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Auf dem Bild sieht man Gita, wie sie sich von einer Person verabschieden muss.

The Tattooist of Auschwitz

Nach dem enormen Erfolg von The Zone of Interest in den Arthouse-Kinos veröffentlicht Sky mit der Adaption des Bestsellers The Tattooist of Auschwitz ihre neueste Eigenproduktion. Die Miniserie handelt von einer Liebesgeschichte zweier Gefangener inmitten eines der düstersten Kapitel der Menschheit. Ist es ein aufwühlendes Drama oder tonale Banalität?

The Tattooist of Auschwitz | Offizieller Trailer | Sky

TitelThe Tattooist of Auschwitz
Jahr2024
LandGroßbritannien
RegieTali Shalom-Ezer
DrehbuchGabbie Asher, Jacquelin Perske, Evan Placey
GenreSerien (Historiendrama)
DarstellerHarvey Keitel, Melanie Lynskey, Anna Próchniak, Jonah Hauer-King, Jonas Nay
Länge6 Episoden zwischen 48 und 53 Minuten
Altersempfehlungab 16 Jahren freigegeben
StreamingdienstSky Deutschland
Poster zur Sky Original-Serie The Tattooist of Auschwitz
Poster zur Sky Original-Serie The Tattooist of Auschwitz © Sky UK Limited.

The Tattooist Auschwitz – Die offizielle Handlung

Während des Zweiten Weltkriegs wird der slowakische Jude Lali (Jonah Hauer-King) 1942 von den Nazis nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort muss er den Mitgefangenen bei ihrer Ankunft Identifikationsnummern auf den Arm stechen und lernt dabei die junge Gita (Anna Próchniak) kennen: Es ist Liebe auf den ersten Blick. Unter ständiger Bewachung durch den unberechenbaren SS-Offizier Stefan Baretzki (Jonas Nay) sind Lali und Gita fest entschlossen, sich gegenseitig am Leben zu erhalten. Rund 60 Jahre später trifft Lali (Harvey Keitel) die angehende Schriftstellerin Heather Morris (Melanie Lynskey). Als 80-Jähriger findet er den Mut, der Welt seine Geschichte zu erzählen. Dabei wird er mit den traumatischen Erfahrungen seiner Jugend konfrontiert und durchlebt noch einmal, wie er sich an diesem schrecklichen Ort verliebte.

Die letzte Ära von Zeitzeug:innen

Eines der wichtigsten Ziele bei der medialen Aufarbeitung des Holocaust ist der Erhalt der Berichte von zeitgenössischen Zeug:innen. Inzwischen sind fast alle verstorben, und nur noch wenige Stimmen können in der Öffentlichkeit oder in Schulen auftreten, um ihre Lebensgeschichte und Erlebnisse einer neuen Generation weiterzugeben. Wir nähern uns genau den Umständen, die Filmemacher wie Claude Lanzmann (Shoah) oder Steven Spielberg (Schindlers Liste) über Jahrzehnte dazu veranlasst haben, die Zeugnisse von Überlebenden zu dokumentieren und aufzuzeichnen. Die Überzeugung, dass ihre Geschichten nicht mit ihnen sterben dürfen, war ihr Antrieb. „Niemals vergessen“ ist das große Motto, und wir können zustimmen, wenn wir sagen, dass der Holocaust – trotz der Leugnung mancher Individuen – im kollektiven Gedächtnis erhalten bleibt. Es bleibt nur die Leitfrage: Wie wird die Erinnerung innerhalb der Kunst gestaltet?

Auf dem Bild überreicht Heather Morris Lili ihr Manuskript seiner Lebensgeschichte.
Melanie Lynskey als Heather Morris und Harvey Keitel als Lali © Sky UK Limited.

