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Irreversibel

Der Skandalfilm Irreversibel vom gleichermaßen kontroversen Regisseur Gaspar Noé erhält nach nunmehr 18 Jahren eine neue Schnittfassung. Ob der Film auch heute noch schockiert und wie sich die beiden Fassungen im Vergleich machen, erfahrt ihr hier.

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TitelIrreversibel (OT: Irreversible)
Jahr2002
LandFrankreich
RegieGaspar Noé
DrehbuchGaspar Noé
GenreThriller, Drama
DarstellerMonica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel, Jo Prestia
Länge93 Minuten
FSKab 18 Jahren freigegeben
VerleihStudiocanal
Das Cover von Irreversibel zeigt Monica Bellucci als Alex, die eine in rotes Licht getauchte Unterführung entlang geht. Im Hintergrund ist eine dunkle Gestalt zu sehen, die ihr folgt.
Das Cover von Irreversibel zeigt die berüchtigte Szene in der Unterführung © Studiocanal

Die grausame Geschichte von Irreversibel

Das frisch verliebte Paar Alex (Monica Bellucci) und Marcus (Vincent Cassel) gehen gemeinsam mit Alex’ Ex-Freund Pierre (Albert Dupontel) auf eine Party. Was als spaßiger Abend beginnt, wird sehr bald ein Alptraum für alle Beteiligten. Nach einem kurzen Streit mit Marcus macht sich Alex vorzeitig auf den Heimweg – allein. In einer Unterführung wird sie von einem fremden Mann grausam vergewaltigt und anschließend brutal zusammengeschlagen.

Als Marcus und Pierre die Party ebenfalls verlassen, bekommen sie mit, wie die geschundene Alex gerade abtransportiert wird. Zwei fremde Männer wenden sich an Marcus und bieten ihm gegen eine Entlohnung an, den Schuldigen ausfindig zu machen. Der unter Drogen und Schock stehende Marcus nimmt das Angebot an und begibt sich mit Pierre auf die Suche. Ihr Weg führt sie in das “Rectum”, eine Schwulenbar der SM-Szene, in der die Situation endgültig zu eskalieren droht.

13 Sequenzen, von hinten nach vorne

Der Film besteht aus 13 einzelnen Sequenzen, die allesamt nur mit versteckten Schnitten arbeiten, sprich, sich wie Plansequenzen anfühlen und inszeniert sind. Die Kamerarbeit, für die Noé selbst verantwortlich zeichnet, ist dabei durchaus virtuos. Die Kamera ist über den gesamten Film extrem dynamisch, umkreist Figuren und “steigt” sogar durch die Scheibe hindurch mit ins Auto ein und aus. Sie klebt förmlich an den drei Charakteren und reißt den Zuschauer – auch dank der groben Bildkörnung – mit einer rohen Unmittelbarkeit mit ins Geschehen. Mit fortschreitender Chronologie und der Eskalation der Ereignisse wird die Inszenierung dabei immer wilder und die Perspektive verändert sich fast sekündlich. So wird zunehmend mit drastischen Reißschwenks gearbeitet (die auch als versteckte Schnitte fungieren) und der Blickwinkel rotiert – in der fiebrigen Sequenz im Rectum wankt das Bild größtenteils in einem 90-180 Grad Winkel.

Alex und Marcus haben eine Auseinandersetzung auf einer Party. Das dunkel gehaltene Bild ist nur von Partylichtern erhellt.
Ein kurzer Streit mit folgenschweren Auswirkungen © Studiocanal

Der Clou von Irreversibel ist dabei, dass die 13 Sequenzen in entgegengesetzter Reihenfolge gezeigt werden. So beginnt der Film mit dem chronologischen Ende der Geschichte. Der Zuschauer wird also direkt zu Beginn mit der absolut wilden Fiebersequenz in dem rot beleuchteten SM-Club konfrontiert. In der rund zehnminütigen Einstellung folgen wir dem sichtlich dem Wahnsinn verfallenen Marcus, der rastlos durch das Rectum irrt und nach einer Person sucht. Die Sequenz kulminiert schließlich in einem grausamen Gewaltakt, in dem eine Person mit einem Feuerlöscher brutal erschlagen wird.

3 Charaktere, 3 Seiten Drehbuch

Wer bei der antichronologischen Abfolge an den zwei Jahre früher erschienenen Memento (2000) von Christopher Nolan denkt, der liegt goldrichtig. Noé gefiel die Erzählweise so gut, dass er beschloss, einen ähnlichen Film zu drehen. Der Inhalt war dabei eher zweitrangig. Bereits vor der Planung einer konkreten Geschichte konnte er die Darsteller und das Filmteam für das Projekt gewinnen. Da für Monica Bellucci kurz darauf bereits die Dreharbeiten für Matrix Reloaded und The Matrix Revolutions anstanden, blieb wenig Zeit und so begann der Dreh mit ganzen drei Seiten Drehbuch, die nur grob die 13 Sequenzen umschrieben, aber keine Dialoge enthielten.

