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Tanne schwärt Alina in der Ecke des Boxrings auf die nächste Runde ein.

Gipsy Queen

In Gipsy Queen will sich eine junge Rumänin in Deutschland wortwörtlich durchschlagen und ihren beiden Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen. Der dritte Spielfilm von Hüseyin Tabak erzählt eine Geschichte von Mutterliebe, Integration und unbändigem Willen.

Gipsy Queen (2020) HD Trailer (Deutsch / German)

TitelGipsy Queen
Jahr2019
LandDeutschland
RegieHüseyin Tabak
DrehbuchHüseyin Tabak
GenreDrama
DarstellerAlina Serban, Tobias Moretti, Irina Kurbanova, Catrin Striebeck, Aleksandar Jovanovic, Katharina Behrens, Maureen Havlena, Özgür Karadeniz
Länge117 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihMajestic Home Entertainment
Auf dem Filmplakat von Gipsy Queen steht Ali in Boxerpose seitlich zur Kamera und hebt die Fäuste.
Filmplakat zu Gipsy Queen © Majestic Films

Worum geht es in Gipsy Queen

Nachdem Ali (Alina Serban) unverheiratet schwanger wurde, hat ihr Vater sie aus der rumänischen Heimat verstoßen, und die junge Frau kam nach Hamburg. Dort arbeitet sie nun als Putzkraft in der berühmten Hamburger Kultkneipe Ritze, um für ihre Kinder Esmeralda und Mateo zu sorgen. Da das Geld aber vorne und hinten nicht reicht, geht sie auch illegalen Jobs auf Nachtbaustellen im Hamburger Umland nach.

Eines Tages entdeckt sie im Keller der Ritze einen Boxring und schaut bei einem Kampf zu, woraufhin die Erinnerungen an Rumänien zurückkehren: Dort war sie ebenfalls Boxerin und wurde von ihrem Vater stets liebevoll Gipsy Queen genannt. Alis lang unterdrückte Gefühle brechen ans Licht, und sie lässt ihnen an einem Boxsack freien Lauf, was Tanne (Tobias Moretti), selbst Ex-Boxer und Besitzer der Ritze, beobachtet. Er erkennt sofort Alis Talent und nimmt sie unter seine Fittiche…

Ali steht im Hamburger Hafen auf einer Steintreppe und trainiert ihre Boxschläge.
Auch Trainingsmontagen dürfen in Gipsy Queen natürlich nicht fehlen. © Majestic Films

Rassismus ist auch Ignoranz

Gipsy Queen ist ein klassisches Sozialdrama. Ali ist jeden Tag aufs Neue von Existenzängsten bedroht und will, dass ihre beiden Kinder nichts davon mitbekommen. Zudem ist sie als gebürtige Roma tagtäglich auch mit Diskriminierung und Rassismus konfrontiert. Wobei es in Gypsy Queen eher die Situationen sind, in denen Ali als Kellnerin durch Hamburgs Kultkneipe streift und dabei von keinen der feiernden und trinkenden Menschen wahrgenommen wird – Rassismus ist eben nicht nur die ausländerfeindliche Floskel. Rassismus ist auch Ignoranz.

Schauspielerin Alina Serban wurde selbst in einer Roma-Familie in Rumänien geboren und beschäftigt sich von jeher mit diesen Themen. Als Autorin ist sie vor allem in ihrem Heimatland bekannt für Stücke mit Botschaften für soziale Gerechtigkeit und Widerstand gegen Rassismus. Sie ist für die Rolle also wie gemacht – und füllt diese auch mit Bravour aus.

Strittige Figuren-Entwicklung

Der Hamburger Kiez als Setting, dazu das Box-Thema – die aufgeblähte Rocky-Heldengeschichte rund um Ali hätte man getrost zur Seite lassen können. Dennoch hat sich Regisseur Hüseyin Tabak für diesen Weg entschieden, ihre Geschichte zu erzählen. Mit Tobias Moretti als abgehalfterten, kauzigen Kneipenbesitzer könnten viele Zuschauer ein Problem haben. Nicht nur, dass der Österreicher mit seinem aufgesetzten Hamburger Dialekt hier und da arg gekünstelt wirkt, auch seine Entwicklung über die knapp 120 Minuten Laufzeit ist nur schwer nachvollziehbar.

Sehen wir Morettis Figur Tanne zu Beginn noch dabei zu, wie er sich auf der Kneipentoilette von irgendeiner Besucherin befriedigen lässt und anschließend respektlos mit seiner Barkeeperin spricht, soll er zwei Stunden später schließlich der wichtige Mentor sein, der Ali aus der Unsichtbarkeit befreit. Das ist unglaubhaft. Die ganz große Bindung, wie wir sie zum Beispiel aus Million Dollar Baby kennen, ist in Gipsy Queen an keiner Stelle zu erkennen.

Tanne schwärt Alina in der Ecke des Boxrings auf die nächste Runde ein.
Tanne (Tobias Moretti, rechts) probiert sich als Box-Trainer für Ali. © Majestic Films

Starke Kameraarbeit

Technisch ist Gipsy Queen dafür auf sehr ordentlichem Niveau. Gerade der finale Boxkampf ist fantastisch anzusehen. Mehrere Box-Runden ohne (sichtbaren) Schnitt lassen den Zuschauer den Schweiß und die Schmerzen regelrecht spüren. Auch die Trainingsmontagen zuvor, sowie weitere intime und innige Momente, die die Hauptdarstellerin erlebt, sind fantastisch gefilmt. So geht einem das Herz auf, wenn Ali mit ihren beiden zuckersüßen Kindern eine Schaumschlacht im Badezimmer veranstaltet.

Das Ende des Films ist unüblich, aber durchaus clever gewählt. So ganz auserzählt wird die Geschichte rund um Ali, Tanne und ihre Kinder nämlich nicht. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Gerade die letzten Momente von Gipsy Queen lassen dann noch einmal aufhorchen. Tabak wählt nicht den einfachen Weg, sondern gibt Spielraum für Interpretationen und Theorien, wie es denn nun weitergehen soll. Hier ist der Film dann mal so gar nicht Rocky-like – doch sind wir doch mal ehrlich: Sowas hat man auch schon viel zu oft gesehen!

Unser Fazit zu Gipsy Queen

Gipsy Queen ist vor allem aufgrund der fantastischen Hauptdarstellerin eine echte Bereicherung. Alina Serban reißt den Film in jeder Sekunde an sich und lässt sich trotz aller Schwierigkeiten nicht von ihrem Weg abbringen. Der Film selbst verliert in einigen Momenten zwar mal die Orientierung, lässt sich am Ende aber wirklich sehr gut schauen. Wer durchgehende Box-Action erwartet, liegt hier allerdings falsch, das Ganze ist eher als Sozial- und Integrations-Drama angelegt. Wer damit und auch mit Morettis Hamburger Dialekt kein Problem hat, sollte mit Gipsy Queen unbedingt in den Ring steigen.

Gipsy Queen erscheint am 22. April im Heimkino!

Unsere Wertung:

 

 

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