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First Cow

Dass nicht jeder Beitrag im Wettbewerb der Berlinale schwere, politische Kost sein muss, stellt Kelly Reichardts First Cow eindrucksvoll unter Beweis. In diesem poetischen Western über die Zeit der Besiedlung des Westens der Vereinigten Staaten steht eine Männerfreundschaft im Mittelpunkt der Geschichte. Der Star ist jedoch die titelgebende Kuh. Weshalb im Jahr 2020 ein klein angelegter Western einer der Höhepunkte auf dem Berliner Festival ist, lest ihr in dieser Kritik.

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TitelFirst Cow
Jahr2019
LandUSA
Regie
Kelly Reichardt
DrehbuchJonathan Raymond, Kelly Reichardt
GenreWestern, Historienfilm, Abenteuer
DarstellerJohn Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Ewen Bremner, Scott Shepherd
Länge122 Minuten
FSKunbekannt
Verleihunbekannt
Das Poster zu First Cow
Das Hauptplakat von First Cow © A24

Um was geht es in First Cow?

First Cow erzählt die Geschichte des talentierten Kochs Otis „Cookie“ Figowitz (John Magaro), der sich einer Bande von Fellsammlern angeschlossen hat, die dabei sind den Staat Oregon zu kolonialisieren. Als er einen sich auf der Flucht befindlichen Chinesen (Orion Lee) kennenlernt, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ungleichen Männern. Aus dem Talent des Kochs und der Geschäftstüchtigkeit des Immigranten entsteht schnell ein kleines Erfolgsmodell. Allerdings ist die Beschaffung der wichtigsten Zutat für ihr Produkt ein großes Risiko, denn die Kuh, die die Milch gibt, gehört einem mächtigen Mann.

Orion Lee und John Magaro als Freunde und Geschäftspartner in First Cow
King Lu und Cookie ergänzen sich perfekt © Allyson Riggs/A24

Unsere Kritik zu First Cow:

A24 hat sich in den vergangenen Jahren einen sehr guten Ruf erarbeitet. Das Produktionsstudio steht dafür kreativen Filmschaffenden viel Spielraum für ihre Ideen zu lassen und so wirklich abwechslungsreiche Perlen im Portfolio zu haben. Nachdem im letzten Jahr große Namen in den Kritikerlieblingen, wie Uncut Gems oder Midsommar für Furore sorgen konnten, sind in First Cow eher weniger Schauspieler von Weltrang mit von der Partie. Nichtsdestotrotz ist aber auch dieser Film ein weiterer Beweis für das hohe Niveau der Produktionen der Filmschmiede.

Toby Jones als Kuhbesitzer in First Cow
Toby Jones spielt den Mann, dem die Kuh gehört © Allyson Riggs/A24

First Cow punktet mit seinen liebevollen Figuren, …

John Magaro spielt in First Cow einen wirklich liebevollen Charakter, der aufgrund seiner Naivität für den ein oder anderen Lacher sorgen kann. Bereits in den ersten Minuten, in denen man Cookie begleitet, wird klar, dass er ein friedliebender Feingeist ist, der in der Welt der harten Siedler extrem aus der Reihe tanzt. Während die anderen Männer durchweg streitsüchtig und aggressiv dargestellt werden, wird der talentierte Koch nahezu in jeder Einstellung durch kleine Details, wie einem Putzfimmel, als Kontrapunkt zum stereotypen Cowboy gezeichnet. Die Art und Weise, wie Magaro die Rolle spielt, ist dabei ebenso feinfühlig wie der Charakter und passt daher perfekt.

Aber auch Orion Lee als flüchtiger, chinesischer Immigrant fällt aus dem Raster. Er hat große Ideen um Geld zu verdienen und denkt stets schon einen Schritt weiter. Trotzdem entsteht nie der Eindruck, dass er die Talente Cookies für seine Zwecke missbrauchen will. Von Beginn an hat man das Gefühl, dass er neben seinen wirtschaftlichen Zielen auch versucht einen Freund fürs Leben in Cookie zu gewinnen.

Während die Freundschaft parallel zum gemeinsamen Geschäft wächst, schaffen es die beiden Schauspieler wirklich authentisch darzustellen, dass die Chemie zwischen ihnen einfach stimmt. Ihre Männerfreundschaft geht zu Herzen.

