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Soundtrack-Kritik: Aquaman – Rupert Gregson-Williams

Aquaman steuert als Film selbst in größtenteils sichere Gewässer – kann der Score von Rupert Gregson-Williams ebenso überzeugen?

Aquaman – Rupert Gregson-Williams

Musik komponiert & produziert von
Rupert Gregson-Williams
Dirigiert von
Alastair King
& Nick Glennie-Smith
Orchestriert von
Rupert Gregson-Williams
Alastair King
Ergänzende Musik von
Sven Faulconer, Evan Jolly,
Tony Clarke & Forest Christenson

Es ist schön zu wissen, dass man selbst in dieser unseren Zeit noch überrascht werden kann: Mit Sicherheit hat noch vor einer Weile NIEMAND damit gerechnet, dass ausgerechnet Aquaman DER überwältigende Hit unter den DCEU-Filmen sein würde – der erste Film in dieser Reihe mit einer klar erkennbaren Regie-Vision dahinter. Dazu mit einem Level an Ambition, welches sich tatsächlich größtenteils auszahlt. Ein Film, welcher auch noch das Wunder vollbringt, eine vollkommen übertriebene Welt, gefüllt mit total durchgeknallten Designs und Kreaturen, irgendwie glaubhaft darzustellen.

Aquaman

Regisseur James Wan (Insidious, The Conjuring) versteckt seinen Film nicht hinter einer riesigen Mauer aus augenzwinkerndem Humor, sondern lässt seine Schauspieler extrem ernst und theatralisch agieren, was dem Unterwasserspektakel eine gewisse Glaubwürdigkeit und viel Gewicht verleiht. Die Story ist zwar sehr generisch und der Film versucht zu viele Plots in seine durchaus aufgeblasenen 2 ½ Stunden zu pressen, aber das Ergebnis ist dennoch große Unterhaltung voll von beeindruckenden Visuals, Camp und krachender Action.

Die Welt von Aquaman entfesselt außergewöhnliche Bilder. | Aquaman Soundtrack Copyright Warner Bros.
Die Welt von Aquaman entfesselt außergewöhnliche Bilder. Copyright Warner Bros.

Die Musik des DCEU

Ich schreibe bereits seit 2013 Soundtrack-Kritiken und so konnte ich tatsächlich jeden einzelnen der DCEU-Scores besprechen: Hans Zimmers Man of Steel hat bei mir immer noch den Status eines Guilty Pleasures inne, Batman v Superman, komponiert von Zimmer und Tom Holkenborg, war eine sehr frustrierende musikalische Erfahrung mit einigen wenigen guten Momenten. Suicide Squad hatte bis auf ein halbwegs gelungenes Hauptthema nicht viel mehr als generisches Underscoring von Steven Price zu bieten. Danny Elfman allerdings brachte mit Justice League frischen Wind zurück in die DC-Superhelden-Musik, besann sich auf großes Orchester mit Finesse und Detailreichtum und baute noch dazu schöne Anspielungen auf die klassischen Batman- und Superman-Themen mit ein.

Rückkehr zu etwas Neuem

Aquaman ist bereits DC-Runde zwei für den Briten Rupert Gregson-Williams, welcher den Großteil seiner Karriere leider im Schatten seines weitaus erfolgreicheren Bruders Harry verbringen musste. Wo Harry Gregson-Williams für solche Regisseure wie Andrew Adamson (Shrek, Die Chroniken von Narnia) und Ridley Scott (Königreich der Himmel, Der Marsianer) komponieren durfte, so blieb Rupert für viele Jahre in der Unfilm-Schmiede Happy Madison stecken, wo er für zahlreiche unsägliche Adam Sandler-Vehikel den Taktstock schwingen musste. Seit ein paar Jahren ist er jedoch wieder im Blockbuster-Bereich unterwegs und sein Score für Wonder Woman war zum Zeitpunkt seines Erscheinens auch der beste Score der neuen DC-Filme. Mit Aquaman ist ihm jedoch der Luxus vergönnt, nicht auf einem bereits etablierten Thema von Hans Zimmer aufbauen zu müssen, stattdessen kann er hier im wahrsten Sinne des Wortes aus den Vollen schöpfen und etwas eigenes erschaffen. Und diese Chance nutzt er auch größtenteils sehr erfolgreich!

