Auf dem Filmfestival von Venedig galt Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten als große Enttäuschung. Kann die neue Schnittfassung retten, was zu retten ist? Ihr erfahrt es in unserer Review!

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Titel | BARDO, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten |
Jahr | 2022 |
Land | Mexico |
Regie | Alejandro González Iñárritu |
Genres | Komödie, Drama |
Darsteller | Daniel Giménez Cacho, Griselda Siciliani, Íker Sánchez Solano, Ximena Lamadrid, Luz Jiménez, Luis Couturier, Francisco Rubio, Andrés Almeida, Clementina Guadarrama, Jay O. Sanders, Noé Hernández, Fabiola Guajardo, Mar Carrera, Rubén Zamora, Omar Leyva, Grace Shen, Edison Ruiz, Daniel Damuzi, Alex Guevara, Misha Arias De La Cantolla, Jorge Gidi, Jeronimo Guerra, Hugo Albores, Grantham Coleman, Luis Gnecco, Alejandro Belmonte, José Antonio Toledano, Asbel Ramses, Montserrat Marañon, Carlos Corona, Gilberto Barraza, María Aura, Carolina Politi |
Länge | 159 Minuten |
Wer streamt? | Abonnement: Netflix, Netflix Standard with Ads |
Die Handlung von Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten
Der in Los Angeles wohnhafte mexikanische Dokumentarfilmer Silverio Gama (Daniel Giménez Cacho) soll als erster Lateinamerikaner einen prestigeträchtigen Preis für Journalismus verliehen bekommen. Als die Ehrung näher rückt, beginnt sich seine Wahrnehmung zu verändern. Silverio sieht plötzlich Dinge, die nicht existieren. Gegenstände, Menschen, ganze Situationen scheinen sich um ihn herum zu verwandeln. Für ihn beginnt eine Suche nach dem Sinn seiner Existenz, auf der er sich mit seiner Vergangenheit arrangieren und seiner Identität bewusst werden muss. Die Realität um ihn herum bröckelt immer weiter und Traum, Fantasie und Einbildung verschwimmen. Silverio tritt eine schicksalshafte Reise an, ohne zu wissen, wohin sie ihn führen wird.
Alles überall auf einmal
Dass Bardo die Gemüter spalten wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Film hat eine Lauflänge von mehr als zweieinhalb Stunden und keine Minute vergeht schnell. Die surreale und teilweise anstrengende Präsentation dürfte große Teile des Publikums abschrecken. Dadurch, dass verschiedene Realitätsebenen nahtlos ineinandergreifen, ist es fast unmöglich, beim ersten Mal jeden Handlungsstrang zu greifen und eine emotionale Verbindung zur Hauptfigur herzustellen. Ob es für die meisten Zuschauer:innen ein zweites Mal geben wird, sei an dieser Stelle anzuzweifeln. Die Tragikomödie macht es gewiss nicht leicht, erschlossen zu werden, scheint sich an vielen Punkten sogar dagegen zu wehren. Ein Untergang zwischen den unzähligen austauschbaren Netflix-Titeln der Woche ist gegen Ende des Jahres damit quasi vorprogrammiert.
Dennoch kann man Iñárritu eines schlicht und ergreifend nicht absprechen: Er ist Visionär. Dieses Wort, so überstrapaziert es inzwischen auch sein mag, könnte hier nicht zutreffender sein. Bardo ist in seiner fast aggressiven Überforderung so gnadenlos kreativ, dass man fast spürt, wie das eigene Gehirn schmilzt. Derartige visuelle Stimulation dürfte man zuletzt im April bei Everything Everywhere All at Once gespürt haben, davor wiederum eine lange Zeit überhaupt nicht. Der Film ist bis zum Rand vollgestopft mit Ideen, Konzepten, Analogien, Symbolen und variantenreichen ausgefeilten Set Pieces. Beispielloser Ideenreichtum sprudelt aus Iñárritu heraus wie aus einem Wasserhahn, der mit dem Daumen zugehalten wird. Nicht alles trifft dabei ins Schwarze, man kommt allerdings nicht umhin, das Gesamtkonstrukt zu bewundern.
Ein Leben dazwischen
Filmen, die sich derart undurchschaubar präsentieren, fällt es natürlich leicht, Beliebigkeit zu diagnostizieren. Die Grenze zwischen symbolischem Meisterwerk und prätentiöser Arroganz lässt sich nicht immer leicht ziehen. Bardo jedoch wirft über die gesamte Lauflänge eine ausreichende Menge an Brotkrumen aus, um zumindest den Ansatz einer Lesart vorzugeben. Deutlich eingestreut werden Hinweise auf Themen wie Heimatlosigkeit, Identität und Zugehörigkeit. Dabei ist faszinierend, wie Iñárritu die Besprechung von Migration mit der von Sterblichkeit verwebt. Der Begriff “Bardo” bezeichnet in vielen Formen des Buddhismus einen Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt. Auch Silverio befindet sich in einem Zwischenraum, nämlich dem zwischen Mexikaner und US-Amerikaner. Er lebt mit seiner Familie seit Jahren in den Vereinigten Staaten, aber wird nach wie vor als Mexikaner wahrgenommen. Bei der Passkontrolle am Flughafen wird ihm deutlich gemacht, dass er in den USA nicht zuhause ist. Ihn plagen Schuldgefühle, dass seine Migration vollzogen wurde, während andere Mexiko nicht verlassen können.
