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Marriage Story

Noah Baumbach verarbeitet in Marriage Story seine Scheidung und rechnet dabei mit dem perfiden System Amerikas ab. Ob er damit qualitativ an seinen 2005 erschienenen Der Tintenfisch und der Wal anknüpfen kann, erfahrt ihr hier. Damals verdaute er filmisch bereits die Trennung seiner Eltern und erhielt für seinen zweiten Spielfilm direkt eine Oscar-Nominierung für das Beste Drehbuch.

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TitelMarriage Story
Jahr2019
LandUSA, UK
RegieNoah Baumbach
DrehbuchNoah Baumbach
GenreDrama, Komödie, Romanze
DarstellerAdam Driver, Scarlett Johansson, Azhy Robertson, Laura Dern, Ray Liotta, Alan Alda
Länge137 Minuten
FSKab 6 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Auf dem offiziellen Poster zu Marriage Story sieht man Nicole, Charlie und Sohn Henry glücklich miteinander lachend.
Das offizielle Poster zu Marriage Story. © Netflix

Worum geht’s in Marriage Story?

Die routinierte Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) und der als Ausnahmetalent geltende Theater-Regisseur Charlie (Adam Driver) stehen vor dem Aus ihrer Ehe. Trotz des gegenseitigen Respekts, der grundsätzlichen Zuneigung zueinander und der Liebe zum gemeinsamen Sohn Henry (Azhy Robertson) ist die Leidenschaft erloschen. Auch ein Paartherapeut vermag nicht mehr zu helfen. Nachdem Nicole sich entschließt, zurück zu ihrer Mutter nach Los Angeles zu ziehen und Charlie hingegen in New York bleibt, scheint eine Scheidung die logische Konsequenz zu sein.


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System-Abrechnung

Die Scheidung könnte dabei so einfach verlaufen. Könnte. Denn eigentlich wollen sich die beiden nichts Böses. Deswegen entscheiden sie sich zunächst noch dafür, auf die Hilfe eines Anwalts zu verzichten. Als sich Nicole schließlich doch dazu entscheidet, jemanden auf rechtlicher Seite einzuschalten – in der Person von Nora Fanshaw (Laura Dern), von der sie sich aufgrund derer oberflächlichen Einfühlsamkeit verstanden fühlt – gerät gegenseitiges Verständnis und Vernunft immer mehr in den Hintergrund. Charlie sieht sich gezwungen, mit dem kaltschnäuzigen Jay Marotta (Ray Liotta) nachzurüsten. So beginnt ein immer dreckig werdender Kampf um Ansehen, Finanzen und Kind, der die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende schwinden lässt.

Noah Baumbach rechnet durch eine selten dagewesene Unerbittlichkeit mit dem Scheidungssystem Amerikas ab. Ein System, das auf Kosten von Gefühlen und ohne jegliche Moral Unmengen an Geld umsetzt. Ein System, das oft über Kinder redet, aber nie mit ihnen. Ein System, das Baumbach nur allzu gut kennt. In Marriage Story verarbeitet er Erfahrungen aus seiner eigenen Scheidung. Er war acht Jahre mit Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight) verheiratet, bevor sie sich 2013 scheiden ließen. Aus der Ehe ging ebenso wie im Film ein gemeinsames Kind hervor. Dass Noah Baumbach offensichtlich ein guter Beobachter ist, merkt man jeder Szene an. Doch nicht nur das: Er schafft es gleichzeitig, diese Beobachtungen durch Dialoge, Schauspielanweisungen und Inszenierung dem Zuschauer dermaßen gut zu vermitteln, dass auch jeder, der keinerlei dieser Erfahrungen gemacht hat, jede einzelne Gefühlsregung nachvollziehen kann. Selten wurden sowohl positive als auch negative Gefühle so präzise mit Worten ausgedrückt wie hier.

Laura Dern als Nora Fanshaw und Scarlett Johansson als Nicole sitzen auf einer Bank und gucken entsetzt nach rechts.
Nora Fanshaw und Nicole können nicht fassen, was auf sie zukommt. © Netflix

Der Aufbau

Die Nachvollziehbarkeit wird durch die clevere Struktur des Films gleich zu Beginn aufgebaut. Der Einstieg des Films zeigt beide Parteien, wie sie offenlegen, was sie am Gegenüber lieben. So empfindet der Zuschauer direkt für beide Seiten Sympathien. Es mag sicherlich keine neue Erkenntnis sein, dass uns oft die banal erscheinenden Kleinigkeiten am Partner begeistern, jedoch wurde die Tatsache auch noch nie so schön inszeniert und erzählt wie in der Anfangssequenz von Marriage Story. Dass uns die Illusion einer tollen Beziehung zwischen zwei gleichwertig sympathischen Menschen danach prompt genommen wird, sorgt dafür, dass wir uns besonders mit den beiden ärgern. Denn während des Scheidungsprozesses wird jeder noch so kleine Makel, jeder noch so kleine Fehler und jedes falsch gewählte Wort von den jeweiligen Parteien gegen den Anderen verwendet. Diese Entwicklung schmerzt den Zuschauer genauso sehr wie die Protagonisten.

