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Hobo with a Shotgun (2011)

Jason Eisener konnte mit seinem Kurzfilm/Fake-Trailer namens HOBO WITH A SHOTGUN derart für Furore sorgen, dass er ihn mit Rutger Hauer in der Hauptrolle zum vollwertigen Spielfilm umsetzen konnte.

TitelHobo With A Shotgun
Jahr2011
ProduktionslandKanada
RegieJason Eisener
DrehbuchJohn Davies
GenreAction, Horror
DarstellerRutger Hauer
Länge82 Minuten (uncut)
FSKSPIO/JK geprüft: strafrechtlich unbedenklich (uncut)
VerleihUniversum Film (uncut)

Wer mein Profil betrachtet hat, dem wird nicht entgangen sein, dass ich ein etwas jüngerer Schreiberling bin. Mir sind glorreichen 70/80er und deren hauptsächlicher filmischer Output nur vom Hören-Sagen-Lesen bekannt. So hat mich damals die Ankündigung von Rodriguez/Tarantino zu ihrem GRINDHOUSE-Doublefeature offen gestanden mehr wegen derer beiden Namen verzücken lassen. Stil, Hommage und Idee des Produkts waren mir aufgrund des Hören-Sagen-Lesen dennoch bekannt. Auch wenn bis heute noch mannigfaltige Bildungslücken klaffen, bin ich trotzdem ein großer Freund der Neo-Exploitation-Filme. Der eigenwillige Stil, hanebüchene Handlungen, stereotype Figuren und saftige Gewalt legen fest, was man zu erwarten hat. Alles garniert mit lockerem Charme, der den Spaß und die Hingabe aller Beteiligten leicht erahnen lässt. Nun hat sich im Zuge der Wiederbelebung des schmuddligen Bahnhofskinos einiges getan. Vor allem die fantastischen Fake-Trailer hatten sich im Zuge der GRINDHOUSE-Screenings als wahre Publikumslieblinge erwiesen. Allerdings wurden die deutschen Filmfreunde während der Auswertung im Kino etwas vernachlässigt, so dass offiziell nur der MACHETE-Trailer begutachtet werden konnte. Dieser ging aufgrund des Hypes jedoch dermaßen durch die Decke, dass einige Jahre später die (meinen Erwartungen faktisch nicht entsprechen könnende) Verfilmung anstand. Im Zuge des geglückten Reanimationsversuchs des schlechten Geschmacks im Kino, erblickte ein weiteres Jahr später dann HOBO WITH A SHOTGUN klammheimlich (zumindest aus deutscher Sicht) das Licht der Welt. Man kann es nicht anders ausdrücken: nach den ersten Trailern kann man nur ein exploitatives Brett erwarten. Und tatsächlich findet man im HOBO ein Beispiel, dass seinen Erwartungen nicht nur nicht nachsteht, sondern diese eher noch überflügelt.

Endlich die damals neu erschienen britische DVD (und sehr viel früher als der deutschsprachigem Release) in den Händen haltend, stand einem kurzen Check-Up der Scheibe recht spät am Abend nichts im Wege. Dabei sollte es nicht bleiben. HOBO WITH A SHOTGUN zählt für mich zu diesen Filmen, die von Beginn an eine Sogwirkung erzielen und es schlicht unmöglich machen abzuschalten. Das beginnt mit dem banalen aber liebevollen Kniff der satten Technicolorfarben und der unglaublich stimmungsvollen Melodie (die, wie ich heute weiß, eine Anlehnung an MARK OF THE DEVIL sein soll; Hören-Sagen-Lesen eben). Leider werden die überbetonten Farben nach dem Intro wieder fallengelassen, aber bis zum Ende des Films lebt dieser von seiner stimmigen, man ist schon versucht von einer opulenten zu sprechen, Farbgestaltung. Bedrohlich rot ausgeleuchtete und geheimnisvoll neblig wabernde Verschläge, blau-kalte Gangsterbehausungen und giftig-grüne Krankenhäuser  Die optische Gestaltung geht ohnehin Hand in Hand mit der musikalischen Untermalung. Synthesizerklänge und treibende Elektrobeats sorgen gleichwohl für nostalgisches Gefühl und pumpen außerdem permanent Dynamik zum Zuschauer herüber. Stillstand ist Rückstand und so ist die Handlungsprämisse schnell umrissen: der namenlose Landstreicher strandet in Hopetown, um dort für einen Rasenmäher Geld aufzutreiben und mit diesem wiederum ein kleines Unternehmen aufzubauen und so sesshaft werden zu können. Als er aber an jeder Ecke der Stadt auf degeneriertes Verhalten und Korruption trifft, liegt es an ihm, für Ordnung zu sorgen.

