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Pale Flower

Knapp 60 Jahre nach seiner Entstehung konnte man den japanischen Gangster Klassiker Pale Flower von Masahiro Shinoda letztes Jahr erstmals in den deutschen Kinos bewundern. Jetzt bringt Rapid Eye Movies den Film, zusammen mit einem anderen Werk des Regisseurs, in der digital restaurierten Fassung auf einer Blu-Ray heraus. Hat sich das Warten gelohnt?

Pale Flower (Kawaita Hana) | Clip | Berlinale 2022

TitelPale Flower (OT: Kawaita hana)
Jahr1964
LandJapan
RegieMasahiro Shinoda
DrehbuchShintarô Ishihara, Masaru Baba, Masahiro Shinoda
GenreKrimi
DarstellerRyō Ikebe, Mariko Kaga, Takashi Fujiki, Naoki Sugiura
Länge96 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihRapid Eye Movies/ Alive
Pale Flower ©1964/ 2021 Shochiku Co., Ltd

Die Inhaltsangabe von Pale Flower

Makuro (Ryô Ikebe) ist ein eiskalter und vom Leben desillusionierter Gangster, der wegen der Tötung eines Rivalen eine Haftstrafe verbüßen musste. Nach seiner Entlassung verschlägt es ihn sofort wieder in Tokyos Unterwelt. Während es ihm tagsüber schwerfällt in sein altes Leben zurückzufinden, vergnügt er sich nachts in einem Casino mit illegalem Glücksspiel. Dort trifft er auf die junge Saeko (Mariko Kaga), die ihn in ihren Bann zieht. Von da an ziehen sie gemeinsam durch die Nächte, auf der Suche nach immer riskanteren Einsatzmöglichkeiten.

Japanese Gangster Style

Masahiro Shinoda ist ein bedeutender Regisseur der neuen japanischen Welle (1960 – 1974). Ähnlich wie beim französischen Vorbild, suchten Filmschaffende nach dem Ausbruch aus traditionalen Moralvorstellungen, Bildern und Erzählweisen. Das merkt man Pale Flower zu jeder Zeit an, nicht umsonst wird in dem Film das Gangsterleben als Gegenentwurf zur konventionellen Lebensweise dargestellt. In wunderschönen schwarz-weiß-Bildern von Kameramann Masao Kosugi, werden Charaktere und deren Welt erzählt. Shinoda muss dazu nur selten auf erklärenden Dialog zurückgreifen. Während die Tagsaufnahmen auf den ersten Blick hell und damit freundlich wirken, nehmen sie uns mit in die überfüllten Straßen Tokyos. Die Bilder sind dort beengend und werden von unseren Antihelden dementsprechend negativ kommentiert.

Als Kontrast wird Makuros Milieu spärlich beleuchtet und überzeugt mit Schattenwurf, wie es sich für einem guten Noir Film gehört. Obwohl die Dunkelheit auf uns Menschen bedrohlich wirkt, schaffen Shinoda und sein Kameramann eine heimische Atmosphäre. Dadurch entwickelt Pale Flower einen Sog, der einen in die Halbwelt hineinzieht, obwohl auf der Handlungsebene augenscheinlich nicht viel passiert. Das führt zu einer Romantisierung des Gangsterleben, wie man es heutzutage beispielsweise von Martin Scorsese oder Quentin Tarantino. Andererseits wird die visuelle Ebene auch genutzt, um Abgründe in den Figuren und deren Umfeld darzustellen.

Gute digitale Aufbereitung

Bis auf eine Szene, in der man leichtes flackern im schwarzen Hintergrund sieht, schafft es die Restaurierung, diese Bilder für das digitale Zeitalter super aufzubereiten. Es fällt kaum auf, dass der Film über sechzig Jahre alt ist. Untermalt werden die Szenarien mit einem dazu passenden und treibenden Jazzscore, der sich oft einer Melodie verweigert, um eine Stimmung zu generieren oder die Hektik des Glücksspiels zu unterstreichen. Szenen und Musik gehen sogar teilweise eine Symbiose ein, sodass der Klang des Glücksspiels in die Musikstücke eingewoben wird. Nur gegen Ende bricht der Film musikalisch aus seinem Muster aus, was natürlich wieder perfekt zum Geschehen passt.

