Filmtoast.de

Luz

Bisher tingelte Tilman Singers Luz erfolgreich über die Festivallandschaft und bekommt am 21. März 2019 nun auch einen regulären Kinostart. Freunde des Genre-Kinos dürfen sich auf einen außergewöhnlichen Beitrag aus Deutschland freuen. 

TitelLuz
Jahr2018
ProduktionslandDeutschland
RegieTilman Singer
DrehbuchTilman Singer
GenreHorror, Thriller
DarstellerLuana Velis, Nadja Stübiger, Johannes Benecke, Jan Bluthardt, Julia Riedler, Lilli Lorenz
Länge70 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihBildstörung
Filmposter zu LUZ © Bildstörung & Drop Out Cinema
Filmplakat zu LUZ © Bildstörung & Drop Out Cinema

Mysteriöses Wiedersehen

Mysteriöse Ereignisse in einer chilenischen Klosterschule rund um Teufelsbeschwörungen, eingeredete Krankheiten und Schwangerschaften. Die beiden ehemaligen Klosterschülerinnen und Freundinnen Luz (Luana Velis) und Nora (Julia Riedler) verbindet eine intensive und bewegende Vergangenheit. Viele Jahre später sitzt Nora in einer Bar und unterhält sich mit dem Polizeipsychologen Dr. Rossini (Jan Bluthardt) über Luz und die Geschehnisse. Zeitgleich betritt Luz blutüberströmt eine Polizeiwache, in welcher sie kurze Zeit später auf Dr. Rossini trifft. Dieser versucht nun unter Einsatz von Hypnose Licht ins Dunkel bringen.


(adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({});

Ungehemmte Abschlussarbeit

Häufig stehen den Visionen der Filmemacher finanzielle Interessen der Studios im Weg. Auf Luz trifft das absolut nicht zu. Als Abschlussfilm für sein Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln konzipiert, hat sich Tilman Singer genretechnisch regelrecht ausgetobt und bietet unkonventionelles und referenzielles Genre-Kino. Man bekommt hier keinen Erzählfilm mit klaren vorgegebenen Pfaden serviert, viel mehr liefert uns Singer ein schwer greifbares Sammelsurium an Ideen und Story-Fragmenten. Durchschnittliche Kinogänger stellt das durchaus vor eine Herausforderung und dürfte nicht jedermann gefallen, Genre-Fans hingegen begegnen dem experimentellen Werk durchaus mit mehr Begeisterung.

Luz © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema
Luz (Luana Velis) © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema

Doch was macht diesen Film so anders und besonders? Das beginnt schon mit herrlich langen, auf grobkörnigem 16mm Film gebannten Aufnahmen, mit welchen die Figuren zu Beginn eingeführt werden. Trotz seiner knackigen Laufzeit von 70 Minuten hantiert Luz nicht mit hektischen Schnitten und hohem Pacing, sondern nimmt sich Zeit, die Momente entsprechend in Szene zu setzen. Die Sets wurden aus Budgetgründen einfach gehalten und versprühen mit 90er-Jahre-Deko und Requisiten stimmungsvollen Charme. In der ersten Hälfte werden die Figuren und Story-Fragmente positioniert, um mit Beginn des Hypnose-Verhörs ein herrlich verwirrendes und packendes Spiel aus Vergangenheit, Einbildung und Wahrheit auf den Zuschauer loszulassen. Mit einfachen, aber raffinierten Mitteln schafft Luz es dann, eine dichte und gialloeske Stimmung zu erzeugen, welche einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt.

Wirrer Lichtblick des deutschen Genre-Kinos

Man tut gut daran, den Film auf sich wirken zu lassen, ohne verbissen sämtliche Story-Windungen nachvollziehen zu wollen. Nicht auf alle aufgeworfenen Fragen gibt es eine Antwort und mit dem Einsetzen des Abspanns, wird man reichlich verwirrt aus der von Singer geschaffenen Welt entlassen. Willkürlich ist das alles aber nicht und lädt zu mehreren Sichtungen und Entdeckungen ein. Schon der Name der titelgebenden Figur Luz ist nicht zufällig gewählt und bedeutet aus dem spanischen übersetzt „Licht“. Eine entsprechende Wirkung hat Luz auch auf das deutsche Genre-Kino und liefert nach Nachtmahr einen weiteren Lichtblick

Ein gutes Händchen beweist Tilman Singer auch bei der Auswahl der Darsteller. Dabei setzt er auf Theaterschauspieler, die glaubhaft und mit vollem Einsatz ihren Rollen nachgehen. Besonders überzeugend ist die Darstellung des Dr. Rossini, in welcher sich Jan Bluthardt in eine skurrile Situation nach der anderen wirft. Generell profitiert die kammerspielartige Inszenierung von den Theatererfahrungen des Ensembles.

