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Der Hauptdarsteller von Bloody Hell steht oberkörperfrei vor der Kamera, reckt die Hände in die Höhe und bekommt von einer unbekannten Person den Mund zugehalten

Fantasy Filmfest 2020: Vorbericht und Interview

„Fünf Tage FANTASY FILMFEST sind besser als kein FANTASY FILMFEST, finden wir!“.

So schreibt es das Team hinter Deutschlands größtem Genre-Filmfest in der Einleitung des diesjährigen Programmhefts. Und ich denke, es gibt keinen Genre-Film-Fan in Deutschland, der diesen Worten widersprechen würde. Wir werfen für euch ein Auge auf das Programm des Fantasy Filmfest 2020 und konnten vorab mit Programmchefin Frederike Dellert sprechen.

Das Poster zum Fantasy Filmfest 2020
Das Poster zum Fantasy Filmfest 2020

2020 ist ein besonderes Jahr

Auch vor dem altehrwürdigen Fantasy Filmfest machen die Auswirkungen der Corona-Pandemie natürlich keinen Halt. Während man in der 2019er-Ausgabe 63 Filme an elf Tagen verköstigen durfte, so beschränkt sich die 2020er-Edition auf 21 Filme an fünf Tagen. Zudem sucht man den geliebten Kurzfilmwettbewerb Get Shorty dieses Jahr vergeblich. Warum das so ist, und welche Auswirkungen die Corona-Pandemie sonst noch auf die Organisation des Festivals hatte, das und noch viel mehr erklärt uns die Programmchefin des FFF Frederike Dellert im Interview, welches ihr am Ende des Vorberichts findet. Das Weiterlesen lohnt sich also auf jeden Fall!




Vorher wollen wir aber einen kurzen Blick auf das diesjährige Programm werfen. Denn trotz der widrigen Umstände bietet das Fantasy Filmfest 2020 eine überzeugende Auswahl an Genre-Perlen.

Einer der Hauptdarsteller aus Palm Springs liegt auf dem Sofa und spuckt sein Getränk in hohem Bogen aus
Der diesjährige Eröffnungsfilm Palm Springs © LEONINE Distribution

Die drei Herzstücke

Klassischerweise spannt sich das Programm in den unterschiedlichen Festivalstädten anhand von drei festen Programmpunkten auf. Dem Eröffnungsfilm, dem Centerpiece und dem Abschlussfilm. Und da das Jahr 2020 für uns alle schon düster genug ist, bekommen wir in all diesen drei Slots Filme präsentiert, die uns mit unterschiedlichsten Mitteln zum Lachen bringen wollen.

Den Start macht Palm Springs. Der erste Langfilm von Regisseur Max Barbakow ist mit Andy Samberg (Saturday Night Live, Brooklyn Nine-Nine) und Cristin Milioti (Fargo) nicht nur namhaft besetzt, sondern bietet mit seiner rasant-abstrusen Zeitschleifen-Thematik auch ordentlich Potential zum Kultfilm. Irgendwo zwischen Und täglich grüßt das Murmeltier und Happy Deathday scheint der Film eine gut funktionierende Nische gefunden zu haben, denn beim renommierten Sundance Film Festival 2020 waren Publikum und Jury gleichermaßen begeistert.

Im Zentrum des diesjährigen Treibens steht mit Dinner In America ein wilder Roadtrip, bei dem unsere Protagonisten Patty und Simon eigentlich nur ein Punk-Konzert besuchen wollen. Während Patty eine gemobbte Einzelgängerin mit Hang zu extravaganter Kleidung ist, bildet Simon mit seiner latent aggressiven Art und dem zynischen Auftreten ihren perfekten Gegenpart. Gemeinsam haben sie auf dem wilden Roadtrip das ein oder andere Abenteuer zu bestehen, welche, ihr ahnt es ob der Kombination sicher schon, vermutlich nicht gut ausgehen werden. Wer da an Ben Wheatleys Sightseers denkt, der könnte auf einer guten Spur sein und in etwa wissen, was ihn erwartet.

Mit dem Rausschmeißer namens Bloody Hell ziehen die Macher des FFF dann nochmal alle Register. Der Pechvogel Rex will nach acht Jahren Knast seine schräge Vergangenheit in den Staaten hinter sich lassen und in Finnland ein neues Leben beginnen. Doch leider findet er sich in seinem Land der Wahl direkt in einer noch viel schlimmeren und schmerzhafteren Hölle wieder. Schlagfertiger und sehr düsterer Humor trifft auf ausgiebigen Splatter, der jedem Gore-Hound das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Der Abschlussfilm des diesjährigen Festivals ist mit seinem enormen Pacing die Antithese zu jedem Slow-Burner und soll die Zuschauer mit einem breiten Grinsen nach Hause schicken.

Der Hauptdarsteller von Bloody Hell steht oberkörperfrei vor der Kamera, reckt die Hände in die Höhe und bekommt von einer unbekannten Person den Mund zugehalten
Bloody Hell bildet den blutigen Abschluss des Festivals © Arclight Films

Und der großartige Rest

Doch auch zwischen diesen drei Reißern bietet das Fantasy Filmfest 2020 ein sehr starkes Programm.

