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Schlafende Hunde

Deutsche Serien bei Netflix gibt es inzwischen auch im Dutzend. Dabei ist die Qualität ein stetes Auf und Ab. Wo ordnet sich nun die neue Thriller-Adaption Schlafende Hunde ein?

Schlafende Hunde | Offizieller Trailer | Netflix

TitelSchlafende Hunde
Jahr2023
LandDeutschland
RegieStephan Lacant, Francis Meletzky
DrehbuchChristoph Darnstädt
GenreSerien
DarstellerMax Riemelt, Luise von Finckh, Carlo Ljubek, Peri Baumeister, Antonio Wannek, Melodie Wakivuamina, Melika Foroutan, Helgi Schmid, Tara Africah Corrigan, Luna Jordan, Bernd Hölscher, Martin Wuttke
Länge6 Folgen mit je ca. 50 Minuten
Altersempfehlungab 16 Jahren
StreamingdienstNetflix
Luise von Finckh als Jule Andergast in Schlafende Hunde
Luise von Finckh als Jule Andergast © Netflix

Darum geht’s in Schlafende Hunde

Ein abgestürzter Top-Polizist und eine aufstrebende junge Staatsanwältin öffnen aus unterschiedlichen Motiven eine geschlossene Mordakte – und damit die Büchse der Pandora. Beide geraten auf die blutige Fährte einer Verschwörung, die immer tiefer in Polizei und Justiz zu führen scheint. Oder hängt alles mit einem Terroranschlag zusammen, der die Stadt vor anderthalb Jahren erschüttert hat?

Spoilerfreie Kritik zu Schlafende Hunde

Der Beitrag befasst sich mit allen Folgen der Netflix-Serie. Spoiler werden dennoch vermieden

Deutscher Thriller nach israelischer Idee

Immer wieder schaffen es israelische Serien erst in Form von Remakes auch weiter im Westen zu Aufmerksamkeit. So basiert der langläufige CIA-Thriller Homeland ebenso auf einem Originalstoff aus Israel wie auch Your Honor, die dann sogar nochmal in Deutschland als Euer Ehren ge-re-remaked wurde. Diesmal geht es ohne die Abzweigung in die USA direkt vom Nahen Osten zum deutschen Netflix-Original. Da die Vorlage hierzulande nicht zugänglich gemacht wurde, kann der Rezensent von Schlafende Hunde auch keinerlei Bezüge finden oder Vergleiche ziehen. Die Kritik bezieht sich also rein auf den deutschen Krimi als solches. Trotzdem wird sich die Serie, da sie bei Netflix ja einem internationalen Publikum präsentiert wird, nicht nur mit anderen Thrillern aus Deutschland messen müssen sondern mit sämtlichen Genre-Produktionen beim Streamingdienst. Denn um kaum ein Publikum buhlen so viele verschiedene Serien, wie um das, das gemeinhin auch an klassischen Fernsehkrimis gefallen findet und somit „leichte Beute“ für die Streamingdienste zu sein scheint.

Das Gute an Schlafende Hunde – und damit knüpft man an den Trend der letzten Jahre an, dass Krimis wieder kürzer erzählt werden – ist die Tatsache, dass die Story in sechs überschaubaren Folgen auserzählt wird. Dieser sanfte Druck, sich nicht mit Nebenschauplätzen aufzuhalten, tut der Spannung jedenfalls schon mal gut. Unmittelbar wirft man das Publikum ins Geschehen, erzählt häppchenweise nur über Rückblicke und in Nebensätzen, wie es zum Absturz des ehemaligen Polizisten kam und konzentriert sich von Beginn an darauf, die beiden Protagonisten logisch von ihren jeweiligen Ausgangspunkten doch recht schnell auf die selbe Ermittlung zu schicken.