Die Mediengeschichte des Holocaust: eine Zwickmühle

An Filmen, Serien und Büchern über eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte mangelt es wirklich nicht. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Ereignisse sind vielfältig und nicht frei von Problemen. Es gibt Filme, die fest zum Kanon zählen wie die bereits erwähnten Shoah und Schindlers Liste, aber auch Werke außerhalb der Masse wie Der Pfandleiher aus dem Jahr 1964 oder Das Geschäft in der Hauptstraße (1965) haben frühzeitig an Bedeutung gewonnen. Moderne Werke stellen den Holocaust ebenfalls als zentrales Ereignis innerhalb der Darstellung verschiedener Perspektiven dar.

So reiht sich Der Pianist (2002) von Roman Polanski ein, in dem nicht nur die eigene traumatische Vergangenheit des Regisseurs aufgearbeitet wird, sondern auch die Lebensrealität des Warschauer Ghettos während des Zweiten Weltkrieges so authentisch wie möglich dargestellt wird. Mit Ida (2013) von Paweł Pawlikowski setzt sich eine junge Novizin mit ihrem eigenen jüdischen Erbe auseinander. Auch kontrafaktische und revisionistische Filme wie Inglourious Basterds spielen frei mit Tropen und dem Genre von Kriegs- und Spionagefilmen, indem sie das bisherige Wissen über die Geschichte neu vermischen.

Im aktuellen Jahr 2024 sorgte The Zone of Interest von Jonathan Glazer für Aufsehen. Der Film macht die unmittelbare Umgebung um Auschwitz zum Schauplatz einer eindringlichen Studie über die Banalität des Bösen. Mit diesem Film erlebt die filmgeschichtliche Darstellung einen neuen Höhepunkt, insbesondere mit den Stilmitteln, die Glaser gewählt hat, um seine Beobachtungen und Erinnerungen ins Bild zu setzen. Viele der genannten Filme zählen dabei zu besonderen, kanonischen Werken, die einen wichtigen Platz in der kulturellen Erinnerung einnehmen werden. Ebenso wurden sie vom Publikum und der Kritik sehr gefeiert und mit Preisen überhäuft. Aber solche Werke stellen nicht die Norm dar, denn auch viele Fehlgriffe waren dabei.

Das Problem von Wahrheit und Fiktion

Denn wenn tragische Geschichten mit süßlichem, plumpem und offensichtlichem Filmemachen vermischt werden, kann das zu einer Katastrophe führen. Mit dem Erfolg von Schindlers Liste folgten auch komplexe Darstellungen von Nichtjuden innerhalb des Themenfeldes. Oft besteht das Risiko, eine verdrehte Abbildung der Tatsachen zu repräsentieren, indem Täter als unschuldig oder sympathisch dargestellt werden, was dazu führen könnte, dass der Holocaust medial nicht nur relativiert, sondern auch geleugnet wird. Filme wie Der Vorleser (2008), Der Junge im gestreiften Pyjama (2008) oder auch die Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss (1978) wurden heftig von Jüd:innen und jüdischen Institutionen kritisiert wegen der Fiktionalisierung und Banalisierung des Themas.

Zum aktuellen Thema: Genau solchen Vorwürfen musste sich Heather Morris, Autorin des Buches The Tattooist of Auschwitz, stellen, da aufgrund dramaturgischer Freiheiten in der wahren KZ-Liebesgeschichte von Lali und Gita viele Darstellungen und Informationen nicht der Realität entsprechen. Das Buch wird daher von diversen Institutionen nicht als wichtiges Zeitdokument erachtet, trotz der wahren Begegnung zwischen Morris und Lali.

Die Serie suhlt sich in Kitsch und Gewalt

Und das bringt uns zur Miniserie The Tattooist of Auschwitz. Trotz eines starken Casts mit Harvey Keitel und Melanie Lynskey begeht die Serie die oben angesprochenen Fehler. In Zeiten von The Zone of Interest und der Abwesenheit von Gewalt und Schrecken fühlt es sich wie ein Rückschritt an, wenn das Leid und die Traumata von Lali in einer gewaltsamen Ästhetik bildlich erzeugt werden. In nahezu jeder Folge werden hautnah Juden hingerichtet, die Gewehrkugeln fliegen von links nach rechts, und es fühlt sich häufig mehr nach Selbstzweck an, als den Schrecken wirklich zu dokumentieren. Das Hauptproblem dabei ist, dass dadurch nichts Neues ausgesagt wird, außer die Gräueltaten erneut zu ästhetisieren.

