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Memorial Hospital

Die Apple-TV-Miniserie Memorial Hospital – Die Tage nach Hurrikan Katrina widmet sich einer wahren Katastrophe. Dabei ergänzt man jedoch die Fakten mit reichlich Dramaturgie. Ein Erfolgsrezept oder eine schlechte Idee?

MEMORIAL HOSPITAL - DIE TAGE NACH HURRIKAN KATRINA Trailer German Deutsch (2022) Apple TV+

TitelMemorial Hospital – Die Tage nach dem Hurrikan Katrina (OT: Five Days at Memorial)
Jahr2022
LandUSA
RegieCarlton Cuse, John Ridley, Wendey Stanzler
DrehbuchCarlton Cuse, John Ridley, Sheri Fink
GenreSerien (Drama)
DarstellerVera Farmiga, Robert Pine, Cherry Jones, Julie Ann Emery, Molly Hager, Michael Gaston, Cornelius Smith Jr., Adepero Oduye
Länge8 Folgen mit je 40 – 50 Minuten
Altersempfehlungab 12 Jahren freigegeben
VerleihApple TV+
Das Poster zu Memorial Hospital zeigt ein Schild, das schon halb in den Fluten untergegangen ist.
Das Poster zur Miniserie © Apple TV+

Memorial Hospital  – Die offizielle Handlungsangabe

Adaptiert vom Buch des Pulitzer-Preisträgers und Journalisten Sheri Fink erzählt Memorial Hospital – Die Tage nach dem Hurrikan Katrina nach wahren Begebenheiten die Auswirkungen von Hurrikan Katrina und dessen Folgen auf ein örtliches Krankenhaus. Als das Hochwasser stieg, die Stromversorgung ausfiel und die Hitze kam, waren die erschöpften Pfleger:innen eines Krankenhauses in New Orleans gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die sie noch Jahre lang verfolgen sollten.

5 Tage in der Hölle in 5 Folgen zum Mitfiebern

Bereits der Einstieg in die Serie verlangt der Zuschauerschaft einiges ab: Im Memorial Hospital in New Orleans werden einige Tage nach dem verheerenden Wetterereignis 45 Leichen gefunden. Was ist hier in den fünf Tagen nach Katrina passiert? Welche menschlichen Dramen haben sich hier abgespielt? War es vielleicht sogar eine Form von Euthanasie, die den Opfern hier letztlich das Leben gekostet hat? Wer trägt überhaupt die Verantwortung, wenn eine Naturkatastrophe nie dagewesene Ausmaßes zu Zuständen führt, für die kein Mensch der Welt etwas wie einen Notfallplan in der Schublade hatte? Fragen über Fragen, die in der Buchverfilmung, wie in der Vorlage, gestellt werden. Und auch das Publikum wird durch moralische Entscheidungsprozesse gedanklich herausgefordert wie nur in seltenen Fällen. Die ersten fünf Folgen von Memorial Hospital widmen sich je einem der fünf Tage und den jeweiligen Ereignissen in diesem einen Krankenhauskomplex, der nach dem Sturm eigentlich nur noch Schrottwert hatte.

Realistisch, bewegend, fassungslos machend

Ergänzt wird das von Einblendungen echter Nachrichtensendungen von damals und Kommentaren von Überlebenden, die sich während Verhörsituationen abspielen. Man ahnt von Beginn an, dass diese Geschichte letztlich im Gerichtssaal aufgearbeitet werden muss. Bis es jedoch ab der sechsten Folgen – und nach einem harten Genrewechsel und tonalen Cut – zu diesem Prozess in der Serie kommt, sieht man hier das mitunter beste Katastrophendrama seit der Sensationsserie Chernobyl. Die menschlichen Tragödien, die sich hier ereignen sorgen für ein beklemmendes Gefühl, teilweise aber auch für Resignation oder Wut. Resignation über das Ausgeliefertsein des Menschen, wenn die Natur ihre gefährlichsten Krallen ausfährt. Wut über das behördliche Versagen – aber auch über die ein oder andere Entscheidung der Protagonisten dieser Apple-Produktion.

