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LGBTQ+ Repräsentation in Filmen – Ein steiniger Weg

Die Welt ist im stetigen Wandel und mit ihr auch die Unterhaltungsindustrie. Trotzdem hat die Filmlandschaft heute noch ein massives Problem mit Repräsentationen. Das betrifft beispielsweise die LGBTQ+ Community. Doch wie sah es in der Vergangenheit aus, welchen genauen Problemen der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen muss man sich heute stellen und wie viel Verantwortung liegt bei den Zuschauern? Das erfahrt ihr in diesem Artikel.

Erste Schritte der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen

Die Geschichte der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen ist fast so alt, wie das Medium an sich. Bereits 1895 erschien William K. L. Dicksons Film The Gay Brothers, welcher zudem er erste bekannte Film mit live aufgenommenem Ton war. In wenigen Sekunden sieht man dort zwei Männer, die miteinander tanzen. Doch bis Homosexualität auch in Spielfilmen offen behandelt wurde, dauerte es bis 1919. Denn in diesem Jahr sorgte der deutsche Film Anders als die Anderen §175 für Aufsehen. 1919 war das erste Jahr, nachdem die Filmzensur in Deutschland abgeschafft wurde und so drehte Richard Oswald einen Film über einen homosexuellen Violinvirtuosen. §175 steht dabei für den Paragrafen, der damals die Homosexualität gesetzlich verboten hatte.

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USA, Wirtschaftskrise und Zensur

Zehn Jahre später kam es dann in den USA zu einem folgenreichen Ereignis für die LGBTQ+ Repräsentation in Filmen. Wegen der Wirtschaftskrise 1929 mussten sich Kinos Tricks ausdenken, wie sie möglichst viele Zuschauer anlocken können. Die Lösung lag dabei im Schockfaktor. Die LGBTQ+ Darstellung galt zu der Zeit als schockierend und lockte so Zuschauer in die Säle, was die Aufmerksamkeit des Staats auf sich zog. Um eine Zensur des Staats zu vermeiden, stellten Filmstudios Richtlinien für die Filmproduktion auf. Dieser sogenannte Hays Code schrieb bis in die 1960er vor, dass man keine Homosexualität in Filmen zeigen dürfe. Nun standen Filmemacher vor einem Dilemma, denn Drehbücher mussten umgeschrieben oder verworfen werden. So suchten viele nach Möglichkeiten, diese Themen versteckt in ihren Filmen unterzubringen. Aus diesem Dilemma entstand das Phänomen des Queercodings.

Queercoding

Das Queercoding legte ein Fundament für die Darstellung Homosexueller in Filmen, welche bis heute noch besteht. Filmemacher suchten nach Möglichkeiten, um homosexuelle Figuren in ihren Filmen einzubauen, ohne dabei gegen den Hays Code zu verstoßen. Deswegen arbeiteten sie stark mit Andeutungen. Eines der bekanntesten Beispiel ist der sogenannte Sissy-Charakter. Die Figuren weisen dabei ein Verhalten auf, welches allgemein eher als feminin angesehen wird. Oft ziehen sie sich auch extravagant an, sind künstlerisch veranlagt und wirken eher wie eine Parodie. Es gibt sogar bestimmte Codewörter in den Filmen, um die Homosexualität einer Figur zu bestätigen („confirmed bachelor, „pretty boy“, „light in the loathers“). Bei Frauen kam das Queercoding übrigens auch zum Einsatz. Diese wurden dann „maskulin“ dargestellt, wobei das bekannteste Beispiel wohl Marlene Dietrich in Morroco ist.

Aus heutiger Sicht klingt die ziemlich klischeehafte und parodistische Darstellung grotesk, doch damals entstand dies oft aus reiner Not und ohne böse Absichten. Dennoch geht mit dem Queercoding ein großes Problem der Diskriminierung einher, da diese eben diese Klischees verstärkt. Noch heute hört man regelmäßig unreflektierte Sätze, wie „Der sieht schwul aus“, die  u.a. auf diese Darstellungen zurückzuführen sind. Das sind aber nicht alles Probleme, die mit dem Queercoding entstanden sind.Denn die Figuren erleben in den Filmen häufig ein tragisches Schicksal, haben psychische Probleme oder sind die Bösewichte des Films. Es ist also unvermeidbar, dass die Darstellung der Homosexualität negative Assoziationen weckt. Queercoding war der vergebliche Versuch der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen, doch stellt sich auch auf lange Sicht als eine große Gefahr für den Weg zur Akzeptanz dar. Beispiele von bekannten Filmen, in denen diese Verschleierung benutzt wird sind u.a. Cocktail für eine Leiche oder Der Unsichtbare.

