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Synonymes

Auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und von Kritikern fast einstimmig gelobt: Nadav Lapids Beitrag zum Thema Migration Synonymes sorgte auf dem größten europäischen Filmfestival in vielerlei Hinsicht für Aufsehen. Ob wir mit dem Urteil der von Juliette Binoche geleiteten Jury übereinstimmen, erfahrt ihr im Folgenden.

TitelSynonymes
Jahr2019
LandFrankreich, Deutschland, Israel
RegieNadav Laid
DrehbuchNadav Lapid, Haïm Lapid
GenreDrama, Kunstfilm
DarstellerTom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte, Uri Hayik, Jonathan Boudina, Gaël Raes, Djamel Lazaar, Chris Zastera
Länge124 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihGrandfilm

Worum geht es in Synonymes?

Yoav ist Israeli – will aber keiner mehr sein. Er ist aufgebrochen, um Franzose zu werden und wo könnte man dies besser tun, als in Paris? Dort angekommen muss er sich allerdings mit dem harten Pflaster der Metropole auseinandersetzen. Gleich in der ersten Nacht wird er all seiner Habseligkeiten beraubt und steht nun splitternackt in der leeren Wohnung. Sein Lippen-Piercing ist alles, was er noch besitzt. Zum Glück lernt Yoav den intellektuellen und finanziell gut betuchten Emile und seine Freundin Caroline kennen, die sich als sorgsame Spender und Freunde herausstellen. 

Daraufhin kann Yoav alles lernen. Die Moral und Ethik eines Franzosen, das französische Essen, die französische Musik, das französische Arbeitsleben und nicht zuletzt die französische Sprache. Auf diese legt er besonders viel Wert. Schließlich will er unter keinen Umständen zurück nach Israel. Yoav schwört zu diesem Zweck, es möge kein Wort hebräisch mehr über seine Lippen kommen und entsagt all seinen israelischen Wurzeln – selbst seinen Eltern. Doch ist es so vermeintlich leicht, ein echter Franzose zu werden und seine bisherige Identität abzulegen? 

Yoav (Tom Mercier) lernt Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) kennen in Synonymes © 2019 Grandfilm
Yoav (Tom Mercier) lernt Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) kennen in Synonymes © 2019 Grandfilm

Ein autobiografischer Hintergrund

Nadav Lapids Film ist erstaunlich intim und eindrucksvoll tiefsinnig. Das im politischen Diskurs so hochaktuelle Thema der Migration stellt vermutlich für jeden Regisseur und Drehbuchautoren eine Herausforderung dar und ist nur mit äußerster Sensibilität zu realisieren. Nadav Lapid scheint hierfür der richtige Mann zu sein. Synonymes ist nämlich ein größtenteils autobiografisches Werk, durch welches der Regisseur seine Erlebnisse verarbeitet. 

Entsprechend drehte der gebürtige Israeli Lapid an den Originalschauplätzen seiner Erlebnisse in Paris und ließ sich durch die eigenen Erfahrungen zu überaus eindrucksvollen Szenen inspirieren, welche dem Zuschauer oder der Zuschauerin noch lange im Gedächtnis haften bleiben. Er beschränkt sich nämlich nicht auf die plakative Gegenüberstellung verschiedener Kulturen, wie es in seichten Komödien a la Willkommen bei den Hartmanns oder Monsieur Claude und seine Töchter der Fall ist, noch verirrt er sich in rührselig dramatischen Verwicklungen. Im Gegensatz dazu ist Lapid an nicht weniger als der wahrhaftigen Identität eines Menschen interessiert. Doch was geschieht, wenn man versucht dieser zu entfliehen?




Kuriositäten in Synonymes

Synonymes widmet sich diesem Thema trotz des autobiografischen Hintergrundes ohne Nostalgie oder Sentimentalität, ganz im Gegensatz zu Alfonso Cuaróns Roma zum Beispiel. Auch wenn die Geschehnisse für Yoav (also Lapid) bedeutsam sind, so gestaltet sie der Streifen dennoch nüchtern und unterkühlt. Lapid will keineswegs ein psychologisches Drama entwickeln. Sein Blick ist wesentlich reservierter, objektiver und nicht zuletzt analytischer. Dabei sind die Szenen jedoch niemals realistisch, sondern gesteigerte Realität, das heißt manchmal abstrakt und meistens kurios. 

