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Lilly und Karim laufen in Nur ein Augenblick über einen Jahrmarkt - die schwierige Vergangenheit ist ihnen ins Gesicht geschrieben.

Nur ein Augenblick

In Nur ein Augenblick folgen wir einem jungen Syrer zurück in sein Heimatland, wo er inmitten des Bürgerkriegs in eine Spirale der Gewalt gerät, gleichzeitig versucht seine Familie in Hamburg wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. Gelingt der dramaturgische Spagat zwischen den beiden Geschichten?

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TitelNur ein Augenblick
Jahr2019
LandDeutschland, Großbritannien
RegieRanda Chahoud
DrehbuchRanda Chahoud
GenreDrama, Kriegsfilm
DarstellerMehdi Meskar, Emily Cox, Jonas Nay, Amira Ghazalla, Husam Chadat, Marwan Moussa, Tariq Al-Saies, Stefan Altindagoglu, Mohamed Achour
Länge108 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihFarbfilm Verleih
Das Poster zu Nur ein Augenblick zeigt in den oberen zwei Dritteln Lilly und Karim, denen die schwierige Vergangenheit ins Gesicht geschrieben ist. Im unteren Drittel sehen wir ein Konterfei von Karim mit einem Maschinengewehr im syrischen Krieg.
Das offizielle Poster zu Nur ein Augenblick © Neue Impuls Film

Nur ein Augenblick – die Handlung

Nachdem der junge Syrer Karim (Mehdi Meskar) bei einem Konzert-Auftritt zu Beginn des Arabischen Frühlings 2011 gemeinsam mit seinem Bruder Yassir (Tariq Al-Saies) ein Lied über Freiheit singt, verlieren deren Eltern im von Diktator Baschar al-Assad regierten Land ihre Café-Lizenz und Karim wird zum Studieren nach Deutschland geschickt. Fünf Jahre später lebt er in Hamburg gemeinsam mit seiner schwangeren Freundin Lilly (Emily Cox) ein sorgenfreies Studentenleben. Als er erfährt, dass Yassir während dem Bürgerkrieg in Syrien verschleppt und gefoltert wird, begibt er sich auf die Suche zurück in sein Heimatland – ursprünglich mit dem Plan, nach zwei Tagen zurückzukehren. Doch dort angekommen schließt er sich schnell einer Rebellengruppe an und gerät in einen Strudel der Gewalt. Gleichzeitig sorgen sich Lilly, Kumpel Max (Jonas Nay) und Karims Eltern (Amira Ghazalla, Husam Chadat), die ihn eigentlich in Hamburg besuchen wollten, um dessen Wohl…

Ein persönlicher Blick…

Die Geschichte um Karim ist dabei für jeden nachvollziehbar gestaltet. Die furchtbare Verwüstung, die in Syrien seit 2011 stattfindet, hinterlässt nicht nur im Stadtbild ihre Spuren: All die unterschiedlichen am Konflikt beteiligten Parteien haben insbesondere psychische Belastungen zu ertragen. Kurz nach Karims Ankunft in seinem Heimatland muss er erst einmal wieder fliehen; der Stützpunkt, bei dem er durch den früheren Freund Achmed (Marwan Moussa) den Aufenthaltsort seines Bruders in Erfahrung bringen möchte, wird aufgelöst – und sie von Truppen Assads angegriffen. In einem beschossenen Gebäude öffnet er eine Tür, dahinter steht ein überrumpelter, aber bewaffneter politischer Feind – und nur einen Augenblick später hat Karim seine erste Tötung zu verantworten. Eine Reflexhandlung, die ihm sichtlich zu schaffen macht. Gewalt lehnt er eigentlich ab, er möchte doch nur seine Familie wieder beisammen wissen – und kämpft weiter. Ein persönlicher Zwiespalt, der auch die Ambivalenz des ganzen Krieges widerspiegelt.

Karim umarmt Lilly in Nur ein Augenblick von hinten, während sie in ihrer Werkstatt gerade ein Fahrrad repariert.
In Hamburg ist Karims Leben mit Lilly zunächst sorglos © Sören Schulz, Neue Impuls Film

Wie geht man beispielsweise als Rebell, der für Demokratie kämpft, mit einem Verräter um – der ja aber auch nur sein Bestes gibt, um seine Familie zu schützen? Es gibt kein reines Gutes im Krieg. Gerade in diesem Krieg, der auch in der Realität immer noch währt und dabei immer undurchsichtiger wird. Das konfuse Gewirr aus verschiedensten Gruppen – neben den Streitkräften Assads und den Gruppierungen der Opposition stiegen auch radikale Gruppen und Terrororganisationen wie der Islamische Staat, ausländische Interessenvertreter und Söldner in den Konflikt ein – lässt einen verzweifelt und wütend zurück. Und auch wenn wir in Nur ein Augenblick nur einen oberflächlichen und stark vereinfachten Blick auf den syrischen Bürgerkrieg präsentiert bekommen, erwischen die im Nahen Osten spielenden Szenen den Zuschauer mit ordentlich Wucht. Denn die persönliche Perspektive, die uns durch Karim vermittelt wird, sorgt für einige aufwühlende und mitreißende Momente.

