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Scarface (1983)

Das Remake eines Klassikers ist mittlerweile selbst ein Klassiker. Brian De Palmas Scarface von 1983 ist ein Meilenstein des modernen Gangsterkinos und zeigt eine der besten Leistungen Al Pacinos. Selbst nach 37 Jahren wirkt der Streifen kein bisschen angestaubt. Er ist fester Bestandteil der Popkultur geworden. Warum, erfahrt ihr hier.

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TitelScarface
Jahr1983
LandUSA
RegieBrian De Palma
DrehbuchOliver Stone
GenreThriller
DarstellerAl Pacino, Steven Bauer, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham, Miriam Colon
Länge170 Minuten
FSKab 18 Jahren freigegeben
VerleihUniversal Pictures Germany
Das Cover der Gold-Edition Blu-ray von Scarface zeigt Al Pacino als Tony Montana.
Das Cover der Blu-ray-Gold-Edition von Scarface (1983). © Quelle: „Scarface“, erhältlich auf DVD, Bluray & 4K UHD, (© Universal Pictures)

Darum geht’s in Scarface (1983)

Im Mai 1980 öffnet Fidel Castro kurzzeitig die Grenzen und lässt eine Welle von Flüchtlingen an die US-amerikanische Küste schwappen. Dabei nutzt er die Gelegenheit, auch gleich seine Gefängnisse kräftig durchzuspülen. Von den 125.000 Einwanderern, die damals in Florida ankamen, sollen 25.000 vorbestraft gewesen sein.

Einer davon ist Tony Montana (Al Pacino), von einer Narbe im Gesicht gezeichnet, der sogleich seinem eigenen amerikanischen Traum nachzujagen beginnt. Mit Kumpel Manolo (Steven Bauer) jobbt er zunächst in einem Imbiss, ein Mordauftrag eröffnet ihm aber schnell den Weg ins lukrative Drogengeschäft. Durch Omar Suárez (F.Murray Abrahams) kommt er in Kontakt mit Drogenboss Frank Lopez (Robert Loggia) und dessen attraktiver Mätresse Elvira (Michelle Pfeiffer).

Es dauert nicht lange, und Tony bootet Lopez aus, übernimmt nicht nur dessen Geschäft, sondern auch Elvira. Mit dem Aufstieg beginnt aber auch der drogeninduzierte Abstieg. Dessen Ende eigentlich jedem, auch ohne zu spoilern, klar sein dürfte.

Der Ärger mit der Zensur

Geschichte wiederholt sich. Wie schon sein Vorgänger 1932 bekam auch Brian De Palmas Scarface (1983) Ärger mit der amerikanischen Zensurbehörde, die den Film mit einem X-Rating nur für Erwachsene zulassen wollte. Drei verschiedene Schnittfassungen legte De Palma vor, doch erst massiver Druck auch mit Hilfe eingeschalteter Medien ließ die Bürokraten einlenken.

Die Bedenken richteten sich nicht allein gegen die überbordende Gewaltdarstellung insbesondere in der berühmt-berüchtigten Kettensägenszene, über die später noch zu reden sein wird. Es ging vor allem um die obszöne Sprache mit der rekordverdächtigen Verwendung des verfemten F-Worts. In Scarface (1983) wird 226-mal fuck gesagt, wie der New Yorker Kritikerpapst Richard Schickel seinerzeit mitzählte.

Die Geschichte ist die eines typischen Underdogs, der sich rücksichtslos nach oben kämpft. Das war schon im Original-Scarface von 1932 so, der dem Leben von Al Capone nachempfunden war. Und es ist in Brian De Palmas Version nicht anders. Mit einem wesentlichen Unterschied: Während der von Paul Muni gespielte Mafiaboss sich am Ende, dem Moralkodex Hollywoods folgend, als Feigling entpuppt, dreht Al Pacinos Version im Untergang erst richtig auf.

Tony Monatana aka Scarface, gespielt von Al Pacino, wehrt sich mit schwerem Kaliber gegen Eindringlinge.
Say hello to my little friend: Tony Montana (Al Pacino) feuert aus allen Rohren. © Quelle: „Scarface“, erhältlich auf DVD, Bluray & 4K UHD, (© Universal Pictures)

Sein Scarface – Achtung: Spoiler – wirkt im finalen Kugelhagel nahezu unverwundbar, wenn er von Kugeln durchlöchert noch immer stehend wild mit seiner MP seine Feinde massenhaft mit sich reißt. Das ist die Apotheose des Gangsters. Erst eine Kugel von hinten kann ihn stoppen und endgültig zu Fall bringen. Der zynischerweise in seinem Brunnen endet, aus dem eine barocke Skulptur mit der Aufschrift: „The World is Yours“ ragt.