Retro-Stilmix

Womit sicher niemand im Vorfeld gerechnet hätte, ist die Tatsache, wie sehr der Score von Aquaman an denjenigen von Thor: Tag der Entscheidung erinnert: Genau wie Mark Mothersbaugh für den Donnergott kombiniert Rupert Gregson-Williams Orchester mit 80er-artigen Synthesizern, wobei er die Elektro-Spielereien größtenteils in den Szenen unter Wasser verwendet und an Land eher das klassische Orchester auspackt. Das Album selbst ist jedoch nicht als traditionelles Score-Album aufgebaut, sondern präsentiert die Musik teilweise als Suiten und noch dazu in falscher Reihenfolge. Dies wahrscheinlich, um ein besseres Hörerlebnis zu bieten, welches eher für sich stehen kann und nicht Szenen-abhängig ist. Dennoch sind die verschiedenen Themen gut herauszuhören. Da ist einerseits ein Thema für den Titel-Helden selbst, welches wir ganz am Schluss von „Arthur“ hören, mit Blechbläsern, Percussion, Chor und Elektronik. Sehr heroisch, sogar nobel und zwischendurch mit betont cooler E-Gitarre.

Klänge für Atlantis

Dieses Motiv taucht auch wieder in „Swimming Lessons“ auf und dessen Fragmente sind immer wieder hier und da in den Score eingestreut, vollständig erklingt es zum Beispiel auch in „Suited And Booted“. Eng verwandt ist es mit dem Material für Atlantis, welches ausgiebig in „Arthur“ und „Kingdom of Atlantis“ erkundet wird. Dies mit ethnischer Flöte, teilweise Wal-ähnlichen Sounds und schließlich mit ordentlich Orchester und Elektronik. Das lässt an Fantasy-Filme der 80er denken und ist in der Tat vollkommen anders als die übrigen DCEU-Scores, sowohl spaßiger als auch in gewissem Sinne selbstbewusster. In „It Wasn‘t Meant To Be“ verbinden sich Streicher-Ostinati, Blechbläser und schöner Chor zum „Familien-Thema“: Ausschweifend, voller Emotion und auch mit einer großen Portion Melancholie, wobei ab 1:40 zum ersten Mal ein Duduk zum Einsatz kommt, eine armenische Oboe, welche spätestens seit Gladiator fest zum Remote Control-Repertoire zu gehören scheint, wenn es um fremdartige Kulturen geht.

Sehr warmer und trauriger Klavier-Einsatz gibt dem Titel den Extra-Touch. „What Could Be Greater Than A King?“ bietet ebenfalls das Familien-Thema auf und „Reunited“ ist ein finales Statement des Atlantis-Materials, volles Orchester mit ordentlich Gitarren-Anteil, Schlagzeug und Chor. „Between Land And Sea“ ist leise und unterschwellig. Hier sind Streicher gemischt mit leichten Synthies, sphärisch klingend und sich nach und nach zu einem Liebes-Thema entwickelnd.

Im Fahrwasser des Bösen

Bei „Atlantean Soldiers“ wird allerspätestens klar, dass sich Regisseur James Wan und Komponist Rupert Gregson-Williams vollkommen dessen bewusst sind, um was für eine Art von Film es sich hier handelt: Das bedrohliche Thema für die Gefolgsleute von Orm und dessen bösen Machenschaften ist so offensichtlich BÖSE, dabei jedoch so unglaublich übertrieben und „corny“, dass man gar nicht anders kann, als davon mitgerissen zu werden. Das eigentliche Thema für Orm hören wir bei 1:44 zum ersten Mal, eine – ungelogen – absteigende „Bomm-Bomm-Boooooooomm“-Melodie, ein derartiges Klischee, dass es zu den vollkommen durchgeknallten Designs und dem Shakespeare-artigen Schauspiel wiederum perfekt passt.

