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Drei Massageliegen auf denen je eine Frau liegt und dahinter die jeweilige Therapeutin steht. Im Hintergrund sieht man einen weißen Säulengang.

Inventing Anna

Mit Inventing Anna kommt nach dem Erfolg von Bridgerton eine weitere Serie von Drama-Mastermind Shonda Rhimes zu Netflix. Ist das Experiment die Showrunnerin, die in erster Linie für ihre fiktiven eher soapigen Stoffe bekannt ist, mit einer wahren Geschichte zu betrauen, aufgegangen?

Inventing Anna | Offizieller Trailer | Netflix

TitelInventing Anna
Jahr2022
LandUSA
RegieDavid Frankel, Tom Verica, Ellen Kuras, Nzingha Stewart, Daisy von Scherler Mayer, DeMane Davis
DrehbuchShonda Rhimes, Jess Brownell, Nick Nardini, Abby Ajayi
GenreSerien
DarstellerJulia Garner, Anna Chlumsky, Arian Moayed, Alexis Floyd, Anders Holm, Terry Kinney, Katie Lowes, Jeff Perry, Laverne Cox, Anna Deavere Smith
Länge9 Folgen jeweils ca. 60-80 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Das Poster zu Inventing Anna zeigt die Hauptfigur von nahem. Sie trägt eine Brille und hält diese mit ihren Fingern fest.
Das deutsche Postermotiv zur Miniserie © Netflix

Inventing Anna  – Die offizielle Handlungsangabe

In Inventing Anna geht es um eine ehrgeizige Journalistin (Anna Chlumsky), die den Fall der Anna Delvey (Julia Garner) recherchiert, einer auf Instagram verehrten, reichen deutschen Erbin, die der Elite von New York die Herzen stahl – und deren Geld. Aber ist Anna nun die größte Betrügerin New Yorks oder schlicht eine neue Verkörperung des amerikanischen Traums? Anna und die Reporterin beginnen eine schwarzhumorige Hassliebe zueinander, während Anna auf ihren Prozess wartet und die Journalistin im Wettlauf mit der Zeit die Frage beantworten will: Wer ist Anna Delvey? Als Inspiration für die Serie diente der im New York Magazine veröffentlichte Artikel „How Anna Delvey Tricked New York’s Party People“ von Jessica Pressler.

Diese Serienkritik bezieht sich auf die komplette neunteilige Miniserie, verzichtet jedoch selbstverständlich auf Spoiler.

„Wie viele Annas gibt es?“

Zu Beginn der Erzählung in Inventing Anna wird erstmal schon vorgegriffen, bevor im Laufe der neun Folgen erst nach und nach die Geschichte durch die Perspektiven verschiedener Akteure immer mehr Dimensionen spendiert bekommt. Der unmittelbare Einstieg ist dabei nämlich die Offenbarung des großen Schwindels, den die möglicherweise falsche Millionenerbin über Jahre hinweg aufbauen und aufrecht halten konnte. Anhand von Schlagzeilen in Zeitungen und Nachrichtensendungen wird das Publikum ins Geschehen geworfen. Zu diesem Zeitpunkt steht schon fest, dass Anna Delvey/Sorokin sich vor Gericht verantworten muss.

Erste interviewartige Aussagen von Wegbegleitern, Freunden und Opfern suggerieren sehr schnell, dass es in dieser Story so viele Widersprüche und offene Fragen gibt, dass ein Blick in die Chronologie der Ereignisse nicht nur notwendig ist, um der Wahrheit ein Stück weit näher zu kommen. Zusätzlich sind viele  Geschehnisse so verrückt, dass man sich stets fragt, ob sich in den jeweiligen Momenten an die Fakten oder die dramaturgische Fiktion gehalten wird.

This story is completely true, except for the parts that are totally made up.

Aus diesem Spannungsverhältnis hat Shonda Rhimes nun einen sehr ambitionierten Genremix kreiert, der nicht in jeder Situation den passenden Ton anschlägt. Rhimes hat in der Vergangenheit mit ihren hochdramatischen Stoffen, Grey’s Anatomy oder Scandal, immer fiktive, kleine Welten kreiert, in denen man irgendwann jede noch so absurde neue Wendung abzunicken begonnen hat. Nun ist die Vorlage zu Inventing Anna jedoch ein wahrer Fall und das schränkt die Möglichkeiten dramaturgisch über die Stränge zu schlagen eigentlich stark ein. Eine Shonda Rhimes lässt sich davon jedoch nicht beirren und bleibt ihrem Stil konsequent treu. Wenn die wahren Aspekte der Story die limitierenden Faktoren sind, dann muss eben an anderer Stelle an der Drama-Schraube gedreht werden.

Überzeichnete Charaktere treffen auf True-Crime-Drama

Einer dieser Regler, der hier bis zum Anschlag hochgeschoben wird, ist der Grad an fast schon karikaturesk wirkenden Figuren. Sei es der ganze Side-Plot rund um die Schwangerschaft der Journalistin oder die klischeehafte Darstellung der High-Society New Yorks und der Wall Street Akteure, mit allen Charakteren und Nebenschauplätzen, wird versucht die Haupthandlung dramatisch aufzublasen. Das spiegelt einerseits zwar exzellent die Geltungssucht der angeklagten Anna wieder, die ja das Kernthema der Serie ist. Andererseits sorgt dieser Hang zum Over Acting dafür, dass man immer wieder von überzeichneten Figuren genervt ist und so etwas die Lust verliert der Handlung weiter zu folgen.