Eine Prise Leichtigkeit

Marriage Story besteht, wie schon Frances Ha und in Teilen The Meyerowitz Stories (New and Selected), aus Momentaufnahmen, aus Fragmenten des Lebens und nicht aus einer kohärent erzählten Geschichte. Das gelingt Baumbach zwar erneut besonders gut, könnte bei einer Lauflänge von 137 Minuten allerdings auch den ein oder anderen potenziellen Zuschauer verschrecken. Gerade weil in der ersten Hälfte dadurch ein paar Längen entstehen. Das mag dem Film nach Ende verziehen sein, doch ist es in jedem Fall von Vorteil zu wissen, worauf man sich hier einlässt. Selbiges gilt auch für einige filmische Entscheidungen. Denn besonders die Nebencharaktere, allen voran der alternde und gutmütige Anwalt Bert Spitz (Alan Alda) bringen eine gehörige Portion erfrischenden Humor mit in die Angelegenheit. Zusammen mit den Gesangseinlagen der beiden Protagonisten verleiht das dem Drama ordentlich Charme und etwas Leichtigkeit.

Azhy Robertson als Sohn Henry und Adam Driver als Charlie laufen in Richtung des Zuschauers und wirken dabei abgelenkt.
Trotz der Umstände versucht Charlie gegenüber seinem Sohn die Normalität zu wahren. © Netflix

Schauspielkunst

Die zugrunde liegende Tragik geht dabei allerdings nicht verloren. Wenn Charlie seinem Sohn einen Brief seiner (Ex-)Frau vorliest, seine Emotionen nicht mehr innehalten kann, sein Kinn das Beben und die Lippe das Zittern anfängt, die tränenreichen Augen anschwellen, dann ist das nicht weniger als ganz, ganz großes Schauspielkino Adam Drivers. Gleiches gilt für Scarlett Johansson, die Nicole auf subtile Art sowohl die richtige Härte und Wut als auch eine unglaubliche Zärtlichkeit verleiht. Und wenn die darstellerische Wucht beider Hochkaräter aufeinanderprallt – in einer überfälligen Aussprache – dann applaudiert innerlich das Herz eines Filmliebhabers, während äußerlich die Tränensäcke das Arbeiten anfangen.

Driver und Johansson wurden völlig zurecht für ihre Leistungen jeweils für einen Golden Globe nominiert. Marriage Story konnte außerdem vier weitere Nominierungen einfahren, so viele wie kein anderer Film in diesem Jahr: Bester Film – Drama, Bestes Drehbuch, Beste Nebendarstellerin (Laura Dern) und Beste Filmmusik. Die Qualitätsoffensive von Netflix greift also; nachdem Marriage Story einen offiziellen Kinostart erhielt, wird der Film auch bei den Oscars Beachtung finden – ganz sicher!

Gar nicht lame: Jennifer

Es gibt allerdings einen weiteren Aspekt, der wohl kaum bewusst wahrgenommen, für das Funktionieren des Films aber nicht weniger wichtig ist, als die grandiosen Dialoge und die Schauspieler. Denn durch die dynamische Kameraarbeit, besonders aber durch den Filmschnitt fühlt der Zuschauer sich ständig, als wäre er live dabei – ein weiter Grund, warum für beide Seiten Empathie empfunden wird. Die Cutterin Jennifer Lame, die regelmäßig für Baumbachs Filme das Editing übernimmt, hat ein herausragendes Gespür dafür, in welchen Momenten ein Schnitt zu setzen ist.

Mal zackig für humoristische Momente, mal lässt sie die Szene gefühlt ewig in einer Einstellung stehen, damit die Situation noch unangenehmer erscheint. Ihr Talent konnte sie letztes Jahr schon in einem ganz anderen Genre unter Beweis stellen: Ihre Mitarbeit an Hereditary war einer der Gründe, warum die Melange aus Horror und Familiendrama sowohl bei Kritikern als auch Publikum äußerst gut ankam. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich ihr Feingefühl bei Christopher Nolans kommenden Action-Film Tenet bemerkbar macht.

Scarlett Johansson als Nicole sitzt am linken Bildrand und Adam Driver als Charlie steht am rechten Bildrand. Die Szene spielt in einer U-Bahn.
Der Bildausschnitt zeigt deutlich: Nicole und Charlie haben sich entfremdet. © Netflix

Unser Fazit zu Marriage Story

Eine clevere, herzzereißende wie charmante Auseinandersetzung mit einem unangenehmen Thema. Herausragend sind vor allem die Dialoge und die Performances der Schauspieler, doch auch inszenatorisch braucht sich Baumbach nicht hinter Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe oder Asghar Farhadis Nader und Simin – Eine Trennung zu verstecken. Durch die sympathischen Charaktere hasst der Zuschauer mit jeder Minute mehr, was passiert – aber liebt es, dabei zuzusehen.

Unsere Wertung:

 

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