Deutschlands Bedeutung für die LGBTQ+ Repräsentation in Filmen

Wie es schon Anders als die Anderen §175 vermuten lässt, spielt Deutschland eine wichtige Rolle in der Geschichte der LGBTQ+Repräsentation in Filmen. Während in den USA der Hays Code umgesetzt wird, ist die Darstellung von Queers in Deutschland komplett verboten. Umso erstaunlicher ist es, dass 1931 der Film Mädchen in Uniform erschien, welchen das lesbische Magazin Dyke die erste lesbische Filmproduktion überhaupt nannte. Doch im selben Jahr erhielt der Film ein Jugendverbot und 1933 wurde er schließlich komplett verboten. Doch dafür erfreute sich der Film international großer Beliebtheit. Der nächste deutsche Meilenstein kam dann 1968, denn die sogenannte 68er-Bewegung führte 1969 zur Liberalisierung des §175. Nun war die Auslebung der Homosexualität endlich legal, doch wurde gesellschaftlich noch nicht akzeptiert.

LGBTQ+ im Neuen Deutschen Film

Dadurch, dass die Auslebung der Homosexualität nicht mehr illegal, aber stark stigmatisiert war, bildeten sich in Deutschland zahlreiche Milieus. Die Milieubildung und Ausgrenzung führten 1971 zu dem kontroversen Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Mit diesem Film appellierte Rosa von Praunheim an die LGBTQ+ Community, sich zusammenzuschließen und ihre Sexualität offen auszuleben, anstatt in ihren eigenen Subkulturen zu leben. Schließlich verachteten sich die homosexuellen Subkulturen zu der Zeit gegenseitig. Sein Werk wurde umstritten aufgenommen und ihm wurde sogar vorgeworfen, bestehende Klischees noch weiter zu verstärken. Dennoch gilt er als Auslöser für die Entstehung der modernen deutschen und schweizerischen Schwulenbewegung. Er brachte die Subkulturen zusammen, um gemeinsam gegen die Diskriminierung zu kämpfen. Und bereits 1969 sorgte Jagdszenen aus Niederbayern für eine Kontroverse, da er von einer wortwörtlichen Verfolgung eines Homosexuellen handelte und die Gesellschaft somit anprangerte.

Sechs nackte Männer befinden sich in einem Zimmer mit violetten Gardinen. Einer liegt, die anderen sitzen. Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, ist eine wichtige Station für die LGBTQ+ Repräsentation in Filmen
Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. © Bernd Feuerhelm/ Eurovideo

New Queer Cinema

Mit der Zeit entstand im Neuen Deutschen Film eine große Offenheit für das Thema Homosexualität. Große Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder behandelten das Thema ebenfalls in ihren Werken. Durch die New Hollywood Bewegung wurde Homosexualität auch in den USA offener gezeigt. In den früher 90er-Jahren kam es dann vorwiegend in Amerika zur New Queer Cinema-Strömung. Der Begriff wurde 1992 von der Filmtheoretikerin B. Ruby Rich geprägt. Die Filmemacher waren dort selber Teil der LGBTQ+ Bewegung und richteten ihre Filme hauptsächlich an ein Queeres Publikum, weswegen sie auch entsprechende Themen in den Filmen behandelten. Doch im Gegensatz zu Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt werden Subkulturen wohlwollender behandelt und sogar gefeiert. Auch wenn das New Queer Cinema eine relativ kurze Strömung war, war sie doch ein wichtiger Wegweiser für die LGBTQ+ Repräsentation in Filmen.

„[Er] weint. Hab ich gestohlen? Hab ich einen Einbruch begangen? Ich bin nur in das Herz eines lieben Menschen eingebrochen und hab gesagt: ‚Du bist mein Sonnenschein'“ – Rainer Werner Fassbinders Berlin Alexanderplatz

Die Probleme der heutigen Zeit bei der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen

Doch all diese Probleme sind Vergangenheit. Inzwischen sind wir da viel weiter entwickelt, oder? Schön wäre es zwar und es hat sich natürlich gesellschaftlich wie auch medial einiges verändert, doch traurigerweise sind die alten Probleme in neuer Form immer noch vertreten. Es ist kein Geheimnis, dass die LGBTQ+ Community unterrepräsentiert ist. Mit neuen Diversitäts-Richtlinien versucht man dies nun zumindest bei den Oscars zu bessern, doch für wirkliche Repräsentation wird auch dies nicht reichen, denn die Probleme der LGBTQ+ Repräsentation in Filmen sind viel komplexer. Ein häufiges Phänomen ist beispielsweise das sogenannte Queerbating.

Queerbating

Queerbating ist eine neuere Form, die auf das Queercoding zurückzuführen ist. Sie dient dazu, ein LGBTQ+ Publikum anzulocken, ohne das konservative Publikum zu verlieren. Dies entsteht dadurch, dass man eine bestimmte Spannung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Figuren erzeugt, die jedoch nie zu einer tatsächlichen Beziehung ausgebaut wird. Um Queerbating zu entdecken, reicht ein simpler Test. Wenn man das Geschlecht einer der Figuren so ändert, dass man nun ein zweigeschlechtliches Geflecht hätte, würde ihr Verhalten auffällig stark eine romantische Beziehung andeuten. Dadurch, dass homosexuelle Beziehungen in der Gesellschaft immer noch zu selten repräsentiert werden, fällt einem konservativen Publikum diese Chemie nicht so deutlich auf, sobald es sich um das gleiche Geschlecht handelt.