… mit falschem Fokus

Trotzdem würde man gerne mehr von den Hintergründen erfahren. Stattdessen wird der Fokus zu oft auf doch sehr alltägliche Momente gelegt, zumindest beim Handlungsstrang in Deutschland. Das wirkt dann stellenweise doch etwas nebensächlich gegenüber dem Grauen in Syrien. Freilich sind auch die Gefühle von der schwanger zurückgelassenen Lilly nicht zu vernachlässigen, gipfelnd in dem starken Moment, in dem sie unter Schmerzen in ihrer Wohnung Karims und ihr Kind gebärt, während er von einem heftigen Schicksalsschlag erfährt. Doch leider wirken die im friedlichen Hamburg ausgetragenen Konflikte alles in allem zu konstruiert. So entladen sich in einem Streit zwischen Lilly und Karims Eltern zwar grundsätzlich nachvollziehbare Emotionen – doch der Film schafft es in diesen Momenten nicht, diese auch glaubwürdig auf den Zuschauer zu übertragen.

Lilly und Kumpel Max sitzen in Nur ein Augenblick in der Hamburger Wohnung und blicken entsetzt auf den Laptop.
Lilly und Kumpel Max versuchen verzweifelt, Karim zu erreichen © Sören Schulz, Neue Impuls Film

Gleiches lässt sich über die Dialoge sagen; auch die wirken zu konstruiert und teils zu krampfhaft und gestelzt vorgetragen. Man nimmt es den Sprechenden selten ab, dass die von ihnen gewählten Worte aus der Situation heraus entstehen, eher wirken sie auswendig gelernt und sind zudem noch schlecht getimt. Schade, denn ansonsten sind die Schauspielleistungen eigentlich durch die Bank gut: Von Neuentdeckung und Hauptdarsteller Mehdi Meskar, über dessen Filmfreundin Emily Cox (dürfte einigen aus der großartigen deutschen Erfolgsserie Jerks bekannt sein) und den Eltern Karims, gespielt von Amira Ghazalla (hatte eine Mini-Rolle in Star Wars: Die letzten Jedi) und Husam Chadat bishin zu Marwan Moussa, der Achmed und damit auch den Wahnsinn des Krieges verkörpert, überzeugt der Cast. Seltsamerweise gilt der genannte Kritikpunkt aber nur für die deutschsprachigen Dialoge; die arabischen beziehungsweise englischen und deutsch untertitelten Gespräche können derlei offensichtliche Schwächen nicht vorweisen.

Ein Herzensprojekt

Dass Regisseurin Randa Chahoud als Tochter eines Syrers und einer Deutschen das Thema sehr am Herzen liegt, lässt sich dem Film eindeutig anmerken. Sie inszeniert zunächst, wie leicht und willkürlich man in einen Strudel der Gewalt geraten kann – und wie schwierig es ist, da wieder herauszukommen. Die Suche nach Normalität und persönlichem Frieden nach dem Wahnsinn des Krieges gestaltet sich ebenso hart wie der eigentliche Kampf. Das zeigt die Regisseurin einfühlsam und durchaus greifbar selbst für Personen, deren Realität weit vom Gezeigten entfernt ist – und kann so durchaus Empathie wecken.

Karim steht mit ernstem Blick im Zentrum des Bildes in Nur ein Augenblick. Die Passanten um ihn herum sind unscharf.
Die Entfremdung Karims mit seiner Umwelt bildlich perfekt eingefangen © Sören Schulz, Neue Impuls Film

Dass Chahoud, die während ihres Regiestudiums ein Praktikum bei Michael Ballhaus am Set von Gangs of New York absolvierte, im Grunde ein Händchen für die Erzählung einer solchen Odyssee hat, kann sie zwar immerhin in einigen Momenten zeigen. So beispielsweise mit dem Schlusswort vor dem Abspann, das dem syrischen Journalisten Michel Kilo überlassen wird; er saß selbst drei Jahre im Gefängnis und veranschaulicht die Bedeutung von Freiheit sehr anschaulich und treffend. Das sitzt, da lässt sich ein Schlucken kaum unterdrücken. Ansonsten hätte der Film – trotzt einiger emotionaler Szenen – aber insgesamt härter ausfallen und fokussierter sein müssen, um in Gänze einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Unser Fazit zu Nur ein Augenblick

Nur ein Augenblick zeichnet den Weg eines jungen Syrers in das Wirrwarr eines undurchsichtigen Krieges und die anschließende Suche nach persönlichem Frieden – die umso schwieriger ausfällt, weil die Vergangenheit einfach nicht loslässt. Und während die Szenen in Syrien teils enorm spannend und aufwühlend sind, wirkt der Handlungsstrang in Hamburg zu konstruiert und das Drama so insgesamt zu unfokussiert. Schade um das wichtige Statement für mehr Empathie, denn da wäre durchaus noch mehr drin gewesen.

Nur ein Augenblick startet am 13. August 2020 in den deutschen Kinos.

Unsere Wertung:

 

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