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Platzspitzbaby

2020 gelang Platzspitzbaby ein Überraschungserfolg: Das Drama wurde der erfolgreichste Kinofilm in der Schweiz, noch vor großen Hollywoodproduktionen wie Tenet. Nun erscheint der Film im deutschen Heimkinomarkt und es drängt sich die Frage auf, ob Platzspitzbaby auch hier begeistern kann. Die Antwort darauf findet ihr in dieser Kritik!

PLATZSPITZBABY - MEINE MUTTER, IHRE DROGEN UND ICH Trailer German Deutsch (2021)

TitelPlatzspitzbaby
Jahr2020
LandSchweiz
RegiePierre Monnard
DrehbuchAndré Küttel
GenreDrama
DarstellerSarah Spale, Luna Mwezi, Jerry Hoffmann
Länge100 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihEuroVideo Medien GmbH

 

Mia blickt in die Ferne, der Hintergrund des Bildes ist verschwommen
Das Blu-Ray Cover von Platzspitzbaby © 2022 EuroVideo Medien GmbH

Die Handlung von Platzspitzbaby

Die Schweiz der 90er Jahre: Das junge Mädchen Mia (Luna Mwezi) zieht mit ihrer Mutter Sandrine (Sarah Spale) in ein kleines Städtchen im Zürcher Oberland. Die kleine Familie versucht, dort ein neues Leben zu starten und in Ruhe leben zu können. Doch das Idyll wird getrübt von Sandrines Drogenvergangenheit. Diese holt sie immer wieder ein, Sandrine muss sich ihren Dämonen stellen. Dies hat auch Auswirkungen auf ihre Tochter Mia…

Mia und Sandrine umarmen sich eng. Im Hintergrund ist eine kahl eingerichtete Wohnung zu sehen.
Das Mutter-Tochter-Duo muss neu anfangen © 2022 EuroVideo Medien GmbH

Vom Platzspitz in die Kleinstadthölle

Platzspitzbaby basiert auf der Autobiografie Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich der Schweizer Autorin Michelle Halbheer aus dem Jahr 2013. Der titelgebende Platzspitz war der zentrale Punkt der Zürcher Drogenszene über viele Jahre. Mit der Räumung des Platzspitz und des benachbarten Gebiets Letten im Jahr 1995 wurden viele Drogenabhängige in umliegende Gemeinen umgesiedelt. Genau dort setzt auch die Handlung von Platzspitzbaby an.

Regisseur Pierre Monnard nimmt sich Zeit, um das neue Umfeld von Sandrine und Mia aufzubauen. Anhand von kleinen Alltagssituationen wie einem Essen im Restaurant wird dort die Abneigung der Bevölkerung gegenüber den Neuankömmlingen gezeigt. Es wird schnell klar, dass dieser Ort nicht das ersehnte Paradies ist, hier eben nicht über Nacht alles besser wird. Denn unter dem spießigen Idyll der Kleinstadt verstecken sich ebenfalls Geschichten von Gewalt und Drogenmissbrauch. Sprachrohr dieses Unmuts sind wie so oft die Kinder, die eigene Geschichten verarbeiten oder die Erfahrungen von Geschwistern weitertragen.

Diesen inneren, ungesehenen Konflikten steht eine abweisende und konservative Bevölkerung entgegen. Mia und Sandrines Nachbarin Frau Schuler (Esther Gemsch) ist zwar stets besorgt um die kleine Familie in der Nachbarwohnung, allerdings aus den falschen Motiven. Für sie steht nicht das Wohl von Menschen im Vordergrund, sondern die Wiederherstellung der Ordnung. Dieser fehlende Wille zur Integration wird in Platzspitzbaby extrem gut eingefangen. Pierre Monnard nutzt dabei mit Mias Perspektive die Sicht eines Kindes. Diese ist zwar subjektiv eingefärbt, allerdings nimmt diese vielleicht etwas naive Sichtweise die Zuschauer:innen bei der Hand. Somit entdeckt man gemeinsam mit Mia ihre neue Heimat und fühlt umso mehr mit ihr mit.

Buddy trägt Mia durch ein Rapsfeld

Wer hilft, wenn niemand hinsieht?

Wie einige andere Filme, die von Drogenabhängigkeit handeln, thematisiert Platzspitzbaby das Versagen von Kontrollinstanzen. Antagonistisch inszeniert ist dabei neben der gesamten Stadtgemeinschaft die Sozialarbeiterin Frau Bucher (Lea Whitcher). Diese blockt Sandrines Hilferufe eher ab, als proaktiv Hilfe zu leisten. Natürlich wäre eine Heile-Welt-Darstellung der Sozialarbeiterin ebenfalls falsch, die hier genutzte Dämonisierung wirkt leider etwas plump und klischeebehaftet. Mit Ausnahme dieser Figur setzen Regisseur Monnard und Drehbuchautor André Küttel den gesamten Cast gut in Szene. Die Rückfälle von Sandrine, als sie in der Stadt den ihr bekannten Junkie Serge (Thomas Hostletter) trifft, dokumentiert Platzspitzbaby perfekt. Dabei wird nicht nur Sandrines Sucht gezeigt, sondern auch der schonungslose Lebensstil anderer Junkies. Diese werden dabei gezeigt, wie sie sich neben ihren Kindern Drogen spritzen. Auch werden Themen wie eine Überdosis mit Todesfolge besprochen, dabei wird auf eine Glorifizierung des Rauschs wie in anderen Filmen und Serien verzichtet.

