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Glücklich wie Lazzaro

2017 drehte die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher ein parabelhaftes und poetisches Drama-Kleinod mit märchenhaften Elementen. Dafür wurde sie unter anderem bei den Filmfestspielen von Cannes 2018 für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Ob dies gerechtfertigt ist, erfahrt ihr in der folgenden Review zu Glücklich wie Lazzaro.

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TitelGlücklich wie Lazzaro [OT: Lazzaro felice]
Jahr2018
LandDeutschland, Frankreich, Italien, Schweiz
RegieAlice Rohrwacher
DrehbuchAlice Rohrwacher
GenreDrama
DarstellerAdriano Tardiolo, Alba Rohrwacher, Agnese Graziani, Tommaso Ragno, Luca Chikovani, Sergi López, Natalino Balasso, Nicoletta Braschi
Länge127 Minuten
FSKAb 12 jahren freigegeben
VerleihEuroVideo Medien GmbH
Das Bluray-Cover zu "Glücklich wie Lazzaro" © EuroVideo Medien GmbH
Das Bluray-Cover zu “Glücklich wie Lazzaro” © EuroVideo Medien GmbH

Zur ungewöhnlichen Handlung von Glücklich wie Lazzaro

In der abgelegenen italienischen Provinz Inviolata zu unbestimmter Zeit (Handlungselemente weisen auf die letzte Jahrtausendwende hin) herrscht eine Tabakverkäuferin über ein Dorf, dessen Bewohner wie Sklaven den ganzen Tag schuften müssen, ohne dafür Entlohnung zu erhalten. Einer von ihnen ist Lazzaro, ein stiller und gutmütiger Junge, der nichts hinterfragt und schlicht das macht, was man ihm aufträgt. Eines Tages kommt der Sohn der Tabakverkäuferin, Tancredi, in Lazzaros Dorf und zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Bei einem Unfall stürzt Lazzaro jedoch eine Klippe herunter und stirbt vermeintlich. Nach Jahren, in denen die Dorfbewohner von der Polizei über das moderne Wirtschaftssystem aufgeklärt und in die Großstadt verfrachtet wurden, wacht Lazzaro völlig unversehrt und keinen Tag älter wieder auf. Er begibt sich in die Großstadt, um seinen Freund Tancredi zu finden. Der Beginn einer eigenartigen, aber berührenden Odyssee…

Leise, aber deutliche Gesellschaftskritik

Glücklich wie Lazzaro ist ein ebenso stiller Film wie seine Hauptfigur, der die magischen Momente in den Details sucht. In ruhigem Erzähltempo beschäftigt sich die erste Hälfte des Films mit dem sonnigen Dorf Inviolata (zu Deutsch: „unberührt“), wo veraltete Hierarchien herrschen. Die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Bewohner werden absichtlich darüber im Unklaren gelassen, um sie so gut wie möglich ausnutzen zu können. Dabei bezieht sich Alice Rohrwacher tatsächlich auf wahre Begebenheiten. Die zweite Hälfte befasst sich mit dem industriellen Gegensatz, mit der winterlichen Großstadt und deren gesellschaftlichen Schattenseiten. Glücklich wie Lazzaro weist dabei viele gesellschaftskritische Aspekte auf, die sich mit Ausbeutung und anderen sozialen Ungerechtigkeiten befassen. So muss Lazzaro nach seiner Wiederkehr feststellen, dass sich nach der Verlagerung vom Land in die Großstadt nicht allzu viel geändert hat und die Oberschicht dieselben Menschen nach wie vor benutzt und wortwörtlich mit den Füßen tritt.

