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Für ein paar Dollar mehr

Mehr Geld, mehr Laufzeit, mehr Starpower – mit Für ein paar Dollar mehr, dem zweiten Teil der Dollar-Trilogie, erreichte Sergio Leone endgültig seine Meisterschaft – und der Italowestern seinen ersten Höhepunkt. Warum der Film als Klassiker gilt, erfahrt Ihr in unserer Rezension.

Titel Für ein paar Dollar mehr (OT: Per qualche dollaro in più)
Jahr 1965
Land Italien, Spanien, Deutschland
Regie Sergio Leone
Drehbuch Sergio Leone, Luciano Vincenzoni
Genre Western, Italowestern
Darsteller Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Gian Maria Volonté, Klaus Kinski, Luigi Pistilli, Mario Brega, Josef Egger, Aldo Sambrell
Länge 132 Minuten
FSK ab 16 Jahren freigegeben
Verleih Universum Film GmbH

Darum geht es in Für ein paar Dollar mehr

Zwei Kopfgelder machen Jagd auf den Banditen El Indio (Gian Maria Volonté) und dessen Bande, was sie zu Konkurrenten um die ausgesetzten Prämien macht. Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Denn der ältere, Colonel Douglas Mortimer (Lee Van Cleef), ist ein überlegt vorgehender Profi mit erstaunlichem Waffenarsenal, während Monco (Clint Eastwood) sich mehr auf seinen Instinkt, seine Fäuste und seinen Colt verlässt. Und als fast schon cartooneske Verstärkung dieser Charakterzüge lässt Sergio Leone Van Cleef Pfeife rauchen, während Eastwood wie im Vorgänger Für eine Handvoll Dollar permanent an einem Zigarillo nuckelt. Auch trägt er hier die gleichen Klamotten – Poncho, Schaffelljacke und Jeans -, während Van Cleef im schicken Dreiteiler daherreitet.

Aus der Konkurrenz erwächst eine halbgare Partnerschaft. Während Monco Indios Bande infiltriert, soll der Colonel von außen eingreifen. Der Plan scheitert. Nachdem die Bande die Bank von El Paso überfallen hat, schließt sich auch Mortimer scheinbar den Gaunern an und hilft, den geraubten Safe zu öffnen. Doch dann fliegt die Tarnung auf, und beide geraten in Gefangenschaft.

Es ist ausgerechnet der zunehmend psychotisch und unberechenbar werdende Indio, der sie befreit. Er hofft, dass sie und seine Komplizen sich gegenseitig erledigen, damit er die Beute allein einstreichen kann. Doch wie die Gesetze des wilden Westerns gestrickt sind, läuft alles auf ein großes Schlussduell hinaus. Bei dem sich auch herausstellt, dass Mortimer, anders als Monco, noch ein ganz privates Motiv zur Jagd auf Indio hatte.

Für ein paar Amis mehr – die Darsteller

Bei seinem zweiten Italowestern konnte Sergio Leone auf ein weit größeres Budget zurückgreifen als bei Für eine Handvoll Dollar. Das erlaubte ihm nicht nur eine längere Laufzeit des Films und eine höhere Gage für seinen Star Eastwood, sondern auch die Verpflichtung eines weiteren US-Schauspielers für Für ein paar Dollar mehr.

Lee Van Cleef hatte in Fred Zinnemanns Zwölf Uhr Mittags debütiert, einen ansehnlichen Auftritt in John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoss absolviert und war abonniert auf Filmschurken. Doch nach einem Autounfall hatte er sich seit einiger Zeit vom Filmgeschäft zurückgezogen. Leone war von seinen markanten Gesichtszügen begeistert, die ihn an Vincent van Gogh erinnerten.

Und er stellte erneut die Klischees auf den Kopf, indem er Van Cleef in der Rolle eines positiven Helden besetzte. Für den bisherigen Nebendarsteller der Beginn einer steilen Karriere, insbesondere im Italowestern (Sabata, Von Mann zu Mann). Zum zweiten Mal nach Eastwood bewies sich Leone auch diesmal als Starmacher, mit Charles Bronson in Spiel mir das Lied vom Tod sollte ihm später in dieser Hinsicht der Hattrick gelingen.

In einer kleinen Nebenrolle als Buckliger brilliert auch Klaus Kinski in seinem ersten Italowestern. Seine Darstellung fand bei dem britischen Regisseur David Lean so viel Beachtung, dass dieser ihn für eine Nebenrolle in Doktor Schiwago besetzte. Und in kleinen Rückblenden ist in einer winzigen Rolle der deutsche Schauspieler Karl Hirenbach zu sehen. Nur wenig später sollte er als Peter Lee Lawrence zu einem allerdings etwas glatteren Star des Italowesterns werden, wenn auch eher der B-Kategorie. Hirenbach starb bereits 1974 mit nur 30 Jahren an einem Hirntumor.

