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Return to Seoul

Ein Geheimtipp der letztjährigen Filmfestspiele von Cannes kommt Ende Januar mit Return to Seoul in die deutschen Kinos. Sollte man die internationale Produktion auf die Watchlist setzen und gar den Weg ins Kino suchen?

RETURN TO SEOUL | Official Trailer (2022)

TitelReturn to Seoul (OT: Retour à Séoul)
Jahr2022
LandDeutschland, Frankreich, Belgien
RegieDavy Chou
DrehbuchDavy Chou
GenreDrama
DarstellerPark Ji-Min, Oh Kwang-Rok, Guka Han, Kim Sun-Young, Yoann Zimmer
Länge116 Minuten
FSKtba
VerleihRapid Eye Movies
Das Plakat von Return to Seoul zeigt die Protagonistin und den Titel.
Das Poster des Films © AuroraFilms

Return to Seoul – Offizielle Handlungsangabe

Die 25-jährige Französin Freddie wurde als Kind adoptiert. Jetzt möchte sie ihre koreanischen Wurzeln entdecken und entschließt sich spontan, ein paar Wochen in ihrem Geburtsland zu verbringen, um ihre Herkunft zu klären. In Seoul freundet sich Freddie mit Tena an, die in dem flippigen kleinen Hotel arbeitet, in dem Freddie wohnt. Tena ermutigt Freddie, die damalige Adoptionsagentur aufzusuchen. Die impulsive junge Frau macht sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern in einem Land, von dem sie sehr wenig weiß. Eine Spurensuche, die ihr Leben in neue und unerwartete Bahnen lenken wird.

Identitätssuche meets Quarterlife Crisis

Das Thema „Identität“ ist mitunter eines der zentralen des letzten Jahrzehnts. Die Suche nach der selbigen wurde auf verschiedenste Art bereits filmische abgebildet und jede neue Perspektive darauf erweitert auch die Möglichkeit selbst mehrdimensionaler mit der Thematik umzugehen. Return to Seoul fügt dieser Reihe nun eine weitere Facette hinzu und verpackt das Ganze in ein außergewöhnliches Drama, das Coming-of-Age-Elemente, Culture-Clash-Momente und die großen Sinnfragen verknüpft.

Wer die herausragende Apple-TV-Serie Pachinko gesehen hat, der weiß mitunter, dass das Identitätsthema speziell im koreanischen bzw. ostasiatischen Kulturkreis nochmals einige andere Ebenen hat als hier in Westeuropa. Umso spannender ist der Ansatz dieser Geschichte, die die beiden Kulturwelten aufeinandertreffen lässt. Freddie ist ihr Leben lang Französin gewesen, aber nun in einem Anflug von Quarterlife Crisis will sie ihren Wurzeln auf den Grund gehen. Die Motivation schafft Davy Chou als spontane Bauchentscheidung zu verkaufen und dennoch schwingt zwischen den Zeilen mit, dass dieser Form von Selbstreflexion schon eine gewisse kulturelle Dimension innewohnt, die sich schwer greifen lässt. Die Protagonistin scheint ihrem Instinkt zu folgen.

Universelle Message in vermeintlichem Culture Clash

Die Eigenheiten koreanischer Kultur, die Tischetikette, die zwischenmenschlichen Umgangsformen – all das wirkt auf Freddie trotz ihrer asiatischen Vorfahren aufgrund ihrer westeuropäischen Sozialisation genauso fremd wie auf uns als Zuschauende. Eine interessante Variante des fish out of water Prinzips wohnt dem Plot somit ebenfalls inne. Vieles erinnert in diesem Film an den koreanischen Gesellschaftsbeobachter Hong Sang-soo (The Woman who ran), was in Anbetracht der Tatsache, dass Davy Chou selbst kambodschanische und französische Wurzeln hat, auf den ersten Blick erstaunen mag. Der Stil entpuppt sich jedoch damit als deutlich universeller und somit allgemeingültiger. Die ruhige, fast stoisch-nüchterne Art persönliche Schicksale zu schildern und unkommentiert für sich stehen und wirken zu lassen, hat vielleicht nicht direkt eine so große Wirkung. Dafür wirken die Bilder, Situationen, die Dialoge und Aussagen umso stärker nach, je länger man im Anschluss die Filme sacken hat lassen.

