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Frantz

Ein geheimnisvoller Mann am Grab eines Kriegstoten, eine in Trauer zurückgelassene Verlobte und ein Ehepaar, das seinen Sohn verloren hat – das sind die Zutaten für das Melodrama Frantz von François Ozon.

TitelFrantz
Jahr2016
ProduktionslandFrankreichDeutschland
RegieFrançois Ozon
DrehbuchFrançois Ozon, Philippe Piazzo
GenreDrama
DarstellerPierre Niney, Paula Beer, Cyrielle Clair, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Anton von Lucke, Johann von Bülow
Länge114 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihX-Verleih

Wer ist dieser Frantz?

1918: Der Erste Weltkrieg ist vorüber und die beteiligten Nationen beklagen ihre Opfer. Allein Frankreich und Deutschland haben jeweils über eine Million Menschen verloren. Unter den Trauernden auf deutscher Seite ist auch die junge Anna (Paula Beer) aus Quedlinburg. Ihr wurde durch den Krieg ihr Verlobter Frantz (Anton von Lucke) genommen. Da die Eltern ihres Freundes, das Ehepaar Hans und Magda Hoffmeister (Ernst Stötzner & Marie Gruber), sie wie ihre eigene Tochter lieben, versucht Anna gemeinsam mit diesen, den Schock zu verarbeiten und schrittweise wieder zurück ins Leben zu finden.

Bei ihren regelmäßigen Ausflügen zum Friedhof, wo ein symbolisches Grab für Frantz errichtet wurde, findet sie eines Tages frische Blumen. Ein ihr unbekannter Mann scheint dafür verantwortlich. Wenig später stellt sich dieser Annas Schwiegervater, dem Hausarzt des Ortes, als Adrien Rivoire (Pierre Niney) vor. Der Franzose, der in der deutschen Kleinstadt nicht gerne gesehen ist, hat allem Anschein nach eine wichtige Verbindung zu Frantz. Zögerlich lernt Adrien Anna sowie die Eltern kennen und es enthüllt sich sein geheimnisvolles Verhältnis zum Verstorbenen.

Deutschland und Frankreich: eine Erbfeindschaft

Frankreich galt lange Zeit als erbitterter, über Generation sozusagen weitervererbter Feind der Deutschen, der immer wieder vom 17. Jahrhundert bis hin zu den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts bekämpft wurde. Als Adrien kurz nach der demütigenden Niederlage Deutschlands in Quedlinburg auftaucht, ist dies für viele natürlich ein rotes Tuch. Annas Schwiegervater weigert sich sogar, ihn bei seinem Besuch in der Sprechstunde zu behandeln. Damit verstößt er bewusst gegen seinen geleisteten hippokratischen Eid als Mediziner. Andere Bewohner der Kleinstadt nehmen das Wort Frankreich und Franzose gar nicht erst in den Mund oder spucken demonstrativ auf den Boden, um ihren Abneigung zu betonen.

Auf diese Weise bildet Frantz die feindselige Atmosphäre, die damals 1918 zwischen den Nationen geherrscht haben muss, eindrücklich ab. Das Drehbuch nimmt sich außerdem ein paar Augenblicke, um eine politisch engagierte Dorfgruppe zu zeigen, zu der Doktor Hoffmeister und einige ältere Männer gehören. Dass beide Länder gleichermaßen Schuldige und Opfer sind, vor allem dass die Väter ihre Söhne in den Tod geschickt haben, ist dabei eine ungewöhnlich differenziertere Ansicht, die für ordentlich Zündstoff in der Diskussion sorgt. In diesem eindrücklich vermittelten gesellschaftlichen Rahmen bewegt sich die eigentliche Geschichte zwischen Anna und Adrien.

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Ein reichhaltiges Drehbuch ohne Hang zum Klischee

Mit Frantz legen François Ozon und Autor Philippe Piazzo den Antikriegsfilm Der Mann, den sein Gewissen trieb (1932) des großen Ernst Lubitsch mit anderen Schwerpunkten neu auf. Vor allem der Grund, warum der junge Franzose Adrien bis nach Deutschland reist, um das Grab von Frantz und dessen Eltern zu besuchen, bleibt lange Zeit unklar. Statt offener Aussprache dominiert ein prickelndes Geflecht aus schwerwiegenden Geheimnissen, schützenden Lügen und zögerlichen Andeutungen.

Dass Anna, die in tiefer Trauer ist, sich eine schnelle Erlösung wünscht und sich daher Adrien relativ schnell öffnet, ist zwar moralisch fragwürdig, aber letztlich nur tief menschlich. In dem anständigen, musikalisch begabten Franzosen findet sie vieles, was sie auch an ihrem Verlobten geliebt hat. In manchen Momenten scheint Frantz auf diesen einfachen (Aus-)Weg hinzusteuern. Doch immer dann, wenn das Klischee, der allzu leichte Knotenlöser, in Sichtweite kommt, schlägt das Drehbuch wieder einen Haken oder lässt die Erwartungshaltung schlichtweg ins Leere laufen.