Besonders durch Übertreibungen kann der Regisseur ein Gefühl der Verwirrung vermitteln, sodass auch die Kinobesuchenden selten wissen, woran sie sich orientieren können. Wenn zum Beispiel Yoav bei einem Fotografen hebräisch sprechen soll und er dabei eine orgasmusähnliche Ekstase erlebt, dann ist dies einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass er das erste Mal seit langer Zeit wieder seine Muttersprache verwendet. Dieses euphorisierende Gefühl intensiviert Lapid durch seine Darstellung ins Unermessliche und setzt das Publikum gleichzeitig einer obskuren Situation aus – eine Situation in der sich Yoav in der für ihn fremden Umgebung tagtäglich befindet. Zugleich macht der Regisseur unmissverständlich klar, wie schier unmöglich es ist, seiner Vergangenheit zu entfliehen. Nadav Lapid lebt mittlerweile wieder in Tel Aviv.

Emile, Yoav und Caroline überlegen, wie sie Yoav in Frankreich behalten können in Synonymes © 2019 Grandfilm
Emile, Yoav und Caroline überlegen, wie sie Yoav in Frankreich behalten können in Synonymes © 2019 Grandfilm

Die Macht der Sprache in Synonymes

Mit derlei Szenen ist Synonymes sicherlich kein einfacher Film für den entspannten Abend, denn er fordert sein Publikum heraus und zwingt es, sich mit ungewöhnlichen Situationen auseinanderzusetzen. Die Inszenierung soll dabei niemals von der eigentlichen Handlung ablenken. Die Bilder wirken kaum stilisiert, die Kamera ist entweder statisch oder sogar (und daran muss man sich durchaus gewöhnen) extrem verwackelt und auf einen eigenen Score verzichtet der Streifen gleich gänzlich. 

Das gesprochene Wort ist hingegen stets völlig klar und omnipräsent. In der Sprache vereint sich für Lapid das gesamte Wesen einer Kultur. Die Ausdrucksweise bestimmt den gesellschaftlichen Status, die Klarheit der Worte das Ansehen einer Person und die Sprachmelodie das innere Wesen der Menschen. Über Sprache definiert sich unsere Identität. Um dies zu verdeutlichen, filmt Lapid ganze Sequenzen, in denen Yoav durch die Straßen geht und Wörter sowie Textzeilen rezitiert. Das Lernen des Wörterbuches inklusive aller Synonyme scheint unausweichlich, will man eine fremde Kultur annehmen. Einmal gelernt und angewendet, ändert sich die ureigene Identität – ein Prozess der nicht mehr aufzuhalten ist. Aufgrund der immanenten Bedeutung der Sprache in diesem Film empfiehlt es sich, diesen wenn möglich im Original (französisch), falls nötig mit Untertiteln, zu schauen. Eine solche sprachliche Feinfühligkeit ist wohl kaum durch Synchronisation zu erreichen.

Yoav ist sich nicht sicher, was unter Carolines ruhiger Fassade schlummer in Synonymes © 2019 Grandfilm
Yoav ist sich nicht sicher, was unter Carolines ruhiger Fassade schlummer in Synonymes © 2019 Grandfilm

Gesammelte Erlebnisse beim Versuch der Integration

Auch zum Thema Integration äußert sich der Streifen auf die gewohnt künstlerische, teils provozierende Art. So gibt es Szenen in Integrationskursen, die beinahe einen satirischen Charakter besitzen, Szenen mit Yoafs Bekanntem Yaron, der sich partout nicht integrieren will und stattdessen U-Bahn-Fahrenden aggressiv die israelische Nationalhymne in deren verblüffte Gesichter summt, oder Szenen, in denen es um eine jüdische Untergrundkampftruppe geht, welche sich gegen die Nationalisten zur Wehr setzen will. Am eindrucksvollsten erkennt man die Probleme der Integration jedoch in Yoavs Verhältnis zu Emile und Caroline. Was zu Beginn noch so aussieht als könnten alle Seiten voneinander profitieren, entwickelt sich schnell zu einem dichten Geflecht aus Komplikationen, die mehr und mehr zu einer gewissen Distanz führen. 

