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Dutzende Partisanen posieren für ein Foto. Einer trägt einen Verband um den Kopf und hält eine Handgranate hoch, während Fljora mit einem Gewehr auf dem Boden liegt.

Komm und sieh

Filme über den Zweiten Weltkrieg gibt es wie Sand am Meer, doch kaum einer brennt sich so stark ins Gedächtnis wie Elem Klimovs Antikriegsfilm Komm und sieh. Wieso der Meilenstein des sowjetischen Kinos bis heute zu den verstörendsten Filmen des Genres gezählt wird, erfahrt ihr in dieser Kritik.

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TitelKomm und sieh (OT: Idi i smotri)
Jahr1985
LandSowjetunion
RegieElem Klimov
DrehbuchAles Adamowitsch, Elem Klimov
GenreKriegsfilm, Historienfilm, Drama
DarstellerAlexei Krawtschenko, Olga Mironowa, Liubomiras Laucevičius
Länge142 Minuten
FSKAb 16 Jahren freigegeben
VerleihBildstörung
Das Blu-ray-Cover von Komm und sieh zeigt Fljoras Gesicht im Medium Close Up, während es in rot-blauem Licht beleuchtet wird und ein goldener Kranz um seinem Kopf wie ein Heiligenschein erscheint.
Offizielles Beitragsbild zu Komm und sieh © 2019 – Bildstörung

Komm und sieh – Handlung

Wir befinden uns im von Deutschland besetzten Weißrussland 1943. Der Junge Fljora möchte sich den Partisanen anschließen, um gegen die Wehrmacht zu kämpfen. Er kann den Ernst der Lage nicht greifen, denn für ihn ist der Krieg wie ein großes Abenteuer, fast wie ein Spiel. Gegen den Willen seiner Mutter kann er sich tatsächlich den Widerstandskämpfern anschließen und lernt dort die junge Glascha kennen. Doch schnell wird dem Jungen klar, dass die Realität nicht seiner Vorstellung entspricht. Nachdem ein Bombardement den Zufluchtsort der Partisanen zerstört, sind Fljora und Glascha auf sich alleine gestellt und geraten im Laufe des Films immer weiter in die Abwärtsspirale des Krieges. Hunger, Angst vor Bomben, Leichenberge und verbrennende Dorfbewohner prägen die Wahrnehmung des Jungen und lassen ihn in kurzer Zeit körperlich um Jahre altern und seinen Verstand verlieren.

Das Grauen des Krieges in seiner verstörendsten Form

Der Faschismus bricht in Komm und sieh über den Jungen herein wie eine erbarmungslose Welle und Elem Klimov hält sich nicht zurück, dies in all seiner Grausamkeit zu zeigen. Die Handlung folgt keinem klaren roten Faden, stattdessen wird Fljora auf eine Odyssee des Todes geschickt, bei der eine Station erschreckender ist als die andere. Klimov gelingt es, den Wandel vom unschuldigen Knaben hin zum vom Leben gezeichneten Soldaten zu zeigen. Die Taten, die er erlebt, spielen sich zwar in einer kurzen Zeit ab, doch stehen stellvertretend für den gesamten Krieg und so fühlt es sich an, als würden wir ihn auch den jahrelangen Konflikt über begleiten. Jegliches Zeitgefühl geht verloren und noch bevor man die eine Grausamkeit verarbeiten konnte, folgt auch schon die nächste.

Wir bleiben stets beim Jungen, um die Erfahrungen mit ihm teilen zu können, doch bekommen auch ein Bild, wie es für die gesamte Bevölkerung Weißrusslands gewesen sein muss. Ein niedergebranntes Dorf hat sowohl eine Bedeutung für Fljora, repräsentiert jedoch auch die 628 Dörfer Weißrusslands, denen im Krieg das gleiche Schicksal ereilte. Das sorgt für ein viel intensiveres Unbehagen beim Zuschauer, als es explizite grafische Gewaltdarstellung verursachen könnte. Denn auch wenn Komm und sieh schonungslos ist, suhlt er sich nicht in seiner Grausamkeit. Stattdessen wird viel mit der Mimik seiner Darsteller und mit der Atmosphäre gearbeitet. Klimov versteht, dass selbst die expliziteste Gewaltdarstellung nicht an die Grausamkeit der Realität herankommen würde. Daher erzählt er dies lieber durch seine Figuren und die Stimmung. Wenn wir dann einen verbrannten Körper oder abgesprengte Gliedmaßen sehen, dann immer, weil sie etwas zum Film beitragen und nicht aus reinem Schock-Faktor.

