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Niemandsland – The Aftermath

Niemandsland – The Aftermath ist ein Film von James Kent, der auf dem gleichnamigen Roman von Rhidian Brook beruht. Ein kleines Ensemble bekannter Gesichter erzählt eine Geschichte von Liebe, Verlangen und Verlust in den aufwühlenden Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ob sich der Film in den Wirren des Nachkriegsgenres behaupten kann, erfahrt ihr im Folgenden!

TitelNiemandsland – The Aftermath
Jahr2019
ProduktionslandUSA, Großbritannien
RegieJames Kent
DrehbuchJoe Shrapnel, Anna Waterhouse
GenreDrama, Romanze, Kriegsfilm
DarstellerKeira Knightley, Jason Clarke, Alexander Skarsgård, Anna Katharina Schimrigk, Jack Laskey, Flonn O’Shea, Kate Phillips, Martin Compston, Rosa Enskat, Frederick Preston, Flora Thiemann, Jannik Schümann
Länge109 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
Verleih20th Century Fox
Filmplakat zu Niemandsland - The Aftermath ©20th Century Fox
Filmplakat zu Niemandsland – The Aftermath ©20th Century Fox

Leid, Land und Leute – Die Handlung von Niemandsland – The Aftermath

Hamburg, 1946: Rachael Morgan (Keira Knightley) erreicht die vom Krieg zerstörte Stadt, in der die Menschen alles verloren haben und Hunger leiden. Das Elend der Einwohner steht dem unersättlichen Hass der Besatzungseinheiten gegenüber und auch die britische Bevölkerung kann nicht vergessen, wie das nationalsozialistische Regime Europa an den Abgrund der Menschlichkeit befördert hat. Colonel Lewis Morgan (Jason Clarke), der für die Koordinierung des Wiederaufbaus der Stadt verantwortlich ist, empfängt seine Frau am Bahnhof, um sie zu ihrer neuen Unterkunft zu begleiten.

Zusammen gelangen sie zur Villa Lubert, in der einst dessen Besitzer Stephen Lubert (Alexander Skarsgård) mit seiner verstorbenen Frau und ihrer Tochter Freda (Flora Thiemann) gelebt hat. Colonel Lewis beschließt, dass er die Villa nicht beschlagnahmen und ihre Bewohner vertreiben wird. Stattdessen sollen sie sich das Haus teilen. Die Morgans bewohnen den Großteil der Villa, während die Luberts im Dachgeschoss untergebracht sind. Auf engstem Raum weichen Feindseligkeiten Freundschaften und Rachael beginnt sich zu fragen, was ihr im Leben wirklich wichtig ist…

Rachael Morgans (rechts, Keira Knightley) Ankunft auf dem Anwesen von Stephen Lubert (links, Alexander Skarsgård) ©20th Century Fox
Rachael Morgans (rechts, Keira Knightley) Ankunft auf dem Anwesen von Stephen Lubert (links, Alexander Skarsgård) ©20th Century Fox

Gewollte Leichtfertigkeit trifft auf mangelnden Tiefgang

Niemandsland – The Aftermath ist ein Film, dem anzusehen ist, dass er nicht auf den klischeehaften Eindruck des Genres setzt. Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf den Nachkriegsmonaten und – jahren. Die zerstörte Stadt und ihre mittellosen Menschen sind lediglich der Rahmen, in dem die Geschichte von Liebe und (Ver-)Lust eingebettet ist. Ein Liebesdrama in einem von Stereotypen durchzogenen Genre hätte etwas Eigenständiges und cineastisch Frisches auf die Leinwand zaubern können. Doch leider fehlt es Niemandsland – The Aftermath zuweilen an dramatischem Tiefgang innerhalb der vom Drehbuch beabsichtigten Dramatik. An manch einer Stelle wären gar „einfachste“ Mittel, wie zum Beispiel eine einprägsamere Musik von Vorteil gewesen. Man denke nur an komponierte Werke à la Jóhann Jóhannsson (u.a. Sicario, Arrival) und was diese mit einem Intrigendrama wie diesem hätten tun können. Die filmische Machart besitzt großes Potenzial und ist in Ansätzen immer wieder erkennbar, doch leider nicht konsequent genug umgesetzt.