Trotz der Kürze überwiegend greifbare, spannende Charaktere

Obwohl es um einen ziemlich geradlinigen Fall geht (oder zu gehen scheint…), der auch Tatort-Stoff sein könnte, gelingt es dadurch, dass man eben nicht allzu viel Ballast aufbaut, die wichtigen Figuren mittels markanter Merkmale und starker Einzelmomente in Windeseile Plastizität zu verleihen. Dafür verantwortlich zeichnen natürlich nicht nur die Autoren sondern maßgeblich die wirklich stark aufspielenden Hauptdarsteller. Ja teilweise kranken die Figurenzeichnungen an typisch deutschen Klischees und Dialog-Ungetümen, aber ausdrucksstarkes Spiel kaschiert dies hier wirklich gut. Außerdem sind wir mal ehrlich: wenn man etwas aus Deutschland schaut, dann soll es sich doch auch – zumindest bis zur Grenze wo es zu dick aufgetragen wirkt – nach Deutschland anfühlen. Dementsprechend verzeiht man den Hang zum Theaterdialog oder auch zur Redundanz beim Einblick in den Polizeiapparat, wenn man sich von der intensiven Atmosphäre des Milieustudien-Aspekts einfangen lässt.
Denn auch wenn Schlafende Hunde auch hier nicht wirklich Neuland betritt, so gibt der Kontrast zwischen den Milieus, die hier aufeinanderprallen dem Ganzen doch einen gewissen Reiz, der verfängt. Auf der einen Seite der Polizist mit PTBS und zerrütteter Familie. Dann die junge Anwältin, die trotz Ehrgeiz von einer Klischee-Karrieristin als Vorgesetzten ausgebremst wird und auch noch im Schatten einer Mutter aufgewachsen ist, die überlebensgroß zusätzlich für Druck sorgt. Dann die Einblicke in den maroden Polizeiapparat/-sumpf. Und auf der anderen Seite dann auch noch der Streifzug durch die muslimische Subkultur, geprägt von archaischen Strukturen und damit umso tragischer als Boden einer Romanze, die womöglich Stein des Anstoßes im ganzen Dilemma war…
Max Riemelt als Mike Atlas
Max Riemelt als Mike Atlas © Netflix

Die Drecksarbeit der Polizei und ihre Folgen

Schon in der ersten Folge lernen wir die ehemaligen Kollegen von Mike Atlas, eine KDD-Truppe, im Rahmen eines äußerst unschön verlaufenden Einsatzes, der so aber womöglich an der Tagesordnung für Polizisten in der Großstädten ist, kennen. Schlafende Hunde ist dreckiger als der Tatort, widmet sich auch auf mehrere Weisen den Folgen von heiklen Einsätzen, die selbst wenn sie vermeintlich erfolgreich ausgehen, nie für alle ein gutes Ende haben können. Gut gewählt ist da die Teamzusammenstellung, ethnisch, aber auch vom Punkt her, auf dem sich die verschiedenen Ermittler – und an anderer Stelle auch die Juristen – auf der Karriereleiter befinden. Wie bereits angesprochen hat man ein gutes Händchen beim Casting bewiesen, allen voran beim Hollywood-erprobten Max Riemelt, dessen Charakter wohl kaum weiter von vorherigen Rollen weg sein könnte.

Was der Spannung keinen Abbruch tut, ist die ganze Familien-Backstory von Mike Atlas mitsamt seines Gedächtnisverlusts. Auch das liegt an den Darstellern, die allesamt abliefern. Die Verquickungen und Abzweigungen, die hier skripttechnisch auf das Publikum losgelassen werden, sind im eher überraschungsarmen Konstrukt dann doch der emotional intensivste Part. Hingegen die kleine Nebengeschichte der jungen Ermittlerin, die von Melodie Wakivuamina gespielt wird, die nach einem Einsatz aus Schuldgefühlen den Job zu sehr in ihr Privatleben eindringen lässt, ist etwas plump und bremst teils die Hauptstory unnötig aus.

Wer sollte sich Schlafende Hunde nicht entgehen lassen?

Ja, Schlafende Hunde ist in erster Linie für den klassischen deutschen TV-Krimi-Fan sicher auch ein überdurchschnittlicher Beitrag. Doch durch die dichte Atmosphäre, die politische Dimension und die doch im Vergleich hochwertigere Produktion, könnten sich auch Zuschauende angesprochen fühlen, die  Nur Gott kann mich richten oder ähnlich angelegte Filme des letzten Jahrzehnts mochten. Denn wenngleich die Netflix-Serie den typisch deutschen „Charme“ allein deswegen nicht abschütteln kann, da man sich einmal mehr für die Verortung in der Bundeshauptstadt entschieden hat, so flackern in den sechs Folgen immer wieder Einzelmomente hervor, in denen die Miniserie beweist, dass man sich auch an internationalen Formaten (mit Erfolg) orientiert hat.

Unser Fazit zu Schlafende Hunde

Schlafende Hunde ist ein überdurchschnittlicher deutscher Thriller, der zwar das Genre nicht prägen, aber über sechs Folgen fesseln wird. Die Charaktere funktionieren zum Großteil, der Krimi-Plot ist spannend und sogar emotional berührend. Darüber hinaus weiß der Look zu überzeugen. Kein Must-See, aber ein Upgrade zum Fernsehkrimi und eine abgeschlossene Serie für zwischendurch allemal!

Schlafende Hunde ist ab dem 22. Juni 2023 bei Netflix abrufbar.

Unsere Wertung:

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 4. Juni 2023 um 8:23 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

© Netflix

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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