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Der französische Anwalt verteidigt stellt sich vor der Anhörung den Journalisten in Tokio!

Tokio!

Drei Regisseure, drei unterschiedliche Visionen, eine Stadt. Im Anthologie-Film Tokio! kollaborieren Michel Gondry, Leos Carax und Bong Joon-ho und zollen der Megametropole mit jeweils einem Kurzfilm audiovisuelle Anerkennung. Ob uns die bunte Mischung schmeckt oder viele Köche den Brei verderben, das könnt ihr hier lesen!

TitelTokio!
Jahr2008
LandJapan, Frankreich, Südkorea
RegieMichel Gondry, Leos Carax, Bong Joon-ho
DrehbuchMichel Gondry, Leos Carax, Bong Joon-ho, Gabrielle Bell
GenreKomödie, Fantasy, Romanze, Drama
DarstellerAyako Fujitani, Ryo Kase, Ayumi Ito, Nao Ohmori, Denis Lavant, Jean-Francois Balmer, Renji Ishibashi, Julie Dreyfus, Yu Aoi, Teruyuki Kagawa, Naoto Takenaka
Länge112 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihKoch Films
Das Cover der Blu-Ray von Tokio! zeigt den Titel sowie die drei Regisseursnamen in großen, neonfarbenen Lettern.
Cover der Blu-Ray von Tokio! © Koch Films

Die Handlung von Tokio!

Begrüßt wird der Zuschauer mit einer Flugzeugdurchsage, die eine Reise zum Narita Airport in Tokio ankündigt, woraufhin sogleich der toll gezeichnete Opening Credit-Screen folgt. In diesem erhalten wir einen ästhetisch ansprechenden Einblick in das Dickicht aus Wolkenkratzern und Neonlichtern, das so bezeichnend für die japanische Metropole ist. Kurz danach folgt der erste Filmbeitrag Interior Design, inszeniert von Michel Gondry. Darin widmet sich der Regisseur, der unter anderem mit seinem Werk Vergiss mein nicht für Furore sorgte, dem Pärchen Hiroko (Ayako Fujitani) und Akira (Ryo Kase). Diese müssen sich dem hart umkämpften Immobilienmarkt der asiatischen Großstadt stellen, in dem Platzmangel und Wohnungsnot an der Tagesordnung stehen. Doch auch zwischenmenschlich entwickeln sich einige neue Herausforderungen und insbesondere Hiroko droht sich langsam im Betonmeer zu verlieren…

Leos Carax Merde beginnt hingegen auffallend bizarr, denn dort klettert anfangs ein Mann im grünen Satinanzug (Denis Lavant) aus einem Gullideckel heraus und findet sich auf einer belebten Einkaufsstraße in Tokio wieder. Das klingt gar nicht so seltsam? Nun, vielleicht ist Mann auch zu viel gesagt. Das verdreckte menschliche Wesen mit roten Haaren, einem langgezwirbelten Spitzbart, einem blinden Auge und Krallen an Fingern und Füßen bewegt sich immer schneller werdend fort. Auf großen Schritten, mit einer äußert skurrilen Gangart, stiehlt es von den achtlosen Passanten alles, was es zu fassen bekommt. Zum Beispiel Zigaretten, einen Krückstock und Blumen, die es sogleich verspeist, bevor es kommentarlos wieder in einem Gullideckel verschwindet. Fortan zeigt sich eine ganze Stadt in helle Aufregung versetzt, auf der Suche nach dem mysteriösen Kanal-Phantom.

Abschließend gibt sich auch Bong Joon-ho, der letztes Jahr für seinen Film Parasite vier Oscars, unter anderem für den besten Film abräumte, die Ehre. Hier erzählt der südkoreanische Regisseur in Tokio bebt die Geschichte eines sozial isolierten Mannes (Teruyuki Kagawa), der sich nach einem Erdbeben in seine Pizzalieferantin (Yu Aoi) verliebt und kurzerhand zum ersten Mal seit zehn Jahren seine Wohnung verlässt, um nach ihr zu suchen.

Hiroko (Ayako Fujitani) und Akira (Ryo Kase) halten sich bei einem Spaziergang durch Tokio gegenseitig im Arm und lächeln sich an.
Hiroko (Ayako Fujitani) und Akira (Ryo Kase) machen einen Spaziergang durch Tokio © Koch Films – Tokio!

Transformation

Der junge Filmemacher Akira zieht mit seiner Freundin Hiroko nach Tokio, um dort seinen Debütfilm zu präsentieren. Solange bis die beiden eine neue Bleibe gefunden haben, kommen sie in der kleinen Wohnung einer Studienfreundin (Ayumi Ito) unter. Überdies jobbt Akira nebenbei als Verpacker in einem Kaufhaus, um sich bis zu seinem Durchbruch etwas dazu zu verdienen. Diese Umstände stellen die eigentlich glückliche Beziehung der beiden auf eine harte Probe, denn Hiroko beginnt, nach und nach an sich zu zweifeln. Ihr wird Ambitionslosigkeit vorgeworfen, sie findet keinen Job und dann wird auch noch das Auto der beiden mitsamt dem Projektionsequipment für Akiras Debütfilm abgeschleppt.

