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The Crowded Room

Schon in Cherry wollte Tom Holland mit Biegen und Brechen beweisen, dass er mehr als Blockbuster-Liebling und Spider-Man-Star ist – mit durchwachsenem Erfolg. Nun hat er mit The Crowded Room sogar eine Serie mitproduziert. Gelingt es Holland damit sich auch als seriöser Darsteller zu festigen?

The Crowded Room — Official Trailer | Apple TV+

TitelThe Crowded Room
Jahr2023
LandUSA
RegieKornél Mundruczó, Brady Corbet, Mona Fastvold, Alan Taylor
DrehbuchAkiva Goldsman, Henrietta Ashworth, Jessica Ashworth, Suzanne Heathcote, Cortney Norris, Gregory Lessans
GenreSerien (Drama)
DarstellerTom Holland, Amanda Seyfried, Emmy Rossum, Sasha Lane, Will Chase, Lior Raz, Jason Isaacs, Christopher Abbott, Thomas Sadoski
Länge10 Folgen mit je ca. 45 – 60 Minuten
Altersempfehlungab 16 Jahren freigegeben
StreamingdienstApple TV+
Amanda Seyfried und Tom Holland sitzen sitz an einem Tisch gegenüber. Im Hintergrund Glasfenster.
Im Gespräch gehen Seyfried und Holland der Wahrheit auf den Grund © Apple TV+

The Crowded Room – Die offizielle Handlungsangabe

Die Miniserie The Crowded Room erzählt in 10 Folgen die Geschichte von Danny Sullivan (Tom Holland), der 1979 in New York nach einer Schießerei festgenommen wird. Die spannende Story führt durch eine Reihe von Vernehmungen mit der aufgeweckten Polizistin Rya Goodwin (Amanda Seyfried). Dabei kommen immer mehr Details aus Dannys Leben und seiner mysteriösen und bewegten Vergangenheit ans Licht. Am Ende steht eine Erkenntnis, die sein Leben für immer verändern wird.

!!! leichte Spoilerwarnung !!!

Die Apple-TV-Produktion ist inspiriert von The Minds of Billy Milligan von Daniel Keyes. In diesem nicht-fiktionalen Buch geht es um den ersten Angeklagten in den USA, der freigesprochen wurde, nachdem er auf eine dissoziative Persönlichkeitsstörung plädierte.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit allen Folgen der Serie. Dementsprechend ist die Kritik darauf bezogen und soll dazu dienen, den Lesern eine Hilfestellung bei der Entscheidung zu geben, ob sich auf Basis des Gesamteindrucks ein Blick rentiert. Wer den bekannten Fall, auf dem die Geschichte lose basiert, kennt, der kann sich schon ausmalen, was in etwa über den psychischen Zustand des Protagonisten im Verlauf ans Licht kommen wird. Wer sich damit noch nicht auseinandergesetzt hat und sich komplett überraschen lassen möchte, sollte weder hier weiterlesen noch im Internet über den Fall Billy Milligan recherchieren. Ihr seid damit gewarnt.

Anti-Spider-Man-Rolle in Psychodrama

Schlüpft man in jungen Jahren in eine Rolle, wie eben die von Spider-Mandann passiert es nicht selten, dass ein Darsteller verflucht ist, seine ganze Karriere über nur für diese eine Rolle zu stehen. Michael J. Fox als Marty McFly, Macaulay Culkin als Kevin oder nahezu der ganze junge Cast in der Harry-Potter-Reihe. Wirklich gelöst von den Figuren, die sie bekannt gemacht haben, haben sich beispielsweise diese Darstellenden größtenteils nur mit überschaubarem Erfolg. In vielen Filmen, die im Anschluss folgen, sieht man unweigerlich weiterhin das ikonische alter ego. Tom Holland versucht nun schon seit geraumer Zeit sich des Fluches zu erwehren, der ewige Peter Parker zu sein, während er sogar immer noch aktiv in den blauroten Latex-Anzug schlüpft und sicher noch weitere Auftritte als Netzschwinger in New York haben dürfte.

Where did they all go, Danny?

Zugegeben, es fällt auch hier wieder schwer, nicht ständig Spidey in Zivil zu sehen, wenn Holland beispielsweise durch eine Schulturnhalle rennt. Da nutzt auch die unfreiwillig seltsame 70er-Jahre-Frisur nichts. Doch während in The Devil all the Time und Cherry der Ausbruchsversuch von Holland aus seinem everybodys-darling-Image noch zu forciert wirkte und daher eher in over acting resultierte, klappt es hier von Beginn an wesentlich besser, einen fragilen, nahezu kaputten Typen in ihm zu sehen. Das liegt maßgeblich an der erstaunlich intensiven Auftaktszene, die die Verhaftung Dannys zeigt. Sofort ist klar, dass dieser Charakter enorme psychische Probleme hat, ohne dass der Marvel-Star in klischeehafte Darstellung von solchen Krankheitsbildern abgleitet.

Kammerspiel-artige Verhörsituationen und Zwiebelschalen-Rückblicke

Von Folge zu Folge geht The Crowded Room dem Knacks des Protagonisten ein Stück mehr auf die Spur. Die Serie bohrt langsam in offenen Wunden und legt Erschütterndes aus der Vergangenheit offen. Dabei spielt sich die Jetzt-Zeit nahezu ausschließlich im Verhörraum zwischen Amanda Seyfried und Holland ab. Das Kammerspiel ist ruhig, aber unheimlich intensiv. Seyfried ist zugleich Stellvertreterin des Publikums und Analytikerin ihres Interviewpartners. Kann sie Danny trauen, kann er sich selbst trauen, können wir dem trauen, was uns in den Rückblicken gezeigt wird? Das Misstrauen ist beim Schauen der ständige Begleiter.

