer Videoprojektion eines Feuerballs.
Wer ihr zu nahekommt, verbrennt: Die Sonne und Ema © Koch Films

Verdeutlicht wird das auch nochmal durch die von Larraíns Stamm-Kameramann Sergio Armstrong klug geführte Kamera, die Ema oft ins Zentrum des Bildes rückt. Mal folgt sie den Figuren, mal die Figuren ihr. Dabei steht die Kamera nie ganz still, bewegt sich aber nur in ganz langsamen, teils kaum merkbaren Bewegungen, auch bei Großaufnahmen. Sie ist also immer dynamisch – wie die Figuren selbst, die Beziehungen zwischen den Figuren oder die später impulsiven Tänze der Figuren. Das sorgt für den gewollt nervösen Grundtenor. Darüber hinaus fängt Armstrong ein paar fantastische Bilder ein, die jetzt immerhin auf den heimischen Flimmerkisten betrachtet werden dürfen. Am 22. Oktober 2020 erhielt Ema zwar immerhin noch einen deutschen Kinostart, nur elf Tage später mussten allerdings alle Kinos aufgrund des Lockdowns schließen.

Tanz als Politikum

Als Ema Ende des Sommers 2019 im Hauptwettbewerb bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte, umschrieb Larraín sein Werk als Meditation über den menschlichen Körper, Tanz und Mutterschaft. Selbst wenn der ein oder andere Zuschauer, genau wie das Umfeld Emas, die Rückgabe eines Adoptivsohns als unverzeihbar empfinden mögen, das dargestellte Gefühl von Verlust und Trauer ist doch ein universales. Und so drückt sich die Hauptcharakterin eben in einer Art aus, die sie gut kennt: dem Tanz. Der ist Selbstbestimmung, der symbolisiert die Rückgewinnung über den eigenen Körper. So hört sie auf, für ihren Ehemann vorgegebene Choreographien zu tanzen und improvisiert und übt stattdessen größtenteils mit einem weiblichen Teil der ursprünglichen Truppe einen neuen Stil, der einmal als „Orgasmus, der getanzt werden kann“ bezeichnet wird. Und tatsächlich trifft das den gezeigten Reggaeton-Stil mit all seinen stampfenden Schritten, sexualisierten Hüftbewegungen und den martialischen Formationen ganz gut.

Ema (Mariana Di Girolamo) tanzt im Vordergrund, ihre Arme sind ausgebreitet, der Kopf erhoben. Im Hintergrund folgen ihr weitere Tänzerinnen und Tänzer.
Die Geste ist eindeutig: Der Reggaeton macht Ema selbstsicherer © Koch Films

Ihre Bewegungen sind prompt befreiter und selbstbewusster. Und so ist Ema, so stolz wie lakonisch, ein Sinnbild für eine neue, kompromisslose Frauenbewegung. Larraín, der alle Charaktere als Metaphern oder Reflexion auf etwas Größeres sieht, lässt seine Hauptfigur wie ein Phönix aus der Asche emporkommen, eine Flamme, die alle und alles um sich herum entzündet. Auch ihr abgestoßener und nun zurückgewollter Adoptivsohn hatte eine Vorliebe fürs Zündeln, was letztendlich schwere, lebensgefährliche Verbrennungen an Emas Schwester nach sich zog. Ema wiederum wird auf ihrer Mission eine Affäre mit einem Feuerwehrmann eingehen. Möchte sie gar alle Brandherde löschen? Doch dafür muss sie erst einmal ein Feuer entfachen.

Ein Novum vor und hinter der Kamera

All das würde filmisch sicherlich nicht so gut funktionieren, würde Mariana Di Girolamo in ihrer ersten Hauptrolle nicht eine derart sensationelle Leistung abliefern. Mit ihrem stoischen, selbstbewussten und zornigen Blick sichert sie ihrer Figur wenn schon nicht unbedingt die Sympathie, doch zumindest den Respekt und das Interesse des Zuschauers. Kaum zu glauben auch, dass sie nicht selbst professionelle Tänzerin ist. Mit ihren überlegten und trotzdem natürlich wirkenden Bewegungen fügt sie sich hervorragend in das Tänzerinnen-Ensemble ein und übernimmt auch hier mühelos die zentrale Position. Trotz oder gerade dank ihres sehr reduzierten Spiels besitzt sie eine ungeheuer einnehmende Präsenz. Dabei wirkt sie mit ihren peroxidblond-gefärbten Haaren, die den Übergang zu ihrem Hautton fast unsichtbar zu machen scheinen, fast wie eine Projektionsfläche für andere. Eine mutige Rolle, die sie perfekt ausfüllt.

Ema (Mariana Di Girolamo) steht kurz nach Sonnenuntergang an einem Straßenrand und richtet ihren Flammenwerfer in die Lüfte.
In Ema lodert es © Koch Films

Ema ist die mittlerweile achte Regiearbeit des chilenischen Regisseurs. Nach seinem Debüt mit dem Musikerdrama Fuga setzte er sich in den drei darauffolgenden Filmen (Tony Manero, Post Mortem und No!) mit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet auseinander. Letzterer – ebenfalls mit Gael Garcia Bernal – wurde sogar als erster chilenischer Film für den besten fremdsprachigen Film bei den Oscars nominiert. Mit El Club, ein klaustrophobisches wie dialoglastiges Werk über von der Kirche verbannte pädophile Priester, die in einer isolierten Wohngruppe zusammenfinden, erhielt er bei der Berlinale 2015 den Großen Preis der Jury. 2016 folgten gleich zwei vielbeachtete und politische Portraits: Neruda über den gleichnamigen Nobelpreisträger der Literatur und Aktivisten sowie Jackie: Die First Lady mit Natalie Portman. Ema markiert also, obwohl es der dritte in Valparaíso angesiedelte Film ist, eine deutliche Ausnahme in Larraíns Werk. Abgesondert von der Wirklichkeit und dabei deutlich frischer, wilder und berauschender.

Unser Fazit zu Ema

Ema ist herausforderndes, eigensinniges und kompromissloses Kino, das jede Erwartung, jeden Gedanken, den man sich während der Laufzeit zum unvermeidlichen Ende des Filmes machen mag, lustvoll abfackelt. Mit berauschenden Bildern hält Regisseur Pablo Larraín ein flammendes Plädoyer für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, mag dabei aber einen Großteil des an gängige Erzählweisen gewohnte Publikum abschrecken. Sei’s drum, alle anderen erfreuen sich über das hitzige Filmlabyrinth.

Ema erscheint am 25. März 2021 auf Blu-ray und DVD.

Unsere Wertung:

 

 

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