Während Akiras Film mit mäßigem Erfolg dann doch in die Kinos kommt, wird Hiroko über die Schwierigkeiten, die in Beziehungen mit kreativen Typen vorkommen, aufgeklärt: oft würde sich eine Hälfte des Paares überflüssig oder nicht gewürdigt fühlen. Diese Gefühle kann Hiroko nur allzu gut nachempfinden und so flaniert sie gedankenverloren durch die fremde Stadt Tokio. Nachdem sie am nächsten Morgen ein Loch in ihrer Brust bemerkt, das größer und größer wird und sie zu verändern beginnt, wird sie letztendlich von niemandem mehr als Mensch wahrgenommen.

Art und Weise sowie Resultat dieser Transformation sind sehr sehenswert und sollen hier nicht vorweggenommen werden. Auch die beiden Hauptdarsteller Ayako Fujitani und Ryo Kase überzeugen in ihren Rollen und Michel Gondry haucht der eigentlich zumindest anfangs banalen Prämisse mit seinem ganz eigenen Charme viel Tragikomik ein. Wenn eine Kamerafahrt aus der Vogelperspektive vier Menschen zeigt, die zusammen in einer Einzimmerwohnung übernachten und dem eine Detailaufnahme eines Ameisenbaus folgt, der sich in einer besichtigten Wohnung befindet, kommt man nicht umhin zu schmunzeln. Interior Design zeigt sich zwar satirisch überspitzt, aber mit viel Empathie für die Innenwelt seiner Protagonistin Hiroko. Besonders in den stillen Momenten präsentiert uns Gondry viel Absurdität und tolle Allegorien auf die Einsamkeit, die man trotz so vieler Menschen um sich herum empfinden kann. Insgesamt ist der erste Beitrag bereits das Highlight von Tokio! und eine wunderbare halbe Stunde Film, die jedem Interessierten ans Herz zu legen sind.

Mehrere Japaner im Schneidersitz kleiden sich wie das Kanal-Phantom (Denis Lavant) aus Tokio! Von dem hängt im Hintergrund ein Bild, das ihn fast wie einen Heiligen erscheinen lässt.
Das seltsame Kanal-Phantom (Denis Lavant) hat nicht nur Feinde © Koch Films – Tokio!

Anarchie

Im Gegensatz zu Leos Carax’ Merde, der mit seiner grundsätzlich vielversprechenden Geschichte um den Mann aus dem Kanal leider nicht so wirklich viel anfangen zu weiß. Denn der begnügt sich nicht nur mit dem Verzehr diverser Botanik, übrigens untermalt mit dem Godzilla-Theme, sondern eskaliert später noch mit Waffengewalt. Mit dieser Szene, in der eines der Opfer deutlich sichtbar noch atmet, gleitet das zweite Segment leider irgendwann in sehr unangenehmes Terrain ab. Wenig später wird die seltsame Erscheinung nämlich in seinem natürlichen Terrain – der Kanalisation – gefasst und verhaftet.

Da der Mann lediglich mithilfe einer Fantasiesprache, die den Einsatz extrem auffälliger Gestik inkludiert, kommunizieren kann, wird nach einem Mediator gesucht. Und siehe da: ein Anwalt aus Frankreich, von der Erscheinung her fast identisch zum Kanal-Mann, der sich selbst Merde (zu deutsch: Scheiße) nennt, ist einer der wenigen Menschen auf der Erde mit besagten Sprachkenntnissen. Spätestens ab diesem Punkt terrorisiert Merde nicht nur die Bewohner Tokios, sondern auch die Zuschauer. Denn in minutenlangen Sequenzen kommunizieren der Anwalt (Jean-Francois Balmer) und Merde, indem sie sich gegen Stirn und Ohren klopfen und wirres Zeug vor sich hin brabbeln. Auch die Gerichtsverhandlung, bei der über das Schicksal des Kanal-Phantoms entschieden wird, ist in diesem Stil inszeniert. Merde!

Im Gegensatz dazu gefällt die Inszenierung des Prozesses mittels eines geschickt eingebauten Splitscreens, der zeitgleich die Aussagen und Reaktionen von Anklage, Verteidigung, des Richters sowie des Publikums visualisiert. In jedem einzelnen gibt es viele Details zu entdecken und insbesondere die verdutzten Reaktionen der Opfer auf die rätselhaften Motive und anstößigen Aussagen von Merde faszinieren. Auch die Darstellungen verschiedener, sich daraufhin entstehender, Unterstützungs- sowie Protest-Bewegungen in Bezug auf den “Gaijin” gelingt im Hinblick auf die geringe Zeit überraschend gut. Nichtsdestotrotz ist Carax’ Filmbeitrag klar der schwächste der Reihe. Insbesondere durch seinen Zynismus und die Platzierung im Mittelteil wirkt der Part im Gesamtkontext seltsam deplatziert. Anarchisch, provokativ – gewiss. Aber leider tonal oft daneben und mit ebenso wenig Fingerspitzengefühl.