Drei Deutsche Soldaten stehen in Komm und sieh um ein Bett, in der eine alte Frau liegt, während im Hintergrund eine Scheune brennt.
628 Dörfer in Weißrussland wurden im Zweiten Weltkrieg Opfer eines Völkermordes ©Mosfilm

Komm und sieh… wie er sich verändert

Ein Film mit solch einer Herangehensweise lebt von seinen Darstellern und die liefern tatsächlich eine bahnbrechende Leistung ab. Gerade der Hauptdarsteller Alexei Krawtschenko macht den Film mit seiner Schauspielleistung zu einem Meisterwerk. Seine Veränderung im Laufe des Films ist so drastisch, dass man ihn am Ende gar nicht mehr wiedererkennt. Sein gezeichnetes Gesicht könnte auch einem 50-jährigen Mann gehören und sein Blick ist so eindringlich verstörend, dass er einen nicht loslässt. Deswegen wurde der Film in chronologischer Reihenfolge gedreht und einigen Berichten zufolge wurden Krawtschenkos Haare im Laufe Drehs tatsächlich grau. Die Intensität seines Schauspiels ist unbeschreibbar und die Umstände beim Dreh dementsprechend schwierig; unter anderem wurde mit scharfer Munition geschossen. Krawtschenko selbst blickt jedoch gerne auf die Zeit am Set zurück und hat hauptsächlich glückliche Erinnerungen daran.

Fljoras schaut verstört und verängstigt, während ihm seitlich eine Pistole an die Schläfe gehalten wird.
Fljora wird nie mehr der kleine naive Junge sein © Mosfilm

Sounddesign und Detailverliebtheit

Komm und sieh ist ein Paradebeispiel für ein gutes Sounddesign. Das Sounddesign passt sich der Wahrnehmung des Protagonisten an und Klimov spielt diese inszenatorische Entscheidung konsequent aus. Wenn Fljoras Gehör durch eine Explosion beschädigt wird, hören wir das Piepen in seinen Ohren nicht nur für ein paar Sekunden, sondern minutenlang. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir nur das hören, was der Protagonist hört, sondern dass wir seine Wahrnehmung der Situation durch das Sounddesign nachempfinden können. Jeder einzelne Ton ist unfassbar bedacht gewählt, genauso wie die Einstreuung von erzählerischen Details. Komm und sieh ist ein sorgfältig recherchierter Antikriegsfilm, was dem Realismus sehr zugutekommt. Trotz des Realismus spielt Klimov aber auch mit leicht verfremdenden Essayfilm-artigen Elementen – beispielsweise rückwärts abgespielte Originalaufnahmen -, um seine Aussage zu verdeutlichen. So macht er dem ursprünglichen Titel Töte Hitler alle Ehre. Er appelliert daran, den Hitler im Menschen zu töten.

Fljora und Glascha stehen in Komm und sieh im Wald und blicken in die Luft.
Fljora und Glascha wissen noch nicht, was sie erwartet © Mosfilm

Fazit zu Komm und sieh

Komm und sieh behält zurecht den Ruf als einer der verstörendsten Antikriegsfilme aller Zeiten. Mit durchdachtem Sounddesign, mitreißend kompositionierten Kamerafahrten und einer bedrückenden Atmosphäre sorgt die gesamte Inszenierung für Unbehagen. Die Veränderung, die Fljora im Laufe des Films durchmacht, ist so erschreckend erkennbar und überzeugend gespielt, dass man seinen eigenen Augen nicht trauen mag. Kaum ein Film schafft es, den Schrecken des Krieges so ungeschönt einzufangen, ohne sich in der Gewalt zu suhlen. Es ist eine emotionale Abwärtsspirale, die noch lange nach dem Abspann nachhallt und genau deswegen unbedingt gesehen werden sollte, um zu verstehen, wozu Menschen – geblendet vom Faschismus – imstande sind. Kurz gesagt: ein Meisterwerk der Filmgeschichte.

Komm und sieh ist seit dem 27.11.2020 auf Blu-ray erhältlich.

Unsere Wertung:

 

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