Scarface (1983) ist große Oper

Wow, möchte man sagen. Das ist wahrhaft große Oper. De Palmas Stil und vor allem Pacinos überdrehte aber umso passendere Spielweise vermitteln dieses überlebensgroße Gefühl. Pacino trägt den Film mit seiner überragenden Performance. Er spielt Tony Montana nicht, er lebt ihn. Er ist förmlich in die Haut dieses Kleinganoven geschlüpft. Die meist heruntergezogenen Mundwinkel zeugen von Unnachgiebigkeit. Sein Körper ist in ständiger Bewegung, angespannt, jederzeit auf dem Sprung, seinem Gegner an die Gurgel zu gehen.

Doch Scarface (1983) ist bis in die Nebenrollen perfekt besetzt. Montanas Komplizen werden meist von Kubanern gespielt, was trotz aller Überzogenheit auch für Authentizität sorgt. Sogar Steven Bauer ist Kubaner und heißt eigentlich Esteban Ernesto Echevarria. Michelle Pfeiffer ist hier in einer ihrer ersten Rollen zu sehen, die ihr die meiste Zeit nicht viel abverlangt. Sie muss als Attribut der Gangsterbosse nur gut aussehen und koksen. Erst in einem Wutanfall kann sie zeigen, was schon damals in ihr steckte. Beeindruckend auch das Spiel der jungen Mary Elizabeth Mastrantonio , die sich als Tony Montanas Schwester vom schutzbedürftigen Engelchen zur wilden Furie wandelt.

Tony Montana, gespielt von Al Pacino, liegt in einer protzigen Riesenbadewanne und hört Manolo, gespielt von Steven Bauer zu. Im Hintergrund sitzt Elvira, gespielt von Michelle Pfeiffer, an einer Frisierkomode
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere protzt Tony Montana (Al Pacino) mit dekadentem Bombast. © Quelle: „Scarface“, erhältlich auf DVD, Bluray & 4K UHD, (© Universal Pictures)

De Palma und Hitchcock – eine Liebesbeziehung

Brian De Palma galt in seiner Anfangszeit als Hitchcock-Epigone. Das merkt man seinem frühen Meisterwerk Carrie an, wird vielleicht am deutlichsten noch im von Vertigo inspirierten Schwarzer Engel, zu dem sogar Hitchcocks Leibkomponist Bernard Herrmann die Musik schrieb. Doch spürbar wird dieser Einfluss auch in Scarface (1983). Sogar die berüchtigte Kettensägenszene lässt sich als Hommage an Psycho verstehen. Natürlich ist die Schnittfolge nicht vergleichbar mit der berühmten Duschszene, aber wie schon Hitchcock erzeugt auch De Palma den Schrecken nur im Kopf des Zuschauers. Obwohl von Drehbuchautor Oliver Stone recherchiert auf wahren Begebenheiten beruhend, wegen ihrer vermeintlichen Brutalität oft kritisiert, sieht man eigentlich nichts. Man hört Geräusche, man sieht Blut spritzen, und man sieht das Entsetzen in Pacinos Augen. Das war’s.

In einer langsamen Kranfahrt bewegt sich die Kamera zudem von der Szene weg, wendet sich dem im Auto mit einem Bikini-Mädchen schäkernden Manolo zu, um sich erst dann wieder genauso langsam dem Ort des Geschehens zu nähern. Langsame, raumgreifende Kamerafahrten und Schwenks sind typische Stilmittel De Palmas, mit denen er Atmosphäre und Spannung schafft. Typisch Hitchock wird es aber, als Montana dem Wagen eines Journalisten folgt, dessen Liquidierung er unterstützen soll. Unter dem Wagen des Opfers befindet sich ein Bombe. Man sieht Kinder auf dem Rücksitz spielen. De Palma schneidet zwischen den Kindern, der Bombe, dem Auslöser und Montana hin und her. Die Spannung steigt massiv. Wie bei Hitchcock wissen wir hier, was gleich passieren soll, während die Opfer ahnungslos sind.