Tolerantere Fans nutzen es, um diese Chemie in ihren Kopf selber weiterzuspinnen und oft reicht dies, um ein Publikum zu überzeugen. Das Werk gaukelt Repräsentation vor, ohne den nötigen Schritt zu gehen. Schließlich würde es sonst das konservative Publikum verlieren. In der Serie Teen Wolf wurde diese Methode gezielt dazu eingesetzt, um Stimmen bei Choice Awards zu erlangen. Dafür wurde extra ein Werbeclip produziert, die mit dem Queerbating spielen, ohne in der eigentlichen Serie auch entsprechend konsequent zu sein. Es ist ein schwieriges Terrain, denn diese Andeutungen können reichen, um sich selber repräsentiert zu fühlen und daraus Mut zu schöpfen, doch es kann auch als eine verletzende Ausnutzung empfunden werden.

Queercatching

Wir müssen uns auch einem weiteren Problem stellen, welches offenbar immer häufiger vorkommt. Queercatching möchte ebenfalls ein Publikum anlocken und das Image des Films aufwerten. Dafür gehen die Filme sogar ein Stück weiter als es nur anzudeuten. Es werden LGBTQ+ Figuren eingebaut, doch verkommen dafür zu irrelevanten Nebenfiguren oder werden so inkonsequent eingebaut, dass man sie ebenso gut weggelassen könnte. In Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers kommt es beispielsweise zu einer kleinen Kussszene zwischen zwei Frauen. Diese Szene war so unbedeutend und eingeschoben, dass sie einfach für Märkte rausgeschnitten werden kann, welche die Darstellung Homosexueller nicht dulden. Das hat zu Recht einige Fans frustriert, besonders, da immer wieder eine Chemie zwischen Poe und Finn angedeutet wurde.

Leider erlebt man solche Situationen immer wieder. Die 60 erfolgreichsten Filme der Welt (stand November 2020) beinhalten keine relevante homosexuelle Figur. Erst in Bohemian Rhapsody findet man eine Art der Repräsentation, deren Darstellung allerdings ebenfalls kritisiert wurde.

Freddy Mercury hält auf der Bühne sein Mikrofonständer in der Hand, während Brian May Gitarre spielt
Queen auf Tour in den USA © 20th Century Fox

Unsere Verantwortung als Zuschauer

Was können wir als Zuschauer tun, um diese Probleme zu lösen? Studios richten sich logischerweise nach ihren Einspielergebnisen und demnach nach dem Publikum. Es ist daher als Zuschauer wichtig, sich die aktuellen Probleme bewusst zu machen. Es ist wichtig, Zeichen zu setzen, um zu beweisen, dass ein Kuss im Hintergrund nicht für die LGBTQ+ Repräsentation in Filmen reicht. Jeder entscheidet selber, welchen Film er mit dem Kauf einer Kinokarte unterstützt und besonders Das perfekte Geheimnis hat aufgezeigt, wie erfolgreich Homophobie im Deutschen Kino ist. Es ist also die Aufgabe des Zuschauers, solche Filme nicht zu unterstützen und es gehört auch dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es hilft, sich mit Opfern von Diskriminierung auszutauschen, um die Hürden, die überall warten, besser zu verstehen und um den Schmerz nachzuvollziehen, den Filme wie Das perfekte Geheimnis verursachen können.

„Und wieso ist das so wichtig? Es gibt schließlich viel größere Zahnräder, an denen man Schrauben muss, um Diskriminierung zu verhindern“, mag sich der eine oder die andere fragen. Ob man es will oder nicht, aber Kunst und Unterhaltung formen auch die öffentliche Wahrnehmung. Allein die Tatsache, wie viele durch Medien verbreitete Vorurteile sich bis heute halten, ist Beweis dafür. Solange es in Film und Fernsehen an Akzeptanz und Repräsentation fehlt, ist es auch schwer, ein Umdenken in der Allgemeinheit zu formen. Man wird Vorurteile und Diskriminierung nicht dadurch besiegen, dass man es stärker in Filmen repräsentiert, aber es ist zumindest ein kleiner Pflasterstein, der für den Weg zur Akzeptanz gelegt wird.

Marianne zieht Héloïse am Strand an sich heran. Beide wissen, dass ein ersehnter Kuss auch ein verbotener Kuss wäre | Porträt einer jungen Frau in Flammen
Ein Positivbeispiel der letzten Jahre ist Porträt einer Jungen Frau in Flammen © 2019 Alamodefilm

Positiv Beispiele für LGBTQ+ Repräsentation in Filmen

Um nicht gleich alle Hoffnung zu verlieren, soll dieser Artikel mit einer etwas positiveren Note enden. Schließlich gibt es auch einige positiv Beispiele, die zeigen, wie gute Repräsentation funktioniert. Hier haben wir für euch ein paar sehenswerte Filme aufgelistet, doch natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken.

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