Noch bevor die finale Handlungsrichtung feststeht, bläst der HOBO WITH A SHOTGUN den Marsch. Fortan geht es schrill und zynisch gewalttätig zur Sache. Leerlauf gibt es zu keiner Minute und die wenigen Momente, in denen der Fuß vom Gaspedal genommen wird, stellen für den Zuschauer eine willkommene Gelegenheit dar, um durchzuatmen und das bisherige Geschehen zu verdauen. Überraschenderweise sind diese Szenen von unerwarteter Wärme im sonst gnadenlos siffigen Film. Vor allem als der HOBO im Krankenaus vor einem guten Dutzend Säuglingen steht und in einem Monolog über sich und die zukünftigen Generationen sinniert, kommt Gänsehautfeeling auf. Zu verdanken ist das in dieser Szene natürlich besonders Rutger Hauer, der den Landstreicher über die gesamte Laufzeit mehr als nur passabel mimt. Sicher, HOBO WITH A SHOTGUN ist keine Milieustudie, aber Hauer haucht dem Obdachlosen an den richtigen Stellen Herzlichkeit ein. Sein abgekämpftes Gesicht und seine “Altersweisheit” machen ihn sympathisch. Die Figurenzeichnung ist unterdessen so absurd überspitzt, dass es eine wahre Freude ist, dem ebenso übertrieben Schauspiel beizuwohnen. Allen voran stiehlt die böse Seite die Schau. Gangsterboss Drake ist eine schmierige und skrupellose Person, die von Brian Downey famos ausgefüllt wird. Die Einfälle des Drehbuchs sind schwer vorauszuahnen und Downey kann dem übertriebenen schauspielerischen Wahn freien Lauf lassen Taten und Sprüche triefen vor Zynismus und lassen das geneigte Publikum dämonisch grinsen. Nicht weniger garstig fallen seine beiden Söhne (Nick Bateman, Gregory Smith) aus, die eine arrogante und schnöselige Art gepachtet haben, dass man sie nur hassen kann. Molly Dunsworth als hilfsbereite Prostituierte Abby steht Hauer zur Seite und kann mit ihm  die etwas träumerischen Szenen ausfüllen und besagte Wärme ausstrahlen. Dabei kann man wie bereits erwähnt durchatmen und das Gemetzel sacken lassen. Denn dieses hat in seiner handgemachten und drastischen Grafik durchschlagendes Kaliber. Füße werden förmlich zermatscht, Glasscherben gekaut, Schlittschuhe und Sägen zweckdienlich, aber nicht ihrer Bestimmung entsprechend eingesetzt. Und natürlich findet die titelgebende Shotgun ihren brachialen, wie effektiven, Einsatz. Selbst BRAINDEAD wird mit der zweckentfremdeten Verwendung eines Rasenmähers gehuldigt. Anzumerken ist auch, dass die beiden Protagonisten, Hobo und Abby, selber ordentlich Federn lassen müssen, was in dieser Ruppigkeit sogar ziemlich überraschend daherkommt. Einzig das Finale kann nicht mit den bisherigen Spielzeit Schritt halten. Im Gegensatz zu all dem Wahnsinn, der vorher Einzug gehalten hat, sinkt die Qualität nicht unbedingt ab, aber das Geschehen wird (leider) nicht noch mehr gesteigert.

Alles in allem ist die gezeigte Gewalt wie der Film überstilisiert und nicht ernst zu nehmen. Dennoch sah sich die BPjM genötigt, den Film einige Zeit nach deutschem Release selber zu überprüfen und kam entgegen der SPIO zu dem Entschluss, dass hier sehr wohl strafrechtliche Relevanz in Form des §131 StGB vorliegt. Dann sollte es zwar noch einmal einige Zeit dauern, aber schlussendlich wurde der HOBO nach eben jenem Paragraphen beschlagnahmt und eingezogen. Dem Genrefreund gefällt der so entstandene verruchte Charme um so mehr und wenn man ehrlich ist, ist der Film einer der Kandidaten, der mit seinen Geschmacklosigkeiten weniger gestählte Filmfreunde leicht abschrecken kann.

Die deutsche Fassung des Films ist scheinbar professionell vertont wurden (Hauers Part wurde von Thomas Danneberg eingesprochen) und auch wenn ich niemand bin, der sich naserümpfend von unseren (eigentlich sehr gut) synchronisierten Fassungen distanziert, kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass hier die Intensität des Originals erreicht wird. Hauers brüchige Stimme liefert die passende Mischung aus Stolz und Resignation und vor allem Downey ist mit seiner überdrehten und ausgeflippten Stimme ziemlich unnachahmlich.

Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion:

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DriesVanHegen

Name: Tobi | Alter: 28 | Bei Movic Freakz seit: Januar 2018 | Aufgabengebiete: Reviews verfassen | Am aktuellen Mainstream völlig desinteressiert, suche ich mein Glück zum großen Teil in den Nischen des vielfältigen Horrorgenres, gerne abgründig und gewalttätig. Allerdings bin ich kein tumber Schlächter, sondern lasse mich ebenso von aufwühlenden Dramen mitreißen oder werde bei dänischem Humor schwach.

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