Freunde fremder Welten sollten sich den russischen Sci-Fi-Horror Sputnik und den britischen Hightech-Thriller Archive auf die Uhr schreiben. Bei Becky erlebt man King of Queens Star Kevin James als Rädelsführer einer Nazitruppe, die sich mit dem falschen Mädchen angelegt hat. Und in Get The Hell Out bricht die Hölle im taiwanesischen Parlament aus. Wem das alles noch zu normal ist, der darf mit Mandibles den neusten Film von Mindfuck-König Quentin Dupieux erleben oder sich in Possessor Brandon Cronenbergs neusten Body-Horror-Streich stellen.

Eine Übersicht aller 21 Filme des Fantasy Filmfest 2020 findet ihr selbstverständlich auf der offiziellen Festivalseite.

Zum Abschluss des Vorberichts wollen wir, wie eingangs angekündigt, die Programmchefin des Fantasy Filmfest Frederike Dellert zu Wort kommen lassen. Viel Spaß mit dem Interview und natürlich auch viel Spaß auf dem Festival!

Eine weibliche Figur mit einer entstellten Gesichtsmaske in einem rotstichigen Bild
Für viele das Highlight dieses Jahr: Possessor © Arclight Films

Das Interview mit der Programmchefin Frederike Dellert

Hallo Frederike. Stell’ Dich unseren Leser*innen doch ein wenig vor. Wer bist Du und was ist Deine Aufgabe im Rahmen des Fantasy Filmfest?

Ich bin die Fredi und die einzige Frau im Direktoren-Team. Ich betone das nur, weil es bisher (leider) noch nicht viele Frauen gibt, die sich dem Genre beruflich als Festivalmacherin verschrieben haben. Wir leiten das Fantasy Filmfest zu dritt: Artur Brzozowski, Rainer Stefan und ich. Mein Fokus ist die Programmgestaltung, um die ich mich schon seit 25 Jahren kümmere. Trotz der langen Zeit grusele ich mich aber immer noch leidenschaftlich gern.

Ohne die Fähigkeit, sich zu gruseln, würde das Fantasy Filmfest auch keinen Spaß machen. Warum heißt es eigentlich Fantasy Filmfest, wenn doch ein Großteil Eures Programms aus den Genres Horror, Sci-Fi und Thriller kommt?

Mit dem Festivalnamen haben wir es mittlerweile etwas schwer. Damals bei Gründung war es ein cooler, international klingender Name. Viele Genre-Festivals weltweit haben sich „Fantastic“, „Fantasia“ etc genannt. Heutzutage wird der Titel „Fantasy Filmfest“ aber schnell auf das Genre „Fantasy“ reduziert und Elfen, Feen und Zauberer damit assoziiert. Dabei bezieht sich der Name im eigentlichen auf den „phantastischen Film“, der viele Subgenres von Horror über Sciencefiction beinhaltet und eine lange, wichtige Tradition, gerade für den deutschen Film, hat.

Auch vor Eurem Festival haben die Auswirkungen der Corona-Pandemie keinen Halt gemacht. Inwieweit hat die Thematik Eure Planung bzw. Eure Vorbereitungen beeinflusst?

Vor allem ist die Platzkapazität in den meisten unserer Festivalspielorte eingeschränkt und die Auflagen zu den Sicherheitskonzepten sind auf Bundesebene unterschiedlich gelöst. Das hat die Planung sehr kompliziert gemacht. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten durchgehend gezittert und gehofft, dass die Kinos öffnen, aufbleiben und die Sicherheitsabstände nicht allzu drakonisch sind, um das Festival wenigstens kostendeckend durchzuführen. Aus wirtschaftlicher Sicht macht es aktuell leider keinen Sinn. Aber uns ist es wichtig, dass etwas passiert und wir den Zuschauern etwas bieten können.

Um das Risiko überschaubarer zu halten, mussten wir das Filmangebot aber wie die meisten Festivals dies Jahr verkleinern und zeigen nun in allen Festivalstädten 21 Filme in jeweils fünf Tagen. Das Programm ist aber sehr schön knackig geworden, mit einigen echten Entdeckungen und Weltpremieren. Schade ist natürlich, dass aufgrund der Reisebeschränkungen keine internationalen Filmemacher anreisen können. Aber einige haben uns zumindest Grußbotschaften geschickt, die vor der Filmvorführung als Intro gezeigt werden.

Die Hauptdarstellerin aus Bring Me Home schaut verunsichert zur Seite, während im Hintergrund weitere Personen stehen
Ist Bring Me Home der nächste Kracher aus Südkorea? © Busch Media Group

Manche Film-Festivals, wie bspw. das Japan FilmFest Hamburg, haben sich für ein rein digitales Festival entschieden und bieten die Beiträge im Streaming an. Weswegen habt Ihr Euch dagegen entschieden?

Wir finden, es ist einfach nicht dasselbe. Ein Filmfestival findet eben im Kino statt und lebt von der gemeinsamen Stimmung. Auch wenn die Abstände nun etwas größer sind, bleibt es ein Live-Event mit Moderationen, Applaus etc. und vor allem werden die Filme auf der großen Leinwand gezeigt.