Synonymes besitzt besonders in solchen Szenen die Stärke nicht zu werten. Keine Seite oder Perspektive wird favorisiert. Zum Beispiel werden niemals die Gründe genannt, aus denen Yoav seine Heimat verlassen oder weshalb er sich ausgerechnet Frankreich ausgesucht hat. Der Streifen bleibt strikt neutral.

Yoav hat das Bedürfnis seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen in Synonymes © 2019 Grandfilm
Yoav hat das Bedürfnis seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen in Synonymes © 2019 Grandfilm

Keine echte Dramaturgie, aber ein ausgezeichneter Hauptdarsteller

In dieser Ansammlung verschiedener, individuell sehr stark konstruierter Szenen, gelingt es Lapid allerdings nicht immer, einen übergreifenden roten Faden zu spannen. Man bekommt den Eindruck, der Regisseur und Drehbuchautor hätte verschiedene Situationen im Kopf und werfe diese nun zusammen, um einen möglichst vielfältigen Blick zu sichern. So entsteht kaum eine erkennbare Dramaturgie ohne fühlbaren Spannungsbogen. Das macht den Film durchaus zu einer Herausforderung, allerdings ist jede Szene ein Erlebnis, aus dem man Gedanken und Erfahrungen ziehen kann. 

Das liegt unter anderem an dem herausragenden Hauptdarsteller, der hier sehr viel Mut zur Körperlichkeit präsentiert. Tom Mercier ist ein echter Glücksfund von Nadav Lapid, denn er ist ein in Israel bereits bekannter Theaterdarsteller und liefert mit Synonymes sein Kinodebüt. In der Rolle des Yoav muss er nahezu sämtliche Register ziehen. Die sehr bedachte und ruhige Figur, in deren Innern es allerdings mächtig brodelt und bei der man stets das Gefühl hat, sie könne jeden Moment explodieren, spielt er so eindringlich, dass es ein kleines Wunder ist, dass Mercier nicht den großen Darstellerpreis der Berlinale gewonnen hat. Neben ihm kann auch der restliche Cast überzeugen. Quentin Dolmaire mimt den reichen und intellektuellen Schriftsteller Emile, der an seinem langweiligen Alltag in Freiheit völlig dahinsiecht und keine Inspiration für sein Buch findet, während Louise Chevillotte die introvertierte Caroline spielt, hinter deren Fassade mehr zu finden ist, als man zunächst erwartet.

Tom Mercier spiel Yoav in Synonymes © 2019 Grandfilm
Tom Mercier spiel Yoav in Synonymes © 2019 Grandfilm

Fazit

Synonymes ist alles andere als einfaches Unterhaltungskino. Lässt man sich allerdings auf die künstlerische Gestaltung und die Menge merkwürdiger Ideen ein, so erhält man im Gegenzug ein Filmerlebnis, welches man selten bekommt. Nadav Lapid schafft es, die richtigen Fragen aufzuwerfen und spannende Thesen zu formulieren. Völlig zu recht war der Streifen deshalb einer der meistdiskutierten Beiträge der Berlinale 2019. Vermutlich könnte man letztendlich Stunden über die inhaltlich faszinierenden Aspekte sprechen, doch unterm Strich muss man Eines ganz klar feststellen: Einen faszinierenderen und tiefgreifenderen Film in die Thematik der Migration hat es vermutlich bisher noch nicht gegeben. Fernab von billigen Klischees äußert sich der Streifen mit bemerkenswertem Fingerspitzengefühl und dennoch klarer Bissigkeit. Tom Mercier könnte zum aufstrebenden französischen Star avancieren und Nadav Lapid kann es sich verdientermaßen mit dem Goldenen Bären im Arm gemütlich machen. Alles in allem eine absolute Empfehlung für alle Cineasten und eine echte Entdeckung!

Der Film läuft seit dem 05. September in den deutschen Kinos.

Unsere Wertung:

 

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