The World is Yours – oder auch nicht

Scarface (1983) besteht aus zwei Teilen, dem Aufstieg und dem Fall. Dazwischen liegt wie eine kurze Pause zum Atemholen ein Schnitt. Als Montana die Spitze erreicht hat, zieht am Himmel ein Reklame-Zeppelin von Pan-Am vorbei, mit der Aufschrift: „The World is Yours“, dem Motto, dem Montana sein Leben widmet. Es folgt eine videoclipartig geschnittene Sequenz mit Bildern des Aufstiegs, der Heirat mit Elvira, dem Scheffeln von Geld. Bilder voller Symbole des Reichtums in ihrer ganzen dekadent-barocken Überladenheit – inklusive eines angeleinten Tigers.

Tony Montana, gespielt von Al Pacino, beim Zählen der Einnahmen. Das Geld, das er selbst waschen will, wird in Kartons angeliefert. Um ihn herum sitzen mehrere Gehilfen.
Tony Montana (Al Pacino) wäscht sein Geld lieber selbst. © Quelle: „Scarface“, erhältlich auf DVD, Bluray & 4K UHD, (© Universal Pictures)

Es kommt, wie es kommen muss. Montana beherzigt den Lehrsatz seines ehemaligen Mentors Lopez nicht: „Werde niemals high von Deinem eigenen Zeug.“ Er driftet immer stärker ab in die Kokainsucht und wird zusehends paranoider. Unfähig, Liebe zu empfinden, geht auch die Ehe in die Brüche. Der letzte Streit in einem Restaurant ist eine der zentralen Szenen von Scarface (1983). In ihr wird deutlich, dass Tony Montana zwar ein erfolgreicher Gangsterboss ist, aber auch immer ein Underdog bleiben wird. Hier entwickelt De Palmas Film dank Oliver Stones Script seine politische Dimension.

Scarface (1983) goes Brecht

Der zugedröhnte Underdog hält der feinen Gesellschaft den Spiegel vor. „Ich sag immer die Wahrheit, sogar wenn ich lüge“, schleudert er den entsetzten feinen Pinkeln entgegen. Er ist der Kapitalist schlechthin, hat aber keine Chance in der kapitalistischen Gesellschaft zur Elite zu gehören. Es ist wie eine Parabel über das notwendige Scheitern des Proletariers im Kapitalismus. Das hat eine Brechtsche Dimension. Und es kommt nicht von ungefähr, dass sich Al Pacino für seine Rolle von Brechts Arturo Ui inspirieren ließ. Brecht dachte bei seiner Figur auch an Al Capone, vor allem aber an Adolf Hitler. Angesichts der Faszination, die Pacinos Scarface auf Teile der Popkultur noch heute ausübt, könnte dies nachdenklich stimmen.

Vor allem in der HipHop-Kultur und bei Gangsta-Rappern ist Scarface ein Idol. Offenbar bietet Montanas unbedingter Wille zum Aufstieg eine passende Identifikationsfläche. Dazu tragen zahlreiche coole Oneliner bei. Sprüche wie „Say hello to my litte friend“ bevor er mit seiner Megaknarre um sich schießt oder eben auch das Motto „The World is Yours“ sind feste Bestandteile der Popkultur. Bezeichnenderweise ist diese auch in weiten Teilen eine Männerwelt, so wie Frauen in Scarface, (1983) nur als Randfiguren in Erscheinung treten. Doch lässt sich das nicht dem Film anlasten.

Tony Montana, gespielt von Al Pacino, sitz auf seinem thronartigen, goldbeschlagenen Lederseesel hinter seinem überladenen Schreibtisch.
Ein König auf seinem Thron: Tony Montana (Al Pacino) auf dem Höhepunkt seiner Macht. © Quelle: „Scarface“, erhältlich auf DVD, Bluray & 4K UHD, (© Universal Pictures)

Mein Fazit zu Scarface (1983)

Brian De Palmas Version von Scarface (1983) ist ein Klassiker des Gangsterkinos. Er ist ein Meilenstein in der Darstellung von Gewalt und Kriminalität. Visuell und darstellerisch ist er ein Meisterwerk mit kleinen Schwächen. Manchmal wird er etwas langatmig, was zu Abzügen in der B-Note führt. Dennoch ist er auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswert.

Die Neuveröffentlichung von Scarface (1983) als remastered Gold-Edition auf Blu-ray punktet mit hervorragendem Bild und interessanten Bonusmaterial. Sie ist seit 27. Februar 2020 erhältlich, war so aber auch schon Teil der im Oktober 2019 erschienenen Limited Edition.

Unsere Wertung: 

 

 

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