Kurz nach der Drei-Minuten-Marke wird Orms Thema noch mehrmals gespielt und zementiert die Figur als unmissverständlich BÖSE! Für den zweiten Schurken des Films, „The Black Manta“, einen Piraten auf Rache-Feldzug gegen Aquaman, welcher von Orm mit atlantischen Waffen und Rüstungen unterstützt wird, bleibt Gregson-Williams rein elektronisch und extrem düster: Hier wird gedröhnt, was das Zeug hält, ebenfalls mit einer absteigenden Drei-Noten-Folge als thematische Richtung, was sich ebenfalls einigermaßen altmodisch, aber dennoch auch zeitgemäß anfühlt.

Keine verwässerte Angelegenheit

Das ist soweit eine ziemlich gute stilistische und thematische Übersicht des Scores, und Gregson-Williams tut sein Bestes, diese Elemente zu variieren und auch angemessen umeinander herum zu arrangieren. „He Commands The Sea“ mischt die Orm-Dröhner mit dem Atlantis-Material und packt im Anschluss Männer-Chant-Chor und Percussion und schließlich nahezu überbordende Kraft mit sämtlichen Orchester- und Elektro-Aspekten dazu, die der Score zu bieten hat, die Trompeten schmettern derart unverschämt drauflos, dass es dem Hörer schwer fallen dürfte, nicht mitgerissen zu werden.

„The Ring Of Fire“ bietet ebenfalls die Orm-Dröhner auf, dann kommen krachende Trommeln und Action dazu, wobei die Percussion den kräftigen Unterbau für einen sehr nach Oldschool-Remote-Crontrol klingenden Track bilden. Komplett mit gemischtem Chor und mehr Power als Verstand dahinter, am Ende wieder mit Betonung auf Orm. „What Could Be Greater Than A King?“ ist ebenfalls ein extremer Remote Control-Throwback und lässt an die Zimmer-Musik aus den späten 90ern und frühen 2000ern denken: Erst Kraft und Tempo, dann wieder Duduk und sanfte Streicher mit Chor plus Synthies mit Atlantis-Version.

Genau wie Aquaman und Orm kämpfen auch deren Themen miteinander! Copyright Warner Bros.
Genau wie Aquaman und Orm kämpfen auch deren Themen miteinander! Copyright Warner Bros.

Besonders gute Fänge

Einige andere Titel stechen heraus. „Swimming Lessons“ vereint nach geheimnisvollem Aufbau alles, was die Kern-Elemente des Scores ausmacht. Kräftige Percussion, ausschweifende Streicher, Blechbläser, sphärischer Chor und Retro-Synthies. Diese vereinen sich schon bald zu einem weiteren heldenhaften Statement des Aquaman-Themas. Sogar Klavier kommt wieder zum Einsatz und funktioniert in diesem Kontext absolut großartig. Gegen Ende hören wir auch das Duduk erneut. „Permission To Come Aboard“ erinnert ebenfalls an frühen 2000er-Zimmer, allerdings mit viel mehr Retro-Synthesizern gemischt. Übertrieben coole E-Gitarren-Riffs, welche auch im Trailer vorkamen, vermischen sich mit – interessanterweise – Thomas Newman-artigen Streichern und Gitarren. Dabei finden sie jedoch auch immer wieder zum gewohnten Action-Sound zurück.

The Legend Of Atlan“ stellt eine noble und vage an Howard Shores Der Herr der Ringe erinnernde Melodie für Streicher, Hörner und Chor vor, in welche sich auch nach und nach wieder Synthesizer mischen, am Ende dominiert sakral anmutender Chor den Titel, überraschend sanft. „Map In A Bottle“ ist etwas zurückhaltender am Anfang, was schließlich in einen etwas leichtherzigeren und spaßigen Abenteuer-Sound übergeht, Streicher und Hörner sind wundervoll glasklar und auch der Chor hilft dabei, diesen kleinen Titel zu etwas besonderem zu machen, mit Atlantis-Variation gegen Ende.

Teilweise lassen Film und Musik ein gewisses "Indiana Jones"-Feeling aufkommen. Copyright Warner Bros.
Teilweise lassen Film und Musik ein gewisses “Indiana Jones”-Feeling aufkommen. Copyright Warner Bros.