Auch wenig hilfreich ist die angesprochene Liebesgeschichte zwischen Lali und Gita. Die Serie entscheidet sich für eine sehr seichte, kitschige Annäherung an ihre Liebe. Das größte Problem ist, dass die Beziehung immer wieder von Gewaltszenen unterbrochen wird, um wirklich jemals in diese Konstellation eintauchen zu können. Ferner wird dies durch einen horrenden Einsatz der Musik akzentuiert, die das Publikum bis zum Äußersten emotional manipulieren soll. Diese Geschichte hat das gar nicht nötig; das Unaussprechliche reicht aus, es muss nicht simplifiziert werden. Das Publikum weiß, worum es geht; es muss nicht durch solche stilistischen Entscheidungen verbalisiert werden.

Man sieht die Gefangenen des Konzentrationslagers ih ihrem Alltag.
Die Gefangenen des Konzentraionslagers müssen täglich um ihr Leben fürchten. © Sky UK Limited.

Die Geister der Vergangenheit bleiben präsent

Das Spannendste findet in der gegenwärtigen Betrachtung statt. In der Nacherzählung von Lali werden seine und Morris‘ Reaktionen gezeigt und wie sie darüber reden. Das Potenzial einer Studie über den Umgang mit dem Trauma und die Verantwortung einer Autorin im Hinblick auf eine korrekte Darstellung der Geschichte wären originelle Themen für eine Neuerzählung gewesen, aber die Serie entscheidet sich auch hier wieder für übliche Tropen. Lali wird von seinen eigenen Dämonen geplagt und trifft immer wieder auf den Geist von Stefan Baretzki, dessen Abbild immer wieder auf der Rasierklinge tanzt, was die Frage aufwirft, ob seine Figur als Täter verharmlost sein könnte.

Leider bietet die Geschichte wenig neue, klischeefreie und intellektuell anregende Ansätze, um eine wertvolle Lektion über die Geschehnisse zu erzählen. Es mangelt an einer sensiblen und feinfühligen Darstellung. Lalis und Gitas Geschichte ist enorm wichtig und herzergreifend auf dem Papier, und wir sollten uns auf Ewig daran erinnern. Aber es braucht mehr, als nur die Geschichte auf den Bildschirm zu transportieren. Es wirkt so, als hätte man sich nicht über den Subtext erkundigt, wofür am Ende diese Geschichte stehen sollte. Letztendlich entscheidet man sich für alle möglichen Tropen des „Genres“ und alle Klischees, wenn es um verbotene Liebe geht.

Unser Fazit zu The Tattooist of Auschwitz

The Tattooist of Auschwitz ist ein seichtes, vor Klischees triefendes Werk, dessen fehlende Sensibilität für das Thema in vielen Momenten hervorsticht. Nicht nur scheitert die Serie an einer feinfühligen, emotionalen Handlung, die die Zuschauer packen könnte, sondern sie ergötzt sich auch an Kitsch und Gewalt, wodurch der Lehrauftrag einer solchen Produktion klar verfehlt wird. Im selben Halbjahr wie The Zone of Interest zu erscheinen und dabei so veraltet und rückschrittlich zu wirken, fühlt sich wie die größte Errungenschaft der Serie an. Es bleibt zu hoffen, dass die Kunst sich weiterhin erinnert und ihre Werkzeuge dabei klüger einsetzt als es hier der Fall ist.

The Tattooist of Auschwitz läuft ab dem 8. Mai bei Sky und Wow.

Unsere Wertung:

 

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Zuletzt aktualisiert am 29. April 2024 um 19:48 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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