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The Woman Who Ran

Filmliebhabern ist natürlich nicht erst seit Parasite bewusst, wie hochklassig mitunter Filme aus Südkorea sind. Und auch auf der Berlinale 2020 ist wieder ein südkoreanischer Beitrag im Wettbewerb zu sehen. Was man vom neuen Werk The Woman Who Ran des umtriebigen Regisseurs Hong Sang-soo (On the Beach at Night Alone) erwarten kann, lest ihr in diesem Artikel.

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TitelThe Woman Who Ran (OT: Domangchin yeoja)
Jahr2020
LandSüdkorea
RegieHong Sang-soo
DrehbuchHong Sang-soo
GenreDrama, Komödie
DarstellerKim Minhee, Seo Younghwa, Song Seonmi, Kim Saebyuk Lee Eunmi, Kwon Haehyo, Shin Seokho, Ha Seongguk
Länge77 Minuten
FSKtba
Verleihtba
Das Titelbild von The Woman Who Ran
Das Plakat des Films © Jeonwonsa Film Co. Production

Wovon handelt The Woman Who Ran?

Während ihr Ehemann auf einer Geschäftsreise ist, besucht Gamhee (Kim Minhee) im Umland von Seoul einige alte Freunde. Bei diesen Treffen erfährt man viel über die Hauptfigur aus den umfangreichen Dialogen mit ihren Gesprächspartnern. Doch nicht nur das Gesagte, sondern vielmehr auch das, was unausgesprochen bleibt, stellt die Geschichte, die Gamhee erzählt, immer wieder in ein anderes Licht.

Unsere Kritik zu The Woman Who Ran

Der Beitrag im Wettbewerb der Berlinale 2020 aus Südkorea ist ein außergewöhnliches Kinoerlebnis. Denn selten gelingt es mit derart simplen Methoden so pointiert und kurzweilig die Gesellschaft einer fremden Kultur zu porträtieren. The Woman Who Ran setzt sich lediglich aus drei längeren Gesprächssequenzen zusammen.

Ein unerwarteter Besucher in The Woman Who Ran
Der Nachbar kommt, weil er sich beschweren möchte © Jeonwonsa Film Co. Production

The Woman Who Ran – Situationskomik ohne Witze

Sehr viel über den Inhalt des Films lässt sich eigentlich nicht sagen, denn die Dialoge bedürfen überhaupt keiner großen Rahmenhandlung, um ihre Aussagekraft zu entfalten. Oberflächlich geht es in den Gesprächen mal ums Essen, mal um Kunst, mal um die Miete und mal um die Liebe. Aber die Art und Weise, wie die Worte jeweils Widersprüchlichkeiten entblößen oder wie die verschiedenen Charaktere durch ihre Offenherzigkeit kaum ein Fettnäpfchen auslassen, ist sehr wirklichkeitsnah. Die Gespräche könnten auch improvisiert sein, da sie ganz alltäglich anmuten. Dabei ist wirklich faszinierend zu beobachten, dass keine der Personen wirklich auf Witze aus ist, sondern, dass das Publikum allein dadurch ins Lachen kommt, dass man sieht, wie mit bestimmten Themen in der südkoreanischen Kultur umgegangen wird.

Ein Katze sorgt für Applaus im Kinosaal

!!! Achtung Spoileralarm: Wer den Film gänzlich uninformiert sehen will, sollte diesen Abschnitt besser überspringen !!!

Schon im Laufe des ersten Gesprächs klingelt es bei der Besuchten an der Tür und an Nachbar beschwert sich über die Tatsache, dass man streunende Katzen durch die Fütterung anlocken würde. Während erst noch die Freundin der Hausbewohnerin auf skurrile Weise versucht, den lästigen Gast abzuwimmeln, wird die Situation gänzlich zu einem Feuerwerk der Dialogkomik, als noch die beiden anderen Frauen dazu stoßen.

Wie zudem die Szene gefilmt ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Die Kamera verharrt ständig in der selben Ansicht, fast wie die Perspektive einer Überwachungskamera (welche im Film übrigens auch eine Rolle spielen). Doch als der Nörgler endlich frustriert aufgibt und das Weite sucht, zoomt die Kamera auf die Übeltäterin. Die Nahaufnahme der Katze hat nicht nur im Kinosaal der Pressevorführung für lauthalses Lachen gesorgt, sondern wird nahezu von jedem Zuschauer des Films als Highlight erwähnt.