Der Ozean ist schräg

Glücklicherweise lässt das Album die sehr kindischen und peinlichen „Incidental“-Stücke weg, deplazierte Comedy-Musik, welche mir vor allem bei einer Streit-Szene in der Wüste zwischen Arthur und Mera negativ aufgefallen ist. Dafür gibt es zwei Songs: Zum einen Skylar Greys nichtssagenden und kitschigen „Everything I Need“, welcher in den Haupt-Credits ertönt und lieber einer coolen Score-Suite Platz gemacht hätte, sowohl in der Film- als auch in einer alternativen Version. Zum anderen eine Pitbull-Neuinterpretation des berühmten Toto-Songs „Africa“ aus den 80ern in Gestalt von „Ocean To Ocean“. Dieser erklingt in einer Szene, in der Arthur und Mera das Meer in Richtung Wüste verlassen. Das Lied ist offensichtlich auf den komischen Effekt aus und ist in seiner Gesamt-Wirkung und Konzeption absolut bizarr!

Als kleinen Bonus gibt es außerdem „Trench Engaged“. Ein Titel, welcher die Standout-Horror-Sequenz des Films untermalt, in welcher gruselige See-Monster Arthurs und Meras Boot angreifen. Hierfür hat sich James Wan seinen regulären Komponisten Joseph Bishara (Insidious, The Conjuring) an Bord geholt und entsprechend ist der Track eine Kakophonie aus schrillen Scare-Streichern. Im Film selbst sehr wirkungsvoll und verstörend für die Szene, aber als reines Hörerlebnis nur bedingt zu empfehlen.

Fazit

Aquaman ist ein sehr interessanter Score geworden: Einerseits sind die Intentionen von James Wan und Rupert Gregson-Williams jederzeit lobenswert und deutlich zu spüren, die bewusst altmodischen und auf klassischen Fantasy-Camp abzielenden Synthesizer passen überraschend gut für diese Interpretation des Superhelden aus Atlantis. Außerdem ist es erfrischend, wie ehrlich und vollkommen schamlos, ja teilweise simpel die verschiedenen Aspekte des Films vertont werden. Wie nobel und heroisch das Material für die Guten und wie düster und sinister dasjenige für die Bösen klingt! Teilweise driftet es gefährlich in etwas nichtssagende Remote Control-Mucke ab, aber Gregson-Williams findet immer wieder seinen Weg in interessantere Gewässer zurück und liefert einen Score ab, bei dem garantiert noch Luft nach oben, welcher mir jedoch aufgrund des Konzeptes und der Ambition dennoch 4/5 Sterne wert ist. Zögert nicht und taucht ein in dieses klangvolle und spaßige Album – dieses Wasser ist nicht salzig, sondern süß!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Everything I Need (Film Version) (Skylar Grey) – 3:16
  2. Arthur – 4:41
  3. Kingdom Of Atlantis – 3:26
  4. It Wasn‘t Meant To Be – 3:22
  5. Atlantean Soldiers – 3:35
  6. What Does That Even Mean? – 3:24
  7. The Legend Of Atlan – 1:57
  8. Swimming Lessons – 3:03
  9. The Black Manta – 2:49
  10. What Could Be Greater Than A King? – 5:23
  11. Permission To Come Aboard – 2:16
  12. Suited And Booted – 4:25
  13. Between Land And Sea – 2:55
  14. He Commands The Sea – 3:34
  15. Map In A Bottle – 2:16
  16. The Ring Of Fire – 4:58
  17. Reunited – 1:32
  18. Everything I Need (Skylar Grey) – 3:21
  19. Ocean To Ocean (Pitbull Feat. Rhea) – 2:25
  20. Trench Engaged (Joseph Bishara) – 2:30
Aquaman (Original Motion Picture Soundtrack)
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© Warner Bros

Lasse Vogt

Schon als Kind habe ich jeden Film in mir aufgesogen, und diese Leidenschaft hat sich gehalten. Heute habe ich ein abgeschlossenes Film-Studium, bin selbst Regisseur, Autor, Kritiker auf Youtube (TheDeppert) und schreibe über Filmmusik auf meinem Blog scoregeek.wordpress.com. Außerdem bin ich als Podcaster tätig und habe in meiner Show "Fans About Films" viele Film-Fans sowie Komponisten zu Gast. Ich LEBE Filme - und ich freue mich, dass ich damit nicht allein bin.

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