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Martha, gespielt von Margit Carstensen

Martha

In Rainer Werner Fassbinders Martha wird mit der Ehe als Institution abgerechnet. Der Psychothriller mit satirischen Seitensprüngen wurde nach Erscheinen aus rechtlichen Gründen über 20 Jahre nicht gezeigt, bevor er 1997 schließlich in einer restaurierten Fassung über die deutschen Leinwände lief.

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TitelMartha
Jahr1974
LandDeutschland
RegieRainer Werner Fassbinder
DrehbuchRainer Werner Fassbinder, Cornell Woolrich
GenreDrama, Thriller
DarstellerMargit Carstensen, Karlheinz Böhm, Barbara Valentin, Peter Chatel, Gisela Fackeldey, Adrian Hoven
Länge116 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihStudiocanal
Auf dem Cover zur restaurierten Fassung von Martha sieht man die titelgebende Protagonisten rauchend auf einem Stuhl. Sie starrt dabei bedrückt in die Leere.
Das offizielle Cover zur restaurierten Fassung von Martha. © Studiocanal Home Entertainment

Worum geht es in Martha?

Der Film basiert auf der Kurzgeschichte For the Rest of Her Life des Schriftstellers Cornell Woolrich, dessen düstere Krimis vielfach verfilmt wurden – das prominenteste Beispiel ist hierbei wohl Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof. In Martha geht es um die titelgebende etwa 30-jährige Jungfrau, abhängig von ihrem manipulativen Vater. Im Italien-Urlaub erleidet dieser jedoch auf den Stufen der Spanischen Treppe einen Herzinfarkt mit Todesfolge. Nachdem Martha (Margit Carstensen) zunächst zur alkoholkranken Mutter (Gisela Fackeldey) zurückkehrt, verliebt sie sich schnell in den dominant auftretenden Helmut Salomon (Karlheinz Böhm). Doch der beginnt noch auf der Hochzeitsreise, Martha zu quälen und übernimmt mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben.

„Da wo Gott entschieden hat, da kann der Mensch nichts ändern“

Es entsteht ein künstlerisches Werk, das nicht zuletzt inszenatorisch seiner Zeit weit voraus war. Denn obwohl nicht viel an Gewalt gezeigt wird; durch die Nähe, die Fassbinder zu Martha aufbaut, bleibt der Zuschauer stets an ihrer Seite und leidet mit. Insbesondere die Kameraarbeit von Michael Ballhaus sticht hervor: Die Kamera tanzt förmlich um die Protagonisten, auch die für Ballhaus typische 360-Grad Kamerafahrt darf dabei natürlich nicht fehlen. Die Choreographien, die daraus entstehen, machen Martha zu mehr als nur einem weiteren Psychothriller, in dem die Frau das naive Opfer und der Mann der brutale Peiniger ist.

Martha, gespielt von Margit Carstensen, fährt im Rollstuhl einen Gang im Krankenhaus entlang. Begleitet wird Martha von einem Arzt und ihrem Ehemann Helmut, gespielt von Karlheinz Böhm.
Martha wird von Helmut zum völligen Kontrollverlust getrieben. © Studiocanal Home Entertainment

Gleichzeitig hält Fassbinder der patriarchalischen Gesellschaft nämlich den Spiegel vor. Die masochistischen Veranlagungen Marthas – in all ihren Facetten – hat ihre Wurzeln offensichtlich in den Beziehungen zu ihren Eltern. Der unnahbare Vater und die missbräuchliche, ständig schimpfende Mutter haben sie in eine Unterwürfigkeit getrieben, aus der sie nicht mehr herauskommt. Selbst wenn Helmut nicht da ist, lebt sie nach seinen Regeln. Schlimmer noch: Sie verteidigt diese gar gegenüber Außenstehenden. Die Abhängigkeit Marthas von Helmut ist derart übertrieben, man möchte sie als Zuschauer am liebsten schütteln und aus ihrem Albtraum befreien.

