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Ich habe meinen Körper verloren

Jérémy Clapin liefert mit seinem Langfilmdebüt Ich habe meinen Körper verloren ein berührendes Fantasy-Drama in einzigartigem Animationsstil, das im Mai diesen Jahres mit dem Grand Prix Nespresso auf dem Filmfestival in Cannes geehrt wurde und seit dem 29. November nun auch in Deutschland auf Netflix verfügbar ist. Die Story basiert dabei auf Guillaume Laurants Roman Happy Hand.

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TitelIch habe meinen Körper verloren (J’ai perdu mon corps)
Jahr2019
LandFrankreich
RegieJérémy Clapin
DrehbuchJérémy Clapin, Guillaume Laurant
GenreAnimationsfilm, Drama, Fantasy
DarstellerHakim Faris, Victoire Du Bois, Patrick d’Assumçao, Alfonso Arfi, Hichem Mesbah, Myriam Loucif, Bellamine Abdelmalek, Maud Le Guenedal
Länge81 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Auf dem offiziellen Poster zu Ich habe meinen Körper verloren sind die drei Hauptcharaktere Naoufel, Gabrielle und Naoufels Hand abgebildet.
Das offizielle Poster zu Ich habe meinen Körper verloren. © Netflix

Worum geht es in Ich habe meinen Körper verloren?

Der Pariser Junge Naoufel (gesprochen von Hakim Faris) erwacht aus der Bewusstlosigkeit, seine rechte Hand liegt abgetrennt neben ihm. Doch anstatt fortan zu zeigen, wie Naoufel mit seiner Verstümmelung zurechtkommt, geht der Film einen ganz anderen Weg: Wir sehen, wie die Hand sich selbstständig macht, aus einem Labor flieht und sich prompt auf die Suche nach dem Rest des Körpers begibt. Tauben mit Mutterinstinkt, hungrige Ratten und vielbefahrene Straßen sorgen für Komplikationen auf dieser Mini-Odyssee.




Eine Handvoll cleverer Ideen

Parallel zur durch Paris krabbelnden Hand folgen wir Naoufel in den Tagen vor seinem Verlust. Der Pizzalieferant verliebt sich nach einem Gespräch über eine Sprechanlage in die schlagfertige wie charismatische Gabrielle (gesprochen von Victoire Du Bois) und macht sich zur Lebensaufgabe, die Bibliothekarin für sich zu gewinnen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Seine Hände sind ihm dabei eine große Hilfe. Nicht zuletzt kündigt er seinen Job und fängt einen handwerklichen Beruf an, um Gabrielle näher zu kommen. Schwarz-weiße Rückblenden zeigen zudem Fragmente aus seiner Kindheit, die unter anderem sein Talent als Klavierspieler andeuten.

In Ich habe meinen Körper verloren verarztet Gabrielle Naoufels Finger nach einem Unfall in der Werkstatt.
Naoufel und Gabrielle kommen sich näher. © Netflix

So veranschaulicht der Film in den in der Vergangenheit spielenden Szenen auf clevere Art und Weise, dass die Hand Naoufels wichtigstes Werkzeug war – ein essenzieller Trick, um das Mitgefühl des Zuschauers zu gewinnen. Der eigentliche Plot, der dem Film seinen in der deutschen Übersetzung etwas sperrigen Titel verleiht, gerät dabei immer weiter in den Hintergrund und dient meist nur als Aufhänger für die Erinnerungen. Das mag zunächst wie ein Vorwurf klingen, räumt den durchweg sympathischen Figuren – allen voran Gabrielle – dadurch aber mehr Raum ein. Die drei Handlungsstränge sind raffiniert ineinander verschachtelt, sodass das Interesse des Zuschauers für das Geschehen zu keinem Zeitpunkt nachlässt. Hände sind allerdings nicht nur inhaltlich ständiger Mittelpunkt, auch in der Inszenierung ist der Fokus offensichtlich.

Ein handwerklich herausragender Animationsfilm

So sind Hände auch dort in Großaufnahmen zu sehen, wo es nicht primär um sie geht. Jérémy Clapin sind dabei einige wunderschöne Bildkompositionen gelungen, die den simplen wie schön anzusehenden Animationsstil perfekt in Szene setzen. Am faszinierendsten ist allerdings, wie der Hand durch kleinste Krümmungen und Bewegungen der Finger gar menschliche Züge verliehen werden. Der Zuschauer akzeptiert sie schnell als vollwertiges Wesen, wodurch – zum Beispiel in Gefahrensituationen – dementsprechend starke Emotionen ausgelöst werden.

Naoufels Hand steht in "Ich habe meinen Körper verloren" auf einem Dach vor Sonnenuntergang und sucht nach einem Weg.
Der heimliche Hauptdarsteller krabbelt sich durch Paris auf dem Weg zurück zum Körper. © Netflix

Die werden unterstützt durch Dan Levys wahrlich tollen Soundtrack: Streicher sorgen für die richtige Portion Melancholie, während teils düstere Synthie-Klänge eine besondere, stellenweise bedrohliche Atmosphäre erschaffen. Zur Auflockerung wird dagegen hin und wieder französischer Hip-Hop untergemischt. Auch die Sound-Effekte lassen nicht zu wünschen übrig. So fühlt sich ein Angriff auf die eigenwillige Hand durch neugierige Ratten auf den Gleisen der Pariser Metro äußerst schmerzhaft an. Einziger Wermutstropfen unter den technischen Aspekten des Films ist die geringe Framerate: Hier wünscht man sich in manchen Szenen doch etwas weniger Geruckel. Ansonsten gibt es handwerklich aber rein gar nichts zu meckern. Dass es sich hier um ein Herzensprojekt des Regisseurs handelt, merkt man dem knapp sieben Jahre in Produktion befindenden Animationsfilm in jeder Sekunde an.

Die Handschrift Guillaume Laurants

Guillaume Laurant, Oscar-nominiert für sein Drehbuch zu Die fabelhafte Welt der Amélie, hat merklich ein Händchen für Poesie. Auch in der Filmumsetzung zu seinem Roman Happy Hand steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Naoufel ist nach seinem Verlust von einer Leere erfüllt; er vermisst, was er nie richtig einzusetzen wusste. Zwar war die Hand immer ein wichtiges Werkzeug in seinem Leben, doch sein Umgang mit ihr war meist eher dürftig. So muss er sich bei der Arbeit anhören, er wäre nicht gut mit den Händen und auch die Versuche, mit bloßer Hand Fliegen zu fangen, scheitern ob seiner fehlenden Geduld.

Das Vakuum, das die abgetrennte Hand hinterlässt, wirft die Frage nach den tiefsten Sehnsüchten auf. Und: Sind Erinnerungen die Puzzlestücke, die uns zu dem machen, was wir sind? Auf Antworten braucht der Zuschauer nicht zu hoffen, wodurch das filmische Puzzle allerdings nur mehr nachwirkt. Es entsteht ein Film, der einer Verbildlichung des Wortes Melancholie sehr nahe kommt: Schön und wohltuend, trotz der Traurigkeit, die dem Ganzen innewohnt.

Naoufel sitzt in "Ich habe meinen Körper verloren" nachdenklich im Bus und starrt in die Leere.
Die Geschichte regt zum Nachdenken an. © Netflix

Unser Fazit zu Ich habe meinen Körper verloren

Eine anspruchs- wie liebevolle Fabel, die sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch zu überzeugen weiß. Aufgrund der skurrilen Story gewiss nicht für jedermann, doch eines ist sicher: Diese Hand hinterlässt Spuren – nicht nur im Schnee!

Unsere Wertung:

 

 

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© Netflix

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