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The Harder They Fall

Der Western ist tot, lang lebe der Western! Kann Netflix mit dem starbesetzten The Harder They Fall dem angestaubten Genre frischen Wind verleihen? Das erfahrt ihr in dieser Filmkritik.

https://youtu.be/19ebKCT7HTs

TitelThe Harder They Fall
Jahr2021
LandUSA
Regie
Jeymes Samuel
DrehbuchJeymes Samuel
GenreAction, Western
Darsteller
Länge137 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Auf dem Poster sieht man die Silhouetten der Protagonisten von The Harder They Fall vor blauem Hintergrund.
Das Poster zum Film The Harder They Fall © Netflix

The Harder They Fall – Handlung

Als der Gesetzlose Nat Love (Jonathan Majors) erfährt, dass sein Feind Rufus Buck (Idris Elba) aus dem Gefängnis entlassen wird, trommelt er seine Bande zusammen, um Rufus aufzuspüren und Rache zu üben. Seine Mitstreiter in diesem selbstsicheren, modernen Western sind seine einstige große Liebe Stagecoach Mary (Zazie Beetz), seine rechte und linke Hand – Hitzkopf Bill Pickett (Edi Gathegi) und Revolverheld Jim Beckwourth (R.J. Cyler) – sowie ein überraschender Widersacher, der sich als Verbündeter erweist. Rufus Buck hat allerdings seine eigene gefürchtete Crew, darunter die berüchtigte Trudy Smith (Regina King) und Cherokee Bill (LaKeith Stanfield), und sie verstecken sich vor nichts und niemandem.

The Harder They Fall als ganz klassischer Western …

Schon im Frühjahr diesen Jahres hat sich Netflix mit Neues aus der Welt angeschickt mit der Starpower von Tom Hanks einem Western viel Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Doch wenn man eines gleich zu Beginn dieses Beitrags feststellen darf, dann, dass der Ansatz zwischen dieser parabelhaften Erzählung, die unter anderem das Thema Fake News behandelt hat, und dem nun erscheinenden Western-Actionfilm ungleicher nicht sein könnte. The Harder They Fall hat kaum eine tiefere Ebene und soll in erster Linie einfach nur unterhalten. Im Grunde genommen ist die Geschichte so simpel, sie ließe sich auf einer Din-A4-Seite zusammenfassen. Der Film von Jeymes Samuel ist eine geradlinige Rachegeschichte, bei der sämtliche Etappen auf die finale Konfrontation hinarbeiten. Der Weg dahin erinnert an etliche Klassiker der Westernhistorie, die für sich selbst genommen auch schon selten sonderlich innovativ waren. So ist der Vergleich zu Die Glorreichen Sieben genauso naheliegend, wie sich auch Parallelen zu Erbarmungslos aufdrängen.

… mit reichlich modernen Zutaten angereichert

Was diesen neuen Genrebeitrag jedoch von den geistigen Vorbildern signifikant abhebt, sind zwei Faktoren. Zum einen sind hier sämtliche Helden der People of Color Community zugehörig, was sicherlich historisch betrachtet als Anachronismus zu werten ist, aber eben doch eine frische Brise mit sich bringt, die diesem Netflix-Original gut zu Gesicht steht. Dementsprechend stimmig sind auch die Einflüsse des Blaxploitation-Kinos und der Einsatz von Elementen, die man vor allem dem Comicfilm-Genre zuschreiben würde. Inhaltlich darf man bei The Harder The Fall also keine Innovationen erwarten. Mehrfach hat man sogar das Gefühl, diese oder jene Szene sehr ähnlich schon einmal gesehen zu haben. Recht offensichtlich richtet sich aber dieser Western gar nicht an die Zuschauer, die 12 Uhr mittags oder Spiel mir das Lied vom Tod zu ihren Lieblingsfilmen zählen. Das Regiedebüt von Samuels ist ein Style-Over-Substance-Action-Western für die Generation, die die Kingsman-Filme auch klassischen Agentenfilmen vorziehen.

Jonathan Majors als Nat Love. Er sitzt auf einem Pferd, trägt braune Lederjacke samt dunklem Hut und rotem Halstuch.
Nat Love (Jonathan Majors) ist auf Rache aus © Netflix

Viele optische Spielereien

Der Ansatz im Stile eines Matthew Vaughn oder Guy Ritchie das Westerngenre einer Frischzellenkur zu unterziehen, klingt eigentlich nicht uninteressant. Doch leider hat Regisseur Samuels immer wieder über die Stränge geschlagen, vor allem, was den Einsatz an Spielereien mit der Kamera anbelangt. Stilmittel, wie Split Screens, Drohnenaufnahmen und Zooms gilt es wohldosiert einzusetzen, um das Publikum nicht eher damit zu nerven. In The Harder They Fall werden einfach zu viele Experimente auf audiovisueller Ebene eingegangen, sodass der rote Faden bei der Inszenierung kaum noch erkenntlich bleibt. Sogar beim Set-Design und bei den Kostümen versucht man mit Biegen und Brechen den Coolness-Faktor herauf zu drehen. Und auch, wenn die Outfits richtig klasse aussehen und die Saloons extravagant ausstaffiert sind, so wirkt vieles für einen Film, der im Wilden Westen spielen soll, viel zu glattgebügelt und makellos.