Gamhee trifft auch eine Freundin in einem Büro wieder
Gamhee (rechts) und ihre Freundin, die ein Kino leitet © Jeonwonsa Film Co. Production

Einfachste Kameratricks und Musik vom iPhone

Nicht nur in dieser Szene,  sondern mehrfach während der kurzen Laufzeit, ist es eine simple Zoomfahrt, mit der man eine Situation auflöst oder einen kleinen Aha-Moment einbaut. Der sehr dokumentarische Stil des Regisseurs tut diesem Film sehr gut, da man so noch mehr den Eindruck behält, dass hier Alltagsgespräche ohne Skript einfach abgefilmt wurden und der Witz reines Zufallsprodukt ist oder den Qualitäten der Darsteller zuzuschreiben ist. Deren Leistung ist es hier authentisch zu sein. Man hat bei allen den Eindruck, dass die Dialoge auch spontan entstanden sein könnten und lediglich der Rahmen der Gesprächssituation vorgegeben wurde.

Ein kleiner interessanter Fakt über die Musik im Film, die lediglich sporadisch als Übergang von einem zum anderen Gespräch eingesetzt wird, ist, dass der Regisseur sie selbst und komplett mit einer iPhone-App kreiert hat. Auch das unterstreicht nochmals den Minimalismus des Mitteleinsatzes, der in The Woman Who Ran jedoch absolut treffend und stilprägend ist.

Ist das alles wahr oder eine Lüge?

Ein weiteres Stilmittel, dass man bei Hang Song-soo immer wieder findet, ist der wechselnde Einsatz von Wiederholung und Variation. Während der Gespräche geht es immer wieder um die Tatsache, dass Gamhee zum ersten Mal während ihrer fünfjährigen Beziehung von ihrem Gatten für ein paar Tage getrennt ist. Und auch wenn sich die Frau nicht in Widersprüche verstrickt, so entsteht durch die Wiederholung immer mehr der Eindruck, dass diese Geschichte irgendwie wie auswendig gelernt wirkt. Auch andere Elemente finden sich in mehreren Szenen wieder, zum Beispiel geschnittene Äpfel. Durch die Wiederaufnahme dieser Banalitäten wird der Zuschauer natürlich hellhöriger und beginnt sich zu fragen, ob man der Erzählerin denn tatsächlich glauben darf. Am Ende bleibt diese Frage augenscheinlich unbeantwortet, aber wer eins und eins zusammenzählt und dazu den Titel des Films beachtet, wird doch ziemlich deutlich eine Antwort dafür herauslesen können.

Zwei Frauen sinnieren über ihr Leben, ihre Vergangenheit in The Woman Who Ran
Gamhee und eine alte Bekannte © Jeonwonsa Film Co. Production

Unser Fazit zu The Woman Who Ran

Der neue Film von Hang Song-soo ist ein Kammerspiel in drei Akten. Dabei geht es um das gesprochene Wort und noch mehr um das, was nicht verbal ausgedrückt wird. Wer sich für die südkoreanische Kultur interessiert wird genauso eine Freude an diesem Dialogfest haben, wie Fans minimalistischer Kinounterhaltung.

Dass man sogar die ein oder andere Kritik an unserer zeitgenössischen Lebensweise zwischen den Zeilen entdecken kann, macht The Woman Who Ran nochmals relevanter. Auch die Schauspieler tragen dazu bei, dass man während der 77 Minuten wirklich gut unterhalten und über das Gesagte länger nachdenken wird. Das interpretationsbedürftige Ende rundet diesen weiteren sehenswerten Film aus Südkorea ab.

Wer also nach Parasite sofort den nächsten guten Film aus dem fernöstlichen Land sehen will, kann ohne Zögern dieses Werk wählen.

The Woman Who Ran läuft im Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2020. Ein Kinostart ist noch nicht bekannt.

Unsere Wertung:

 

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© Jeonwonsa Film Co. Production

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