So wurde schließlich der Großteil des Films improvisiert. Davon profitieren gerade die chronologisch frühen Szenen. Wenn etwa Alex, Marcus und Pierre auf dem Weg zur Party herumalbern und über das Leben und die Liebe sinnieren, entsteht ein parisischer Charme, den man hier nicht erwartet hätte. Besonders gut harmonieren Monica Bellucci und Vincent Cassel als Intimität gewährendes Paar, die zum Zeitpunkt des Drehs auch tatsächlich bereits verheiratet waren.

Der Straight Cut

Dass Noé (Climax) sich nach 18 Jahren für die Veröffentlichung einer neuen Schnittfassung entscheidet, ist zunächst etwas verwunderlich, wo es ihm doch bei dem Projekt zuvörderst um die Form und nicht um den Inhalt ging. Die neue Version des Films klingt auf den ersten Blick unspektakulär: Die zuvor umgekehrte Erzählstruktur weicht einer nun chronologischen Abfolge der Szenen. Der Rest des Films ist identisch, es wurde nichts gekürzt oder hinzugefügt. Und doch bietet der Straight Cut eine andere Seherfahrung und hat definitiv eine Daseinsberechtigung. Nicht nur ist der Weg nun vom Licht hin zum Schatten, von der Menschlichkeit hin zur Monstrosität, auch die Dramaturgie bekommt trotz gleicher Einzelsequenzen eine ganz andere Akzentuierung.

Alex und Marcus stehen in Irreversibel zusammen mit Pierre in einem Aufzug und unterhalten sich ausgelassen.
Die drei Freunde freuen sich eigentlich auf einen schönen gemeinsamen Abend © Studiocanal

Der Regisseur sagt selbst über die neue Fassung, sie sei die weniger konzeptionellere, aber dafür die verständlichere Fassung. Ganz Unrecht hat er damit nicht, der klarere Verlauf gibt dem Zuschauer deutlich mehr Halt und Überblick. Gerade die ruhigeren Momente zu Beginn werden klarer aufgenommen, da sie nun (noch) nicht im Schatten der grausamen Folgeereignisse stehen. Laut Noé haben viele Zuschauer bestimmte Aspekte der Geschichte nicht verstanden. Tatsächlich bleibt hier nicht nur mehr Raum für das intime und nun noch präsentere Schauspiel, sondern auch für Thesen des Provokateurs, die er nach 18 Jahren immer noch verstanden sehen wollte. Es spricht aber nicht unbedingt für ihn, dass die neue Fassung gerade deswegen die schwächere ist.

Die kontroversen Inhalte von Irreversibel

Für großen Aufschrei sorgte die rund achtminütige (!) Vergewaltigungsszene in der Unterführung, die mit einer schwer zu ertragenden Intensität gefilmt und gespielt ist. Auch die Schlussszene im Rectum bietet dem Zuschauer keinen Rückzugsraum, keine Pausen. Durch die wilde Inszenierung wird der Zuschauer zugleich entfremdet wie mit ins Geschehen gezogen.

Kontrovers mutet ebenfalls an, dass Alex’ Vergewaltiger mehrfach betont, homosexuell zu sein. Was im ersten Moment – gerade in der Kombination mit der Darstellung der schwulen SM-Szene im Rectum, die im Sinne der Dramaturgie befremdlich und fieber- bis alptraumhaft rüberkommt – für ein krudes Bild von Homosexualität zu sprechen scheint, verdeutlicht hier aber viel eher, dass die Vergewaltigung für den Täter nicht in erstem Sinne eine triebhafte, sexuelle Tat ist. Ihm geht es in dem Moment nicht um den sexuellen Akt, ihm geht es um die pure Zerstörung und Verunreinigung. So schlägt er Alex im Anschluss immer weiter ins Gesicht, bis sie unter dem Blut und ihren Wunden kaum noch zu erkennen ist.

Die Zerstörung – von Schönheit, Identität, Menschlichkeit – zieht sich durch den gesamten Film. Nicht nur bei Alex konzentriert sich die Gewalt auf das Gesicht, auch in der Endszene im Rectum bekommt eine Person unzählige Hiebe auf das Gesicht – bis hin zur völligen Entstellung. Auch Marcus verliert sich völlig in einem Rausch aus harten Drogen, Verzweiflung und Wut.

Marcus und Pierre stehen in Irreversibel desillusioniert am Tatort, hinter ihnen stehen Polizei- und Krankenwagen. Im Hintergrund leuchten Lichter des städtischen Nachtlebens.
Marcus und Pierre bekommen mit, wie Alex abtransportiert wird © Studiocanal

“Die Zeit zerstört alles”

Bei all der schonungslosen Drastik der Gewalttätigkeiten rückt die ein oder andere Szene etwas in den Hintergrund. Dabei sind es auch gerade die eher ruhigen, stillen Momente, die bei genauerer Betrachtung anecken. In der chronologisch ersten Szene liegen Alex und Marcus gemeinsam nackt im Bett und albern herum. “Es sind immer die Frauen, die entscheiden.”, sagt Alex. Marcus erwidert schelmisch: “Du entscheidest, du bezahlst.” Und ein wenig später in der gleichen Einstellung: “Ich hab Lust, dich in den Arsch zu ficken.” Was sich zunächst wie ein intimer Einblick in die Beziehung der beiden anfühlt, bekommt eine völlig neue und seltsame Note, wenn Alex im späteren Verlauf in der Unterführung brutal anal vergewaltigt wird.

