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Das Bild ist in lila getaucht, Richard sitzt auf seinem Bett, eine große Beule von Mückenstichen ziert sein Gesicht - Mosquito State

Mosquito State

Im dem Psycho-Drama Mosquito State schildert Regisseur Filip Jan Rymsza die Entwicklung des Finanzmarktes vor der Krise ab 2007 anhand der Übernahme des Luxus-Appartements des Analysten Richard durch einen Schwarm Stechmücken. Ob diese Analogie stichhaltige Argumente für sich verbuchen kann, erfahrt ihr hier!

Mosquito State - Official Trailer [HD] | A Shudder Exclusive

TitelMosquito State
Jahr2020
LandUSA, Polen
RegieFilip Jan Rymsza
DrehbuchFilip Jan Rymsza, Mario Zermeno
GenreHorror, Drama
DarstellerBeau Knapp, Charlotte Vega, Jack Kesy, Olivier Martinez, Audrey Wasilewski
Länge101 Minuten
FSKn/v
VerleihNameless Media
Richard steht in Unterwäsche vor seinem Kamin, über dem ein großes TV-Gerät hängt, im Hintergrund sieht man den nächtlichen Blick auf Manhattan vor dem Abendrot - Mosquito State
Richard ist für sich allein und ganz weit von anderen Menschen entfernt © Nameless Media

Mosquito State – Handlung

Auf einer Firmenfeier wird der zurückhaltende Finanzanalyst Richard (Beau Knapp) von einer Mücke gebissen. Die schmuggelt sich, in seinem Hemdkragen versteckt, in sein Appartement, als er die Sommelière Lena (Charlotte Vega) mit zu sich nach Haus nimmt. Nach einer Nacht angeregter Unterhaltungen verlässt sie ihn wieder. Die Mücke indes hat ihre Eier in ein Wasserglas gelegt, das Lena auf einem Tisch halbvoll stehen ließ.

Als die jungen Mücken schlüpfen, entwickelt Richard eine Obsession für diese Insekten. Während er immer weiter von Mückenbissen gezeichnet wird, erkennt er in seinen Analysen, dass die Risiko-Investments seiner Kollegen sich zusehends unvorhersehbar auf den Finanzmarkt auswirken. Doch seine Einwände finden bei seinem Boss (Olivier Martinez) kein Gehör, und so zieht er sich immer weiter in seine eigene Welt, die nun von einem riesigen Mückenschwarm bestimmt wird, zurück…

Im Lebenszyklus einer Stechmücke

Mosquito State beginnt im Vorspann mit der Illustration des Lebenszyklus einer Mücke: Ei, Larve, Puppe und ausgewachsenes Insekt. Letzterem folgt die Kamera auf ihrer Suche nach Nahrung und einen Ort, um selbst Eier abzulegen. Sie findet ihr Opfer schließlich in Richard, der wie ein Fremdkörper inmitten der ausgelassenen Gesellschaft wirkt. Doch hier trifft er auch auf die schöne Lena, die sich anscheinend für den Außenseiter interessiert. Zusammen mit ihr lernen wir den Analysten in der folgenden Nacht kennen. Er scheint sehr auf Daten und Zusammenhänge fixiert, hat aus dem Studium von Bienen heraus ein Programm namens „Honeybee“ entwickelt, das sehr zuverlässige Voraussagen über den Finanzmarkt treffen kann.

Auch wenn man es dem schüchternen und leicht deformiert wirkenden jungen Mann selbst nicht ansieht, gehört er scheinbar doch zu den Gewinnern im Wettbewerb des aktienbasierten Hochkapitalismus. Er residiert in einem Luxusappartement mit einem atemberaubenden Blick auf den Central Park. Seiner Person entsprechend ist es eher asketisch eingerichtet. Richard sitzt hier meist mit dem Laptop vorm Fernseher, auf dem unablässig Nachrichtensendungen laufen. Er scheint neben seiner Arbeit kein wirkliches Leben zu besitzen.

In dieses Umfeld bringt er die Mücke mit sich. Begünstigt wird dies von Lena, und in diesem Sinne gleich doppelt: Zum einen schlägt sie ihm auf der Party den Hemdkragen um, unter dem sich das Insekt verbirgt. Zum anderen ist es ihr Glas, das in einer Ecke stehen bleibt, was dann als Brutstätte für dessen Nachkommenschaft dient. Im Laufe des Films nehmen sie das gesamte Appartement in Beschlag und entstellen Richard durch Stiche immer weiter. Und es werden mehr, sie bilden einen immer dichter, den Raum verdunkelnden Schwarm aus.

