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Die Freunde Vinz, Said und Hubert stehen zusammen und Vinz ziel mit einer Waffe in die Kamera - Hass

Hass – La Haine

Das Sozialdrama Hass von Mathieu Kassovitz packte 1995 einige heiße Eisen an und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Nun bekommt der Film eine Frischzellenkur verpasst, und ob die gelang und die Geschichte um die drei Freunde aus den Banlieus heute noch relevant ist, erfahrt ihr in unserer Besprechung!

New trailer for La Haine - in UK cinemas from 11 September 2020 | BFI

TitelHass (OT: La Haine)
Jahr1995
LandFrankreich
RegieMathieu Kassovitz
DrehbuchMathieu Kassovitz
GenreDrama
DarstellerVincent Cassel, Hubert Koundé, Said Taghmaoui, Karim Belkhadra, Abdel Ahmed Ghili
Länge98 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihKoch Films
Auf dem Cover sieht man im oberen Drittel die drei Freunde Vinz, Said und Hubert mit einer Waffe, in der Mitte eine Großaufnahme von Vinz' Augen und darunter den Originaltitel La Haine, der sich in roten Lettern von oben nach unten wiederholt - Hass
Das Cover der Special Edition zu La Haine/Hass © Koch Films

Die Handlung von Hass – La Haine

In den Pariser Banlieus herrschen Unruhen, nachdem Polizisten den jungen Araber Abdel bei einer Routinekontrolle lebensgefährlich verletzt haben. Im Nachhall der darauf folgenden gewalttätigen Auseinandersetzungen junger Immigranten mit der Staatsgewalt versuchen drei arbeits- wie perspektivlose Freunde die Situation zu verarbeiten, zusammen, doch jeder auf seine Art.

Der rationale Hubert (Hubert Kuondé) würde am liebsten dem Ghetto entfliehen, denn die Randalierer haben in ihrer Raserei seine Boxhalle auf links gedreht und damit sein letztes bisschen Hoffnung vernichtet. Der quirlige Said (Said Taghmaoui) versucht, die Stimmung durch ständiges Sprücheklopfen zu überspielen. Und der aufbrausende Vinz (Vincent Cassel) möchte seine aufgestauten Aggressionen durch eine bei den Ausschreitungen erbeutete Pistole kanalisieren, sollte Abdel im Krankenhaus sterben.

Doch der Tag nach dem Chaos bleibt trotz einer spürbaren Anspannung gleichsam trist wie gewöhnlich. Bis ein misslungener Racheakt von Abdels Bruder an der Polizei die Freunde dazu treibt, in die Pariser Innenstadt zu fahren, um einen Boxkampf zu besuchen. Sie ahnen nicht, dass dies die letzte Nacht sein wird, in der sie zusammen die Straßen unsicher machen…

Vincent Cassel zielt mit dem Revolver an der Kamera vorbei - Hass
Vinz will ein Zeichen setzen © Koch Films

Den Finger in die Wunde

In seinem erst zweiten Spielfilm Hass thematisierte der damals 27-jährige Mathieu Kassovitz (Gothika, Babylin AD) zwei konkrete Fälle von Polizeigewalt gegen Immigranten. Im Jahr 1986 wurde Malik Oussekine, ein Student algerischer Abstammung, bei einem Studentenaufstand von Polizisten zu Tode geprügelt. Auslöser von weiteren Ausschreitungen war 1993 der Tod des erst 16-jährigen Zairers Makomé Bowole während eines Verhörs. Er war an einen Heizkörper gekettet, als ein aufgebrachter Polizist ihm seine Waffe an die Schläfe drückte und sich ein Schuss löste. Gedreht wurde vor Ort in einer der Trabantenstädte. Kassovitz quartierte sich dort schon drei Monate zuvor mit seinen Darstellern ein, um ein Gefühl für das Umfeld zu bekommen. Währenddessen kam es immer noch zu Demonstrationen und Straßenschlachten infolge der Ereignisse von 1993.

Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft im Fall…

Hass beginnt mit Bildern der echten Krawalle von 1986, suggeriert so einen dokumentarischen Charakter seiner folgenden Geschichte. Mathieus Drehbuch steigt einen Tag nach der fiktiven Konfrontation zwischen Polizei und jugendlichen Immigranten der zweiten oder dritten Generation ein. Es wird etabliert, dass ein junger Araber namens Abdel von Polizisten bei einer Routinekontrolle lebensgefährlich verletzt wurde. Wir lernen die drei Freunde Hubert, Said und Vinz kennen, die nun versuchen, normal ihrem Tagesablauf nachzugehen. Aber sie kommen nicht umhin, die Ereignisse des Vortages zu reflektieren.

Vinz hält die Tür eines Kleinwagens auf, aus dem Hubert herausstolpert und fällt, während Said schon vor ihm auf dem Asphalt liegt - Hass
Die drei Freunde geraten immer wieder in Schwierigkeiten © Koch Films

Das Leben, ein Scherbenhaufen

Hass ist anschließend grob in zwei Abschnitte geteilt. In der ersten Hälfte erleben wir mit ihnen ihre Alltagsroutine, oder, genauer gesagt, das, was noch davon übrig ist. Denn Huberts Leben ist nur noch ein Scherbenhaufen, seine Boxhalle und damit seine Hoffnungen für eine Zukunft sind zerstört. Er schlägt sich zwar nebenbei als Dealer durch, doch das Geld, was er hier verdient, steuert er zum Haushalt seiner Mutter bei. In Vinz hat sich eine Wut aufgestaut, die nach einem Überdruckventil verlangt. Die Polizeipistole, die er bei den Krawallen erbeutet, erscheint ihm als passendes Werkzeug für eine Antwort auf soziale Ungerechtigkeit und Polizeigewalt. Nur Said, Komiker der Truppe, bemüht sich verzweifelt, seine Freunde zu beruhigen und aufzubauen, die Wut und Hoffnungslosigkeit durch seinen Humor zu überspielen.

… bisher lief es noch alles gut, bisher lief es noch alles gut…

Doch allzu schnell holen sie die Geschehnisse der letzten Tage wieder ein. Ausgerechnet Said wird beim Versuch, Abdel im Krankenhaus zu besuchen, als Unruhestifter festgenommen. Ein sozial engagierter Polizist, der seinen älteren Bruder gut kennt, sorgt aber für seine Freilassung. Und ausgerechnet er ist wenig später Ziel eines Racheakts von Abdels Bruder. Nach den Schüssen auf ihn brennt wieder die Luft im Banlieu und die drei Freunde gehen stiften. Ihr nun folgender Ausflug in die Innenstadt ist eine Art verzweifelter Ausbruch, aus dem Milieu und aus dem Alltag. Bezeichnenderweise begrüßt sie am Rande der Bahnstrecke gleich ein Werbeplakat mit der Aufschrift „Die Welt gehört euch“. Doch damit sind natürlich nicht sie gemeint, sondern potenzielle Kunden aus der bürgerlichen Mitte. Am Ende der Nacht steht die Erkenntnis, dass sie hier nicht willkommen sind. Zurück im Ghetto erwartet sie die Polizei und Hass endet mit einer Tragödie: Ein Schuss, und dann Stille.

Hubert, Siad und Vinz stehen genervt vor der Gegensprechanlage an der Haustür eines Wohnhauses - Hass
In der Innenstadt suchen sie einen Freund von Said auf © Koch Films