Ein Fremdkörper: Lazzaro in der modernen Großstadt © EuroVideo Medien GmbH
Ein Fremdkörper: Lazzaro in der modernen Großstadt © EuroVideo Medien GmbH

In einer Szene gibt eine Gruppe armer Kleinkrimineller, zu denen auch Lazzaro gehört, den Großteil ihres Geldes für Gebäck aus, da sie in edlem Ambiente zum Essen eingeladen sind. Dort angekommen stellen sich die einst Reichen nun ebenfalls als arm heraus (erklärt wird dies mit einem bissigen Seitenhieb gegen das Bankensystem) und die Gruppe kann nur ihr teures Gebäck dalassen, bevor sie wieder zurückgeschickt wird. In einer weiteren Szene trifft Lazzaro auf eine Gruppe Migranten, vermehrt aus dem südeuropäischen Raum, die auf einer Art Auktion nur dann einen Job ergattern, wenn sie den niedrigsten Lohn verlangen. Am Ende kommt dabei ein dürrer Stundenlohn von einem Euro heraus; ein Betrag, von dem kein Mensch leben kann.

So poetisch wie die italienische Sprache

Trotz all der kritischen Betrachtungsweise ist Glücklich wie Lazzaro aber auch ein poetischer, nachdenklicher Film, der viel Raum für Interpretationen lässt. So wird auch der religiöse Kontext deutlich, wenn man sich auf den Namensgeber der Hauptfigur bezieht. Lazarus, der in der Bibel einer von Jesus Jüngern ist und dort, ähnlich wie Jesus selbst später, von den Toten wieder aufersteht. In einer Szene wird die ärmliche Gruppe um Lazzaro während eines Gottesdienstes aus der für wohlhabendere Menschen gedachten Kirche gescheucht. Doch die Orgelmusik verlässt wortwörtlich die Kirche und schließt sich der Gruppe an. Dieser Moment stellt einer der poetischsten Szenen des Films dar und strahlt nur so vor stiller Magie. Selbst auf leisen Humor verzichtet der Film nicht. Etwa, wenn Lazzaro zwei Diebe in seiner Einfältigkeit für Umzugsleute hält und ihnen höflich bei dem Raub hilft.

Lazzaro und Tancredi heulen mit den Wölfen um die Wette © EuroVideo Medien GmbH
Lazzaro und Tancredi heulen mit den Wölfen um die Wette © EuroVideo Medien GmbH

Doch auch Lazzaro (überzeugend bei seinem ersten schauspielerischen Auftritt: Adriano Tardiolo) kann man innerhalb des Films als Heiligen betrachten. Er wirkt zwar auf eine so extreme Weise gutmütig und hilfsbereit, dass man ihn auch für naiv und dumm halten könnte. Jedoch werden die wahren Heiligen oftmals nicht wahrgenommen, da sie sich in ihrer Selbstlosigkeit so weit wie möglich in den Hintergrund rücken. Lazzaro ist eine eigenartige Hauptfigur, ohne Emotionen und ohne Charakter. Fast schon autistisch wirkt dieser junge Mann, der immer lächeln zu scheint und von dem man nie sagen kann, was er gerade denkt. Und dennoch macht ihn diese augenscheinliche Einfältigkeit aus. Wo es ein extremes Negativ gibt, da versucht Lazzaro mit einem extremen Positiv gegen anzukämpfen. Das, was der Film mitunter anprangert, macht Lazzaro eben nicht: die Gesellschaft in Klassen einteilen. Er sieht alle Menschen gleich. Vielleicht ist es gerade das, was Lazzaro so glücklich macht?

Bilder, wie aus einer anderen Zeit

Ebenso wie Lazzaro in der Großstadt wirkt auch der Film selbst verloren im 21. Jahrhundert. Rohrwacher entschied bewusst, auf Digitalkameras zu verzichten und mit 16-mm-Film zu arbeiten. Dies verleiht dem Ganzen einen unscharfen und körnigen Look, weshalb es so aussieht, als stamme der Film aus den 70ern. Lange werden die statischen, wohl durchdachten Bilder stehen gelassen, um ihre poetische Wirkung zu entfalten, oft wird schlicht beobachtet. Musik wird nur spärlich oder als Teil der Handlung, wie in der besagten Kirchenszene, eingesetzt, womit sie sich der nüchternen Bebilderung anpasst.