Das mögen einige genervt als negativen Kritikpunkt wahrnehmen, allerdings kann der Film so auch als schwarzhumorige Satire gelesen werden. Gemeinsam mit einigen Kniffen – der Kleidungsstil der Protagonisten erinnert eher an das Spießbürgertum der 1940er Jahre als an die 1970er – wird unterschwellig vermittelt: An der Institution Ehe wird in der Bourgeoisie nicht gerüttelt, sie wird – obwohl nicht immer sinnvoll – vehement bis zum Schluss verteidigt. Auch wenn der perfide Ehemann, der später von Martha äußerst treffend als „hemmungslos“ beschrieben wird, wortwörtlich eine einzige Qual ist. Helmut selbst fasst diese Denkweise mit einem einzigen Satz zusammen: „Da wo Gott entschieden hat, da kann der Mensch nichts ändern“.

Sadismus, serviert mit einem Lächeln

Karlheinz Böhm mimt den undurchschaubaren, sadistischen Ehemann auf erschreckend eindringliche Weise. Kaum zu glauben, dass er nach seiner Darstellung des Kaiser Franz Joseph aus der Sissi-Trilogie aus den 1950er Jahren für eine ganze Generation als der mustergültige Schwiegersohn galt. Ein Image, das er allerdings bereits 1960 mit Michael Powells Peeping Tom (hierzulande: Augen der Angst) zerschlug. Obwohl der Film aus Sicht eines Serienmörders heute als Klassiker gilt, waren Kritiker und Publikum davon so entsetzt, dass Böhm zunächst kaum noch Rollen angeboten bekam. Äußerst schade, denn auch in Martha beweist er sein ganzes Können.

Karlheinz Böhm als Helmut im Anzug mit verschränkten Armen. Die Mundwinkel sind leicht zu einem Lächeln angehoben, die Augen sind jedoch todernst. | Martha
Karlheinz Böhm brilliert als Helmut – das leichte Lächeln mit todernsten Augen jagt nicht nur Martha einen Schauer über den Rücken. © Studiocanal Home Entertainment

Ein derart furchteinflößendes Lächeln haben bisher wohl noch nicht einmal die zahlreichen, oft grandiosen, Inkarnationen des Jokers hervorgebracht. Gleichzeitig spricht Böhm mit einer warmen, beruhigenden Stimme – eine Kombination, die beim Zuschauer zweifellos ein unwohles Gefühl hinterlässt. Die schauspielerische Präsenz des Österreichers sucht in Rainer Werner Fassbinders oft übersehenem Psychothriller seinesgleichen. Das wiederum ist auch als Kritikpunkt zu verstehen: Denn besonders die Nebendarsteller, teilweise aber auch Margit Carstensen in ihrer Hauptrolle, sind bis zum Schluss etwas steif bis gar blass. Auch an den Dialogen hätte man durchaus noch etwas feilen können, gerade am Anfang wirken diese sehr gestelzt.

Unser Fazit zu Martha

Die Geschichte weiß sowohl durch Spannung als auch durch ihre Vielschichtigkeit zu überzeugen. Die meisterhafte Inszenierung und das beeindruckende Schauspiel Böhms sorgen für eine gewisse Zeitlosigkeit und machen den Film besonders sehenswert. Einzig und allein die Dialoge und Nebencharaktere hätten stellenweise noch etwas Feinschliff vertragen können.

Unsere Wertung:

 

 

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© Studiocanal Home Entertainment

Bernhard Schmid

Grundsätzlich kann ich mit jedem Genre etwas anfangen, meine absoluten Lieblingsfilme sind aber meistens dann doch eher in der düsteren Ecke des Filmuniversums angesiedelt. Aufgewachsen mit "Star Wars" und "Der Herr der Ringe", filmisch gereift mit Tarantinos und Scorseses Werken und im Erwachsenenalter auf internationale Entdeckungstour mit Park Chan-wook, Michael Haneke, Jean-Luc Godard etc. gegangen.

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