Was auch die Darsteller in den jeweiligen Rollen abliefern, um diesen höchstrealistischen Eindruck zu erzielen, ist aller höchste Güteklasse! Vera Farmiga beispielsweise wirkt von Sekunde eins des Ausnahmezustands überfordert und ratlos und wird eben nicht, wie es so oft in Katastrophenfilmen passiert, in der Notsituation sofort zur Heldenfigur. Die Menschlichkeit der Entscheidungsträger in diesem Krankenhaus damals spiegelt sich in der Authentizität der Darstellenden wieder. Die höchste Achtung verdient jedoch Cherry Jones. Sie spielt diejenige, die maßgeblich – mehr oder minder freiwillig – das Ruder in die Hand nehmen musste und so teilweise das Zünglein an der Waage spielte, wenn es um Leben oder Tod ging. Diese psychische Strapaze, die sie komplett zu zerreißen droht, sieht man in ihrem Spiel so nachvollziehbar, dass es fast dokumentarische Züge annimmt. Eben wie es vor wenigen Jahren einigen Stars in Chernobyl gelungen ist.

… doch dann kommt Folge 6

Bis zum Ende der Folge 5 steuert Memorial Hospital auf eine Wertung von 4 oder sogar mehr Toastscheiben zu. Dann jedoch wechselt, wie geschrieben, die Perspektive vom Ort des Geschehens hin zu den Ermittlern, die die Geschehnisse aufarbeiten. Molly Hager und Michael Gaston spielen dabei die Ermittler, die sich schnell sicher sind, dass insbesondere Anna Pou (Farmiga) die Patienten, die nicht zu evakuieren waren, durch einen Medikamentencocktail euthanasiert hat. Von diesem erzählerischen Bruch an, verschleppt sich dann auch das Tempo und die Tonalität wird nicht immer dem Inhalt gerecht. Weitaus schlimmer jedoch ist, dass man im Plot rund um die Ermittlungen gegen Pou und die anderen Ärzte und Angestellten dem Zuschauer das spätere Urteil auf moralischer Ebene viel zu voreingenommen vorkaut. Natürlich liegt auch dem Prozess eine Faktenlage zugrunde, aber was speziell Chernobyl so außergewöhnlich gut herausstellen konnte, waren die mehrdimensionalen Entscheidungsprozesse aller Beteiligten. Diese Ambivalenz lässt man in Memorial Hospital gen Ende mehr und mehr fallen und verschenkt damit das Potenzial tatsächlich als fiktionales Format ein Statement oder einen Kommentar zu den Ereignissen zu treffen. Schade.

Vera Farmiga im Ärztekittel vor weiteren Medizinern. Memorial Hospital
Vera Farmiga ist eigentlich nur Ärztin und plötzlich in der Verantwortung für hunderte Menschen © Apple TV+

Unser Fazit zur Miniserie Memorial Hospital

Die Serie steigert in den ersten fünf Folgen von Woche zu Woche ihrer Intensität, nur um dann nach einem Perspektiv- und Zeitwechsel alles rückblickend zu entwerten. Memorial Hospital ist zwar dennoch sehenswert, aber es hätte ein weiteres Meisterwerk im Apple-Œuvre sein können. Nun bleibt dem Rezensenten eigentlich nur die selten ausgesprochene Empfehlung zu schreiben: Schaut am besten die fünf Folgen und brecht dann mit dem emotionalen Tiefschlag ab, denn dann hallt diese Miniserie wirklich noch lange nach.

Memorial Hospital ist am 12. August bei Apple TV+ mit zwei Folgen gestartet und ging danach im Wochenrhythmus weiter!

Unsere Wertung:

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 14. September 2022 um 17:33 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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