Auch Mias Vater André (Jerry Hoffmann) ist ein ehemaliger Junkie, der allerdings behauptet, clean zu sein. André ist eine tragische Figur, er hat die alte Sucht nämlich nur durch eine neue ersetzt. Diese Ambivalenz bemerkt auch Mia, die ihn genau auf diesen Punkt anspricht. Dem Verhältnis von Mia zu André widmet sich das Drehbuch in entsprechenden Szenen zwar eingehend, doch hätte es ihm gerne auch noch etwas mehr Raum geben dürfen. So lässt sich die Beziehung von Vater und Tochter nur in Ansätzen nachvollziehen. Ähnlich verhält es sich mit Mias imaginärem Freund Buddy (Delio Malär). Die kurzen Szenen, in denen Mia und Buddy unterwegs sind, beinhalten eine gewisse Komik. Allerdings fügt sich Buddy nicht sonderlich gut in das übrige Rollengefüge ein und wirkt daher etwas fehl am Platz.

Kieran, Mia, Lola und Yannick stoßen vor einem Lagerfeuer an
Mia und ihre Freunde haben auch gute Zeiten © 2022 EuroVideo Medien GmbH

„Ich gibe nöd uf“: Hoffnung in der Verzweiflung

Auch wenn Platzspitzbaby sich intensiv mit schwierigen Themen befasst, vergisst der Film nicht, auch positive Momente zu setzen. Allem voran ist dies in der Mutter-Tochter-Beziehung von Sandrine und Mia zu sehen. Der Regie gelingt es dabei, Sandrine nicht nur als Drogensüchtige abzustempeln. Sarah Spale vereint die verschiedenen Rollen als liebende Mutter und doch rückfällige Süchtige perfekt in ihrem Schauspiel. Dies wirkt auch effektiv einer Vorverurteilung ihres Charakters durch die Zuschauer:innen entgegen, schafft im Gegenteil sogar Mitgefühl für sie. Die größte Überraschung des Films stellt wahrscheinlich Luna Mwezi als Mia dar. Die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erst 13-jährige Jungschauspielerin kann im Zusammenspiel und auch für sich genommen auf ganzer Linie überzeugen. Besonders in der schweizerdeutschen Originalfassung wird die Verbundenheit der beiden Figuren deutlich. Der Zusammenhalt von Mia und Sandrine trägt dabei die Handlung, so dass die Schicksalsschläge, denen sie ausgesetzt sind, eine noch größere dramaturgische Fallhöhe besitzen.

Neben der Beziehung von Mutter und Tochter erzählt Platzspitzbaby auch die Geschichte von neuen Freundschaften. Mia trifft auf eine Gruppe von Jugendlichen, die sie in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Durch diese Bekanntschaft merkt das junge Mädchen, dass auch in der anscheinend geordneten Kleinstadt viel Leid existiert. Die Flucht aus diesen Umständen in Drogen wie Alkohol und Gras wird dabei sehr realistisch thematisiert. Ein manchmal romantisierter Blick darauf kann durch Mias kindliche Perspektive erklärt werden. Insbesondere der Aspekt der Freundschaft und des Zusammenhalts wird hier sehr gut dargestellt. Mias neue Freunde sind Außenseiter, ihr Zusammenhalt wirkt dabei therapeutisch. Somit schwebt der Titelsong „I gibe nöd uf“ (Ich gebe nicht auf) wie ein Mantra über der gesamten Handlung von Platzspitzbaby.

Unser Fazit zu Platzspitzbaby

Platzspitzbaby ist ein ungeschliffener Rohdiamant, der weitaus mehr Beachtung erhalten sollte. Die schauspielerischen Darstellungen des gesamten Casts, allen voran jedoch Luna Mwezi und Sarah Spale, verleihen diesem Film die für das Genre nötige Tiefe. Zwar wirkt das Script an manchen Stellen etwas klischeebehaftet, dennoch wird hier eine mitreißende Geschichte erzählt. Besonders Zuschauer:innen, die sich für die Schweiz und ihre gesellschaftliche Struktur begeistern lassen, werden bei diesem spannenden Sozialdrama voll auf ihre Kosten kommen.

Unsere Wertung:

 

 

 

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