Klassische Figurenkonstellation …

Für einen ordentlichen Film Noir benötigt man auch die passenden Figuren, wie den durch Ryô Ikebes cool dargestellten Antihelden. Klassischerweise ist dies meistens ein abgehalfterter Detektiv. Pale Flower nutzt zwar als Hauptfigur einen Gangster, die gängigen Charaktereigenschaften ändert er aber nicht. Makuro beobachtet, wie es sich gehört, abgeklärt und emotionslos das Geschehen. Wenn er z.B. in einem riskanten Straßenrennen involviert wird, verzieht er keine Miene. Der Wechsel des Milieus ist clever, denn in der hier dominierenden Männerwelt werden Gefühle als Schwäche ausgelegt. Da die Figur ihr Innenleben nicht zeigen darf, wird dementsprechend ein Voiceover eingesetzt, sodass dieses bekannte Stilmittel nicht einfach nur ein Gimmick ist.

Als Gegenstück wird eine Femme Fatale benötigt, die natürlich genau gegenteilig angelegt sein muss, um eine Anziehungskraft auf den Antihelden auszuüben. Mariko Kagas verkörpert Saeko glaubhaft mit so einer Lebensfreude, einem Selbstbewusstsein und gleichzeitig einer dunklen Seite. Sie besteht dadurch als einzige Frau in einer Männerwelt, während andere Frauenfiguren hier nur Beiwerk sind.

… und langsame Erzählweise

Die Gegensätzlichkeit der Beiden ist zudem im Kostüm- und Setdesign bemerkbar. Während Makuro dunkle Farben bevorzugt, ist Saeko komplett in Weiß gekleidet. Passenderweise treffen sie sich auch oft vor einer Kirche, um danach in eine Spielhölle zu fahren. Diese deutlich plakative Symbolik könnte man kritisieren, aber andererseits wird dadurch perfekt die Gegensätzlichkeit und die daraus resultierende Faszination füreinander gezeigt. Dies ist eine elegante Art mit Bildern universal verständlich zu erzählen, was man in so manch modernen Blockbuster vermisst. Da sich der Film sich auf zwei Figuren konzentriert, bleiben außer dem von Takashi Fujiki gespielten Yoh, als drogensüchtiger Handlanger und Nebenbuhler von Makuro, keine anderen Rollen groß in Erinnerung.

Damit die Figurenzeichnung gelingt, nimmt sich der Krimi einige Zeit. Das bedeutet kein sehr hohes Erzähltempo, trotz kurzer Laufzeit. Es gibt kaum Action, aber diese wenigen Szenen sind gut. Sei es ein Duell zwischen zwei Killern oder das oben erwähnte Autorennen durchs nächtliche Tokyo. Dies kann man auf die Entstehungszeit schieben. Ganz anders sieht es in den Casinoszenen aus. Diese funktionieren auch heute noch wunderbar. Die Atmosphäre ist intensiv und hektisch, sodass daraus eine hohe Spannung generiert wird.

Beim Glücksspiel ©1964/ 2021 Shochiku Co., Ltd

Unser Fazit zu Pale Flower

Eines muss man Masahiro Shinoda lassen: er ist absolut stilsicher. Kein Wunder, dass der 1931 geborene Regisseur mit Pale Flower dem japanischen Kino seinen Stempel aufgedrückt hat. Inspiriert von dem Gedichtband „Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaires und dem Film Noir Genre wurde hier einen für den Japanischen Gangsterfilm stilprägendes Werk geschaffen. Durch den klassischer Film Noir Flair, der mehr von der Atmosphäre und den Charakteren lebt, als von der Handlung, werden die Zuschauer:innen in eine Welt hineingezogen, zu der sie sonst keinen Zugang haben. Die Einflüsse des Films sind bis heute spürbar und die Bilder sind so schön, dass man sie sich ausdrucken und an die Wand hängen möchte. Allerdings muss man sich auf eine langsame Erzählweise einlassen können und sich nicht daran stören, dass es für den Film zwar deutsche Untertitel, aber keine deutsche Synchronisation gibt. Wenn dies keine Hindernisse darstellen, sollte man als Filmfan diesen Klassiker unbedingt nachholen. Der Film ist in einem schön designten Digipack verpackt. Extras kann man bei alten Filmen natürlich nicht erwarten, aber es gibt Postkarten mit Filmmotiven.

Pale Flower ist ab dem 6. Juni 2024 auf Blu-Ray erhältlich.

Unsere Wertung:

 

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© 1964/ 2021 Shochiku Co., Ltd

 

Stefan Brüning

Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars-Filme hat sich das geändert.

Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.

Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu-Ray/UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

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