Die Pizzalieferantin (Yu Aoi), in die sich unser namensloser Protagonist aus der letzten Episode von Tokio! verliebt, sitzt in ihrem offenen Lieferwagen und guckt in die Kamera.
Die Pizzalieferantin (Yu Aoi), in die sich unser namensloser Protagonist verliebt © Koch Films

Wiedergeburt

Ein Hikikomori, das ist ein Mensch, der in völliger Zurückgezogenheit lebt. Unser namenloser Protagonist (Teruyuki Kagawa) hat seit einer Dekade seine Wohnung nicht verlassen. Fein säuberlich stapeln sich Klopapierrollen, Bücher und Konserven in seiner perfekt sortierten Wohnung. Nur mit den Boten, die ihm seine Sachen bringen, hat er Kontakt, wenngleich er niemals kommuniziert und Blickkontakt vermeidet. Doch an einem Samstag, dem üblichen Pizza-Tag des Mannes, fängt während der Lieferung die Erde an zu beben. Infolgedessen fällt die Lieferantin (Yu Aoi) in Ohnmacht und der Hikikomori verliebt sich in die junge Lieferantin, die nach ihrem Erwachen Gefallen an der Lebensweise des Protagonisten findet. Die Problematik scheint klar: wie sollen zwei Seelenverwandte zu sich finden, wenn sich beide in ihrer Wohnung einsperren? Also macht sich unser Held auf eine tollkühne Reise jenseits seiner Türschwelle, bis just in dem Moment, an dem die beiden sich erneut begegnen, die Erde wieder bebt…

Bong Joon-ho inszeniert den Kurzfilm, elf Jahre vor Parasite gewohnt stilsicher. Denn pointierte Schnitte gehen Hand in Hand mit tollen Close-Ups und einer wunderbaren musikalischen Untermalung. Überdies trägt die anfängliche Überbelichtung, die in den Sequenzen außerhalb der Wohnung angewandt wird, dazu bei, das Unwohlsein des Hikikomoris zu visualisieren. Vom Hauptdarsteller Teruyuki Kagawa hätte man sich hier und da allerdings ein etwas subtileres Schauspiel gewünscht. Zudem wird dieses durch viele Reaction-Shots unglücklicherweise noch deutlicher zur Geltung gebracht. Im Kontrast dazu macht Yu Aoi ihre Sache solide, wenngleich man erwähnen muss, das ihre Rolle nicht allzu viel darstellerische Substanz erfordert.

Solide, das ist auch der Gesamteindruck den Tokio bebt macht und das ist in diesem Falle absolut positiv zu erwähnen. Zwar unbedarft und ohne große Höhepunkte, aber effektiv und fesselnd erzählt. Insbesondere in Zeiten einer weltweiten Pandemie des Weiteren auch erschreckend nahe an der aktuell erforderlichen Lebensrealität.
Gekonnt verleiht das letzte Segment dem Gesamtwerk noch eine abschließende Leichtigkeit und eine persönliche Note, bevor wir den Rückflug vom Flughafen Narita antreten.

Unser Fazit zu Tokio!

Es ist ein schmerzhaftes, aber reales Phänomen, dass die tatsächliche Interaktion von Angesicht zu Angesicht zwischen Menschen in einer Megastadt wie Tokio so schwierig und unmöglich erscheinen kann. Tausende Gesichter jeden Tag, die man Sekunden darauf vergisst und womöglich nie wieder sehen wird. Tausende herumwuselnde Wesen, die den großen Ameisenbau der Metropole aufrecht erhalten. Die Furcht vor sozialer Interaktion und Kommunikation ist ein Motiv, dem sich alle drei in Tokio! gezeigten Kurzfilme mit ganz unterschiedlichen Ansätzen widmen und das man so wohl auf viele Großstädte übertragen könnte. Insofern lässt sich der Anthologie-Film durchaus auch Menschen ans Herz legen, die mit Japan nicht ganz so viel anfangen können.

Schlussendlich fasziniert die Vielseitigkeit und der Ideenreichtum, mit dem alle drei Segmente aufwarten können. Mal mehr, mal weniger gut gelungen, ist die Anthologie ein buntes Potpourri mit innovativen Ansätzen und massig Mut. Trotz dessen, dass der zweite Film leider nicht ganz überzeugt, mag man das dem Gesamtwerk, ob der Absurdität und der Skurrilität vieler kleiner Momente gerne verzeihen. Insgesamt bietet Tokio! einen kunstvoll abstrahierten, aber dennoch intimen und persönlichen Einblick in das Wesen der japanischen Metropole, fernab von Anime-Mädchen und Kirschblüten.

Tokio! ist ab dem 11.03.2021 auf DVD und Blu-Ray verfügbar.

Unsere Wertung:

 

 

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