Ein Mann mit Zigarette im Vordergrund. Hinter ihm ein Auto und zwei Frauen unscharf.
Nachdenklich, rauchend. © AuroraFilms

Stark und nachdenklich gespielt

Park Ji-Min wirkt in der Hauptrolle sehr oft passiv, fast desinteressiert und abwesend. Vielleicht fällt es dem einen oder anderen daher nicht leicht, mit ihr mitzufühlen und sich in die eigentlich emotional aufwühlende Reise hineinzuversetzen. Je mehr sie jedoch erfährt, was zu ihrer Adoption geführt hat, desto mehr versteht man auch, weshalb sie so scheinbar kalt reagiert: Sie ist schlicht überfordert, da sie nicht weiß, ob sie damit umgehen soll, wie sie erzogen wurde, oder wie die Leute im Land ihrer Vorfahren wohl mit der Situation umgehen würden. Nur in den Gesprächen mit der Adoptionsbeauftragten wird sie anfangs emotionaler. Diese Szenen zeugen von der Bürokratie, die wohl weltweit so vieles zu verkomplizieren scheint.

So sind koreanische Männer nun mal. – Aber ich bin Französin!

Freddie ist eine komplexe, widersprüchliche Identifikationsfigur. Park Ji-Min passt aber perfekt in diese Rolle, da viele ihrer Gedanken unergründlich und interpretationsoffen bleiben sollen. Die Nachdenklichkeit in ihrem Blick lässt einen aber als Zuschauer definitiv nicht kalt. Oh Kwang-Rok als ihr biologischer Vater hingegen ist ein exzellenter Gegenpol. Es treffen allein in dieser Zweierkonstellation Welten aufeinander. Diametral. Unvereinbar. Die Tragik trifft das Publikum ins Mark. Der Zeitsprung nach etwa der Hälfte der Lauflänge unterstreicht dann aber, die versteckte Sehnsucht Freddies, die koreanische Komponente an sich nicht zu vergessen, umso mehr. Bitterkeit in wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht. Der Dialog mit dem Rüstungshändler offenbart ebenfalls im Subtext nochmals weitere Details über das Innenleben Freddies.

Die traumtänzerische Musik entführt in eine andere Welt

Vieles, was Davy Chou nüchtern auf sein Publikum einprasseln lässt, muss man erst zu deuten wissen. Die langsamen Kamerafahrten, die Close Ups von vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die lang verharrenden Standbilder. Doch wenn die Musik einsetzt, dann ist sofort klar, wie man sich zu fühlen hat – und wie sich Freddie hinter der kühlen Fassade tatsächlich gerade fühlt. Return to Seoul ist großes, zeitgenössisches Erzählkino der leisen Töne. Nur eben wenn die Musik spielt, will Chou Zuschauerinnen und Zuschauer bei der Hand nehmen und die Gefühlslage etwas einnorden.

Die Protagonistin von Return to Seoul in einem dunklen Zimmer auf dem Boden sitzend beim Essen.
Die Protagonistin von Return to Seoul in einem dunklen Zimmer © AuroraFilms

Die Sinn- und Identitätssuche der Mittzwanzigerin zieht sich letztlich über mehrere Jahre hin. Die Zeitsprünge kommen irgendwie aus dem Nichts, aber ergeben Sinn, da die Leerstellen, die sich für die Zwischenzeit ergeben, das Mysterium um die Protagonistin aufrechthalten. Bis zum Ende wird nicht alles haarklein ausbuchstabiert. Return to Seoul ist ein elliptisches, episodisches Charakterdrama mit einer Hauptfigur, die immer wenn man glaubt, sie irgendwie verstehen zu können, doch noch neue Facetten offenbart. Damit ist Freddie ein perfektes Sinnbild für die ganze Generation, die in ihrer Selbstverzweiflung und Rastlosigkeit vereint ist. Selbst wenn nur die Wenigsten davon das individuelle Schicksal eines Lebens in der Adoption teilen, so gibt es abgesehen davon genug Identifikationsfläche. Nachdem man den Film gesehen hat, wird man sein eigenes Verhältnis zu Freunden und vor allem zu den Eltern möglicherweise etwas andern zu schätzen und einzuordnen wissen.

Ich glaube, ich bin glücklich.

Unser Fazit zu Return to Seoul

Der Festival-Geheimtipp aus Cannes Return to Seoul ist ein nicht immer greifbares Charakterstück, das in vermeintlich alltäglichen Bildern seine subtilen Botschaften transportiert und mit leisen Tönen die offensichtliche Geschichte erzählt. Eine herausragende Hauptdarstellerin, die Balance aus kraftvollen und zerbrechlichen Dialogen und das Feingefühl des Regisseurs für Kultur und Zeitgeist machen den Film zu einer glasklaren Empfehlung für Zuschauer, die nach dem Schauen auch gern mal noch über einen Film sprechen oder nachdenken wollen. Aus einer fixen Idee wird eine Odyssee der Sinnsuche, die versinnbildlichen soll, dass eine Suche nicht nur erfolgreich ist, wenn man das findet, was man am Anfang erwartet.

Return to Seoul ist ab dem 26. Januar 2023 im Kino zu sehen! In der Kinofassung für den deutschen Start ist französisch synchronisiert, alle anderen Sprachen untertitelt.

Unsere Wertung:

 

 

 

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© Rapid Eye Movies

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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