Von links nach rechts vor einer weißen Kirche: J.T. Holt, Regina King, Zazie Beetz und LaKeith Stanfield. Sie spielen alle Gesetzlose in The Harder They Fall.
Kurz vor dem Showdown sind alle schon in Habachtstellung © Netflix

Extralanger Showdown macht Spaß und vor allem ordentlich Lärm

Kann man über einige Unzulänglichkeiten im Plot hinwegsehen und nimmt man die Geschichte weniger Ernst, als sie sich selbst teilweise nimmt, so wird man im letzten Drittel doch von einem richtig stark inszenierten Showdown versöhnt. Selbst, wenn auch hier wieder einige Klischees aus der Western-Mottenkiste hervorgezaubert werden, so macht das wilde Geballer wirklich Spaß. Die speziellen Fähigkeiten jeder einzelnen Figur aus dem riesigen Ensemble, die zuvor schon gut etabliert wurden, kommt dann nochmal voll zur Geltung. Außerdem löst das Finale alle Versprechen ein, die im Laufe der gut zwei Stunden gemacht wurden. So werden schier unzählige Gewehrsalven verschossen, Dynamitstangen gezündet und auch einige Messer gewetzt. Die deutlich über 30 Minuten lange Schlusskonfrontation der Banden von Nat Love und Rufus Beck ist der erhoffte Höhepunkt, bei dem im wahrsten Wortsinn keine Gefangenen gemacht werden. Die Augen und Trommelfelle der Zuschauer haben dabei einiges zu verarbeiten. Sicherlich sind auch hier tatsächliche Überraschungen rar gesät und trotzdem schafft es The Harder They Fall sogar auf emotionaler Ebene gegen Ende noch den ein oder anderen Wirkungstreffer zu landen.

Möchtegern-Tarantino, der durch seine Stars gerettet wird

In mehreren Dialogen wird deutlich, dass Regisseur Samuels auch viel zu sehr versucht Quentin Tarantinos Western-Hommagen Django Unchained und The Hateful 8 Konkurrenz zu machen. Doch soviel Substanz ist in diesem Skript definitiv nicht vorhanden. Was jedoch wahrlich an die auserkorenen Vorbilder heranreicht, ist die Qualität vor der Kamera. Bis hin zu kleinen Nebenrollen hat Netflix für dieses Projekt keine Kosten und Mühen gescheut, um einige der gefragtesten PoC-Schauspieler der Gegenwart zusammenzubringen. So glänzen als die großen Gegenspieler und Anführer der Banden auf der einen Seite Jonathan Majors (Da 5 Bloods) und auf der anderen Seite Idris Elba (Hobbs & Shaw). Beide fesseln sowohl durch ihre körperliche Präsenz als auch durch ihre Ausstrahlung allein die Blicke auf den Bildschirm.

Resolute Western-Damen im großen Ensemble

An ihrer Seite haben die beiden Führungsfiguren jeweils eine mindestens genauso stark aufspielende Dame. So überzeugen sowohl Zazie Beetz (Deadpool 2als auch Regina King (Watchmen) als harte, gnadenlose Frauen, die sich sehr gut selbst zu verteidigen wissen, was in mehreren eindrucksvollen Kämpfen auch unterstrichen wird. Und geht man weiter den illustren Cast durch, so fällt zweifelsfrei auf, dass nahezu jeder Charakter in diesem Film interessant genug ist, damit man gerne mehr von ihm sehen möchte. Seien es die Revolver-Akrobaten, die von RJ Cyler und Lakeith Stanfield gespielt werden oder die schlagfertigen Haudegen, als die Delroy Lindo und Edi Gathegi immer wieder zum Scene Stealer avancieren. Vieles an The Harder They Fall wirkt redundant. Und leider traut sich der Regienovize nicht wirklich aus der Deckung, um aus diesem Routine-Western mehr zu machen, als einen kurzweiligen Ausritt, den man beim Absteigen vom Pferd schnell vergessen hat. Fluch und Segen zugleich ist dann noch das Überangebot an Ausnahmedarstellern. Trotz der 137 Minuten Laufzeit bekommen längst nicht alle der vielversprechenden Helden und Antihelden den Raum geboten, den sie verdient hätten. Langeweile kommt durch die Vielfalt im Ensemble hingegen wirklich nicht auf.

RJ Cyler als Jim Beckwourth zwischen zwei nobel gekleideten Damen an der Theke im Saloon. Er hält ein Bündel Geldscheine in der Hand und trägt einen schwarzen Hut.
RJ Cyler spielt einen jungen Revolverhelden © Netflix

Unser Fazit zu The Harder They Fall

Der flotte Netflix-Western The Harder They Fall kann hauptsächlich aufgrund der famos aufspielenden Starbesetzung richtig Spaß machen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man keinen bedeutungsschwangeren Genrevertreter à la Erbarmungslos erwartet, denn dafür ist die Geschichte zu abgedroschen und vorhersehbar. Dieses neue Original beim Streamingdienst ist im guten Sinne ein Vertreter der Kategorie „Hirn aus und Spaß haben“. Denn auch wenn es Regisseur Jeymes Samuel mit dem ein oder anderen optischen Stilmittel etwas übertreibt, so beweist er doch auch in vielen Szenen ein Händchen für mitreißende Inszenierung. The Harder They Fall ist ab dem 2. November 2021 bei Netflix abrufbar! Unsere Wertung:  

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