Lewis Morgan im Haus der Luberts ©20th Century Fox
Lewis Morgan (Jason Clarke) im Haus der Luberts ©20th Century Fox

Aller guten Dinge sind Drei

Die Thematik von Niemandsland – The Aftermath ist durchaus interessant. Die Beziehungsgeschichte rund um das Ehepaar Morgan und den Witwer Lubert innerhalb eines Kriegsszenarios, in dem es zum einen Wichtigeres zu geben scheint, zum anderen das Verlangen nach menschlicher Nähe besonders groß sein kann. Der Krieg selbst wird hier nicht weiter beleuchtet und die Gruppierung der “88er”, die sich weiterhin fanatisch dem Führerkult unterworfen haben und gegen die Besatzungskräfte vorgehen, ist ein Mittel zum dramaturgischen Zweck. Dem Film gelingt es, den Kontrast zwischen den Gewinnern und den Verlierern des Krieges einprägsam darzustellen. Vor allem die Szenen in den Restaurants und Ballsälen, in denen die Alliierten einem normalen und ausschweifendem Leben nachgehen, während draußen auf den Straßen die Menschen zwischen den Trümmern Hunger leiden und oft vergebens nach ihren Angehörigen Ausschau halten, sind kontrastreich und dramaturgisch, technisch sehr gut umgesetzt.

Rachael Morgan (rechts, Keira Knightley) lernt die Gesellschaft der Luberts zu schätzen ©20th Century Fox
Rachael Morgan (rechts, Keira Knightley) lernt die Gesellschaft der Luberts zu schätzen ©20th Century Fox

Ein Krieg kennt nur Verlierer

Schauspielerisch ist der Film ein zweischneidiges Schwert. Jason Clarke und Alexander Skarsgård sind begabte Schauspieler, jedoch wird ihr volles Potenzial nicht genutzt, da es scheint, als könne sich das Drehbuch nur auf eine Figur zur gleichen Zeit konzentrieren. Clarke brilliert vor allem gegen Ende des Films, während Skarsgård im Mittelteil sein Können unter Beweis stellt. In den restlichen Abschnitten wird der Zuschauer leider des Öfteren Zeuge von verschenktem Potenzial. Dies liegt vor allem auch daran, dass den Charakteren nicht genügend Tiefgang geboten wird.

Die Figur des Stephen Lubert, gespielt von Skarsgård, scheint ein Mensch zu sein, der Vieles durchgemacht hat, der seine Gründe hatte, so zu handeln wie er es getan hat und der seine Ziele und Motivation im Leben hat. Ebenso tiefgründig scheint die Figur des Colonels zu sein. Diese wird noch ein wenig mehr beleuchtet als die Rolle Skarsgårds, aber dennoch klaffen Lücken im Drehbuch auf. Die Figurenzeichnung und -entwicklung hätte weitaus vielversprechender sein können, wenn nicht gar müssen. So bewegen sich sämtliche Charaktere an der Oberfläche ihrer schalen Personenbeschreibung. Liegengelassenes Talent ziert die Randzeilen des Drehbuchs…

Vom Superstar und dem Jungtalent

Keira Knightley ist eine talentierte Schauspielerin, die erst vor Kurzem in Colette unter Beweis gestellt hat, dass sie ihr Fach oscarreif ausüben kann. Doch ihre Rolle als Rachael Morgan in Niemandsland – The Aftermath ist nicht ihre beste Leistung. Dies liegt jedoch nicht an mangelndem Talent oder Ähnlichem. In Szenen, die wortlos daherkommen und allein von der Mimik und Gestik ihrer Protagonisten leben, glänzt Keira Knightley vor allen anderen. Stattdessen ist es das Drehbuch, dass ihr keine Hilfestellung leistet und sie gar in ihrem Spiel beschränkt. Die Dialoge sind zum Teil nicht überzeugend und sehr flach geschrieben. Dabei ist ihre Figur durchaus interessant und scheinbar sehr vielschichtig. Der Charakter ist aufgewühlt und verwirrt, er weiß nicht, was er von der ihm vorgegebenen Realität halten soll und wie dieses eingeprägte Bild dem widerspricht, was er selbst vor Augen bekommt.