Das Publikum muss sich darauf einlassen, dass sich sehr viel Zeit für das Privatleben der Journalistin genommen wird. Das steht dem Fluss der Handlung und dem Konzept der Erzählweise doch etwas im Wege. Die Einzelfolgen den unterschiedlichen Personen zu widmen, die in den ganzen Fall involviert wurden, wäre per se eine gute Entscheidung gewesen. Dabei erfahren Zuschauer:innen viel über die einnehmende Persönlichkeit Anna, wie sie auf äußerst intelligente Weise Leute manipulieren und glaubhaft von ihren integren Plänen überzeugen konnte. Dabei scheint auch immer wieder durch, dass im Endeffekt jedes vermeintliche Opfer auch irgendwie Komplize war. Jeder und jede erhoffte sich von Anna eine Gegenleistung. Sei es ganz einfach eine ehrliche Freundschaft, sei es Zugang zu ihrem Netzwerk oder sei es ein Teil des großen Millionen-Kuchens, den die Gaunerin immer in Aussicht stellte.

Anna von oben in einer Gefängniszelle im Overall auf einem Bett. Inventing Anna
Die Hochstaplerin ist inzwischen inhaftiert © Netflix

Inventing Anna will sich tonal nicht festlegen

Die Ambivalenz kommt jedoch nie voll zum Tragen, da die Tonalität der Tiefe oftmals ein Bein stellt. Es sind nicht nur die überkandidelten Charaktere, die stark an beispielsweise die Netflixserie You oder Gossip Girl erinnern, sondern die ganze Inszenierung. Der penetrante Einsatz von Split Screens und der Hip Hop Soundtrack brechen mit der Ernsthaftigkeit. In den guten Momenten erinnert Inventing Anna an die Versace-Staffel von American Crime Story, in den schlechten Momenten an eine seifenoperartige Journalismus-Groteske, die gar fast wie eine Parodie auf Spotlight und Die Unbestechlichen wirkt.

Hochstapelei in Zeiten von Instagram, Me Too und Fake News

Die ganze Geschichte rund um die Hochstaplerin Anna Sorokin und wie sie sich ihr Alias Anna Delvey zusammengebastelt hat, ist zum Glück aber faszinierend genug, dass man trotz aller inszenatorischer Unausgewogenheit bis zum Ende dranbleibt. Der Fall erinnert streckenweise an Catch me if you can oder Wolf of Wall Street. Dazu verbindet man die typischen Stationen und Tropen klassischer Hochstaplergeschichten mit den modernen digitalen Möglichkeiten. So kommt sehr gut zu Geltung, wie zentral vor allem die Plattform Instagram für die Inszenierung der Persona Anna Delvey war.

Der Einblick in die redaktionelle Arbeit ist ebenfalls spannend und der ein oder andere Verweis auf die tagesaktuellen Themen wird gut eingewoben ohne zu gezwungen zu wirken. Insgesamt gehen die wichtigen Aussagen trotz etwaiger humoristischer Störfeuer glücklicherweise nicht unter. Und im finalen Akt vor Gericht ist man sich auch sehr bewusst, dass man hier sehr strikt bei der Faktenlage bleiben muss.

Eine starke Julia Garner mit leichten Hang zur Theatralik

Für die bis zum Ende nicht ganz zu entschlüsselnde Figur der Anna hätte man kaum eine bessere Darstellerin als Julia Garner finden können. Man nimmt ihr die manipulativen Seiten zu jeder Zeit ab, aber auch, wenn die Fassade einmal bröckelt, wirken die emotionalen Ausbrüche nicht übertrieben. Der leichte Hang zur Theatralik passt sehr gut zu einer Person, bei der man am Ende sogar den Eindruck behält, sie habe in auch sich selbst etwas vorgemacht. Die Motive bleiben nebulös und ebenso ertappt man sich dabei, dass man immer wieder mal einer Betrügerin Erfolg gewünscht hat.

Eine schwangere Frau und ein Mann betreten eine Wohnung jeweils mit einer Tasche unter dem Arm. Inventing Anna
Die Journalistin, die Annas Geschichte unter die Lupe nimmt, ist schwanger © Netflix

Unser Fazit zu Inventing Anna

Das Charakterdrama und die juristischen Aspekte in Inventing Anna funktionieren besser als die Geschichte der journalistischen Enthüllung. Insgesamt sind die neun Folgen, die jeweils über eine Stunde Lauflänge haben, eindeutig zu lang, tonal zu unausgewogen und zu voll mit unglaubwürdigen Nebenfiguren, als dass man die ambitionierte Produktion uneingeschränkt empfehlen könnte. Fans der stark aufspielenden Julia Garner kommen jedoch voll auf ihre Kosten. Und ebenfalls einen Blick wagen sollten diejenigen, die Formate schätzen, in denen die Hochglanz- und Glamour-Welt ein Stück weit der Dekonstruktion Preis gegeben wird. Wer auf Inszenierungen im Stil von Ryan Murphys American Crime Story spekuliert hat, der wird eher enttäuscht werden.

Inventing Anna ist ab dem 11. Februar komplett bei Netflix abrufbar!

Unsere Wertung:

 

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