Richard sitzt auf einer Umkleidebank, hat keine Schuhe an, hinter ihm hängt sein Jacket - Mosquito State
Sein Leben ist trotz allen Luxus‘ karg © Nameless Media

Eine Geschichte mit bekannten Ausgang

Regisseur und Ko-Autor Filip Jan Rymsza nutzt diese Analogie, um gleichsam Richards Leben im Dienst des Finanzmarktes darzustellen, wie auch den Markt selber als einen Schwarm kleiner Stechmücken begrenzter Lebensdauer, die allem das Blut aussaugen und sich unentwegt vermehren. Das mag im ersten Moment vielleicht ein wenig sehr offensichtlich klingen (und ist es auch), wird jedoch in der Dramaturgie von Mosquito State sehr schön verdichtet. Denn unser Protagonist vereint alle Rollen in diesem System in sich selbst. Er ist gleichzeitig das Insekt, das seinem Instinkt folgt, wie auch als Instrument seines Chefs der Nährboden, auf dem es sich entwickeln und gedeihen kann. Je weiter diese Erkenntnis in sein Bewusstsein sickert, desto mehr scheint auch der (audio-visuelle) Wahnsinn in ihm überhand zu nehmen. Damit einher geht eine sich fortbildende Entstellung durch die anschwellenden Einstiche der wachsenden Insekten-Population.

Seine stärksten Momente hat Mosquito State deshalb auch immer dann, wenn das Appartement um Richard herum transformiert, der Realität entrückt und der Schwarm der Mücken ihn von der übrigen Welt abschottet. Die Bildgestaltung und das Sounddesign verwandeln diesen Ort in ein Gefängnis, das analog zum Gefängnis in seinem Kopf existiert. Spannung will dabei freilich keine aufkommen, denn der Gedanke an einen Ausbruch hieraus bleibt eine Idee, quasi im Larven-Stadium stecken.

Der Verstand hat längst verinnerlicht, was auch die Analysen seines Programms durch plötzliche Ausschläge in den Kalkulationen zeigen: Der Markt ist unkontrollierbar, die Katastrophe bahnt sich bereits ihren Weg. Das mag dem Wissen um die kommende Finanzkrise geschuldet sein, in deren Vorfeld die Geschichte angesiedelt ist. Deren Unausweichlichkeit stand von Anfang an fest. Das entschuldigt aber nicht, dass alle anderen Figuren nur wie Platzhalter erscheinen. So fragt Lena Richards Boss am Anfang, ob er „Jack“ oder „the Giant“ sei. Natürlich antwortet er: „the Giant“.

Unser Fazit zu Mosquito State

Da das angedeutete Mysterium von der Beziehung zwischen Richard und den Mücken eigentlich sehr schnell keines mehr ist, steht gerade die zeitliche Verortung von Mosquito State kurz vor Beginn der Finanzkrise 2007 seinem eigenen Spannungsaufbau im Weg. Filip Jan Rymsza ging es aber weniger um die Transformation seiner Hauptfigur als um eine Zustandsbeschreibung vor dem Fall. Und um die nicht sehr subtile Andeutung, dass dies auch auf die Zeit nach Crash zutrifft. Denn wie der Lebenszyklus der Stechmücken, die dem Menschen das Blut aussaugen, lebt auch der Finanzmarkt danach weiter. Die alten Akteure und Aktricen sind abgetreten, die neuen standen aber schon lange bereit. An Nachkommen mangelt es auch nicht hier.

Überzeugen kann Mosquito State aber vor allem auf der formalen Ebene. Das düstere Appartement wurde herausragend eingefangen, die Atmosphäre ist beklemmend, was vom tollen Sounddesign meisterlich unterstützt wird. Das Schauspiel von Beau Knapp kann dem Außenseiter nicht viele Facetten abringen, was aber auch nicht Sinn der Sache ist. Er entdeckt ja eben nur langsam und zu spät, dass er eben keine hat. Aber die Verwandlung dieses Charakters in eine sich bewusste, „menschliche Mücke“ ist nicht nur wegen des Make-ups der Beulen faszinierend. Das spricht dafür, dass der Schauspieler seine Sache eben doch gut gemacht hat. Und wer nicht den Anspruch hat, hier eine tiefgründige Charakterstudie oder einen spannenden Body Horror zu sehen, wird vielleicht seine Freude an Mosquito State haben können.

Der Film feierte am 22. Oktober seine Deutschland-Premiere auf dem Fantasy Filmfest!

Unsere Wertung:

 

 

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