Zu guter Letzt sind es die Jungschauspieler, die den Film schauspielerisch zuweilen zu einer Farce machen können. Während Jannik Schümann in seiner Rolle als Anhänger der “88er” das Drehbuch unterstützend spielt, gelingt es Flora Thiemann leider nicht, sich als aufstrebendes Jungtalent darzustellen. Die Worte, die ihre Rolle spricht, sind an zwei Händen abzuzählen und verbal wie nonverbal kann sie nicht überzeugen, nimmt dem Zuschauer gar das Vergnügen an nahezu jeder ihrer Szene.

Albert (rechts, Jannik Schümann) und Freda (links, Flora Thiemann) durchschreiten das zerstörte Hamburg ©20th Century Fox
Albert (rechts, Jannik Schümann) und Freda (links, Flora Thiemann) durchschreiten das zerstörte Hamburg ©20th Century Fox

Die Unverständlichkeit der Synchronisation

Nicht nur das Drehbuch wird den schauspielerischen Leistungen nicht gerecht. Die deutschsprachige Synchronisation trägt ihr Übriges dazu bei. Das Original ist vermutlich in zweierlei Hinsicht empfehlenswerter. Zum einen sind die Dialoge des Öfteren von merklich schlechten Übersetzungen gekennzeichnet und die Synchronsprecher lassen ab und an ihr berufliches Talent vermissen. Vor allem Keira Knightley wirkt durch ihr deutschsprachiges Spiel viel zu oft hölzern und aufgesetzt.

Zum anderen ist Niemandsland – The Aftermath ein Film, der durch die originale Tonspur an Authentizität gewinnen würde. Britische Besatzungskräfte treffen auf deutsche Einwohner. Die sprachliche Barriere ist vorhersehbar, doch wie in diesem Genre des Öfteren geschehend, wird durch die Einheitlichkeit der Sprache auch die Kommunikation vereinfacht. Sprachliche Differenzen würden zur Dramatik des Films beitragen. Die Unmöglichkeit der Kommunikation könnte die Unterschiede im Rahmen eines konstruierten Schichtsystems deutlich machen. Die Suche nach Gleichheit in der Menschlichkeit würde zu einem dramaturgischen Handlungsmoment werden.

Zwischen den Trümmern – Mein Fazit zu Niemandsland – The Aftermath

Obgleich Niemandsland – The Aftermath eine vorhersehbare Handlung mit einem halbwegs unvorhersehbaren Ende hat, weiß der Film in seinem Fortschreiten erhebliche Schwächen auf. Die Herangehensweise ist hierbei jedoch eigentlich lobenswert: Das Genre des Krieges in die zweite Reihe zu verweisen, um eine persönliche, auf den Menschen bezogene Geschichte zu erzählen, die im Rahmen der Nachkriegszeit spielt.

Doch leider fehlt es dem Drehbuch an Tiefgang und Charakterdetail. Die Liebe zur Figur ist immer wieder erkennbar, umso mehr ärgert man sich als Zuschauer, dass eben jenen Figuren nicht mehr Leben eingehaucht wurde, wo doch das schauspielerische Potenzial zumindest im Hauptteil des Casts gegeben ist. Die wenig überzeugenden Dialoge und die zum Teil schlechte Synchronisation tragen ihr Übriges dazu bei. Denn der Film hat Potenzial und man möchte ihm, vor allem als Low-Budget-Film, die Chance geben, gemocht zu werden. Allerdings sind es immer wieder jene Momente, die den cineastischen Liebhaber den Kopf schütteln lassen. Niemandsland – The Aftermath ist ein Drama, das man sich durchaus angucken kann, wenn man die beschriebene Thematik interessant findet. Der ein oder andere wird vielleicht sogar zum Buch greifen oder dieses gar dem Film vorziehen. Doch leider ist das Werk nichts, was sich aus den Trümmern seiner Handlung zu erheben weiß…

Anlässlich des Kinostarts stand uns übrigens Kameramann Franz Lustig in einem Telefoninterview Rede und Antwort, was ihr hier lesen könnt.

Der Film ist seit dem 11. April 2019 im Kino zu sehen!

Unsere Wertung:

 

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© 20th Century Fox

Christopher Hanek

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