Iñárritu zeichnet damit konsequent das Bild einer gespaltenen Persönlichkeit und erkundet die Zerrissenheit seines Protagonisten. Dieser dürfte nicht nur optisch eine Repräsentationsfigur für den Regisseur höchstselbst sein, auch beider Männer Biografien weisen Ähnlichkeiten auf. Silverio ist in den USA präsent, aber nicht angekommen. Über den gesamten Film hinweg begegnen wir Menschen und Objekten in anderen Zwischenstadien; Vergangenheit und Zukunft, Kinder und Erwachsene, Leben und Tod verformen sich und verschmelzen. Eines der plumpsten, aber sicher auch markantesten Bilder in Bardo präsentiert uns Iñárritu gleich zu Beginn. Ein Neugeborenes wird vom medizinischen Personal kurz nach der Geburt wieder zurück in die Mutter gepresst, weil es die Welt als zu grausam erachtet. Hin- und hergerissen zwischen einem Körper, der es abgestoßen hat, und einem Leben, das es sich nicht wünscht – deutlicher ließe sich der zentrale Konflikt des Films kaum darstellen.
Tolle Bilder – mit Abstrichen
All diese abstrakten Konzepte verpackt Iñárritu mit von ihm gewohnten technischen Geschick. Erwähnenswert ist dabei nicht nur die saubere Kameraarbeit von Darius Khondji, die sicherlich zu den besten des Jahres gehört, sondern auch die unfassbare Ausstattung. Szenenbildner Eugenio Caballero hat sich wahrlich selbst übertroffen. Schon die schiere Anzahl an Sets ist beeindruckend, denn fast keine Location in diesem mehrstündigen Werk wird häufiger als zweimal verwendet. Aber dennoch gilt nicht Masse statt Klasse. Die einzelnen Szenerien sind zudem nämlich auch noch höchst liebevoll und vielfältig konstruiert. Die Symbiose aus Beleuchtung, Requisiten und Kulissen ergibt eine Vielzahl hochwertiger Bilder. Angereichert werden diese mit starker Musik und Tongestaltung; David Bowies “Let’s Dance” dürfte wohl selten eindrucksvoller verwendet worden sein.
Der einzige technische Makel in der ansonsten erstklassigen Präsentation findet sich in der beizeiten doch recht dürftigen CGI-Arbeit. Bereits das zuvor erwähnte Baby sieht aus, als wäre es direkt aus Robert Zemeckis’ Polarexpress statt aus einem Geburtskanal gekommen. Sein Wiederauftreten in einer späteren, in der Theorie ziemlich emotionalen Szene macht deren Wirkung leider fast vollständig zunichte. Auch ansonsten vollführen die visuellen Effekte (passend zu den Kernthemen des Films) eine Gratwanderung zwischen Wertigkeit und dem Uncanny Valley. Der Kopf des erwachsenen Silverio etwa, der auf den Körper eines Kindes gesetzt wird, wirkt im besten Falle verstörend und im schlimmsten beängstigend. Die Akzeptanzlücke des Menschen auszunutzen, um Abscheu und Ekel zu erzeugen, kann wirkungsvoll sein, aber nicht in Szenen, die sich intim und kathartisch anfühlen sollen. Gerade nach Iñárritus effektstarkem Doppelschlag in Form von Birdman und The Revenant hätte man in diesem Punkt einfach mehr erwartet.
Unser Fazit zu Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten
War die Abstrafung in Venedig nun gerecht oder nicht? Schwer zu sagen, denn die Fassung, die auf Netflix gezeigt wird, ist knapp 20 Minuten kürzer als der Festivalschnitt. Vielleicht hat das Trimmen an den richtigen Stellen geholfen, die zentralen Punkte präsenter und prägnanter zu machen, vielleicht war das europäische Publikum dieses Jahr einfach in Meckerlaune. Vielleicht ist es – man verzeihe mir die Anspielung – etwas dazwischen. Bardo ist keinesfalls perfekt. In seinen schlimmsten Momenten kann er wichtigtuerisch, reizüberflutend, sogar prätentiös sein. Aber ein monumentaleres Werk wird 2022 vermutlich nicht hervorbringen. Durch konstante Handlungsfäden und eine überraschende Menge an Einsätzen von Tscheckows Gewehr kann der Film schlussendlich eine zufriedenstellende Erfahrung bieten, auch wenn man dem Regisseur zwischenzeitlich am liebsten an die Gurgel gehen möchte. Definitiv das Gegenteil von massentauglich, aber ebenso von beliebig – mit Bardo hat Iñárritu ein wunderschönes Durcheinander geschaffen, das zu seinen unausgereiftesten und vielleicht gerade deshalb einprägsamsten Werken gehört.
Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten erscheint am 16. Dezember 2022 auf Netflix!
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Unsere Wertung:
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