Frantz ist also weit entfernt davon, wohlig wärmende Unterhaltung zu sein, die große tränenreiche Gesten voll auskostet. Gerade die ruhige Inszenierung und das typisch deutsche Schauspiel mag dem einen oder anderen etwas zu unterkühlt und zu steif sein. Ein gewisser Vertrauensvorschuss ist daher wichtig. Dafür begeistert Film nach und nach mit behutsamen ausgearbeiteten, lebensechten Figuren. Sie tragen ihre inneren Konflikte nicht auf der Zunge, sondern führen sie über viele kleinere sowie größere Dialoge ans Licht.

„Ich wollte davon erzählen, wie Lügen und Geheimnisse in dramatischen Zeiten wie des Krieges und der Krise den Menschen beim Überleben helfen können. Die Lüge ist eine Metapher für unser Bedürfnis und unsere Sehnsucht nach Fiktion – und daher auch nach Filmen“ – François Ozon

Schwarz-weiß-bunte Bilder

Zu der etwas bieder-zurückhaltenden Atmosphäre und Darbietung der Schauspieler trägt auch die Inszenierung von François Ozon bei. Die Schwarz-Weiß-Bilder sollen nicht nur klar und deutlich das Gefühl der Zeitreise ins Jahr 1918 bestärken. Die fehlende Farbe verdeutlicht zudem den großen Schmerz der Familie Hoffmeister und ihrer Schwiegertochter, die ihre Lebensfreude durch den Todesfall eingebüßt haben. Dennoch durchbricht Ozon ganz bewusst diese bleierne Schwere an bestimmten Stellen. Wenn Anna und Adrien einen erholsamen Ausflug in die Natur machen oder der junge Franzose einer Geige herzzerreißende Klänge entlockt, dann koloriert sich das Bild wie von selbst. Es verdrängt das unnachgiebig schwelende Leid für einen kurzen Moment. Hinter dem farblosen Schleier schimmert so immer wieder Hoffnung auf, die den Figuren das Gefühl vermittelt, dass das Leben dennoch weitergehen wird. Und natürlich weist diese Aufhebung des Schwarz-Weiß-Filters darauf hin, dass weder die eine Nation noch die andere nur gut oder nur böse ist.

Das Herzstück von Frantz: Die Hauptdarsteller

Vor allem in der zweiten Hälfte erzählt Frantz eine verhinderte Liebesgeschichte, die unter diesen Umständen nicht sein kann beziehungsweise nicht sein darf. Zwar ist das mysteriöse Verhältnis zwischen Adrien und Frantz so besonders, dass dessen Eltern einen wichtigen Part einnehmen. Mit zunehmender Spielzeit dreht sich der Film aber einzig um die Beziehung der beiden jungen Menschen.

Beide Hauptdarsteller entpuppen sich schnell als enorm talentierte und gut ausgewählte Nachwuchskräfte. Paula Beer, deren Stern gerade durch verschiedene Produktionen (Bad Banks, Werk ohne Autor) aufzugehen scheint, spielt Anna zurückhaltend, verschlossen und ganz in Trauer gehüllt. Dabei lassen nur noch ihre großen, weit geöffneten Augen an eine Lebensfreude erinnern, die sie einmal besessen haben muss. Durch die neue Bekanntschaft mit Adrien taut sie aber langsam auf und gewinnt ein Stück ihres alten Ichs zurück.

Pierre Niney (Yves Saint LaurentJacques – Entdecker der Ozeane) als männlicher Gegenpart fasziniert bereits mit seiner extrem hageren, fast ausgemergelten Physis. In seiner Mimik spiegelt sich fein nuanciert das große Leid seiner Figur wider. So wirkt sein extrem zögerliches Auftreten und die mühsame Offenbarung seines Geheimnisses nicht bloß wie ein dramaturgischer Kniff, der die Spannung in die Höhe treiben soll. Niney setzt vielmehr seinen gesamten Körper gekonnt dazu ein, um Adrien als sensibles Musiktalent und gebrochenen, tief in sich gekehrten Kriegsteilnehmer darzustellen.

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Fazit – Anders aber gut

Kein feuriges Drama um große Gefühle, tränenvolle Vergebung und herzzreißende Schicksalsmomente – Frantz ist ein überwiegend unterkühltes, aber lebensecht inszeniertes Stück, das seine schwer gezeichneten Hauptfiguren nur langsam zueinander finden lässt. Die reiche Motivik um die Wirren des Ersten Weltkrieges sowie das Wechselspiel aus Lügen und Geheimnissen werten die letztlich einfache Liebesgeschichte enorm auf. So ist Frantz zwar keine gefällige Abendunterhaltung, aber ein tiefgründiges Melodrama mit nachvollziehbaren Charakteren.

Unsere Wertung:

 

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Simon Eultgen

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