Für ein paar Lacher mehr

Die Umkehrung der Genrekonventionen, die schon Für eine Handvoll Dollar zum alle Regeln sprengenden Meilenstein machten, ist auch bei Für ein paar Dollar mehr das bestimmende Element. Das wird schon im Vorspann deutlich. Man sieht einen Reiter durch eine der typischen trostlosen Landschaften reiten. Dann fällt ein Schuss, der Mann fällt vom Pferd. Zigarrenrauch, aus dem sich der Schriftzug des Filmtitels entwickelt, macht deutlich, wer hier geschossen hat. Im Hollywood-Western feuerte nur der Böse aus dem Hinterhalt, doch hier war es der Held. Dass am Ende der Name des Regisseurs ebenfalls von Gewehrschüssen zerfetzt wird, ist ein weiteres Zeichen: Hier wird mit scharfer Ironie geschossen.

In Für ein paar Dollar mehr entwickelte Sergio Leone seinen ganz persönlichen Stil weiter. Der Film ist bedeutend witziger als sein Vorgänger. Was sich nicht nur in den Dialogen und Einzeilern widerspiegelt, oder auch im oft schalkhaften Blitzen in Eastwoods Augen. Der Film ist voller szenischer und optischer Gags. Diese filmische Ironie sollte sich beim Nachfolger Zwei glorreiche Halunken, dem dritten Teil der Dollar-Trilogie, noch verstärken.

Die erste Einstellung nach dem Vorspann zeigt eine Bibel in Großaufnahme. Dahinter steckt aber kein Priester, sondern Colonel Mortimer. Die Szene ist aufgebaut wie eine Komödie. Mortimer will wissen, wann der Zug in Tucumcari hält. Der Schaffner sagt ihm, der Zug halte dort nicht. Mortimer kontert trocken: “Dieser Zug wird in Tucumcari halten” und zieht die Notbremse. Ein scharfer Blick, und der Schaffner schweigt. Wenn Van Cleef seine Schlangenaugen scharf stellt, bleibt einem das Lachen eben im Halse stecken. Er war als Kopfgeldjäger übrigens so überzeugend, dass ihm Comiczeichner Morris im Lucky-Luke-Album “Der Kopfgeldjäger” ein zeichnerisches Denkmal setzte.

Der Bart ist ab – aber nur halb

Als Eastwood einen Gesuchten im Saloon stellt und eine Schlägerei beginnt, nutzt er dabei nur die linke Hand, denn seine rechte ist fürs Schießen reserviert. Ein anderer Pistolero wird durch den Lärm herbeigelockt. Doch da er gerade beim Barbier saß, tritt er mit einem halben Bart zu seinem letzten Kampf an. Als Indio bei seiner Befreiung aus dem Knast kaltblütig seinen Mitgefangenen erschießt, bricht er in ein wahnsinniges Lachen aus, Leone schneidet direkt auf den Steckbrief Indios, der diesen mit genau diesem Lachen zeigt. Anschlüsse waren Leone immer wichtig.

Die erste direkte Begegnung Moncos und Mortimers zeigt die beiden Konkurrenten wie italienische Straßenjungs sich gegenseitig belauernd und provozierend. Erst reibt Monco seinen Stiefel auf dem Stiefel Mortimers sauber, um ihm dann den Hut von Kopf zu schießen. Mortimer lässt ihn ruhig und besonnen weiter auf seine Kopfbedeckung feuern, bis er außerhalb der Reichweite von Moncos Colt ist. Dann lässt er seinerseits den Hut des Konkurrenten mit einigen gut gezielten Schüssen in der Luft tanzen. Der überlegene Profi hat halt die bessere Waffe.

Für ein paar Kulissen mehr

Das höhere Budget von Für ein paar Dollar mehr macht sich auch in den von Carlo Simi gebauten Sets bemerkbar. Spielte der Vorgänger im wesentlichen an einem Ort, wechseln hier die Handlungen ständig. Für El Paso, den Ort des zentralen Bankraubs, wurde eine neue Westernstadt errichtet. Bemerkenswert ist die Detailgenauigkeit, auf die der passionierte Antiquitätensammler Leone bei allen seinen Filmen Wert legte. Die Saloons sind bei ihm nicht so sauber wie im US-Western, sondern so dreckig wie seine Gestalten und von dichten Rauchschwaden durchzogen.

Bei der Benennung einzelner Sets findet sich auch wieder Leones Humor. So heißt der Knast, aus dem Monco ein Bandenmitglied Indios per Dynamitladung heraussprengt, bezeichnenderweise Alamogordo. So heißt auch die Stadt, in deren Nähe die USA 1945 ihrer erste Atombombe zündeten.