Oftmals sind eindeutige Motive zu sehen, die jedoch für etwas anderes stehen. Etwa ein Antennenmast, der die Wende zur modernen Zeit symbolisiert. Auch ein Wolf ist ein weiteres, immer wiederkehrendes Schlüssel-Motiv in Glücklich wie Lazzaro. Dass der Film in den symbolisch aufgeladenen Bildern harte Realität und fantastisches Märchen miteinander verschmelzen lässt, erinnert sehr an den von Regiegrößen wie Frederico Fellini oder Pier Paolo Pasolini geprägten italienischen Neorealismus der 40er- und 50er-Jahre, den die Regisseurin mühelos in die heutige Zeit überträgt.

Tancredi und seine Mutter blicken hinab auf das Dorf © EuroVideo Medien GmbH
Tancredi und seine Mutter blicken hinab auf das Dorf © EuroVideo Medien GmbH

Oftmals schafft es Rohrwacher jedoch nicht, den symbolischen Inhalten auch eine glaubwürdige Handlung auf der Oberfläche gegenüberzustellen. So wirken manche Szenen eher aufgezwungen, um ja den metaphorischen Charakter eines Arthouse-Films zu bedienen. Das mag zwar künstlerisch ansprechend sein, ist jedoch für Leute, die gerne eine offensichtliche sowie nachvollziehbare Handlung erwarten, eher anstrengend. Dazu sei besonders auf die Schlussszene in der Bank verwiesen, in der gesittete Passanten plötzlich zu aggressiven Schlägertypen werden. Das wäre in der Form wirklich nicht nötig gewesen, die Gesellschaftskritik wäre auch ohne diese überspitzte Sequenz zum Zuschauer durchgedrungen. So verzettelt sich der Film teilweise in seinen eigenen Ambitionen. Leuten, die mit betont künstlerischen Arthouse-Filmen generell nichts anzufangen wissen, sollten eher die Finger von diesem Film lassen.

Unser Fazit zu Glücklich wie Lazzaro

Glücklich wie Lazzaro ist ein ruhiger, berührender aber auch gesellschaftskritischer Film, in dem die raue Realität auf ein poetisches Märchen trifft. Gleichzeitig ist es eine Verneigung vor den selbstlosen Menschen unseres Alltags, die zwar niemand wahrnimmt, die aber die Welt doch ein Stück besser machen. Die 16-mm-Bilder geben dem Werk von Alice Rohrwacher einen körnigen Look wie aus den 70ern, was den Film, ebenso wie seine Hauptfigur, wie aus der Zeit gefallen wirken lässt. Jedoch versteift sich das Drama auch ein wenig zu sehr auf seine künstlerischen Arthouse-Charakter und vernachlässigt es, eine in sich glaubwürdige Handlung zu erzählen, was sich besonders in der überflüssigen Schlussszene bemerkbar macht. Wer sich aber auf einen Film einlassen kann, der sich mehr über seine Symbolik als über eine geradlinige und nachvollziehbare Handlung definiert, der wird tatsächlich mit dem ein oder anderen magischen Moment belohnt.

Die Bluray und die DVD zu Glücklich wie Lazzaro veröffentlichte Eurovideo am 28.03.2019. Von der Bildqualität sollte man nicht zu viel erwarten, denn die Unschärfe und die Grobkörnigkeit dienen dem auf 16-mm-Film gedrehten Werk als Stilmittel. Neben einem kleinen Heft, in dem die Regisseurin die Hintergründe des Films erläutert, sind auf der Disc als Extras zwei kurze Interviews mit Alice Rohrwacher enthalten. Des Weiteren gibt es neben diversen Trailern vier kurze Sequenzen zu sehen, in denen die Figuren des Films in einer Art Interview über Lazzaro reden.

Unsere Wertung:

 

 

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