What happened in that house?

Vor allem die jungen Darstellerinnen im Cast schaffen es, neben Holland und Seyfried komplexe Charaktere in Kürze greifbar zu machen. Sasha Lane und Emma Laird sollte man ohnehin schon auf dem Schirm haben, aber mit diesem Auftritt beweisen sie, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie eigene Serienformate tragen dürften. In den Rückblenden gibt es dank ihnen eine hohe emotionale Bandbreite, denn die Beziehungsgeschichten und Freundschaften, von denen Danny erzählt, haben immer wieder auch herzliche Momente. Was genau dann im Verlauf alles zwischen den Charakteren passiert und wie das dazu führte, dass Danny mit einer Waffe am Rockefeller Center gelandet ist, wird über Enthüllungen bezüglich des Geisteszustands der Holland-Rolle mit Twists hergeleitet, die unbedarfte Zuschauer komplett überraschen werden.

Amanda Seyfried in einem Unisaal vor der Tafel stehend. The Crowded Room
Amanda Seyfried ist Journalistin und neugierig, was der Angeklagte Danny verheimlicht © Apple TV+

Nach Andeutungen spielt man mit offenen Karten

Die erste Staffelhälfte ist noch relativ undeutlich, was die Psyche Dannys anbelangt, streut auch immer wieder Momente des Zweifels ein. Dann aber gibt es eine Episode, die den Titel der Psychologin, die von Seyfried gespielt wird, trägt und einiges ein zweites Mal aus ihrer Perspektive zeigt und damit eindeutig einordnet. Spätestens ab Folge 7 ist es dann nicht mehr die Frage, ob Danny eine gespaltene Persönlichkeit hat, sondern wie komplex der Sachverhalt ist und inwiefern sich das auf die Taten auswirkte –  und eventuell als Schuldbefreiung infrage kommt. Dabei erkundet die siebte Folge auch auf visuell interessante Weise den Verstand des Beschuldigten. Erinnerungen an Split oder Identität dürften sicherlich bei einigen Zuschauern geweckt werden.

I put my entire fucking career on that bullshit.

Genauso fragil und zerrissen wie es im Inneren von Dannys Kopf wohl aussieht, springt man dann auch teilweise zwischen Subgenres hin und her und sorgt so auch für eine tonale Schiffschaukelfahrt. Stark sind die Momente, in denen die moralische Einschätzung diskutiert wird und in denen Amanda Seyfried ihr ganze Können zeigen kann. Die Szenen in The Crowded Room, in denen aus einer Psychostudio ein Paranoia-Thriller wird, sind dagegen eher austauschbar und uninspiriert inszeniert. Aus dem zeitlichen Kontext Ende der 70er-Jahre holt man verglichen mit dem Benchmark des Genres, der Netflix-Serie Mindhunters, etwas wenig raus, aber immerhin werden sich Pink Floyd Fans über den gelungenen Einsatz des ein oder anderen Songs freuen.

Wer sollte sich The Crowded Room nicht entgehen lassen?

Es ist eine langatmige Angelegenheit, aber dieses behutsame Versinken in der Psyche der Holland-Figur, ist auch das, was hier das serielle Erzählen lohnenswert macht. Filme, die sich der Faszination von Journalisten/Psychologen gegenüber ihren (kriminellen?!) Interviewpartnern widmen, gab es schon einige. Tatsächlich zehn Episoden der Rekonstruktion einer traumatisierenden Vorgeschichte zu widmen, ist jedoch ein mutiger, neuer Ansatz. In Filmform ist es in Das Leben des David Gale mit Kevin Spacey oder True Story mit Jonah Hill und James Franco jeweils gelungen über die kompakte Lauflänge die Zuschauer auch ein Stück weit an der Nase herumzuführen und sie selbst dem Charme der Beschuldigten erliegen zu lassen. Durch die enorme Zeit, die man hier mit Fragestellerin und Antwortendem verbringt, reflektiert man noch mehr die eigenen Einschätzungen der Wahrheit.

Die Tragik in der Geschichte ist alles andere als Gute-Laune-Programm, auch wenn es lichte Momente gibt. Wer also mit der niederschmetternden Grundstimmung von I Know This Much Is True beispielsweise schon ein Problem hatte, der wird auch von The Crowded Room wenig mehr Optimismus vermittelt bekommen.

Unser Fazit zu The Crowded Room

The Crowded Room ist die Nachfolgeserie im Geiste zur 2022er Serie Black BirdBeide Apple-Formate widmen sich mit großen Namen im Cast wahren Geschichten und laden diese durch fiktionale Elemente enorm spannend, aber eben auch niederschmetternd auf. Ganz so eindrücklich wie Paul Walter Hauser ist Tom Hollands Darbietung zwar hier nicht, aber immerhin gelingt es ihm endlich, glaubhaft eine Rolle zu spielen, die den quirligen Jugendlichen komplett ausblenden lässt. Die Fight-Club-eske Enthüllung ist im Prinzip keine, da man sich auf die doch weitläufig bekannte Geschichte eines gespaltenen Charakters bezieht. Doch was man daraus gemacht hat, weiß zu fesseln und trotz der ein oder anderen Länge zu unterhalten.

The Crowded Room startet am 9. Juni bei Apple TV+ mit drei Folgen und geht danach im Wochenrhythmus weiter!

Unsere Wertung:

 

 

The Minds of Billy Milligan
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Zuletzt aktualisiert am 24. April 2023 um 13:02 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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© Apple TV+

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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