Das Zelebrieren des Vorspiels

Leones Stil wurde von der Kritik vor 50 Jahren als extrem gewalttätig gescholten. Und in der Tat verstieß er wohl als einer der ersten massiv gegen den in den USA geltenden Hays-Code. Der verbot unter anderem, Schusswaffen und deren Folgen in einer Einstellung zu zeigen. Was für Leone kein Problem war. Man sieht den Colt Indios feuern und gleichzeitig den tödlichen Einschuss im Körper seinen Opfers. Das Indio Marihuana raucht, ist nur noch ein weiterer Regelbruch. Kiffende Protagonisten gab’s in Hollywood jenseits von Reefer Madness, dem Anti-Drogen-Machwerk der 1930er Jahre, nicht.

Dabei ist die Gewalt bei Leone ein zwar wichtiges Element, viel wichtiger aber ist ihm das Vorspiel, das er jeweils ausgiebig zelebriert. Duellszenen werden bei ihm scheinbar endlos zerdehnt, ohne dadurch in ihrer Spannung nachzulassen. Im Gegenteil. Unterstützt von Ennio Morricones aufwühlendem Score wechselt Leone minutenlang zwischen extremen Großaufnahmen der Gegner, den Stiefeln, den Waffen und gegebenenfalls vorhandenen Zuschauern hin und her. Der Rhythmus der Schnitte beschleunigt sich, die Perspektive rückt immer dichter heran, was die Spannung endlos steigert – bis sie sich explosiv entlädt.

Der Killer auf der Kanzel

Natürlich kommt auch in Für ein paar Dollar mehr die katholische Ikonografie nicht zu kurz, und wie bei Leone üblich ironisch gebrochen. So ist Indios Versteck nicht von ungefähr eine verfallene Kirche. Als er seiner Bande den Plan vom Banküberfall buchstäblich verkündet, anfangs vor der Statue der heiligen Madonna, geschieht dies in Form einer Predigt. Sein Plan handelt auch von einem Zimmermann, der ihm ein Geheimnis verraten hatte. Eben jenem von ihm gemeuchelten Zellengenossen. Zum Abschluss besteigt Indio sogar die Kanzel. Amen!

Leones Stil ist in Für ein paar Dollar mehr deutlich souveräner geworden. Als eine Art Prolog stellt er vor Beginn der eigentlichen Handlung seine Protagonisten ausführlich vor. Eine Form der Exposition, die zu seinem Markenzeichen werden sollte. Hier dauert sie fast 20 Minuten. In seinem nächsten Italowestern, Zwei glorreiche Halunken, wird er auch in dieser Hinsicht noch eine Schippe drauf legen. Auch seine Schnitttechnik in Verbindung mit dem Soundesign und der Musik ist innovativ. Als Mortimer den Steckbrief Indios sieht, gibt es einen stakkatoartigen Schnittwechsel zwischen dem Fahndungsbild und dem Gesicht des Colonels, wobei sich die Kamera beidem immer weiter nähert. Die Schnitte erfolgen jeweils zusammen mit dem Klang von Schüssen aus dem Off. Durch diese Gestaltung drängt sich schon früh auf, dass es eine Verbindung zwischen Indio und Mortimer geben muss, die über das pekuniäre Interesse des Kopfgeldjägers hinausreicht.

Die spannungssteigernde Verbindung von Musik und Szenenaufbau wird im Schlussduell besonders deutlich. Hier findet sich Leones Vorliebe für Kreise wieder. Was in Für eine Handvoll Dollar nur angedeutet war, wird in Für ein paar Dollar mehr nun konkret. Die Auseinandersetzung findet auf einem runden Platz statt, der so zur Arena wird. Die Melodie einer Taschenuhr gibt den Rhythmus vor. Erst wenn sie verstummt, darf geschossen werden. Morricone greift die Melodie der Uhr auf und steigert sie erneut zu einem Gänsehaut erzeugendem Deguello, dem mexikanischen Todesmarsch. Leone zerdehnt auch dieses Duell maximal, verlängert es sogar mit einer zweiten Uhr. Und deren Bedeutung erklärt dann auch die Verbindung Mortimers mit Indio.

Mein Fazit von Für ein paar Dollar mehr

Mit Für ein paar Dollar mehr hat Leone endlich zu seinem einzigartigen Stil gefunden. War Für eine Handvoll Dollar trotz seiner filmhistorischen Bedeutung letztlich doch nur ein Gesellenstück mit kleinen Mängeln, ist sein zweiter Western ein klares Meisterstück. Zum Meisterwerk sollte es jedoch erst beim Nachfolger Zwei glorreiche Halunken reichen. Aber schon hier wird Leones Talent für epische Erzählungen klar erkennbar. Lee Van Cleef ist in Für ein paar Dollar mehr in seiner vermutlich besten Rolle zu sehen. Und im meist doch B- bis C-klassigen Feld der Italowestern stechen alle Filme Leones als unerreichte Höhepunkte heraus. Auch nach 50 Jahren immer noch uneingeschränkt empfehlenswert.

Unsere Wertung:

 

 

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Andreas Krasselt

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