… seinen skurrilen Dialogen …

Neben diesem zentralen Aspekt von First Cow zeichnet sich der Film im Western-Setting auch mit einem charakteristischen Wortwitz in seinen Dialogen aus. Dabei können zahlreiche Figuren mit ihren Wortsalven, die teilweise schon etwas von einer Westerparodie haben, für reichlich Erheiterung sorgen. Trotzdem übertreibt man es glücklicherweise nie mit Schenkelklopferhumor. Die Wortwahl passt sich organisch in das Gesamtbild ein. Toby Jones Wortgefechte mit zahlreichen hochgestochenen Phrasen und einem dem Adel angemessenen Vokabular ist dabei die Krönung des ausgefeilten Dialogdrehbuchs.

John Magaro versteht sich gut mit dem Tier in First Cow
John Magaro spielt den Siedler Otis „Cookie“ Figowitz © Allyson Riggs/A24

… und einer Kuh

Das Geschäftsmodell, das die beiden ungleichen Partner erst richtig zusammenschweißt, steht und fällt mit einer Kuh. Denn weil Cookie für seine speziellen Leckereien deren Milch braucht, müssen er und King Lu sich einen Geheimplan zurechtlegen, um die Milch zu beschaffen. Ein weiteres Highlight in First Cow ist dann die Art und Weise, wie der Romantiker Cookie dem süßen Tier während des Melkvorgangs zuredet. Die Szenen sind so einzigartig und frisch, dass man über die Absurdität der Situation niemals wirklich nachdenkt. Über die „Romanze“ zwischen Rind und Bäcker wird man womöglich in diesem Jahr noch öfters reden!

Charaktere fast wie bei den Coen-Brüdern

Abgesehen von den beiden Freunden mit Kuh sind auch die anderen Charaktere wirklich skurril im Stile der Coen-Brüder oder Tarantinos gestaltet. Und obwohl dadurch die Gefahr in der Luft liegt, gänzlich Richtung Parodie abzudriften, schafft es Kelly Reichardt alle so authentisch in diese Realität einzupflegen, dass man den Schein eines realitätsnahen Westernabenteuers wahrt. Toby Jones spielt wieder einmal grandios und macht Christoph Waltz bzw. Dr. King Schulz in Django Unchained Konkurrenz. Und abschließend wäre es schade Ewen Bremner und Scott Shepherd unerwähnt zu lassen, da auch diese Beiden ihre Rollen mit Leidenschaft zu schönen Nebenfiguren machen, die den Film erst zu vollenden wissen.

Unberührte Natur in First Cow
Cookie im idyllischen Wald © Allyson Riggs/A24

Eine Idylle, die man heute vermisst

Zuletzt noch ein paar Worte zum Setting des Films, denn auch das ist eines der Puzzleteile, die dem Gesamtbild positiv zutragen. First Cow ist eine kurzweilige und sehr wild-romatische Zeitreise in die Epoche der Besiedlung des Westens. Dafür hat man sich entschieden alles in einem Wald zu filmen, der in dieser Idylle und Unberührtheit wohl heute kaum noch so zu finden ist. Dadurch entsteht, gepaart mit dem Wohlgefühl, das die Story entfachen kann, eine Sehnsucht einmal so ein unbeflecktes Stück Natur als Rückzugsort für die Hektik unserer Zeit zu finden.

Unser Fazit zu First Cow:

Für unseren Autoren ist Kelly Reichardts First Cow ein Höhepunkt der Berlinale 2020 und ein weiteres Kleinod der Filmkunst von A24. Die romantische Männerfreundschaft, die kleinangelegte Geschichte und der geistreiche Humor lassen diese zwei Stunden zu einem Feelgood-Trip in eine Zeit werden, die ansonsten in Hollywood eher für ihre Grausamkeit bekannt wurde.

Mit dem i-Tüpfelchen in Form einer Kuh, die der heimliche Star im Cast ist, bleibt das Werk auch lange im Gedächtnis und hat womöglich das Potenzial zu einem Kultfilm oder zumindest einem von Kritiker gelobten Insidertipp zu werden.

Wer einmal einen Film sehen möchte, der sowohl inszenatorisch als auch inhaltlich komplett aus der Zeit gefallen scheint, kann bedenkenlos zu First Cow greifen und wird dann ein nostalgisches Filmerlebnis haben, dass man so wohl 2020 nicht erwartet hätte.

First Cow läuft im Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2020. Ein Kinostart ist noch nicht bekannt.

 

 

Unsere Wertung:

 

 

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