Die Geschichte enthält immer wieder kleine Anspielungen bzw. Momente des Foreshadowing und greift zukünftige Geschehnisse auf. Dies suggeriert so eine Schicksalhaftigkeit und vor allem eine falsche Folgerichtigkeit der Handlungen. Der freie Wille sei eine Illusion, behauptet Noé, und verkennt dabei sowohl die diversen verschiedenen Momente, in denen sich anders entschieden hätte werden können, als auch die Schwächen bzw. Lücken im Drehbuch, die diese Momente gar nicht erst differenziert aufzugreifen versucht. In der Darstellung dieser nihilistischen Botschaft unterscheiden sich die beiden Fassungen jedoch auch erheblich.

Die Folgen der Umkehrung

Dass wir die Frau, die grausam vergewaltigt wird, in der ursprünglichen Fassung dabei zum ersten Mal sehen, tut der Wirkung der Szene keinerlei Abbruch, da wir die Dimension dieser Tat trotzdem verstehen, auch dank der schonungslosen Länge der Sequenz. Die Vorgeschichte spielt hier gar keine Rolle. “Man denkt immer, es passiert nur den anderen”, wird im Film gesagt und dem Zuschauer hier vor Augen gehalten. Diese Frau ist in dieser Szene für uns noch nicht die gezeichnete Figur Alex, sie ist eine anonyme Stellvertreterin all dieser “anderen”. Umso schmerzlicher ist es, die Person anschließend kennenzulernen. Die Ohnmacht, die sich durch die mangelnde Handlungsmöglichkeit in dieser nicht chronologischen Erzählweise auftut, hallt bis zum Ende des Films nach und hängt wie ein Schatten über den Szenen mit eigentlich positiver Stimmung.

Alex steht unter Dusche hinter einem durchsichtigen Duschvorhang. Marcus steht ihr auf der anderen Seite gegenüber, die beiden küssen sich durch den Vorhang in Irreversibel.
Das Paar hat bald mehr zu überwinden als einen Duschvorhang © Studiocanal

Im Straight Cut folgt der Vergewaltigung hingegen kein langer, stiller Nachhall, sondern der gewalttätige Rachefeldzug. “Blut schreit nach Rache, der Mensch hat ein Recht auf Rache.”, wird Marcus gesagt. Durch die klassische Rape-and-Revenge-Abfolge wird dem Zuschauer eine grausame und falsche, aber dennoch kathartische Lösung und somit der Ausweg präsentiert, der in der anderen Fassung fehlt. Dort entwickelt der Rachepart direkt zu Beginn des Films nur seine eigentliche Grausam- und Sinnlosigkeit, von Katharsis fehlt jegliche Spur. Durch die Abfolge und den Abschluss der Chronologie verliert die Erzählung im Straight Cut ein wenig ihren universalen Charakter und wird zu einer auserzählten Einzelgeschichte mit konkretem Opfer, konkretem Täter, Handlung und Gegenhandlung, und Figuren, die an die Emotionen und Identifikation des Zuschauers geknüpft sind.

Ganz grob formuliert, lässt sich feststellen, dass die ursprüngliche Fassung mehr Fokus auf die Vergewaltigung und die Zerstörung von Menschlichkeit und Schönheit legt, während im Straight Cut der Rachepart und das Monströse, der menschliche Abgrund in den Vordergrund rückt.

Unser Fazit zu Irreversibel

Der Film ist definitiv ein Schlag in die Magengrube, ganz gleich, für welche Fassung man sich entscheidet. Regisseur Gaspar Nóe legt den Fokus auf menschliche Abgründe, Monstrosität und die Zerstörung von Schönem und Gutem. Die Kamera bleibt dabei unerbittlich beim Geschehen und bietet keinen Ausweg aus diesem Fiebertraum. Während die Form und ein Großteil der Bilder beeindrucken und nachhaltig im Kopf bleiben, schwächelt der Film an einigen Stellen am quasi inexistenten Drehbuch und an den teils kontroversen Vorstellungen Noés.

Der neue Straight Cut ist durchaus einen eigenen Film wert, da er durch die Umkehrung der Szenenfolge andere Akzente setzt und dem Zuschauer eine andere Seherfahrung bietet. Das ist einen Blick wert, auch wenn die ursprüngliche Fassung zweifelsohne die bessere bleibt. Denn ausgerechnet die Aspekte des Films, die Noé mit der neuen Schnittfassung nochmals klarer rüberbringen wollte, funktionieren in der antichronologischen Erzählstruktur deutlich besser und offenbaren hier eher die dramaturgischen Schwächen.

Irreversibel erschien am 10.12.2020 remastered und in der neuen Schnittfassung als Straight Cut bei Studiocanal auf Blu-ray, DVD und digital.

Unsere Wertung:

 

 

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© Studiocanal

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