Nora © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema
Nora (Julia Riedler) © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema

Nebeliges und holpriges Stühlerücken

Der Projekthintergrund und das gewählte 16mm-Format zeigen es ja schon deutlich, Luz ist ein Low-Budget-Film, welcher sich mit gängigen Kinoproduktionen nicht vergleichen lässt. Mit seinem grobkörnigen Bild und eingeschränkten Setting erfordert er viel Kreativität von den Machern. Interessant zu beobachten, was man mit ein paar Stühlen und etwas Nebel alles anstellen kann. Während so in der Polizeistation eine dichte Atmosphäre erzeugt werden kann, gelingt das in der sterilen und großräumigen Bar nicht so gut. Auch der Übergang zum Hypnoseverhör verläuft etwas holprig und ergänzt den stetig wachsenden Fragenkatalog während des Films. Komplett rund ist der Film nicht, was er aber nicht sein will und auch nicht soll. Denn so bekommt man ein experimentelles und leidenschaftliches Werk, auf das man sich einlassen muss.

Mein Fazit zu Luz

Was ein 70-minütiger Trip. Luz ist nicht für jedermann und will es auch nicht sein. Eine simple Prämisse entwickelt sich durch geschicktes Spiel mit den zeitlichen Ebenen und Dimensionen zu einer wirren Hypnosesitzung der Extraklasse. Mit einfachen Mitteln täuscht und verblüfft Tilman Singer die Zuschauer. Genre-Freunde entdecken freudig Reminiszenzen an das Horror-Kino der 70er- und 80er-Jahre. Ein hochinteressanter, gialloesker Lichtblick des deutschen Genre-Kinos.

Nora und Dr. Rossini © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinem
Nora (Julia Riedler) und Dr. Rossini (Jan Bluthardt) © KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema
Der Nachtmahr
43 Bewertungen
Der Nachtmahr*
von Koch Media GmbH - DVD
Preis nicht verfügbar Jetzt auf Amazon kaufen*
Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten
Der Nachtmahr [Blu-ray]
43 Bewertungen
Der Nachtmahr [Blu-ray]*
von Koch Media GmbH - DVD
Prime Preis: € 8,99 Jetzt auf Amazon kaufen*
Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion:

Handlung/Dramaturgie
Figuren/Schauspieler
Ausstattung/Schauplätze
Form
Hintergrund
Vergleich im Genre
Durchschnitt:

Hier könnt Ihr den Film selbst bewerten:

Handlung/Dramaturgie
0
Figuren/Schauspieler
0
Ausstattung/Schauplätze
0
Form
0
Hintergrund
0
Vergleich im Genre
0
Durchschnitt:
  yasr-loader

© KHM|MÉNDEZ|SINGER © Bildstörung & Drop Out Cinema

Onno

Als Kind in einen Topf aus VHS-Kassetten gefallen und kann seitdem nicht mehr wegschauen.

1 Kommentar

  • Luz hat mir weitestgehend gut gefallen. Dabei muss man sich zunächst davon frei machen, eine hochwertige, kostenintensive Produktion serviert zu bekommen. Tilman Singer präsentiert hier schließlich den Abschlussfilm seines Studiums bzw. sein Debüt als Filmemacher. Gerade den Ton fand ich unter den technischen Aspekten als sehr unbefriedigend, also schwer verständlich, zumal wenn man den fein abgemischten Sound der Synchronstudios gewohnt ist. Auch die Handlung ist mehr als fragmentarisch und eher von Szene zu Szene gedacht, wenn erstmal das Setting, die Verhörsituation auf dem Revier, etabliert ist. Dagegen steht allerdings eine hervorragende Inszenierung, die Luz für mich insgesamt zu einem spannenden und unterhaltsamen Erlebnis gemacht hat, wodurch auch ein großartiger Grundstein für die nachfolgende Karriere von Singer gesetzt ist. Luz ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man aus wenig viel macht. Aus den wenigen Settings holt Singer mit Nebeleffekten und Farbspielereien das maximale an Atmosphäre raus. Auch der Score ist extrem spannungsgeladen und reibt an den Nerven der Zuschauer. Hier muss man für sich entscheiden, ob das schon zu fordernd und aufdringlich ist, aber die schrägen Kompositionen sind definitiv etwas Besonderes. Obwohl laut Credits vieles mit klassischen Instrumenten eingespielt wurde, klingt fast alles so verfremdet, dass es ausschließlich aus den digitalen Untiefen von Software und Rechnern zu stammen scheint. Inhaltlich und inszenatorisch huldigt Singer sehr stark den 70er- und 80er-Jahren des Horrorgenres. Argento ist beispielsweise übergroß zu erkennen, aber auch Themen wie Exorzismus oder ein gewisser Body Horror a la Cronenberg klingen an. Dementsprechend steckt der junge Filmemacher noch relativ stark in der Nachahmung dessen fast, was er wohl selbst als Zuschauer häufig gesehen und bewundert hat. Aber Luz ist allemal ein guter Anfang.