Großes Unterhaltungskino mit sozialer Sprengkraft

Mathieu Kassovitz beweist in Hass, dass er nicht nur auf der Filmhochschule gut aufgepasst, sondern auch seine zeitgenössischen Kollegen aus Hollywood aufmerksam studiert hat. Er konterkariert die in die nüchterne Schwarz-Weiß-Fotografie eingebettete episodische Erzählstruktur mit beeindruckenden Plansequenzen und Bildern großer kinematischer Energie. Er skizziert dabei einen Kreislauf, dem niemand entkommen kann. Die Gesellschaft weiß nichts mit den Jugendlichen aus den Trabantenstädten anzufangen. Sie sind in ihrer Mitte nicht erwünscht und haben zudem wenig Schul- und meist keine Ausbildung. Das einzige Mittel, das der Staat gegen die Ausbruchsversuche der frustrierten Nachkommen der gescholtenen Einwanderer kennt, ist Gewalt. Gewalt erzeugt Gegengewalt, schlussendlich heißt dies zwischen den aufsässigen Ghetto-Kids und der Polizei nur Auge um Auge, Zahn um Zahn. Für Hubert, Said und Vinz stellen Staatsmacht, Bonzen und Bürgertum das Feindbild dar. Sie verachten jeden, der von oben auf sie herab trampelt.

… doch das Wichtige ist nicht der Fall, sondern der Aufprall.

Der junge Regisseur trifft seine Aussage klar und verständlich, wobei er es vermeidet, Partei zu ergreifen. Dazu verleiht er ihr mit seinen durchkomponierten Bildern Gravitas, er verdichtet die gesellschaftlichen Zustände innerhalb dieser 24 Stunden. Dabei wirkt dies keinesfalls gekünstelt, trotz aller filmischen Finesse. Das ist zum einen den vielen kleinen Geschichten zu verdanken, die der Film quasi im Vorbeilaufen erzählt. Und zum anderen der Natürlichkeit, mit der Vincent Cassel, Hubert Kuondé und Said Taghmaoui ihre Charaktere mit Leben füllen. Das wirkt nie überzogen, auch wenn manches gewiss überspitzt wird. Denn neben seiner gesellschaftspolitischen Sprengkraft besitzt Hass auch einen großen Unterhaltungswert. Anders als andere semidokumentarischen Ghettofilme soll der Zuschauer den Film erleben und nicht im entfachten Diskurs versinken. Dafür ist nach dem Abspann, der nach dem abrupten Ende bewusst still und kurz gehalten ist, noch genug Zeit.

Mathieu Kassovitz sitzt mit Vincent Cassel, Said Taghmaoui und Hubert Kuondé in einem Sandkasten und erklärt ihnen die Szene - Hass
Regisseur Mathieu Kassovitz erklärt seinen Hauptdarstellern die nächste Szene © Koch Films

Unser Fazit zu Hass – La Haine

Mit seinem erst zweiten Spielfim bewies Regisseur Mathieu Kassovitz technische Rafinesse, gesellschaftliche Relevanz und erzählerisches Feingefühl. Hass gehört sicherlich zu den bedeutendsten französischen Kinofilmen der 90er und hat (leider) bis heute kaum an Aktualität eingebüßt. Schon 2005 kam es zu erneuten Unruhen, als zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Transformatorenhaus starben. Die Politik stempelte sie vorschnell (und zu Unrecht) als Kriminelle ab, was zuerst in Paris zu Krawallen führte, die sich dann wie eine Flächenbrand in verschiedenen Großstädten ausbreiteten.

Es ist definitiv ein Film, den jeder Cineast und Filmfan mal gesehen haben sollte. Das Sozial-Drama funktioniert nämlich auch als Unterhaltungskino von hohem Wiedererkennungswert und gilt schon lange als Kultfilm. Er brachte seinem Macher den silberne Palme als bester Regisseur in Cannes ein und machte Vincent Cassel zum Star.

Koch Films präsentiert Hass – La Haine in seiner aufwändigen Special Edition die letztjährige 4K-Restauration des Films, anlässlich seines 25. Jubiläums. Die Box enthält eine 4K-UHD und zwei Blu-rays, darunter eine Mischung aus altem und neuem Bonus-Material. Als besonderes Goodie ist auch noch ein T-Shirt enthalten.

Die Special Edition Box ist seit dem 23. September 2021 im Handel erhältlich!

Unsere Wertung:

 

 

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© Koch Films

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