Wäre ein zumindest teil-digitales Modell in der Zukunft für Euch denkbar?

Wenn die Situation so schwierig bleibt wie bisher, werden wir natürlich darüber nachdenken. Im Moment sammeln wir erstmal Meinungen, wie die digitalen Angebote bei anderen Festivals überhaupt aufgenommen werden, was die Vor- und Nachteile sind. Dann wird man sehen. Aber im Herzen hoffe ich, dass der Kern aller Festivals live bleiben wird. Das ist ja eine besondere Sache, sich für die Teilnahme eines Festivals zu entscheiden, womöglich extra hinzureisen, vielleicht mit Künstlern ins Gespräch zu kommen, ein Autogramm zu ergattern. Diese Begeisterung, dieses Brennen für etwas, ist ein ganz wichtiger Part. Die Digitalisierung bringt so viel Verfügbarkeit und Bequemlichkeit mit sich, die ich persönlich natürlich auch sehr schätze, aber die cineastische Seite darf dabei nicht auf der Strecke bleiben.

Du sagtest, dass Dein Fokus auf der Programmgestaltung des FFF liegt. Welche Maßstäbe setzt Du da an? Inwieweit spielt da Dein persönlicher Filmgeschmack eine Rolle?

Wir wählen die Filme zu dritt aus und haben dabei schon mal recht unterschiedliche Geschmäcker, denen wir aber vertrauen. Dazu kommt, dass wir unsere Zuschauer ziemlich gut kennen und einschätzen können, was gefragt ist und gut ankommen wird. Einige treue Zuschauer sind schon seit den Festivalanfängen in der 80er Jahren dabei. Wichtig ist für uns immer, Altbewährtes zu bedienen und parallel dazu neue Impulse aufzuspüren. Jedes Jahr bestreiten an die 50% des Programms Debütfilme. Ziel ist es, dem Publikum den neuen Hit seines Lieblingsregisseurs zu präsentieren sowie die Kultfilmentdeckung von morgen. Dabei hat sich das Festival über die Jahre auch inhaltlich stark geöffnet und die eng gesteckten Grenzen der Genres überwunden. Vibrierendes Arthousekino, das einen gewissen schrägen Touch hat – vielleicht durch überzeichnete Charaktere oder einen ungewöhnlichen Erzählstil – passt genauso gut zum Fantasy Filmfest wie der traditionelle Fun-Splatter.

Die beiden Hauptdarsteller aus Dinner In America schauen an der Kamera vorbei
Arthouse-Kino mit WTF-Momenten in Dinner In America © Visit Films

Kannst Du abschätzen, wie viele Filme Du im Jahr für das Festival schaust? Hat man da privat überhaupt noch Lust, Filme zu schauen?

Wir gucken ca. 5-10 mal mehr Filme als für die letztendliche Programmauswahl herauskommt. Kommt immer ein bisschen auf den Jahrgang an. Und oh ja, ich liebe auch privat nach wie vor Filme. Gern auch ganz andere Sachen, aber ein guter Horrorstreifen, den wir aus irgendeinem Grund nicht fürs Festival gewinnen konnten, hat immer Priorität bei mir 🙂

Arbeitet Ihr in der Leitungsebene Vollzeit am FFF oder wäre die Kunst dafür, im wahrsten Sinne, zu brotlos?

Üblicherweise nicht ganz Vollzeit, wir arbeiten teils auch bei anderen Festivals mit. Aber aktuell schränkt Corona natürlich die üblichen Bedingungen und Möglichkeiten ein.

Auch wenn sich das für Dich so anfühlen dürfte, als müssten Eltern zwischen Ihren Kindern entscheiden: Was ist Dein Favorit im diesjährigen Programm und warum?

Eine schwere Entscheidung. Da nehme ich SPUTNIK, eine russische Sciencefiction mit einem großartigen Look und Alien-Design. Anfangs ein echter Slowburner, dem man total verfällt. Die Geschichte und Charaktere sind sehr intensiv, auch dass die Handlung in der Zeit des Kalten Krieges Anfang der 80er Jahre spielt, ist spannend.

Obwohl die Auswahl dieses Jahr verhältnismäßig gering ist: Was war bisher Dein Film-Highlight 2020 und auf welchen Film freust Du Dich am meisten?

PARASITE. Und jetzt freue ich mich diese Woche darauf endlich TENET zu sehen – in 70mm, ein Traum!

Lieben Dank für das Interview, Frederike. Abschließend übergebe ich Dir das Wort.

Gern geschehen, ich bedanke mich ebenfalls und hoffe, wir sehen uns bald alle im Kino!

Abschließend noch ein kurzer Überblick über die Termine des Fantasy Filmfest 2020:

Berlin, 09. bis 13.09.

Frankfurt, 09. bis 13.09.

Hamburg, 16. bis 20.09.

Köln, 23. bis 27.09.

München, 16. bis 20.09.

Nürnberg, 16. bis 20.09.

Stuttgart, 23. bis 27.09.

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